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So ziemlich das einzige, was Bewerbern noch heilig ist, ist die Schrift. Das verwundert schon, denn von den tausend Features eines Textprogramms kapiert man das Zeichensatzmenü doch gleich. Schnell verpasst man damit seinem Text neue Kleider. Klar gibt es Leute, die ihren Ralph Lauren unter keinen Umständen mehr wechseln. Doch selbst die müssten versucht sein, ein paar altersweise Zeilen spontan zu markieren, die gute alte Times in Tahoma zu ändern und zu schauen, wie der neue Look einem steht. Bewerbungen aus dem PC erreichen mich Jahr für Jahr unverändert in Times. Manchmal in Arial. Ganz selten in Garamond. Und zwei, drei nette Anschreiben trugen sogar Trebuchet. Dem Anschein nach schalten PC-Nutzer nur dann auf eine andere Schrift, um damit Todesanzeigen zu gestalten (mit Comic) oder um zur Office-Party einzuladen (mit Dom Casual) oder um ein Billyregal am Schwarzen Brett zu verhökern (mit Hattenschweiler Fett). Sobald es aber offiziell wird im Schriftverkehr von Privatpersonen, Firmen, Behörden und Organisationen, dann gilt offenbar stets: Tipp mit der Times. Times ist universell, unauffällig und unaufdringlich. Man kann sein Dokument zwar übergestalten: Textblöcke zum Beispiel grau oder farbig unterlegen. Wörter mit zwei Attributen gleichzeitig markieren, DIESEN HORROR produzieren oder auch das noch. (Egal wie man es macht, sobald man zwei Stile miteinander kombiniert, macht man es falsch.) Wer mit allem spielt, was er findet, der wird auch Outline, Shaded, Emboss oder Engrave ausprobieren. Freuen Sie sich über die Resultate wie ein Kind, aber lassen Sie das nur stehen, wenn Sie wirklich eines sind. Unterlässt man typographische Todsünden und zeichnet man seine Texte dezent aus, dann läuft einem garantiert kein Times-Leser nur wegen des Schriftbilds davon. Etwas nicht falsch machen, heißt aber noch lange nicht, etwas gut machen. Wie korrespondieren Firmen? Große Organisationen schwören ihre Mitarbeiter auf ein unverwechselbares, verbindliches und gleichbleibendes Auftreten ein. Zum einheitlichen Unternehmensbild tragen Firmenlogo oder Briefpapier bei. Damit nicht genug: Den Mitarbeitern werden Schreib-, Stil- und Gestaltungsregeln für alle Arten von schriftlicher Kommunikation vorgeschrieben. Ein derartiges Handbuch deckt auch und gerade die zu verwendenden Zeichensätze ab. Manche Unternehmen lassen eine eigene Hausschrift entwickeln. Das Besondere von Apple hebt zum Beispiel eine eigene Garamond hervor. Dem mit dem Entwurf beauftragten Typographen geht es um den Nutzen einer Schrift, so wie es dem Architekten, der einen Firmensitz entwerfen soll, um den Gebrauch von Raum geht. Das Berliner Sony-Gebäude hat eine unverwechselbare, einzigartige Gestalt und ebenso Die Tageszeitung. (Mein Tipp: Lesen Sie mehr über Corporate Typography auf der Web Site von www.fontshop.de und überlegen Sie, ob das nicht auch auf Ihre eigene kleine Ich-Start-Up passt.) Als selbstbewusster Bewerber haben Sie in der Tat etwas gemeinsam mit Firmen, die ihre Corporate Identity bewusst pflegen: Sie wollen kontrollieren, wie Sie nach außen hin wirken, und Sie wollen steuern, wie man Sie wahrnimmt. Wertigkeit, Relevanz und Unterscheidbarkeit: Um ihr USP (unverwechselbares Stärke-Profil) zu verdeutlichen, stapeln Jobsucher Papier, legen noch ein Deckblatt auf, investieren heftig in schnieke Mappen und pumpen ihre Bewerbungsfotos auf Babybildformat. Vielleicht werden Sie erstaunt sein, wenn ich Ihnen erkläre, dass Bewerber mit Informationsabbau und Seitenstreichen, mit einem anständigen Zeichensatz und einem diskretem Design die Personaler weit mehr beglücken als mit in Techno-Mappen eingeklemmten Schnickschnack. Orientieren Sie sich am Ideal einer schlanken Bewerbung. Und wozu haben Sie dann in freudlosen Nachmittagsstunden Präsentationstechniken erlernt? Keine Ahnung. Jede Päsentation braucht einen Live-Präsentator und einen zeitlichen Rahmen. Ihre schriftliche Bewerbung ist aber keine Veranstaltung. Sie sind nicht anwesend, Sie steuern nicht den Ablauf und Sie verfügen nicht über ein Zeitbudget. Hüten Sie sich deshalb vor der Idee, Methoden der Kunden- oder Mitarbeiterinformation auf Ihre Bewerbung anzuwenden. Informationsdesign ist keine Technik zum Aufpeppen von Inhalt. Es ist eine Technik, um Informationen besser zu vermitteln. Fragen Sie also nicht: Welche Schrift? Fragen Sie sich: Welche Schrift ist - diskret und zugleich eine Spur anders - lesbar und einladend - ein Zeichen dafür, dass Bewerber und Stellenanbieter zueinander passen? Dass der erste Eindruck zählt, ist banal, aber wahr. Die good vibrations bei einer schriftlichen Bewerbung komponieren Sie per Schrifttype und Textgestalt sowie über Papierqualität und Hefter. In Sachen Schriftauswahl gehen Sie für Papierbewerbungen so vor: 1. Alles auf die Firmenschrift setzen Aufwand: unvernünftig hoch. Effekt: verblüffend. Methode: Wenn der Stellenanbieter eine Hausschrift hat und Sie finden sie heraus, nehmen Sie die. Beispiel: Eine Direktmail und ein Flyer der WinklerWerke verwendet Cronos. Setzen Sie diese Schrift für Ihre Korrespondenz mit dem Unternehmen inklusive allen Ihren selbsterfassten Anlagen ein. Ihre Erscheinung wird dem Entscheider auf Anhieb vertraut vorkommen. Dazu benötigen Sie Printvorlagen für die Recherche sowie einen Schriftexperten (Graphiker oder Mitarbeiter aus einer Kreativagentur). Der Schriftschnitt kostet außerdem Geld. Zuviel Font für einen einzigen Adressaten? Gehen Sie zum nächsten Punkt. 2. Alles auf die eigene Schrift setzen Zusätzliche Kosten: 25 150 Euro. Effekt: nicht zu schlagen. Besuchen Sie die Web Site eines Schriftenanbieters, wählen Sie sorgsam einen Zeichensatz als Ihre persönliche Hausschrift aus und erwerben Sie den. Ihre Bewerbung in Officina Serif (oder Meta, Rotis, Thesis ...) wird den denkbar vorteilhaftesten Effekt erzielen. Sie haben's nicht so mit der Schriftlichkeit oder schätzen keine Ratgeber, die Ihnen nahelegen, Ihr Haushaltsgeld für eine Schrift zu verbraten? Folgen Sie mir in die Prima-Schreiben-Und-Sparen-Ecke. 3. Alles auf Bill Gates setzen Aufwand: Vielleicht müssen Sie ein paar Schriften aus Ihrer Office-CD ROM nachinstallieren. Gehen Sie die mit Ihrer Textverarbeitung mitgelieferten Schriften durch und wählen Sie eine passende aus. Eine Schriftenübersicht für Windows-Nutzer finden Sie hier: jova-nova.com/Schrifttypen.pdf. Toll, was Sie so alles empfehlen. Und welche Schrift soll man bitte nehmen? Zunächst die Negativ-Liste. Nicht geeignet für seriöse Korrespondenz (und meist nicht geeignet für alle Texte länger als eine Zeile) sind diese Windows-Fonts: Arial Black, Arial Narrow, Dom Casual, Franklin Condensed, Franklin Extra Condensed, Haettenschweiler, Helvetica-Narrow, Impact, Lucida Blackletter, Lucida Calligraphy, Lucida Console, Monotype Corsiva, Papyros, Poor Richard, Serpentine, Viner Hand ITC, Zapf Chancery Als serifenlose Schrift nicht so leicht zu lesen vor allem in längeren Textblöcken: AvantGarde, Century Gothic, Comic, Helvetica, Verdana Weit laufende Schriften es passt weniger Text in eine Zeile: Bookmann, Courier, Lucida Bright, Verdana Schriften für Online-Bewerbungen gut am Bildschirm zu lesen und auf nahezu jedem System installiert: Arial, Georgia, Tahoma, Trebuchet, Verdana Textschriften, die auf Papier gut aussehen: Arial, Book Antiqua, Bookman, Garamond, Georgia, Goudy Old Style, Helvetica, Lubalin Graph, Lucida Bright, New Century Schoolbook, Optimum, Palatino, Tahoma, Times, Times New Roman, Trebuchet, Verdana, Windsor Ersetzen Sie für Papierbewerbungen Times oder Arial versuchshalber mit Schriften, die für Korrespondenz wie für tabellarische Lebensläufe taugen: Bookman, Bookman Old Style, Georgia, Helvetica, Optimum, Palatino, Tahoma, Trebuchet Nehmen Sie e i n e einzige Schrift für alle Ihre schriftlichen Sachen. Sollten Sie doch zwei Fonts in einem Text verwenden, hören Sie auf Ihre innere Stimme. Die sagt erschrocken Oops!, wenn Sie 2 verschiedene Serifenschriften auf eine Seite bringen. Serifen sind die kleinen Wurmfortsätze an einem Zeichen. Verwenden Sie die Non-Serife für Überschriften und Titel. Beispiel: Avantgarde für die linksspaltigen Titel im Lebenslauf, Bookmann für die rechte Spalte und für die Daten. Gehen Sie nicht unter 10 oder 11 Punkt. Geben Sie zwei Punkte dazu, wenn Sie sich bei einem Strukturvertrieb bewerben. Legen Sie als jobsuchender Motivationstrainer unbesorgt noch mal vier Punkte drauf. Ich empfehle 10 Punkt für den längeren Lebenslauf von Jobwechslern. Ellenlange Publikationslisten würde ich in 9 Punkt setzen. An Auszeichnungen nur Fett oder Kursiv. Von allen anderen Attributen lassen Sie bitte die Finger: Don't underline. (Robin Williams). Es gibt keinen Shareware-Font, den Sie als Korrespondenzschrift einsetzen können. Auch nicht der im Internet gefundene, der Ihre Persönlichkeit so unglaublich gut ausdrückt. Erstens feiern Sie als Bewerber nicht Ihre Außergewöhnlichkeit, Sie suchen Übereinstimmung. Zweitens wird man Ihren Text nicht lesen. Und wenn Sie es selbst versuchen, werden Sie feststellen, dass auch Augen stolpern. Betrachten Sie Ihren Ausdruck aus einem Meter Abstand. Sehen Sie nur schwarz, streichen Sie unbarmherzig Text, bis Ihnen das Verhältnis zwischen weißer Fläche und Text als ausgewogen erscheint. Trauern Sie keinem Satz nach. Wenn Sie jemandem nicht auf 15 - 20 Zeilen erklären können, wer Sie sind, dann schaffen Sie's auch nicht auf zwei Seiten. Schreiben Sie linksbündig. Haben Sie am Zeilenende Mut zur Trennung. Orientieren Sie sich an der DIN 5008. (Einen Online-Workshop bietet www.intertast.de) Den dort aufgestellten Schreib- und Gestaltungsregeln müssen Sie nicht folgen, wenn sich für Sie in formalen Vorschriften bloß tendenziell repressives Herrschaftswissen manifestiert. Es sind aber nicht nur die Herren und Damen da oben, die auf Briefränder, korrekte Adressdaten und die Schreibweise von Telefonnummern achten. Beweisen Sie, dass Sie die Regeln kennen und Formen respektieren. Und nehmen Sie sich ein wenig Zeit für eine Alternative zur Times. 1. Mai 2002 © Gerhard Winkler. Hinweis: Meine Site jova-nova.com ist neutral und unabhängig. Damit es so bleibt, bitte ich Sie, jova-nova.com zu fördern. Empfehlen Sie mich weiter. Mailen Sie mir vor allem auch Ihre Anregungen, Kommentare, Erfahrungen. Gemeinsam schlagen wir die Schema-F-Bewerber! Seitenanfang |
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| Don't underline. (Robin Williams) | |||||||||||
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| Das Auge mag es ruhig. Der Bewerber treibt es wild. |
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| Streichen Sie Lebenslauf aus Ihrem Lebenslauf. Entfernen Sie kursiv und unterstrichen. | |||||||||||
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| Hier weint der Typograph. Kapitälchen für die Katz, Doppelpunkt doof, Unterstreichung unnötig, Daten geknüllt. 08/1974 - 07/1980 August 1974 - Juli 1980 08-74 - 07-80 |
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| Trebuchet in Rot und Schwarz Grundschulzeit bitte streichen. |
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