An die Arbeit! - Ein Ratgeber von Gerhard Winkler
 

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PROFIL UND ANGEBOT

Bewerber-Profile sind oft dermaßen langweilig, dass man sich weit aus dem Office-Fenster lehnen und frische Luft schnappen möchte. Nicht, weil der Kandidat selbst oder sein Beruf so sterbenslangweilig wären. Der übereifrige Bewerber feuert auf seinem separaten Profil-Blatt einfach eine Breitseite an Banalitäten ab:

Erledigung der Korrespondenz
Erledigung des Postein- und ausganges (!)
Vor- und Nachbereitung von Teammeetings
Gähn
Führen der Handkasse
Organisation und Bereitstellung des Büromaterials und –möbel (!)
Organisation und Koordination der Hotelunterkünfte und des Rücktransportes (!) zum Airport/Bahn
...

Und das nimmt kein Ende. Die Dingbats-Pfeilchen auf der hier zitierten authentischen Profilseite spießen unerbittlich, Zeile für Zeile, berufliches Alltagsverhalten auf. In diesem Fall ist es so selbsterklärlich wie sekretärlich:

Unterstützung des Teams bei verschiedenen Projekten
Betreuung der Führungskräfte des Unternehmens in allen administrativen Angelegenheiten

Ich verfalle vielleicht einem Vorurteil, wenn ich behaupte, dass Sekretärinnen besonders gern Erbsen zählen: In meiner Bewerbungspraxis sind dies Frauen mit bodenständiger kaufmännischer Ausbildung und schon etwas bemooster Stechkarte. So tough wie Muhammad Ali und logistisch so versiert wie der Gesamtvorstand von Danzas. Mit Augen, die schon alles gesehen haben, was sich Geschäftsführer, Abteilungsleiter, Leiter Personal, Geschäftsbereichsleiter und Teammitglieder bereits schon seit 1984 an schlimmen Fauxpas geleistet haben. Natürlich sind es nicht nur gestandene Sekretärinnen und Office-Administratorinnen, die ellenlange Listen aufsetzen und akkurat mit spitzen Pfeilen oder kleinen Kugeln verzieren. Wer dies aber macht, der hat ziemlich sicher irgendwo bei den Coach-Potatoes von Falke oder Eichborn nachgelesen, dass es höchst angebracht sein soll, so zu verfahren.

Ist es aber nicht.

Man bevorzugt ja nicht die Kandidaten, die kein Ende finden. Vor allem dann, wenn fixe Konkurrenten die Aufgabenstellung nicht minder kapiert haben und dies nicht extensiv, sondern treffend belegen. Das Selbst-Briefing erhebt Bewerber zwar über den Stand jener bedauernswerten Menschen, die nicht wissen, was sie täglich tun. Es ist aber wirklich nur für einen selbst gedacht. Ganz sicher auch noch für jenen besonderen Menschen, der höchst einfühlsam jede Facette eines harten Arbeitslebens betrachtet und analysiert: Auf einem Bewerberprofil besteht zweifellos Ihr persönlicher Bewerberberater.

Jeder Mensch profitiert enorm davon, wenn er bei Gelegenheit innehält, sich selbst prüft und restlos alles notiert, was er an Arbeiten leistet. Noch besser ist es, diese Informationen in Bezug zu setzen auf die Organisation, für die man jobbt. Fast schon genial: sich mit den Bezugspersonen im Organisationsdiagramm zu vergleichen. Und das non plus ultra an Selbsterforschung: Alle diese Informationen in einem letzten Schritt mit den vereinbarten Zielen und erzielten Erfolgen abzugleichen. Sie grenzen damit zum Beispiel ein, was Sie zuviel tun. Was Sie nicht so richtig gut tun. Was Sie tun, obwohl Sie es nicht müssten. Was Sie tun, obwohl Sie es nicht dürften. Was Sie vermeiden, obwohl man es von Ihnen erwartet. Und weshalb Ihr Tun Sie insgesamt zu einem As macht, wenn man es einmal genau betrachtet. Und das tun Sie ja gerade.

Aber diese Daten roh und unbearbeitet weitergeben? Damit gesteht man ein, dass man nicht zu synthetisieren versteht. Lange Aufzählungen von typischen Alltagsaufgaben erwecken immer den Eindruck, dass man kleinlich denkt und ungern gewichtet. Als Bewerber präsentiert man sich tunlichst nicht um vieles klüger, als der Job verlangt. Aber auch nicht so, wie sich ein Personaler den Prototyp des in seiner eigenen kleinen Welt gefangenen Angestellten vorstellt:

Organisation,Koordination von Dienstreisen, Meetings, Seminaren etc. inkl. Reisekostenabrechnung
Erstellung und Gestaltung von Präsentationen, Statistiken, Jahres- und Monatsberichte (!) für
Meetings, Tagungen, Seminaren (!), Gesellschafterausschüsse

So aufgezählt, ist es nicht spannend. So unsystematisch von oben nach unten geschrieben, ist es mehr eine Drohung als eine Verheißung. Es signalisiert: Obacht! Ich bin permanent beschäftigt. Unter anderem mit:

Führen der Handkasse.

Oh, das hatten wir schon, wird ein aufmerksamer Leser ausrufen. Irgendwann in den ausgehenden Siebzigern fiel dem Autorenduo Dröge und Smarter die Sache mit dem Profilblatt ein. Die Idee war, dass genervte Personaler wenigstens irgendetwas Konkretes in der Bewerbungsmappe finden sollten. Und ein paar Jahre später hatte dann ein bewerbungsberatendes Äquivalent von V. Feldbüsch die Idee, das Ganze mit dem Bei-Beiblatt „Was Sie sonst noch über mich wissen sollten“ auf die Spitze zu treiben. Doch alles, was der Große Personalverantwortliche dort oben und seine vielen Stellvertreter hienieden über einen wissen müssen, das kondensiert sich allein im Anschreiben und im Lebenslauf. Um es so alttestamentarisch wie deutlich zu sagen: Liebe Bewerber! Der Lebenslauf sei Ihr Schild und das Anschreiben Ihr Schwert. Und kommen Sie bitte nicht auf den Gedanken, das Profilblatt sei dann halt Ihre Rüstung. Diese Bewerberbeilage ist nichts anderes als eine Kapitulationserklärung.

Simple Bullet-Listen ergeben kein Profil. Ein Profil ist ein charakteristisches Erscheinungsbild. Bewusst skizzieren und arrangieren geht da allemal über simples Aufzählen hinaus. Anschreiben und Lebenslauf sind ja Teile einer Präsentation. Die Präsentation verleiht dem Bewerber Gestalt. In dieser Gestalt zeigt sich das Bewerbervermögen, ein Selbst-Bild nach dem Wunsch des Stellenanbieters zu formen. Eine Feature-Liste fordert dagegen den Personaler heraus: Such dir selbst aus, was dir davon passt. Ich bin zu faul oder zu ungeschickt, die wesentlichen Informationen selbst auszwählen und zu arrangieren.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an der Gegenseite. In Stellenanzeigen wird nur aufgelistet, was von Belang ist. Oder es werden wenige Stichworte geliefert, aus denen der interessierte Bewerber sein Gegenbild zusammensetzt: Ein international tätiges Werbe- und PR-Agentur-Network sucht zum Beispiel für die Niederlassung in K. eine

Assistentin der Geschäftsführung

Aufgaben:
Leitung des Geschäftsführungsbüros
Termin- und Reiseplanung
Korrespondenz nach Phonodiktat
Abstimmung zwischen Geschäftsführung und Abteilungsleitungen

Anforderungen:
abgeschlossene kaufmännische Ausbildung
mehrjährige Berufserfahrung
gute MS-Office-Kenntnisse
überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft
stresserprobt, Flexibilität
Bereitschaft zu Überstunden


Die richtige Antwort darauf gibt man nicht mittels eines Profilblatts. Texten Sie ein Anschreiben und fangen Sie so an:

...,

ich bin Sekretärin des Geschäftsführers Deutschland einer international operierenden Agentur. Für die gesamte Einheit stimme ich den zentralen Kalender ab. Zu meinen vielfältigen Aufgaben zählen das Planen und Organisieren von Geschäftsreisen, Messe- und Kongressbesuchen, Agentur-Events und internationalen Teammeetings. Für den Leitungskreis koordiniere ich zum Beispiel die Sitzungen, erstelle ich Präsentationen und Vorlagen und führe ich das Protokoll.

Meiner Arbeit zugute kommen eine fundierte Ausbildung zur Anwaltsgehilfin, kontinuierliche berufsbegleitende Weiterbildungen, eine mehrjährige berufliche Praxis in Media-Agenturen und eine ausgesprochene Affinität zu administrativen und organisatorischen Aufgaben.
...

Und so weiter. Legen Sie los! Es macht Spaß, sein eigenes Profil zu schärfen!

(Revision 12.2002 © Gerhard Winkler, jova-nova.com)