An die Arbeit! - Ein Ratgeber von Gerhard Winkler

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SIEBEN ANTWORTEN AUF EIN STELLENGESUCH

Ein ländliches Anzeigenblatt startet eine einmalige große Aktion. Alle Arbeitsuchenden dürfen umsonst und einmalig ein Stellengesuch aufgeben! Damit ist Herr Kern, von Beruf Immobilienkaufmann, einen halben Arbeitslosentag beschäftigt: Solange tüftelt er nämlich an einem knallharten und doch ansprechenden, kurzen Text. Irgendwann, mitten in einer verregneten Woche, ist es dann soweit. Das Wochenblatt gehört nicht zu Peter Kerns Lesehits, aber dieses Mal wartet er wirklich darauf.

Heute ist die Ausgabe viel dicker als sonst. Wir suchen eine Arbeit heißt die Überschrift, sinnvollerweise. Peter Kern blättert vor und zurück ... unter vielen hunderten, auf vielen Seiten verteilten Textfeldern entdeckt er schließlich seinen Entwurf. Das mühsam ausgetüftelte Layout ist natürlich hin. Und dass so viele Mitbewerber um Arbeitsplätze rangeln, macht ihn beklommen. Andererseits hat offensichtlich jeder Arbeitswillige in Stadt und Landkreis bei der Gratis-Aktion mitgemacht. Da ist Peter Kern eigentlich froh, dass er dieses Mal nicht abseits steht.

Ein paar Tage später: Der Erfolg gibt Ihm recht. Bis jetzt sieben Antworten! Auf eine einzige Anzeige!

Das erste Schreiben ist fotokopiert. Die Chiffre-Nr. hat man mit der Hand in den Betreff eingefügt:

Sehr geehrter Inserent,

Sie haben Engagement bewiesen, um eine Arbeit zu finden. Haben Sie auch Mut mit einem erfahrenen Team das über das nötige Know How verfügt eine selbstständige Existenz zu beginnen?

Wenn Sie folgende Fragen mit Ja beantworten dann sollten Sie mit uns baldmöglichst telefonischen Kontakt aufnehmen.

Peter Kern traut seinen Augen nicht. Die beiden Absender sitzen in einem idyllischen Flecken weitab jeder Autobahnausfahrt, von wo sie laut Briefkopf 'Waren-Vertriebs-Systeme' vertreiben. Dass die zwei Systemexperten nicht in altmodische Zeichensetzung investieren und statt dessen eigenständig ihre Rechtschreibung weiterentwickeln, kümmert einen ja wenig. Aber Peter Kern verliert spontan den Mut, sich diesem erfahrenen Team anzuschließen. Denn 'Qualität's Produkte des täglichen Bedarfs die von zufriedenen Kunden regelmäßig nachgekauft werden', möchte er eigentlich nicht vertreiben. Und er übersetzt ganz richtig 'eine selbstständige Existenz' mit 'unmoralisches Angebot'.

Da möchte man doch lieber wie früher als ehrbarer Makler tätig sein. Deshalb schnell und unverzagt zum zweiten Brief! Laut Absender von einer Regionalgeschäftsstelle aus einem jener zweifelhaften Flecken, wo die Stadt sich nach und nach in Bauerwartungsland verwandelt:


Einen wunderschönen guten Tag,

aber so tönt doch kein zukünftiger Arbeitgeber, das flötet bloß ein Bewohner des Fußabtritts. Draußen vor der Tür ist aber anscheinend der beste Ort fürs Geschäft. Zumindest scheint der Absender des zweiten Briefs, ein Anlagenberater, vom Erfolg verwöhnt zu sein. Ja, er möchte sogar, dass auch arbeitslose Kaufleute wie Peter Kern am Geschäftsmodell partizipieren: Jeder bestimmt bei uns selbst, was und wieviel er verdienen und leisten möchte. So könnte Her Kern in eine 'starke Gemeinschaft' von Vermögensberatern 'hinein kommen'. Ist es nicht schön, wie man heute den Solidaritätsgedanken noch pflegt? Fast meint man, man wäre bei IG Bsirske und seinen Genossen gelandet. - Um wieviel ehrlicher klingt da Brief Nummer drei:

Sehr geehrter Inserent,


Wie ich Ihrer Anzeige im Wochenblatt entnommen habe, suchen Sie eine Stelle in Ihrem Beruf. Eine solche Stelle kann ich Ihnen leider nicht anbieten.


Doch der Verfasser weiß eine andere Lösung. Seine 'seriöse' Alternative folgt nur wenige Zeilen später und würde bei freier Zeiteinteilung nicht mehr als eine geringe Investition verlangen. Das Geld hat Peter Kern leider nicht, aber dafür noch andere, hoffentlich tolle Jobangebote. Zum Beispiel dieses:


Sehr geehrter Inserent,

Ich habe Ihr Inserat mit großem Interesse gelesen. Sie suchen eine verantwortungsvolle Aufgabe, die Ihnen nicht nur viel Freude bereitet, sondern auch den nötigen persönlichen und finanziellen Erfolg beschert.

SOLCHE MENSCHEN SUCHE ICH!

Dies schreibt ein Consultant. Dem Absender nach aus einer Wirtschaftsmetropole mit fünftausend Einwohnern. Natürlich kann ein solcher Mensch nichts versprechen, jedenfalls nichts unter einer hochkarätigen Möglichkeit. Man sollte sich also rasch unter der oben genannten Telefonnummer erkundigen, denn


Ps.: Nur wer sich persönlich informiert kommt weiter im Leben !

Kann es noch schlimmer kommen? Es kann. Aus einem Ein-Mann-Büro. Der Chef persönlich schrieb die nächste Offerte. Ihre Rückantwort bitte z.Hd. der Geschäftsführung/Personalabteilung!


Zur Verstärkung unseres Außendienst und unserem ehrgeizigen, dynamischen Teams suchen wir qualifizierte Führungstalente und solche die es werden wollen.

Da lachen ja ganze Personalabteilungen. Und in der Führungstalentschmiede schüttelt ein in Ehren ergrautess Talent das Haupt und verkündet: Oh, oh. Dass im Berufsleben der Erfolg ... weder vom Alter noch von der Ausbildung .... sondern allein von der persönlichen Einstellung und dem Engagement abhängen soll, ist doch eigentlich bodenlos. Oder? Wären wirklich Alter oder bisherige Tätigkeit ... sehr viel weniger von Bedeutung als ein großes Interesse an neuen Zielen und das Ergreifen von Initiative, dann wäre Deutschland nicht das Land der Reichenfresser, sondern das der Erfolgreichen.

Wer sich wirklich überreden und anwerben läßt, dem winkt eine Mini-Karriere als trostloser Berater, als Klinkenputzer ohne Fortüne oder als Abverkäufer eines teuer bezahlten Warenbestandes. Alle diese Agenturen, Ansprechpartner, Bezirksleiter und National - Directors versuchen ja nur, Ahnungslose in aller Eile anzumachen, einzuspannen und auszunehmen. Praktisch jeder, der sich als stellensuchend zu erkennen gibt, muß heute damit rechnen, dass ihn solche zweifelhafte Existenzen heimsuchen.

Fast empfindet Herr Kern Mitleid. Die meisten Verfasser der sieben Anschreiben scheinen selbst arme Teufel zu sein. Ihr Selbstbewusstsein ist bloß Selbstbetrug, das forsche Auftreten ist schlecht einstudiert und ziemlich albern.

Am besten man hält Abstand, wenn ein dubioser Stellenanbieter sich freut, mitteilen zu können, dass unser Unternehmen an Ihnen interessiert ist, zugleich aber auf gewünschte beruflichen Fähigkeiten und Kenntnisse nicht im mindesten eingeht. Je entschiedener und präziser die eigenen beruflichen Vorstellungen sind, desto weniger ist man ja geneigt, im Struktur- oder Warenvertrieb sein Heil zu suchen.

Doch wie haben unter den tausend Stellensuchenden in der letzten Stellenaktion all' die Leichtgläubigen reagiert? Und die Verzweifelten, die auf dem Arbeitsmarkt für sich keine Chance mehr sehen? Sicher verfallen die schlecht Qualifizierten, die früh Ausgeschiedenen und die Ausgeschlossenen am ehesten jenen Erfolgsmärchen und kühnen Aufsteigerphantasien. Wer Ihnen statt Arbeit eine Chance anbietet, der will Ihnen in Wirklichkeit keine lassen. Auf dem Stellenmarkt sind einmalige Gelegenheiten faule Eier. - Fallen Sie nicht auf die Marktschreier hinein!

Mit immer den gleichen vagen Versprechungen locken die Verführer:


anspruchsvolle Tätigkeiten

tolle Karrierechancen

verantwortungsvolle Aufgaben

selbständiges Arbeiten

unabhängige Existenz

lukrative Tätigkeit ohne besondere Ausbildung

enormes Monatseinkommen ohne Berufserfahrung

freie Zeiteinteilung

Erfolg ohne besondere Eignung

Resultate ohne besonderen Kenntnisse

geringe finanzielle Investitionen(!)


Apropos Investition: Mit einer überzeugenden Mini-Präsentation Ihres Profils in einer seriösen Tages- oder Fachzeitung investieren Sie sinnvoll. Achten Sie darauf, auch Ihre Zeit sinnvoll zu investieren. Wenn es auf dem Stellenmarkt zu viele von ihrer Sorte gibt, dann treiben Sie sich nicht dort herum, wo sich alle langweilen.

Das Arbeitsamt ist so ein Ort. Was wollen Sie dort tun? Warten bis zum Sankt-Münteferingstag? Auf die segensreiche Job-Wirkung einer Fortbildung hoffen? Qualifizierende Maßnahmen funktionieren wie Kaffeefahrten: Setzen Sie sich rein, halten Sie die Klappe, nehmen Sie ein paar trostlose Sehenswürdigkeiten mit, machen Sie den Veranstalter reich. Arbeitsamtmaßnahmen sind Big Business. Nur sind Sie als Teilnehmer weder Kunde noch Player, sondern verfügbare Masse. Gehen Sie besser zu den Orten, wo man real arbeitet, nehmen Sie dort den Hintereingang und sprechen Sie den Chef an.

Zeit, Energie und Hoffnungen investieren Sie am besten in aktives Bewerberverhalten.

Ein Tipp für Stellensuchende, die schon länger ohne Arbeit sind: Vielleicht schreiben Sie einmal selbst einige der interessanten Inserenten an. Treffen Sie sich zum Erfahrungsaustausch, überlegen Sie gemeinsame Aktivitäten. Lernen Sie Ihre Konkurrenten auf dem Stellenmarkt einmal kennen. Geben Sie sich gegenseitig Unterstützung und üben Sie praktische Solidarität. Vielleicht kommen Sie gemeinsam auf gute Bewerbungs-, Job- oder Geschäftsideen!




 
Eine Frage an Stellenbewerber

Wer immer an Ihnen interessiert ist, der verfolgt ausschließlich sein eigenes Interesse. Welches Interesse hat jemand, der an Sie herantritt, Ihnen aber keinen Job anbieten kann oder mag? - Glauben Sie stets an das Gute im Menschen, aber graben Sie Ihr Sparschwein tief ein. (Glauben Sie nie an das Gute in Politikern und Funktionären und lassen Sie diese Kaste nie erfahren, dass Sie ein Sparschwein haben.)


(Revision 12.2002 © Gerhard Winkler, jova-nova.com)