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In einer bestürzenden Lebensphase namens Temps du Terreur fand ich es interessant, darüber zu spekulieren, wieso normal doofen Pädagogen plötzlich das Stachelhaar aus Nase und Ohren schießt und sie zu Fachleitern im Dienste von Oberschulämtern mutieren. Damals lernte ich: Es gibt Dinge, die bleiben unverständlich, auch wenn man sie kapiert.

Eine angehende Lehrerin wollte aus dem Referendariat aussteigen, um endlich einem anständigen Broterwerb nachzugehen. Als abschlussgläubiger Durchhalter vom Dienst riet ich pflichtgemäß davon ab, bemerkte jedoch:

"Studium und Referendariat gehören in die Rubrik "Ausbildung". In Sachen Referendariat ist das ein Euphemismus, da es ein einziger perfider Destabilisierungs- und Kujonierungsversuch ist, emsig betrieben von mittelalterlichen Bügelfalten und abgelegten Leuchtstreifen der bürokratischen Sonderklasse, allesamt entweder bereits geistig vollkommen abgestorbene Schuppenträger oder - noch schlimmer - im Besitz des postmodernsten Arsenals an toilettenpsychologisch verfeinertem Sozio- und Pädo-Jargon befindliche Gutmenschen, letztlich alle miteinander vereint im schlechten Bemühen, aus der ihnen anvertrauten Herde gutwilliger armer Kerle gute Pädagogen zu machen, mit anderen Worten, schlechtere Menschen. Oder hat sich das geändert?

Wann schließen Sie das Referendariat ab? Besteht die Chance, dass Sie eingestellt werden? Warum wollten Sie einmal in den Schuldienst? Haben Sie ermutigende pädagogische Erfahrungen gesammelt, die Sie im Lebenslauf verschweigen? Wie werden Sie abschließen? Möchten Sie den stellvertretenden Schulleiter killen?

Tun Sie es nicht. Mit der Zeit kühlt auch der größte Haß aus."

Letzteres ist zwar nicht wahr, klingt aber human und abgeklärt.

Die Leserin ließ sich davon auch nicht täuschen:

"Warum ich mein Referendariat nicht beenden will? Man kann es kaum mit treffenderen Worten beschreiben, als mit den Ihren. Wenn ich mir zudem die mutierten Lehrergestalten in unserem Lehrerzimmer so anschaue, dann habe ich einfach Angst, auch so zu werden. Ich habe viel gearbeitet, vor meinem Studium, während meines Studiums und auch nach dem Studium, aber ich habe mich noch nie so unwohl gefühlt wie jetzt. Viele sagen mir, dass das eben das Referendariat sei, aber wenn ich mir die Junglehrer, aber auch die alten (mutierten) Hasen an meiner Schule betrachte, so sehe ich auch für die Zeit danach keine Besserung der Situation.

In der betrieblichen Welt habe ich mich immer wohl gefühlt und hohe Leistungsfähigkeit zeigen können, die auch entsprechend gewürdigt wurde. Im schulischen Bereich kann man stundenlang Unterricht vorbereiten, wenn die Schüler unwillig und/oder der Fachleiter kleinkrämerisch sind, dann wird alles verrissen. Ich komme mir vor wie ein Moderator, der ständig um Einschaltquoten und Beliebtheit ringen muß. Eine Stunde läuft gut, den Schülern macht es Spaß, alles ist schön ... der Fachleiter findet aber immer etwas zu kritisieren. Man bereitet eine Stunde zeitintensiv vor, denkt sich besondere Maßnahmen und Aktivitäten aus, um eine völlig apathische und negative Klasse zu motivieren und bekommt als Reaktion im besten Fall ein müdes Gähnen, im schlimmsten Fall arrogante Aussagen wie: Mit solchen banalen Spielchen langweilen Sie uns extrem.

Oder Schüler, die ihre Preise (Schokoriegel zur Aufmunterung) nach der Stunde quer durch das Klassenzimmer schmeißen und andere Schüler damit verletzen. Zur Zeit kann ich solche Klassen nach kurzer Zeit abgeben, aber nach dem Referendariat bin ich denen mindestens 2 Jahre ausgeliefert.

Momentan glaube ich nicht, daß meine Selbstmotivation dafür ausgeprägt genug ist. Dies sind nur ein paar Anekdoten, die mich dazu gebracht haben, intensiv darüber nachzudenken, ob der Beruf des Lehrers wirklich geeignet für mich ist. Ich glaube, dass ich in der "Wirtschaft" einfach besser aufgehoben bin, und warum soll ich etwas weiterführen, bei dem ich mich dermaßen wohl fühle.

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Diese Binsenweisheit wende ich, die noch nie aufgegeben und immer weitergekämpft hat, zum ersten Mal in meinem Leben an.

Glauben Sie mir, Gerhard, das hat mich manche Träne gekostet, aber ich bin mir inzwischen 100% sicher, dass dies der richtige Weg ist. Ich werde an dem Referendariat so lange festhalten, bis ich eine Stelle in Aussicht habe, aber wenn ich einen Vertrag für eine interessante Position angeboten bekomme, werde ich sofort mit Freuden meinen Abschied nehmen, ohne auch nur einen Zweifel oder eine Träne im Auge!"


Wie recht sie hat.

Ich sagte mir noch nach vielen Jahren manchmal die Namen meiner derangierten Fachleiter auf. Immer trage ich das Bild in mir, wie der Kollege und spätere Bundestagsabgeordnete in einer Ecke steht und so traut mit dem Konrektor parliert. Beide in der selben Partei, beide aus der Stadt, in der das Gymnasium stand. Natürlich kam der Kollege gleich in den Schuldienst. Der ganze große Rest des Jahrgangs nicht, das Land stellte damals keine Lehrer ein. Und später auch nicht. Und dann wurde mir Bildungspolitik glatt egal.

(6.10.1998 - 18.08.2003)


Nachtrag Juli 2002

Über diese Mail meiner Korrespondentin von damals habe ich mich wirklich gefreut:

"... Inzwischen ist viel Zeit ins Land gegeangen und viel passiert. Aber ich habe es nie bereut, die angeblichen schulischen Annehmlichkeiten (viel Urlaub, Halbtagsjob, oder was sonst noch so in den Köpfen ignoranter Nicht-Pädagogen so rumkraucht) aufzugeben und einen Job im "Wirtschaftsleben" anzunehmen!!!! Ja, ich denke, man könnte sagen, dass ich Karriere gemacht habe!

...

Die Arbeit macht mir viel Spaß, ich habe eine tolle Vorgesetzte (sehr wichtig!) und ein super Kollegen-Team!"

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Ich bin der ältere von zwei Söhnen einer Arbeiterfamilie. Bildungserlebnisse meiner Grundschulzeit in Brühl (Baden): ein Wandertag am Altrhein und Gedichte von Georg Trakl.

In Schwetzingen besuchte ich eine neusprachliche Schule. In den letzten Schuljahren gab ich mit Thomas Hoffmann die Schülerzeitung heraus. Wir strengten uns an, unser Blatt wurde aber nicht verboten. Im Abitur konzentrierte ich mich auf eine 1 in Deutsch und keine 6 in Mathematik. Dabei hätte ich mich beinahe verrechnet.

Ich studierte mit Fleiß Deutsch und Französisch an der Universität Mannheim, beschäftigte mich dort als wissenschaftliche Hilfskraft, verbrachte ein Jahr als Assistent an der Ecole Normale d’Institutrices in Amiens.


Meine wissenschaftliche Arbeit belegt, dass man mit eisernem Willen jede Materie in den Griff kriegt: Sexualität als Moment der Befreiung im französischen Surrealismus.

Unser damaliger Mentor, Professor Rolf Kloepfer, förderte seine Studenten. Das Studium schloss ich mit überdurchschnittlichen Leistungen ab. Mit gedämpftem Enthusiasmus begann ich ein Referendariat in Oberschwaben und brachte es auch zu Ende. Wäre ich Lehrer geworden, könnten meine Schüler am Ende lesen und schreiben.

Da ich annahm, dass es erfolgreichere Formen der Wissensvermittlung als die im staatlichen Schulwesen üblichen gibt, schrieb ich mich bei Friedhelm Wahl in Weingarten für ein neues Kontaktstudium Erwachsenenbildung ein. Ich übernahm Lehraufträge, arbeitete von nun an stets mehr Wochenstunden als jeder verbeamtete Lehrer und verdiente erst einmal weniger.

Daneben half ich mit, eine an der Pädagogischen Hochschule Weingarten gegründete pädagogische Initiative aufzubauen. Irgendwann machte ich dann den anderen Vorstandsmitgliedern dieser SOLE e.V. das Angebot, eine Abteilung Sprachtraining aufzubauen. Ich erhielt grünes Licht. Zusammen mit Renate Moll führte ich die Vereinsgeschäfte. Bis heute hat sich die SOLE bis auf die Anlauf-ABM immer aus eigener Kraft, ohne externe Fördermittel finanziert. Die SOLE hat ganze Jahrgänge arbeitsloser Lehrer (und dazu Native Speaker, Studenten und ein paar Exoten) mit Jobs versorgt und in Jobs gebracht.

Ich habe Kurse konzipiert, Kunden akquiriert, Lerner beraten und Dozenten geschult. Um den Verein besser zu verwalten, schrieb ich eine relationale Datenbank. Ich textete und produzierte alles selbst, von Zeitungsanzeigen bis hin zu Handzetteln und Broschüren. Meine Formulare erregten den Neid der Mitarbeiter befreundeter Non-Profit-Organisationen. Nebenher unterrichtete ich, bereicherte das Schussental um innovative Kursideen (Deutsch, meine zweite Sprache, Blitzkurs Französisch), und stellte eigene Lernmaterialien her. Für Langenscheidt schrieb ich einen multimedialen Schnellkurs Französisch.

Ich trainierte nebenbei Bewerber und Arbeitslose, unter anderem für einen Förderverein EDV an der PH Weingarten und war selbst für Auswahl und Entwicklung von SOLE-Mitarbeitern zuständig. Meine Lernunterlagen baute ich zu einem ersten sechzigseitigen Textreader AN DIE ARBEIT aus.

Einen Umzug nach Berkeley, Kalifornien, nutzte ich dazu, mich in Web Design und Web Publishing einzuarbeiten. Ich schrieb Intranet-Homepages für Scientific Affairs und Project Management einer Biotech-Company, produzierte eine komplette Product Site und Homepages für Non-Profit-Einrichtungen. Für das Gemeinschaftsprojekt www.floribelle.com bin ich seitdem als Autor tätig.

Seit Ende 1997 publiziere ich auf meiner Site jova-nova.com meinen Ratgeber für Jobsucher. Als Bewerbungshelfer optimiere ich Karrierechancen. Zuerst gefunden haben mich im Internet Hochschulabsolventen, Post-Docs, IT-Fachleute, Ingenieure. Unversehends bin ich wieder im Dienstleisterglück.

Mein Bewerbungsdienst spricht sich herum. Bewerbungsberatung ist eine konkrete Sache. Wer meinen Dienst in Anspruch nimmt, sieht sofort, was er erhält und erfährt recht schnell, ob das auch wirkt.

Ich schreibe auf jova-nova.com, für Jobbörsen, Portale und für Verlage. Der Verleger Frohmut Menze in Lichtenau ist der Richtige, wenn man sehr schüchtern ist und ein gutes Manuskript auf seiner Mac-Festplatte hat. Zwischendurch nutzte ich meine unerschrockene Unerfahrenheit für Stunts in der Media- und Internetwelt bei Engage Hamburg und optimad, Düsseldorf.

Je schlechter der Arbeitsmarkt, desto bizarrer die Experten. Den Bewerberdefiziten, die diese Munchkins bekämpfen, entspricht der unerbittliche Ernst ihres Auftretens. Lassen Sie diese Leute auf ihrem Herrschaftswissen sitzen. Lesen Sie bei mir nach, wie Sie mehr aus sich machen. In meinen Texten komme ich ohne müssen und sollen aus. Je mehr ich vom Geschäft des Bewerbens verstehe, desto weniger möchte ich Besserwisser sein.

Beim Durchlesen dieser Zeilen bemerke ich eine konzeptionelle Kontinuität. Keine schlechte Idee, so ein ausformuliertes Curriculum Vitae. Sollten Sie auch ausprobieren!

(April 1999 - August 2003)

Gerhard Winkler



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