An die Arbeit! - Ein Ratgeber von Gerhard Winkler
 

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ARBEITSZEUGNISSE UND TÄTIGKEITSNACHWEISE

Der Leser Ihrer Unterlagen darf voraussetzen, dass Sie Ihre Angaben in Anschreiben und Lebenslauf auch gewissenhaft belegen. Als essentielle Beweisstücke gelten deshalb Ihre Arbeitszeugnisse und Nachweise. Ihr ehemaliger Arbeitgeber ist sogar gesetzlich angewiesen, Ihnen dabei gefällig zu sein: Das wohlwollend formulierte Arbeitszeugnis ist Ihr gutes Recht.

Sollte Ihnen noch eines dieser Dokumente fehlen, bemühen Sie sich auf der Stelle darum. Sie möchten aber keineswegs Ihren ehemaligen Arbeitgeber ansprechen? Lieber würden Sie eine unvollständige Bewerbung abgeben? Diese Art von Stolz bringt Sie nicht weiter als bis dahin, wo Sie jetzt bereits stehen. Gefällt es Ihnen dort? - Notieren Sie also am besten selbst alle wichtigen Daten, formulieren Sie Ihr Arbeitszeugnis vor, schreiben Sie einen höflichen Begleitbrief und bringen Sie alles ganz schnell auf die Post. Auf diese Weise machen Sie es Ihren Mitmenschen leicht, Ihnen das zu geben, was Ihnen sowieso zusteht.

Sie haben Anspruch auf ein 'gutes' Arbeitszeugnis und Ihr Arbeitgeber kann es ohne große Mühe 'verschlüsseln'. Dies behauptet man zumindest. Übersetzungstabellen für die angeblichen Geheimcodes der Personalchefs finden Sie in der Presse und auch in der einschlägigen Literatur. Doch selbst Wissenschaftler haben in zwanzigjähriger, eingehender Forschungsarbeit und Analyse von Arbeitszeugnissen weder Geheimsprachen noch Geheimzeichen entdecken können (Vgl. "Die Sprache der Chefs ist kein Geheimcode", in FAZ, 6.8.94, S.35).

Wozu auch? Mit recht einfachen sprachlichen Mitteln werden auch Sie bisweilen etwas sagen oder schreiben, das eigentlich etwas ganz anderes meint. Eigentlich ist es ja kinderleicht, Informationen geschickt zu verpacken und zu vermitteln.

In Arbeitszeugnissen finden Sie beispielsweise folgende Verfahren:


Auslassung

Es wird nur auf das Verhältnis zu den Kollegen und nicht auf das zu den Vorgesetzten eingegangen, ein Teilbereich der Aufgaben wird nicht erwähnt, es fehlen allgemeine, u.U. wichtige Aussagen über Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Fleiß etc.

Indirektheit

Anspielungen werden zwar von Insidern für Insider gemacht, sind aber dennoch recht leicht zu enträtseln. Was verbinden Sie denn mit Angaben wie 'Geselligkeit', 'Einfühlungsvermögen', 'Toleranz' oder 'Fröhlichkeit' in einem Arbeitszeugnis? Indirekt und dennoch unverhohlen Sachverhalte auszudrücken, ist denkbar leicht: So steht in einem Zeugnis geschrieben, dass einer 'keinerlei Anlaß zu Beanstandungen gegeben und alle Arbeiten weisungsgemäß und ordentlich besorgt' hat. Derartiges versteht sich allemal von selbst. Will dem Verfasser sonst nichts Gutes mehr einfallen? Warum nicht?

Negation

Jemand hat sich laut Text 'stets interessiert gezeigt', genauer gesagt, er war gänzlich unmotiviert; ein anderer hat 'alles darangesetzt, die ihm aufgetragenen Arbeiten zu erledigen' (sofern man ihn zum Jagen getragen hat); ein Dritter war 'auf Anweisung immer bereit', sich zu engagieren.

Herabsetzung

In unpersönlichen Wendungen und Passivsätzen werden Mitarbeiter irgendwo eingesetzt, vertraut gemacht, mit Aufgaben betraut - kurzum, mit ihnen wird umgesprungen.


Übertreibung

Das gute alte Stilmittel wird heute ganz ernsthaft benutzt. Erst wenn sich der Arbeitgeber absolut begeistert zeigt, war die Leistung des Arbeitnehmers passabel. Da aber mittlerweile ein jeder Nachtwächter stets außerordentlich, in höchstem Maße und in jeder Hinsicht zu unserer vollsten Zufriedenheit die Stunden geblasen hat, wirken moderne Arbeitszeugnisse ein wenig wie Waschmittelwerbung. Sicher wird sich die Mode wieder ändern und der sachliche Ton sich wieder durchsetzen. Schon jetzt können Sie sich gegen die üblichen Floskeln wehren.


Wer ihnen mit einer angeblich verborgenen, von Personalchefs abgesprochenen Bedeutungsebene von Beurteilungen kommt, handelt unter Umständen unseriös. Denn neben dem Wortwörtlichen existieren die Ebene der Konvention ('Trennung im gegenseitigen Einvernehmen' bedeutet eben 'Kündigung') und eine Vielzahl weiterer möglicher Lesarten. Je geschickter einer formulieren kann, desto besser kann er auch den Verstehensprozeß des Lesers steuern.

Achten Sie ganz genau auf zweifelhafte oder zweideutige Aussagen. Bestehen sie auf klare und präzise Statements und verlangen Sie, wenn nötig, eine Korrektur. Im Streitfall können Sie immer vor das Arbeitsgericht gehen.

Alle Ihre Arbeitsaufgaben und Tätigkeitsbereiche sollen im Arbeitszeugnis genau benannt werden. Beschrieben und gewürdigt werden muß auch Ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Untergebenen. Das Dokument enthält ferner Angaben über Beschäftigungsdauer und Kündigungsgründe.


 
Ein echtes handgemachtes Arbeitszeugnis

Dort, wo in Personalbüros Spezialisten an Ihrem Zeugnis feilen,
da brauchen Sie nur das Ergebnis zu kontrollieren. Wenn jedoch ein Arbeitgeber sich nicht die Zeit nehmen kann oder wenn das Formulieren eindeutig nicht Chefsache ist, da schreiben Sie Ihr Zeugnis einfach vor. Mein Rat: Vermeiden Sie jede Bewertung. Streichen Sie jeden Superlativ. Schreiben Sie statt dessen alles auf, was Sie getan und geleistet haben. Stellen Sie umfassend dar, was Sie wann mit wem geleistet haben. Schmälern Sie nicht Ihren Anteil. Übertreiben Sie nicht. Legen Sie dann diese Aufstellung vor und bitten Sie darum, dass man ihre Darstellung als Vorlage nimmt und um Bewertungen ergänzt.