An die Arbeit! - Ein Ratgeber von Gerhard Winkler
 

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UNAUFGEFORDERTE BEWERBUNG

Sie sind so frei und geben unaufgefordert Angebote ab. Sie denken nicht, dass Sie damit schon ein ausgewiesener Initiativbewerber sind. Würden Sie diese beiden Aussagen ohne zu zögern zu unterschreiben? Dann unterscheiden Sie sich von sehr vielen Ihrer glücklosen Konkurrenten auf dem Jobmarkt.

Nun gefällt ja nicht allen das Beiwort frei in freie Bewerbung.

Der gütige Mann vom Sozialarbeitsministerium will Ihnen weismachen, dass Sie als Jobsucher vor allem Vermittlung brauchen. Eher bräuchten Sie Genitalwarzen. Vergessen Sie nie: Als Bewerber ist das Bewerben Ihr Kerngeschäft. Niemand nimmt sich Ihrer Sache so kompetent an wie Sie selbst. Keine staatliche Instanz und keine private Agentur. Die Leute, die von effizienter Vermittlung schwadronieren, haben sich selbst nie auf dem freien Jobmarkt präsentiert. Oder sie würden selbst eher noch Krauchenwies im Dunklen finden als einen Job. Oder sie zählen zu den Marketendern des Sozialstaats.

Die denkbar größten Job-Banausen, unsere Politiker, Beamten und Funktionäre, tun am Jobmarkt nichts anderes, als was sie auch sonst am liebsten tun: Sie drehen am Verteiler.

Wer immer sich vermittelnd zwischen Ihnen und dem Job einschaltet, profitiert von Ihrem Unwillen oder Ihrem Unvermögen, für sich selbst zu sorgen. Nur: Jobsuche ist das beste Training for the Job. Sie trainieren aktives Kontakten, die Alltagskunst der Selbstpräsentation und geschickte Verhandlungsführung. Sie lernen, sich selbst und andere zu analysieren und einzuschätzen. Sie üben, Ihre eigenen Interessen offensiv zu vertreten, aber auch kompromissbereit abzugleichen.

Jobsuche ist notwendiger Bestandteil eines selbst bestimmten Erwachsenenlebens.

Bewerber agieren als Geschäftsführer in eigener Sache. Schicken Sie Scouts und Agenten aus. Greifen Sie auf die Hilfe von Spezialisten zurück. Bedienen Sie sich nur dann eines Jobmaklers, wenn er zu besonders wichtigen Jobanbietern dasselbe innige Verhältnis hat wie Schröder zu sich selbst oder Petrus zum Herrgott.

Zeigen Sie vor allem ein Mindestmaß an Initiative und bewerben Sie sich, ohne dass ein Stellenangebot vorliegt. Das ist nichts Besonderes. Alle Welt produziert zu jeder Zeit ohne besondere Aufforderung frei bleibende Angebote. Es ist nichts dabei, sich zu produzieren. Sie beweisen als Einzelner gar nichts, wenn Sie sich stolz oder demütig aus dieser ganzen Selbstvermarktung heraushalten. Sie fallen weder positiv noch negativ auf. Sie existieren nur nicht für die anderen da draußen.

Formulieren Sie Ihre Bewerbung nur dann nicht zielgenau, wenn Sie wissen, dass jemand von ihrer Sorte so verzweifelt gesucht wird, dass man auf jedes Lebenszeichen reagiert. Vermutlich können Sie gar nicht anders als unspezifisch bleiben, wenn Sie sich für einen Level-7-Job bewerben. Ein Level-7-Job meint: Sie sind so unqualifiziert, dass zwischen Ihnen und der Firmenleitung mehr Hierarchie-Ebenen eingezogen sind als am Frankfurter Flughafen Parkdecks.

Argumentieren Sie nach Schema F, wenn Sie der Lehre folgen, dass 1000 versandte Bewerbungen mindestens 0,7 % Einladungen provozieren. (Doch nie wird man sich für die entscheiden, die einen sofort nehmen würde. Die richtigen Firmen wollen erobert werden.)

Ansonsten bedeutet unaufgefordert: Nicht weniger treffsicher, als wenn Sie auf ein Stellenangebot reagieren. Auch eine freie Bewerbung antwortet stets auf einen konkreten Bedarf. Dass Sie ihn erst einmal nur vermuten, erspart Ihnen ja nicht, präzise auf ihn einzugehen. Vielleicht schätzen Sie den Bedarf falsch ein. Dann bleibt Ihnen immer noch die Chance, dass dem begeisterten Empfänger Ihres Werbeschreibens eine andere Verwendung für Sie unverhofft aufgetauchtes Supertalent einfällt.

Nur, wenn Sie sich nachvollziehbar und nachhaltig in einen Job hineinversetzen, vermitteln Sie jemand anderem, dass Sie und kein anderer in diesen Job passen. Dies gilt für jede Bewerbung. Ob initiativ oder reaktiv: Bewerben ist immer konkret.

In guten Zeiten können Sie mit einer freien Bewerbung ebenso wie mit einem Stellengesuch in der Presse oder einer Jobbörse den Stellenmarkt testen. Vielleicht ist gerade eine für Sie interessante Position zu besetzen, wird jemand mit genau Ihrem Profil gesucht. In schlechten Zeiten sind Sie schlecht beraten, wenn Sie genau dasselbe tun wie die anderen und mit der Eselsgeduld eines Leistungsbeziehers auf die Jobs warten, die man Ihnen besorgt.

Ihre Kurzbewerbung besteht aus Anschreiben und Lebenslauf. Prittstiften Sie Ihr Porträt in die rechte oder linke obere Ecke Ihres CV. Als Online-Bewerber montieren Sie Ihre 6 x 4 Version des alten Klassikers namens Herzliches warmes Lächeln über gut sitzendem Jackett in Ihren Word- oder PDF-Lebenslauf.

Sie wissen: Initiativbewerbungen sind schlicht oder sie nerven.

Ein Deckblatt in einer Initiativbewerbung bedeutet: Sie leben in Opladen und tragen gern einen Trachtenanzug.

Zeugniskopien in einer Initiativbewerbung verraten: Sie sind gerade zum dritten Mal in Folge durchs Juraexamen geschlenzt.

Komplette Mappe als Initiativbewerbung: Sie bewerben sich aus ungekündigter Position bei Herlitz.

Schicken Sie die Unterlagen niemals an Ihnen namentlich bekannte Ansprechpartner. - Höre ich da energischen Einspruch? Ganz falsch! Briefempfänger gehören ausnahmslos namentlich angeschrieben! Und warum tun Sie das dann nicht? Anrufen, sich dem Personalchef anempfehlen und ihm eine Bewerbung zu seinen Händen ankündigen: So ergreift ein kluger Bewerber die Initiative.

Ob Sie aus Ihrem Adressenbestand gezielt auswählen oder eine Massenaktion starten – nach einem missglückten Bewerbungsversuch haben Sie die Adresse verbrannt. Für ein Nachhaken im selben oder kommenden Jahr müssten sich schon die Voraussetzungen in der Firma selbst geändert haben. Bewerben Sie sich nur dann überregional, wenn Sie auch willens und in der Lage sind, Ihr angestammtes Opladen zu verlassen, damit Krauchenwies leuchtet.

Adressen und Informationen recherchieren Sie selbst - z.B. in Fachzeitschriften, Messekatalogen, Fachkalendern, im Wirtschafts- oder Annoncenteil der Tagespresse, bei Verbänden, den Industrie- und Handelskammern. Journalisten kommen stets dichter an die Wahrheit heran, wenn sie verschiedene Quellen zu Rate ziehen. Stöbern auch Sie nicht bloß im Web. Werden Sie zum investigativen Jobsucher. Prüfen Sie Info-Lieferanten auf ihre Verlässlichkeit. Information ist Vorsprung und ein wenig Vorsprung tut Ihnen allemal gut.

Denn anders, als es Ihnen unsere Solidarpaktierer bei Christiansen verkünden, sind Berufsleben und Jobsuche immer noch kompetitive Angelegenheiten. Ihre Mitbewerber forschen wie Sie nach der Organisation, die nicht inseriert und dennoch eine Vakanz hat. Handeln Sie unaufgefordert, handeln Sie zügig, handeln Sie jetzt.

(Revision 11.2002)