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Hören Sie erst einmal die Personalexperten an, bevor Sie Ihre Bewerbung abschicken. Personaler erwarten von einer Bewerbung, dass sie vollständig ist. Doch je selbständiger man Jahr um Jahr an seinem Profil baut, desto mehr Belege des eigenen Sachverstands konkurrieren um einen Platz in der Mappe. Im Bemühen um Bonuspunkte werden Bewerber zu Blattmachern. Ein Klient aus Frankfurt, knappe Dreißig und schon Senior Project Consultant, zippte für mich seine Nachweise zu zwei Belegen mit 4,4 respektive 7,4 Megabyte zusammen. Ich antwortete: Mein Arbeitsprinzip, unbesehen jeden Klienten zu akzeptieren, erhält mit Ihnen einen empfindlichen Dämpfer. Haben Sie sich mit Ihren 87 Anlagen schon einmal irgendwo beworben? Sie sind zweifellos ein echter Crack und Ihren Mitbewerbern um entscheidende Intelligenzpunkte voraus. Aber Personalern einen siebenseitigen Lebenslauf und mir knapp 90 Anlagen zu präsentieren, dazu gehört schon eine Portion Mut. Gerade die ehrgeizigen unter den Bewerbern verfallen einer Beleg-Manie. Ob Schüler, Absolventen, Berufstätige - alle Welt sammelt Bestätigungen. Von bezahlten oder ehrenamtlichen Einsätzen. Von Tagesseminaren und Abendschulen. Von schlichtweg allem, was für einen spricht. Die BILD hätte mehr Käufer, wenn sie am Jahresende ihren Bildbetrachtern einen Beleg spendieren würde: Nachweis über Teilnahme an der aktiven Leseförderung. Sowieso ist man von Staats wegen angehalten, jeden Umzug, jeden Gewinn, jede Anschaffung oder Abschreibung und bald jeden existentiellen Hüpfer getreu zu dokumentieren. Angespornt werden Sie, liebe Leser, auch noch von den Förderern des schlechten Gewissens - von mir zum Beispiel. Ich empfehle bereits der Taschengeld optimierenden Jugend, sich für das zuverlässige Einsammeln von Einkaufswagen ein schriftliches Lob seitens der Marktleitung zu erbitten. Als Bewerber sind wir der Wahrheit verpflichtet und sofern etwas verbrieft ist, wirkt es auch gleich um so viel wahrer. Und natürlich wollen wir den Arbeitsanbietern auch effizient zuarbeiten. Auf der anderen Seite erwarten die Damen und Herren von der Personalauswahl verlässliche schriftliche Nachweise, um ihre Selektions- und Entscheidungsprozesse zu objektivieren und das zügige Bearbeiten zu gewährleisten. Eine komplette Mappe ist Pflicht für jede Antwort auf ein Stellenangebot und sie wird zumindest für Absolventen auch bei Initiativbewerbungen eingefordert. So erklärt die Münchner Niederlassungsleiterin Sylvia Raster: Jede Bewerbung sollte als Brautbouquet, das heißt als vollständige Mappe beziehungsweise Mail-Bewerbung bei uns ankommen. Robert Harst, Leiter Human Resources bei der DMC GmbH in München: Für Einstiegs- bzw. Trainee-Stellen ist die komplette Bewerbungsmappe Pflicht. Personaler hängen bewusst auch die Latte höher als vielleicht notwendig, nach dem Schema: Eine gewisse Investition an Zeit und Sorgfalt muss schon sein. Als Specialist Recruiting urteilt Sandra Klock: Eine komplette, sorgfältig zusammengestellte Bewerbungsmappe signalisiert eindeutig Interesse an der ausgeschriebenen Position. Auch Erika Balbach, Consultant bei der Vesterling Consulting GmbH weist darauf hin, dass anderenfalls leicht der Eindruck entstehen kann, der Bewerber meine es nicht ernsthaft. Jens Wöhler von der Eurojobs GmbH genügt als erster Akt einer Online-Bewerbung der ausführliche Lebenslauf. Bei Interesse verlangt er dann die kompletten Unterlagen, die man auf Papier oder im Word- bzw. PDF-Format einreichen kann. Torsten Hartmann von der Tele Security Vertriebs-KG rät Initiativbewerbern, zumindest explizit das Nachreichen der kompletten Mappe anzubieten. Je stärker der Kandidat, desto schlanker die Bewerbung Auf der Leitungsebene, wo Leistungsanbieter und Jobanbieter gleichermaßen ich-stark und selbstbewusst verhandeln, sind Zeugniskopien oft kein Thema. Erfolg tritt schlank auf: Ein Lebenslauf und zwei, drei erstklassige Referenzen reichen aus. Man trägt fast immer einen akademischen Titel, legt eine zwei- oder englischsprachige Visitenkarte vor und damit basta. Noch besser als jede formvollendete Bewerbung untermauert die offensichtliche Zugehörigkeit zu einer Szene den Bewerberanspruch. Verfolgt man als Außenstehender den Talk von Top-Managern, von Musikern in deutschen A-Orchestern oder von Erst-Liga-Spielern, schnappt man stets mehr Namen auf, als man sich merken kann. Die beiläufige Nennung von Playern wirkt seit jeher im Jobinterview wahre Wunder. Ziemlich traurig, dass Zeitgenossen, die niemanden kennen, gesprächsweise nur Leute aus dem Fernsehen nennen. Jobanbieter investieren einiges an Recherchekosten, um sich über sehr qualifizierte Bewerber zu informieren. Der Geschäftsleiter oder Personalexperte hört sich diskret in der Branche um und lässt recherchieren, was es über den Hochglanz-Bewerber noch an Feingedrucktem zu erfahren gibt. Je repräsentativer ein Bewerber, desto eher stellt ein vom Jobanbieter beauftragter Mittler oder der Jobanbieter selbst ein Dossier zusammen. Ja und nun? Soll ein kleiner Fisch, der im Hauptstrom schwimmt, es den großen Fischen gleich tun? Mein Tipp: Konzentrieren Sie sich auch als durchschnittlicher Jobsuchender eher auf den Aufbau eines selbstbewussten textlichen Auftritts als auf das Aufplustern und Aufmotzen der Mappe. Stellenanbieter sind es nicht gewohnt, dass sich die Mittelklasse der Leistungsanbieter offensiv und stark präsentiert. Sie sind bloß darauf geeicht, Bewerbungsunterlagen auf Spuren von Intelligenz zu untersuchen. Da die Besten im Land nicht nur dafür da sind, dass man sie spitzenmäßig besteuert, sondern auch dafür, dass man von ihnen abschaut, was sie eigentlich an die Spitze gebracht hat, empfehle ich, es der beruflichen Elite nachzutun: Angeln Sie sich mächtige Fürsprecher. Bauen Sie an Ihrer Reputation. Halten Sie sich im Gewühl auf und nicht am Rand. Hinterlassen Sie leicht recherchierbare Spuren (Foren, Fachzeitschriften, Firmen-News, Webauftritte ...) In der selben Zeit, in der Jobsuchende Luxus-Mappen shoppen, an Deckblättern basteln oder gar ihr Zeugnis sträflicherweise in Photoshop nachbearbeiten, könnten sie weit besser ihre Argumentation textlich verdichten, Ihre Arbeitsleistung aktiv vertreiben oder eben daran arbeiten, sich einen Namen aufzubauen. Nebenbei noch eine Warnung: Ein aktueller beruflicher Erfolg befördert noch am ehesten jeden weiteren Erfolg. Manche Aufsteiger klettern aber zu schnell und ohne Absicherung nach oben. Lebenslauf und Mappe bringen es an dann den Tag. Häufige Personaler-Reaktion: Mappe zu. Enteilen Sie in Deutschland nicht Ihren Qualifikationen. Wenn Sie in einem Unternehmen mehr und mehr in verantwortliche Aufgaben hineinwachsen, dann sichern Sie Ihren Aufstieg möglichst durch berufsbegleitende Lernerfolge ab. In ein neues Berufsfeld hinein zu finden, Verantwortung zu übernehmen und zugleich die formalen Qualifikationen nachzuholen, das benötigt fast übermenschliche Anstrengung. Sie schaffen es sonst jedoch nicht aus dem Betrieb, in dem Sie es zu etwas gebracht haben, hinüber in die nächste Firma zu wechseln, in der Sie es noch weiter bringen wollen. Gestandene IT-Experten, diese Selbstlerner und Selbstzünder auf dem Boom-Markt der Neunziger, haben erfahren, dass auf einem flauen Markt ihr schöner Jobtitel ohne entsprechende Hochschul-Ausbildung nicht mehr viel bedeutet hat. Halten wir fest: Vollständig ist eine Mappe, wenn sie einen Anspruch auf einen Job zweifelsfrei abdeckt. Während nun Absolvent T. K. in der S-Bahn sitzt und in seine Weddinger Klause zurückkehrt, fragt er sich, ob er jetzt sein Berufsleben lang brav Nachweise erwerben, sie vielfach kopieren, in Mappen einordnen und damit die Personalwelt beglücken wird. Vermutlich schon. Berufliches Weiterkommen gründet auf nachweisbare Leistung am richtigen Ort und unter den richtigen Leuten. Echte Karriere bedeutet berufliches Weiterkommen plus soziale Aufnahme in die Spitzengruppe. Solange man im öffentlichen Transportmittel steckt, anstatt zum Senator Lounge Lizard. zu werden, solange ist es tatsächlich die beste Strategie, sich auf die anspruchsvolle Ausbildung und auf den fordernden Arbeitgeber einzulassen, Anerkennung durch Leistung zu erwerben und sich auf seinem Weg möglichst viele Freunde, genau so viele Bewunderer und zumindest einige Unterstützer zu schaffen. Komplettieren Sie selbst! Manche brauchen erst einmal keine - zum Beispiel, weil sie ein unverlangtes Angebot abgeben. Mappen sollen vollständig sein, mithin keine zeitlichen Lücken offenlassen. Doch rächt sich nicht der Mut zur Lücke? Und was, wenn man nicht alles komplett nachweisen vermag? Ich denke, Personaler insistieren insbesondere auf einer Mappenbeilage, weil sie meist nur dort die relevanten Fakten finden, auf die es ihnen ankommt. Die Verifizierung der Angaben ist da nur ein Mitnahmeeffekt. Ein großer Teil der von Bewerbern abgelieferten, konventionellen Darbietung ist, wie ich nicht müde werde zu betonen, nichts anderes als weißes Rauschen auf der Hesse-Schrader-Frequenz. Es hat dieselbe Informationsdichte wie die luftgefüllten Plastikschläuche in den Paketen der Buchversender. In ihrem unbeholfenen und schlecht beratenen Übereifer arrangieren einige Bewerber zu ihrem ziemlich inhaltsfreien Anschreiben und zum ohne besondere Wirkungsabsicht erstellten Lebenslauf noch einen ganzen Strauß an vergilbten Dokumenten der individuellen Sozialgeschichte. Wenn ein Personaler Freizeit-Rapper wäre und der Frage nachginge, ob denn Mappen sexy sind, dann würde sein Song so starten: Außen hui. Viel zu dick. Und bei keiner macht es Klick. Fazit: Sofern Sie Bewerben als geschäftliches Präsentieren und nicht als gehorsamste Aktenzulieferung verstehen, werden Sie den Anspruch auf vollständige Unterlagen aufgeben und nur die notwendige Menge an aussagefähigen und verwertbaren Unterlagen aussenden. Was man entfernen kann, ohne dass ein Briefing darunter leidet: Das sind nach den ersten Jahren Schufterei auf Maggie's Farm zum Beispiel die ausbildungsbegleitenden Praktika. Das sind die Schulzeugnisse oder Praktikumsnachweise von berufserfahrenen Akademikern oder von Personen, die nach der betrieblichen Ausbildung mehrjährige Praxis erworben haben. Das sind Belege für die Windows 98-Einführung oder für den Blitzkurs Italienisch, SOLE e.V. Ravensburg, Juni 1999. Zeugnisse belegen im besten Fall, dass etwas so ist, wie der Bewerber sagt. Der Beweis für die Jobtauglichkeit ist aber nicht das ellenlange PDF-Dokument oder das 20 Seiten-Häufchen an Kopien. Die Beweisführung erledigen Sie mit Anschreiben und Lebenslauf. Erinnern Sie sich: Wer sich selber stark vorstellt, schlägt den, der nur Seiten zusammenstellt. Fragen Sie sich vor der Aufnahme eines Dokuments in Ihre Mappe: Belegt das Zeugnis in dieser Lebensphase, gegenüber diesem besonderen Jobanbieter: eine für meinen Bildungsgrad signifikante Ausbildung eine Schlüsselqualifikation eine berufliche Station der letzten zehn Jahre eine Bildungsanstrengung, die mir heute noch von beruflichem Nutzen ist ein Engagement oder eine Mitgliedschaft, die für mich sprechen? Dann gehört es auch in die Anlagen. Ein Jobanbieter ist nicht Gott. Und auch Gott verlangt nicht, dass Sie vor Eintritt in die Himmelsfabrik Ihre irdische Existenz lückenlos nachweisen. Zeugnisse und Nachweise b e l e g e n also Ihren Anspruch. Was Sie in Ihren Unterlagen an wichtigen Pro-Argumenten finden, das überführen Sie unbedingt in Anschreiben und Lebenslauf. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass man alles Weitere und Wichtige schon Ihren Beilagen entnehmen wird. Und das sind die Blätter, die vielleicht den Job bedeuten: - Ein aktuelles Zwischenzeugnis, sofern Sie es sich besorgen können, ohne Verdacht zu erregen. Beschaffen Sie es sich aber sofort, wenn Ihnen betriebsbedingt gekündigt wurde und Sie noch vier Wochen oder länger im Vertragsverhältnis stehen. - Ihre Arbeitszeugnisse. Lassen Sie Ihre beruflichen Anfänge vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren einfach undokumentiert, sofern die Einzelheiten nicht mehr dazu beitragen, Ihre aktuelle Kompetenz zu erhellen. - Alle akademischen Abschlüsse. - Meisterbrief, Gesellenbrief oder Zeugnis einer betrieblichen Ausbildung. - Berufliche Weiterbildungen der letzten Jahre. Kriterium: Wenden Sie das in den Kursen Gelernte heute noch an. - Nachweise Ihres aktiven Engagements in Non-Profit-Organisationen. - Für Menschen im Umbruch: Ein aktuelles Referenzschreiben. Vom Professor, Ausbilder, Vereinsvorsitzenden, Praktikumsanbieter, zufriedenen Kunden - Wenn sonst nichts für Sie spricht: Abschlusszeugnis der letzten allgemeinbildenden Schule. Von frischgebackenen Absolventen erwartet man auch noch das Abi-Zeugnis. Geschieht ihnen recht. Bis man mir das Gegenteil beweist, behaupte ich, dass sich jeder Bewerber, unabhängig von Alter, Qualifikation und Rang, mit einem Anschreiben bis 2000 Anschlägen, mit einem maximal dreiseitigen Lebenslauf und mit einem Zehnerpack an Belegen absolut zielgenau, gegenüber dem Personalermisstrauen abgesichert und absolut überzeugend sein Profil aufbauen und sich auf einen definierten Job hin zu positionieren vermag. Wieso ich das behaupte? Es ist schließlich mein Job, Anschreiben zu verdichten, Lebensläufe mit Bedeutung aufzufüllen, die optimalen Anlagen zu bestimmen und aus Jobsuchern Jobfinder zu machen. Der Trick, falls es einen gibt, bei der schriftlichen Bewerbung: Man schreibt so, dass man eine Gestalt bekommt. Man macht sich damit sichtbar, wahrnehmbar und unterscheidbar. Bewerbern rät man allenthalben, sie sollten sich positiv abheben. Ich rate, sie sollten erst einmal den Mut haben, überhaupt aus dem Schatten zu treten. Ostrach, 13.03.2005 - Gerhard Winkler Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com Seitenanfang |
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| Job-Interview: Übersicht Bewerbungshelfer: Übersicht |
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| Der Trick, falls es einen gibt, bei der schriftlichen Bewerbung: Man schreibt so, dass man eine Gestalt bekommt. Man macht sich damit sichtbar, wahrnehmbar und unterscheidbar. Bewerbern rät man allenthalben, sie sollten sich positiv abheben. Ich rate, sie sollten erst einmal den Mut haben, überhaupt aus dem Schatten zu treten. |
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