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Man legt Ihnen ein Anschreiben vor und bittet Sie um konstruktive Kritik.Jetzt nicht nervös werden. Stellen Sie an den Text zehn einfache Fragen.

Politische Rede ist die Kunst abzulenken, Bewerben ist die Kunst hinzuweisen. Jobanbieter wollen nicht mit schönen Worten verführt, aber mit klaren Worten aufgeklärt werden. Die Wirkung des Anschreibens ergibt sich darum aus der versprachlichten Kompetenz des Bewerbers. Schön formuliert heißt im Bewerbungsfall vor allem: simpel, argumentativ und tatsachenbezogen getextet.

Wann immer jemand Sie bittet, kurz zu prüfen, ob ein Anschreiben so in Ordnung ist, dann freuen Sie sich, dass man Ihrem Gespür für Texte vertraut. Studieren Sie jedoch das Schreiben nicht unter dem Gesichtspunkt, ob es auch dem Anschein nach korrekt ist. Jedes Anschreiben, das sich liest wie ein aus einem einschlägigen Handbuch kopierter Mustertext, verringert die objektive Bewerberchance. Erfolgreich bewerben bedeutet immer eine gekonnte Grenzüberschreitung. Man übertrifft die Erwartung. Man tritt aus der Reihe und man stellt sich heraus. Machen Sie es als Prüfer von Anschreiben so wie ich. Ich stelle diese Leitfragen:
- 1. Wo stecken die Fakten? Geballt am Anfang (Wow-Effekt!) oder verstreut über den Text?
2. Legt der Verfasser damit gleich nach der Anrede los oder pflegt er ein sinn- und fruchtloses Vorspiel über einen oder zwei Absätze?
3. Werden zwei Drittel des Brieftexts mit konkreten Informationen besetzt? Oder füllt man die Zeilen mit Versicherungen, Beteuerungen und Rechtfertigungen auf?
4. Sind die harten Pro-Argumente nach dem Prinzip Wichtigstes zuerst sortiert?
5. Belegen die Angaben die spezifische Jobkompetenz?
6. Wird die Praxiserfahrung durch Bildungserfahrung abgesichert?
7. Werden all die für den Job nötigen erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten dargestellt?
8. Werden die eigenen Bedingungen und Wünsche benannt?
9. Wird am Briefende der Anspruch noch einmal auf den Punkt gebracht?
10. Weist der Schlusssatz in die Zukunft?
Auch für lesbare Anschreiben lohnt sich das aufmerksame Durchlesen. Faktenreich und detailliert war bereits die Bewerbung, die mir eine Kunstexpertin zur Kurzkritik zugeschickt hat:

Editorial Intern, Ihre Anzeige auf smart-artbook.com

Sehr geehrte Frau Härdle,

als Ausstellungsmanagerin an Museen in Frankreich war ich für die Koordination der Katalogproduktion verantwortlich. Dazu gehörte die Bildrecherche bei Agenturen und Verlagen, Anforderung von Ektakromen, Dias oder Bilddateien internationaler Museen und Institutionen sowie deren Weiterleitung an Druckereien. Ich verhandelte Veröffentlichungsrechte und achtete darauf, dass diese eingehalten wurden. Ich kontrollierte den Texteingang der verschiedenen Autoren und koordinierte deren Übersetzungen.

Ich arbeitete eng mit Kuratoren und Mitarbeitern aus verschiedenen Ländern zusammen und hatte einen sehr vielseitigen Aufgabenbereich. Dabei konnte ich mein Kommunikationstalent einsetzen und meine sehr guten Fremdsprachenkenntnisse in Englisch, Französisch und Spanisch anwenden. Auch unter Zeitdruck habe ich die Organisation schnell und methodisch geleitet und konnte bei den unterschiedlichsten Aufgaben äußerst flexibel reagieren.

Dank meiner Arbeitserfahrung im Kulturjournalismus und in der PR gehören die Text- und Bildbearbeitungs-Programme Xpress und Photoshop zu meinem Handwerkszeug. Da ich mich für Textgestaltung begeistere, nehme ich außerdem in Paris an einer Weiterbildung in Typographie und Layout teil.

Nach mehreren Jahren Auslandaufenthalt in Frankreich und Frankreich möchte ich nach Deutschland zurückkehren und den Einstieg in einen Kunstbuchverlag schaffen. Als M.A. der Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Romanistik interessiere ich mich für internationale Trends in Design, Architektur und Kunst; während meiner Arbeit als Kulturredakteurin lag mein inhaltlicher Schwerpunkt bei diesen Themen. SMART ARTBOOK ist für mich wegen der Originalität und Stilsicherheit des Verlagprogramms die erste Wahl. Die Chance, dabei in einem multikulturellen Umfeld zu arbeiten, ist für mich eine weitere Motivation.

Als engagierte "editorial intern" möchte ich meine vielseitige Kompetenz in Ihren Verlag einbringen sowie meine Kreativität und mein Gespür für Trends und Gestaltung zur Verfügung stellen. Über ein persönliches Gespräch würde ich mich deshalb freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Edna S. Aarf

Diese Vorlage wird noch besser, wenn man sie weiter strafft, die Argumentation schlüssig hält und mit Namen und sonstigen Realitätspartikeln anreichert. Nicht vergessen: Jobanbietern bläst man üblicherweise so viel heißen Wind um die Ohren, dass sie sich ehrlich freuen, wenn zur Abwechslung einmal Windstille herrscht und sie die klare Stimme des Bewerbers vernehmen.

Bevor Sie detailliert erklären, was im Anschreiben raus soll, was rein soll und welche Angaben wo stehen, können Sie natürlich auch selber fix zaubern und Hand an die Bewerbung legen. Aber bitten Sie den beglückten Bewerber um Diskretion. Sonst kommen bald alle mit ihren Unterlagen zu Ihnen.

Editorial Intern

Sehr geehrte Frau Härdle,

als Ausstellungsmanagerin für das Musée de la Ville im französischen Sainscuisses habe ich Katalogproduktionen koordiniert, Veröffentlichungsrechte eingeholt und überwacht, Autoren gesteuert sowie Übersetzungen angefordert und redaktionell betreut. Meine Zuständigkeiten umfassten zudem die Recherche von Bildquellen und das Anfordern von Druckvorlagen bei internationalen Museen und Institutionen. Zeitgenössisches Design, Industrie-Architektur und die neue Kunstszene sind die thematischen Schwerpunkte meiner weiteren praktischen Erfahrung als Kulturredakteurin für den Libertin Dauphiné und als Praktikantin im Amt für urbane Entwicklung der Stadt Zaragossa.

Meiner Arbeit zugute kommt mein mit 1,9 abgeschlossenes Master-Studium der Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Romanistik an den Universitäten Frankfurt und Reims. In meiner wissenschaftlichen Arbeit habe ich den internationalen Online-Kunsthandel analysiert und Marktprognosen für zeitgenössische Druckgrafik erstellt. Für mich sprechen auch meine kontinuierlichen Weiterbildun-gen in Managementtechniken und PC-Anwendungen. So nehme ich derzeit an einem Training in Typographie und Layout am Pariser Centre d'Illustration et de Commerce Jean Reiser teil.

Dank meiner international ausgerichteten Projektarbeit verhandle ich sicher auf Englisch und Französisch. Spanisch beherrsche ich in Wort und Schrift. Mit QuarkXpress, Adobe Photoshop, MS Office, Mail und Webrecherche weiß ich sicher umzugehen.

Nach meinen Arbeitsaufenthalten in Frankreich und Spanien suche ich die nächste Bewährungsprobe in einer auf die internationale Kunstszene ausgerichteten Organisation. Ist Ihnen an einer teamfähigen Editorial Intern gelegen, die sich in Textredaktion, Projektmanagement und Ausstellungs-organisation bereits nachweisbar bewährt hat? Dann überzeuge ich Sie sehr gern im direkten Gespräch von meiner fachlichen und persönlichen Eignung. Ich freue mich über ihr Feedback.

Mit freundlichen Grüßen

Edna S. Aarf

In der Praxis erweist es sich als hilfreich, wenn Sie sich das Anschreiben vom Verfasser einmal ohne Unterbrechung vorlesen lassen. Einen Brief in ein mündliches Briefing umzuwandeln deckt Schwächen in Aufbau, Argumentation und Tonfall erbarmungslos auf

Berlin, 14.08.2005 - Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com

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