An die Arbeit! - Ein Ratgeber von Gerhard Winkler
 

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DIE ÜBLICHEN UNTERLAGEN


Das Arbeitsamt ist eine echte Zeitmaschine. Wer es aufsucht, landet nicht wirklich im Jetzt. Betreten wir so ein staatseigenes Jobcenter. Benutzen wir dort die magische Nummernmaschine. Reißen wir energisch ein Ticket ab. Wir haben die 100 gezogen. Obacht, wir setzen damit die magische Zeitkontenverwaltung in Gang. Und reisen exakt um 100 Jahre in der Zeit zurück.

Schauen wir uns an, wie man sich damals bewarb. Vor hundert Jahren, im Deutschen Reich, konnte aus jedem anständigen, unterwürfigen und bienenfleißigen Kleingeist etwas werden. Etwas bedeutete konkret: etwas ihm Rahmen sehr fieser und enger Standesgrenzen. In Arbeits- und Dienstverhältnisse wuchs man wie auf natürliche Weise hinein. Was man wurde, nahm man eher hin, als dass man es selber bestimmte. Als besonders begabtes Unterschichtenkind kämpfte man sich vielleicht eisern durch, um in einem ungeheizten Priesterseminar oder irgendwo im nicht sättigenden Staatsdienst unterzukommen.

Wer einen Job suchte, der suchte dazu in den meisten Fällen persönlich den Arbeitgeber auf. Vielleicht hatte er ein Dienstbuch dabei, in der die früheren Arbeitgeber eingetragen waren. Für Hauspersonal war dies Pflicht. Wer handschriftlich ein Bewerbungsschreiben verfasste, der orientierte sich am gepflegten Kanzleistil. In der bunten Welt der Schreibweisen steht gepflegter Kanzleistil für das, was ein ausgestopftes Krokodil in der Fauna repräsentiert oder Johannes B. Kerner in der Welt der intelligenten Unterhaltung. Ein Bewerber unterlegte einen Briefbogen mit einer linierten Schreibvorlage, malte die Buchstaben und walzte die Floskeln breit aus. Er beachtete vor allem geflissentlich alle Anrede- und Unterwerfungsvorschriften im Umgang mit den Herren dort oben.

Bewerbern kam es auch damals darauf an, sich vorzustellen, über sich Auskunft zu geben und die eigene Absicht zu erklären. Es kam ihnen aber viel mehr darauf an, die Rangordnung zu würdigen, sich anheischig zu machen und die Machtverhältnisse anzuerkennen. Willig, formbar und untertänig hießen die goldenen Bewerbertugenden. Das war marktkonform, denn das Deutsche Reich hatte die Tendenz, seine Untertanen über die Reichgrenzen hinaus zu verheizen. Nichts war den Herren dort oben mehr suspekt als solche gesellschaftszersetzenden Tendenzen wie eigenverantwortliches, ethisches und rationales Handeln. Und das Volk hat seine Elite ja bis auf ein kurzes November-Intermezzo auch nicht enttäuscht.

Noch im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert haben Jobsucher handschriftliche Bewerbungen im wilhelminischen Stil verschickt. Doch seit den Fünfzigern, als die Katalogversender billige Kofferschreibmaschinen anboten, schlug man auf der Triumph Adler neue Klingeltöne an. Findige Menschen übertrugen die DIN-Regeln für Maschinenschreiben auf die Bewerberkorrespondenz. Schreibvorlagen dazu lieferten die Briefsteller für die kaufmännische Administration. Aus der neuen amerikanischen Wissenschaft vom Markt bezog man praktische Anweisungen für Überzeugungsarbeit und Selbstpräsentation. In Sachen Bewerbung hat immer zuerst die Avantgarde der Gutverdiener neue Mittel und Wege ausprobiert: Telefon, Bewerberfoto, Schreibmaschine, Kopierer, Fax, Textverarbeitung, Internet, Mail, multimediale Präsentation ...

Die Achtziger und Neunziger sahen den Siegeszug der Bullet-Listen und der auf mehrere Blätter ausufernden Bewerbervorstellung. Ratgeber legen den Schwerpunkt nicht mehr auf Vermittlung von allgemeinen Normen und Vorschriften, sondern propagieren, was die Seminare in Werbepsychologie und Produkt-Marketing an Slogans hergeben: kreatives Bewerben, Guerilla-Selbstvermarktung, Networking, Selbstmotivation, positives Denken, datenbankgestütztes Profiling ...

Krönung des postmodernen Kandidaten-Packaging ist die Bewerbungsmappe aus edlem Material – am geilsten aus angstschweißabweisendem, echtem Boxcalf.

Kein Bewerber kommt drum herum, sich zu erklären. Jeder Bewerber möchte genau das für seine Bewerbungsunterlagen übernehmen, was derzeit angesagt ist. Doch auf allen Info-Kanälen ist ständig alles Mögliche angesagt. In einer Frauenzeitschrift im Beipackformat war unlängst wieder die Aura einer Bewerberin eine Coverstory wert. Da mag man eigentlich nur noch die Blattmacherinnen mit einer Frank-Zappa-Zeile beleidigen. Die Ratgeber folgen den Produktmanagern und die folgen den Marketingstrategen und diversifizieren mehr und mehr ihre Titel. Was fehlt, sind eigentlich nur noch Karrieretipps für Allergiker und die Ethno-Bewerbung, herausgegeben vom Freiburger Konzeptbüro Interkulturelle Integration.

Wir haben hundert Jahre sehr kursorisch durchlaufen und befinden uns wieder an unserem Ausgangspunkt. Kübeliges Grün, blitzende Chrombeine und das Quatschen von Joggingschuhen auf blankem Boden: Hallo, nettes deutsches Service-Center! Aufgerufen wird gerade die Nummer 97. Da bleibt uns noch ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken, ob es nicht doch eine universelle Bewerberstrategie gibt. Eine, die unabhängig von den benutzten Medien und vor allem unbeeinflusst von den Tagesrezepten der Cash & Carry-Consultants funktioniert.

Ganz sicher sind Anschreiben und Lebenslauf heute notwendige Bestandteile einer jeden schriftlichen Bewerbung. Was kommt sonst noch in die Mappe? Da ist vieles denkbar, einiges üblich und das meiste davon will nicht wirken.

Vor hundert Jahren mussten Sie jede einzelne Bewerbung sorgfältig schreiben. Das Thema heute lautet schon gar nicht mehr: „Bewerbungsunterlagen im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit“. Sie können ja Ihr gesamtes Leben, Ihre Arbeit, all Ihr Tun und Lassen digitalisieren und mitsamt Link zur Aura-Selbsthilfe Untere Elbe e.V. der der desinteressierten Welt offenbaren. Das Thema für Bewerber von heute scheint eher zu lauten: „Informationsauswahl und Präsentation im Zeitalter der Infomanie.“

Ihr Kriterium für die Auswahl Ihrer Unterlagen: Kann ich mich damit ehrlich, einfach, ansprechend und angemessen bewerben? 2E2A als Bewerbungsstrategie. Das verleiht Ihnen die Aura des Siegers. Und an üblichen Unterlagen verwenden Sie am besten die, mit denen Sie üblicherweise Erfolg haben. Greifen Sie zurück auf ...

... ein seriöses Dokument.
ausgestellt von einer von einer respektablen Person oder Institution,
das harte Fakten nennt,
und zweifelsfrei Ihre besondere Eignung unterstreicht,
möglichst für jetzt und für die Zukunft,
um verlangte Kernaufgaben oder eine zu besetzende Funktion erfolgreich zu übernehmen.

(Revision 12.2002 © G. Winkler, jova-nova.com)