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Absolventenanschreiben 2005
Die schönsten Stellen aus Absolventen-Anschreiben 2005

Sind Sie selbst ein Studierter? Dann befremdet es Sie vielleicht, wenn die Studenten von heute darauf bestehen, Studierende zu sein. Mir imponiert diese Umetikettierung. Sie bringt das Proaktive und Handlungsfreudige der Campus-Generation gleich so viel klarer zum Ausdruck. Auch andere Berufs- und Randgruppen könnten von diesem Vermarktungstrick massiv profitieren. Laborant klingt doch altbacken. Laborierender trifft es viel besser. Macht endlich auch die Praktikanten zu Praktizierenden, die Rentner zu Rentierenden, die Gäste zu Gastierenden! Wenn man es recht bedenkt, sind ja vor allem die Manager eigentlich Managierende. Und das Schöne: Kein Mensch braucht sich mehr diskriminiert zu fühlen, nur weil er als Dienstleistender den lieben langen Tag Dosen am Scanner vorbeizieht. Man muss sich bloß neu erfinden! Als Kassiererin ändern Sie ein paar Buchstaben und schon zählen Sie zu den Kassierenden.

Irgendwann sind aus den Studierenden dann plötzlich Absolvierende geworden. Im Jahr 2005 habe ich für junge Akademiker in München und Berlin wieder einige Bewerber-Workshops geleitet. Meine Erfahrung: Studenten und Absolventen trauen sich insgesamt mehr. Sie schreiben weniger aus Vorlagen ab. Sie suchen nach dem eigenen Ausdruck. Sie bringen den Mut auf, authentisch aufzutreten. Mir als Berater erleichtert das den Job. Wer in der Lage ist, sehr viel von sich in eine Bewerbung zu stecken, dem kann ich leicht beibringen, sich dosiert zurückzunehmen, um nicht über das Ziel hinauszuschießen.

Aus Liebe zum Job sein junges Herz voll und ganz in ein Anschreiben zu legen: Das ist meist keine erfolgreiche Strategie. Die Bewerberaufgabe lautet nicht, von den tollen Job-Aussichten sichtlich überwältigt zu sein. Bewerbern ist bloß aufgetragen, Jobanbieter über ihre besondere Eignung zu informieren.

Eine Absolventin startete so: „Meine Begeisterung für Lidl ist so groß, dass ich mich auch von einer Absage noch nicht gleich entmutigen lasse.“

Eine Studierende auf der Suche nach einem Praktikumsplatz gab an: „Die Vorstellung, in einer tunesischen Jugendherberge mitzuarbeiten, begeisterte mich sofort.“

Auch in der globalisierten Welt gehören tunesische Jugendherbergen nicht unbedingt zu den begehrtesten Arbeitsplätzen für High Potentials.

Manche Arbeitgeber wollen allerdings hören, wie dufte sie sind. L´Oréal ist eines der wenigen mir bekannten Unternehmen, die von Job-Einsteigern sogar ein Motivationsschreiben abpressen. Dieser Dufthersteller hat sein eigenes Flair, wie wir Schwaben gern sagen, wenn uns der Begriff „Geschmäckle“ als zu vornehm erscheint.

Jedenfalls muss irgendetwas an der Bewerberansprache von L´Oréal leicht hysterische Reaktionen auslösen. So textet ein aufgeregter Bewerber: „Die aufregende Kosmetikwelt L´Oréals mitzuerleben, eine Marke von Geburt an zu begleiten und als erfolgreiches Teammitglied auch an der 100-jährigen Existenz L´Oréals mitgewirkt zu haben, machen eine Mitarbeit in Ihrem Haus für mich besonders reizvoll.“

Man braucht keine Firma größer zu machen, als sie ist. Man macht sich selbst aber auch auf keinen Fall kleiner. Ein Bewerber räumte gleich am Anfang seines Schreibens ein: „'Frisch gebackene' SAP-Berater gibt es viele. Und viele von Ihnen verfügen über sehr viel mehr IT-spezifische Kenntnisse und Berufserfahrung als ich.“

Warum präsentieren, dachte sich eine Absolventin. Plaudern ist viel netter: „&Mac226;Das erste Praktikum kann sehr prägend sein', sagte die Chefin der PR-Agentur zu mir, bei der ich meine ersten beruflichen Erfahrungen sammelte. Sie sollte Recht behalten.“

In den Vortrag über die Jobeignung fließt natürlich mit ein, was den Bewerber für einen Job im besonderen Maß qualifiziert. Einige akademische Berufseinsteiger lösten das recht charmant:

„Ich denke, dass meine Fähigkeiten und Charaktereigenschaften für diese Art von Arbeit geradezu prädestiniert sind.“

Oder: „Lange und flexible Arbeit ist mir ebenso bekannt wie körperliche Belastung.“

Und vor allem: „Als Linguistin gehe ich gern mit Sprachen um.“

Selbstredend hat man bereits während des Studiums einschlägige Erfahrungen gesammelt:

„Zusätzlich konnte ich während meiner mehrjährigen Praktikumszeit im Frauentherapiezentrum München meine Geduld, mein Organisationstalent und mein Einfühlungsvermögen unter Beweis stellen.“

Ein Bewerber vermerkt über seinen letzten Studi-Job: „Hier bin ich in der Erstellung von Power-Point-Folien geschult und geschliffen worden.“

Und als Erfolg verzeichnet eine Einsteigerin: „Auf Grund des Besuches eines Vortrags einer Management-Trainerin vor einiger Zeit, welche sich unter anderem mit hirngerechtem Arbeiten befasst, konnte eines ihrer Systeme auf meine Anregung hin in der Abteilung im Kleinen erfolgreich angewendet werden.“

Für Unternehmen spannend und reizvoll ist immer auch, was man im bisherigen Werdegang alles an praktisch umsetzbarem Wissen und Können erworben hat:

„Ich verfüge über fließendes Deutsch.“

„Neben der Ausarbeitung von historischen, kulturellen sowie sozialwissenschaftlichen Aspekten gehörte speziell die Anwendung der englischen Sprache in Wort und Schrift zu den Grundlagen meines Hauptstudiengangs.“

Insbesondere dürften auch die vielen eingeübten und eingeschliffenen Arbeitstechniken auf positive Resonanz beim Jobanbieter stoßen: „Eine selbstständige, ergebnisorientierte und eigenverantwortliche Arbeitsweise ist mir nicht fremd.“

Und wenn die eigenen Studieninhalte eher im Randbereich der Industrieanforderungen gelegen haben? Nun, an der Peripherie liegen bekanntlich auch die Schnittstellen. Und so preist sich ein Kandidat eben selber „als analytische Schnittstelle zwischen dem Management, internen Unternehmensprozessen und dem Marktgeschehen.“

Ein anderer bemüht sich, jeden Eindruck von Oberflächlichkeit zu zerstreuen: „Auch im Vermessungsbereich bin ich vielschichtig interessiert.“

Bewerber bringen Stärken mit. Junge Bewerber bringen weit mehr noch guten Willen mit:

„Die persönliche Kompetenz und flexible Einsatzbereitschaft, die diese Position erfordert, bin ich jeder Zeit bereit zu investieren.“

„In meiner Arbeit ist mir sehr wichtig, den KlientInnen eine wertschätzende Haltung entgegenzubringen und nicht nur Probleme zu bearbeiten, sondern vor allem den Menschen hinter all diesen Problemen wahrzunehmen.“

Für junge Bewerber spricht viel. Manchmal sogar zu viel, was sich nicht zuletzt auch in der Komplexität eines Charakters begründet. Deshalb bedauert ein Bewerber: „Persönliche Motive und Fähigkeiten lassen sich nicht abschließend in einem kurzen Anschreiben darstellen.“

Was mich immer wieder frappiert, ist die Aufrichtigkeit junger Jobsuchenden. Falls man etwas auch negativ sehen kann - die Kandidaten sprechen es aus:

„Als Manko meiner Person als Projektleiterin erscheint womöglich mein relativ junges Alter, das Zweifel an meinem Vermögen erwecken könnte, einen Mitarbeiterstab zu leiten.“

Recht abgeklärt spricht einer über seinen letzten studienbegleitenden Job: „Die Wege von mir und »Brain Concept« habe sich vor kurzem getrennt, und ich bin daher wieder offen für neue Herausforderungen.“

Manchmal muss man Jobanbieter geradezu beruhigen: „Der entsprechende Führerschein ist vorhanden.“

Der ideale Kandidierende für einen Praktizierendenplatz ist am besten immer einen Tick flexibler: „Mein Stundenplan erlaubt es mir, dass ich bei Ihnen sofort mit der Arbeit beginnen könnte.“

Jung, willig und verfügbar: So weit steht bereits die Bewerber-Argumentation. Kommen wir nun zur wichtigsten Vermarkter-Regel. Sie lautet: Kenn deinen Preis! Für einen High Potential kein Problem: „Meine Gehaltsvorstellung beträgt ca. 12 € die Stunde.“

Ein anderer Selbstvermarkter ist bestrebt, seinen Verhandlungsspielraum zu maximieren: „Meine Gehaltsvorstellung möchte ich erst dann mit Ihnen diskutieren, wenn ich die Anforderungen der Stelle näher kenne.“

Manch schüchterner Bewerber beginnt sein Schreiben zaghaft, um schließlich kleinlaut zu enden: „Falls Sie sich eine Zusammenarbeit mit mir vorstellen können, würde ich mich sehr über ein Vorstellungsgespräch bei Ihnen freuen.“

Eine andere Kandidatin setzt dagegen voll auf ihre Unwiderstehlichkeit: „Ich freue mich auf die Einladung zu einem persönlichen Gespräch, in dem ich Sie von meinen Qualifikationen überzeuge.“

Sicher ist es angebracht, einem Personaler am Briefende klare Handlungsanweisung zu geben. Mancher findet aber doch ein wenig zu deutliche Worte: „Bitte melden Sie sich telefonisch oder per Mail, um einen Termin zu vereinbaren.“

Zwar gilt immer noch die Regel, dass Leute, die sich beruflich mit Bewerbungen befassen, alles schon mehrfach gelesen haben. Unerfahrene Selbstvermarkter überraschen einen jedoch immer wieder. Nicht, weil sie nicht geeignet und tüchtig wären. Nicht, weil sie sich so viel ungeschickter präsentieren. Junge Bewerber wagen sich eher aus der Deckung und suchen die Offensive. Das macht sie sympathisch und bringt sie näher zum Ziel. Sie dürfen sich dabei nur keine Blöße geben.

Berlin,
2.1.2006 - Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com

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