
SIE MÜSSEN SICH NICHT VERKAUFEN
In Ihrem Leben hat sich mit der Zeit einiger unnützer oder überflüssiger Kram angehäuft. Sie schleppen all' diese Sachen auf einen Flohmarkt. Manches auf Ihrem Wühltisch findet zufällig Käufer, anderes wiederum gefällt durchaus, aber Sie verlangen einen zu hohen Preis.
Fühlen Sie sich unwohl, wenn Ihr Angebot kritisch gemustert und taxiert wird? Unter Umständen machen Sie sogar die Erfahrung, dass die geschätzte Kundschaft um Ihren Stand einen großen Bogen schlägt.
Und scheint der Markt auch ohne Sie ganz gut zu funktionieren, dann ist das besonders bitter.
Auf dem Stellenmarkt kann es Ihnen ähnlich ergehen. Das Marktgeschehen, seine Abläufe, Spielregeln und Tendenzen war Ihnen möglicherweise egal. Sie wissen vielleicht nicht genau, wo Mangel an Arbeitskräften herrscht und wer gerade besonders begehrt ist. Sie haben ganz interessante Fähigkeiten, halten diese aber versteckt und finden deshalb keinen Abnehmer. Offensiv aufzutreten, gezielt Aufmerksamkeit und Interesse auf sich zu lenken, sich zu präsentieren, das ist vielleicht nicht Ihre Sache. Und überhaupt ist der Stellenmarkt mancherorts eine zu abstrakte Sache. Im Umkreis von 50 Kilometern kann man jedenfalls keinen lokalisieren.
Natürlich möchten Sie das ändern. Sie lesen also, was umtriebige Verkaufsstrategen über Selbstmarketing, Verhaltensmodifikation und den mit dem Erwerb eines 25-Euro-Buchs verknüpften Weg zu Erfolg und Selbsterfüllung predigen. Bald stehen Sie vor einem Dilemma:
 
Sie gehen davon aus, dass Sie sich optimal verkaufen müssen.
Sie haben immer noch nicht die geringste Lust dazu.
Selbst wenn Sie wollten, wüßten Sie nicht so recht, wie.

Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf. Sich diffus zu verweigern, lähmt. Besinnen Sie sich statt dessen auf Ihre eigenen Pläne: Sie bemühen sich um eine Ausbildungsstelle oder Sie suchen einen Arbeitsplatz - entweder den ersten oder einen besseren, einen ganz bestimmten oder Hauptsache, irgendeinen. Sie streben eine für Sie wichtige Veränderung an. Was Sie tun müssen, um dies zu bewältigen, steht in den nächsten Kapiteln dieses Online-Buchs und in den anderen Tipps auf meiner Site. Bevor Sie jedoch loslegen, sollten Sie sich über den Stand der Dinge genau Rechenschaft ablegen.
An diesem Punkt schlagen kluge Ratgeber allesamt vor, mit einer Bestandsaufnahme der eigenen Voraussetzungen zu beginnen: "Selbstbewusste Bewerber haben eine positive Einstellung zu sich selbst und wissen, was sie tun können und was sie wollen ..." Erkennen Sie sich wieder? Oder ist Ihr Selbstwertgefühl noch ausbaufähig? Jeder, auch der erfolgreichste Manager, wird im Verlauf von Bewerbungsverfahren massive Kurseinbrüche seiner Ego-Aktie erleben. Vierzehn Tage lang nichts vom Aufsichtsratsvorsitzenden zu hören, das löst massive I-am-a-Looser-Attacken aus. Gönnen Sie sich Zeit, um sich aufzubauen. Ihr Selbstbewusstsein wird im Laufe Ihres Nachdenkens, Ihrer Reflexion über sich selbst, aber auch mit Ihrem erfolgreichen Handeln zweifellos noch wachsen!
Sie gehören sicher nicht zu den käuflichen Zeitgenossen, die sich ihr ethisches, verantwortungsbewusstes Handeln für eine monatliche Gehaltsgutschrift abkaufen lassen. Sie nehmen auch nicht im Ernst an, dass vernünftige Personaler jemanden einkaufen wollen. Und auf die kindischen Tricks der Vertriebler und Verkäufer fallen sowieso nur kindliche Naturen herein. Wenn Bewerber handeln, nehmen sie Kontakt auf, präsentieren sie sich und verhandeln sie. Die Welt ist bereits dermaßen merkantilisiert, dass erfahrene Personaler und künftige Fachvorgesetzte jeden auf der anderen Seite des Zauns stehen lassen, der dabei nicht wie ein authentisch agierender, sachorientierter Verhandlungspartner auftritt. Und Selbstmarketing ist letztendlich wie Flirten: Damit es wirkt, muss man so tun, als ob man es nicht tun würde.
Jetzt geht's an die Arbeit. Legen Sie eine Textdatei an (oder nehmen Sie einfach ein Blatt Papier) und schreiben Sie als Titel: "Mein Arbeitsleben" oder "Meine berufliche Laufbahn". Es braucht sicher eine ganze Weile, bis Sie sich lückenlos an die Details Ihrer eigenen Lebensgeschichte erinnert und alle Angaben chronologisch geordnet haben. Notieren Sie am besten alles - auch das Nebensächliche, Unwesentliche und Uninteressante. Bleiben Sie konkret. Notieren Sie das Faktische. Was genau haben Sie alles getan? Es geht nicht darum, Ihr Tun zu abstrahieren und es interessiert auch nicht, wie Sie es jetzt im Nachhinein bewerten. - So könnte ein Abschnitt Ihrer Bestandsaufnahme aussehen:

LETZTES SCHULJAHR
Aushilfe, Buchhandlung Leseteufel in Biberach, Verkauf & Bestellwesen
Sprachkurse Italienisch , VHS Biberach (Bescheinigung anfordern!!)
Sommerjob Gärtnerei Radis, Reichenau;
Praktikum bei Marabu Messebau, Personalbüro (Einblick in Lohnkostenabrechnung,
Stundenabrechnung freie Mitarbeiter, Fahrtkosten)

Schreiben Sie auf Papier, dann können Sie mit Textmarkern und Farbstiften kennzeichnen, was Ihnen wichtig ist oder was zusammengehört. Mit einer Textverarbeitung fällt es Ihnen leichter, die Daten am Bildschirm herumzuschieben, Informationen einzufügen und zu ergänzen. Außerdem können Sie aus den Elementen später ganz leicht einen tabellarischen Lebenslauf konstruieren. Benutzen Sie aber ganz bewusst noch keine Vorlagen, "Assistenten" oder Autoformat-Texte. Beschäftigen Sie sich allein mit Ihrem Leben und noch nicht mit dessen Layout.
Mein online-Arbeitsblatt Bewerberprofil erleichtert Ihnen diese Arbeit.
Ihre nächste Aufgabe: Bringen Sie einen wichtigen Teil Ihres Datenblattes in Form. Widmen Sie sich Ihren berufs- oder ausbildungsbezogenen Tätigkeiten und geben Sie ihnen in etwa die folgende Struktur:

| Zeitraum |
beschäftigt bei
Organisation, Institutions |
Branche
|
Bereich, Abteilungen, Position, Aufgaben, verantwortlich für, Zuständigkeit |
Erfolge, Ereignisse, Kommentar |
| Zeitraum |
in Ausbildung bei
Organisation, Institution |
Fächer, praktisch verwertbare Ausbildungsinhalte |
Projekte, Aufgaben |
Erfolge, Ereignisse, Kommentar |

Was Sie bisher gelernt und geleistet haben, nimmt jetzt deutlichere Konturen an. Je intensiver Sie sich selbst erforschen, desto aufregendere Entdeckungen stehen Ihnen wahrscheinlich bevor. Vielleicht haben Sie bereits eigenverantwortlich ein Budget verwaltet, ganz gut in einem Team kooperiert oder ein wichtiges Projekt vorangetrieben. Sie lassen Ihre Tätigkeiten Revue passieren und bemerken unter Umständen zum ersten Mal, dass Ihre wichtigsten Stärken Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit sind. Vielleicht besitzen Sie Organisationstalent, haben Sie an Ihrem Heimatort, in einer Bürgerinitiative, in einem Verein oder mit einer Gruppe Wesentliches mitbewegt - und wenn Sie's genau überdenken, haben alle Ihre Chefs Sie ganz schön gebraucht.
Jetzt sind Sie für sich selbst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Sie wissen ziemlich genau, was Sie auf dem Arbeitsmarkt anbieten können. Ob es dafür auch Abnehmer gibt, wird sich bald weisen. Einen wichtigen Ausschnitt des aktuellen Marktgeschehens zeigen Ihnen die Arbeitsämter, die Tageszeitungen, die Jobbörsen und die News-Portale. Unübersichtlich, in Inseln und Nischen aufgesplittet und nach sehr vielen branchen- und positionsabhängigen Spielregeln funktioniert der reale Arbeitsmarkt.
Sie können mehr aus sich machen!
Die Kunst des Self-Packaging ist Ihnen fremd? Den anderen soll es genügen, dass Sie so sind, wie Sie sind? - Sich selbstbewusst und wohlüberlegt zu präsentieren, ist heute kein Beleg für Unbescheidenheit, Eitelkeit oder gar Selbstüberschätzung. Bedenken Sie, wie schnell und oberflächlich alle Welt miteinander kommuniziert. Wenn Sie da keine deutlichen Signale aussenden, wird man auch keine empfangen. Geben Sie klar und eindeutig zu verstehen, wer sie sind:
"Um ein(e) zu sein, müssen Sie wie eine(r) aussehen und wie eine(r) auftreten."
In meinen Tipps und Praxisbeispielen auf dieser Site geht es auch darum, anderen Menschen zu vermitteln, wer man ist. Andere sollen davon profitieren, sich mit Ihnen zu beschäftigen - auch ohne, das Sie sich selbst verkaufen müssten.
(Revision 09.2002 © Gerhard Winkler, jova-nova.com)
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