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Auf der Wiese beim Chillen, an den Stehtischen ungepflegter Gastlichkeit und auch im Web sprechen sich die Menschen ganz ohne Scheu und Argwohn aus. Ich bin ein Web-basierter Berater und klicke ich mich ab und zu, wenn alle schon schlafen, durch die Kommentare und Postings von Jobsuchern. Nach dem, was ich so, mit manchmal spitzem Mausklick, auf mein Display befördere, ist die gefühlte Arbeitslosigkeit (U. Albrecht) noch weit dramatischer als die miese Lage auf dem Jobmarkt. Ein Posting fiel mir durch die geradezu BILDhafte Überschrift auf. Es bringt die allgemeine Stimmung auf den (Tief-) Punkt. Der Titel lautet

Mobbing im Vorstellungsgespräch

Schwer, mit dem empörten Verfasser nicht mitzufühlen. Auf diesen Typ der bedrängten Unschuld trifft man öfter. Die Arbeitswelt besteht für ihn aus Tätern, die ihm aktiv etwas verwehren. So eine Sicht erspart die Mühe, andere Menschen für sich und die eigene Sache zu gewinnen. Hat sowieso keinen Zweck. Häufige und sehr deprimierende Meldungen liest man vor allem auch von Jobsuchern, die an akutem Arbeitsmangel erkrankt sind. Und immer wieder melden sich in den Online-Foren resignierte Jobphilosophen zu Wort: Wir sitzen alle im selben Boot. Es geht gerade unter.

Den Gereizten, den Frühaufgebern und all den Blinden, die gern an der Hand zum Job geführt werden wollen, schreibe ich gern ein paar deutliche Worte ins Kommentarfeld.

1. Sie sind sich selbst der beste Helfer

Niemand spricht für Sie, wenn nicht Sie selber. Wenn Sie nicht vorsprechen, jemanden ansprechen, und sich aussprechen, erfährt kein Mensch in der Welt von Ihnen.

2. Sie sind Ihr bester Agent

Niemand handelt für Sie außer Sie selbst. (Und die Leute, die Sie für Ihr Anliegen einspannen.)

3. Erfolg braucht Wahrscheinlichkeit und Glück

Bewerbungserfolg ist der Triumph der Wahrscheinlichkeit über die Zeit. Oder der Triumph des Glücks über die widrigen Umstände. Wahrscheinlichkeit braucht Zeit. Glück braucht Einsatz. Zeit und Einsatz sind Ihr Kapital als Jobsucher.

Planmäßig handeln, für sich selber sprechen, die notwendige Zeit aufbringen und sich voll und ganz für seine Bewerbersache einsetzen. Das ist alles. Mehr brauchen Sie nicht zu tun. Täuschen Sie sich aber nicht. Das ist bereits ein voller Stundenplan.

Vielleicht denken Sie jetzt dasselbe, was der Nutzer eines beliebten Online-Portals zu einem meiner Texte getippt hat: Schon tausendmal gehört. Freut mich, dass ich auf einmal Mainstream bin. Ich denke eher: Sie haben tausendmal nicht auf sich selbst gehört. Immer dann, wenn Sie nicht wirklich losgelegt, den Mund nicht aufgemacht, sich keine Zeit genommen haben und nicht eisern hinter Ihrer Agenda her gewesen sind.

Bewerben ist konkret. Bewerbungsrat ist darum direkt umsetzbar. Wenn Sie länger erfolglos auf Jobsuche sind, prüfen Sie:

1. Reagiere ich nur?

Reagiere ich eigentlich nur auf Jobangebote? Handle ich deshalb in diesen Wochen nicht, weil es kaum welche gibt?

Schlimmer Verdacht: Sie kennen und nutzen nicht alle Bewerbungswege. Sie spannen keine Agenten für sich ein. Sie haben eine falsche Konzeption vom Jobmarkt. Fest steht: Arbeit gibt es dort, wo Leute arbeiten. Gehen Sie dorthin und fragen Sie nach. Auch wenn der Weg weit ist oder ungebräuchlich oder unbequem.

2. Stimmt meine Präsentation?

Verwende ich immer die selben oder nur oberflächlich angepassten Bewerbungsunterlagen?

Böser Verdacht: Ihr Anschreiben und Ihr Lebenslauf sind das Papier nicht wert, auf dem sie ausgedruckt sind. Ihre Mappe sieht aus wie die Speisekarte vom Hotel zum brünftigen Hirsch. Ihre Anlagen sind so dick wie die Mauern von Troja und so erinnernswert wie dem Metzger sein Hund seine Wurst von gestern. Vergessen Sie nicht: zwischen den durchschnittlichen Unterlagen - so wie sie Bewerbungsbücher verbreiten, wie sie der Trainer vom Arbeitsamtkurs durchgehen lässt und sie ein Jobanbieter akzeptiert - und wirklich guten Unterlagen, die auch funktionieren, da klafft eine sehr breite Lücke. Die ist noch weit größer als das Honorar, das ich berechne, um sie mit meiner Optimierung zu schließen.

3. Stelle ich zu viele Bedingungen?

Grenze ich meine Jobsuche durch Bedingungen ein?
Sie können aus Kleintissen nicht fort. Was wäre, wenn Sie mal bis Kiel suchen? Sie können bloß halbtags. Welche Zukunftsperspektiven geben Sie dafür auf? Sie möchten keine mindere oder schwierigere Arbeit. Sorry, aber Ausbildung und frühere berufliche Tätigkeiten schützen nicht vor Anpassung an den Jobmarkt.

4.Belüge ich mich selbst?

Bin ich ehrlich zu mir selbst? Um herauszufinden, dass Sie nicht mehr bringen, was fachlich verlangt wird, brauchen Sie keinen Berater. Das sagt Ihnen der Jobmarkt. Ich werde wieder sehr deutlich: Dass man mal etwas unter Schmerzen erlernt und lange erfolgreich ausgeübt hat, schützt nicht davor, dass ein Wissen veraltet. Jede ehrliche Bestandsaufnahme erfordert eine nüchterne Mitleidslosigkeit gegenüber sich selbst. Ihr fachliches Profil und Ihre Arbeitsbereitschaft sind ein Gut, das zu pflegen, zu entwickeln und zu vermarkten Ihnen selbst aufgetragen ist.

5. Bin ich zu alt?

Bekommen Sie zu hören, dass Sie zu alt sind, dann fragen Sie beim Personalchef und Geschäftsführer der Organisation noch einmal gezielt nach. Bestätigen diese, dass Ihr Alter das ausschlaggebende Einstellungshindernis darstellt, dann melden Sie dieses Vorkommnis an eine Stelle, die solche Fälle von Diskriminierung sammelt und propagiert. Diese Lobby für Leute über Vierzig prüft den Vorfall und ruft gegebenenfalls dazu auf, Produkte und Services der Organisation zu boykottieren. Ganz gezielt: in den Medien, am Ort des Firmensitzes, gegenüber Kunden und Geschäftspartnern. Die kurzsichtigen Aussortierer unter den Personalern, Personalvermittlern und Geschäftsführern stellt man außerdem auch öffentlich bloß - mit Foto und Altersangabe.

Fragen Sie mich nicht nach der Adresse dieser Pressure Group. Sie existiert nicht, weil Betroffene sich scheuen, auf effektive Weise unangenehm zu werden. Solche schmutzigen Jobs lassen sich auch nicht an den Staat oder an die Gewerkschaften delegieren - das verlangt Kampftruppen und keine Gschaftlhuber.

6. Sitze ich im falschen Kurs?

Ausgangspunkt: Ihr fachliches Wissen und Können bringt Sie in keinen Job. Idee: Maßnahme zur Reintegration oder Weiterbildung oder Zusatzstudium. Irrtum: Sie wären über die Dauer dieser Bildungsaktion von der Jobsuche entlastet. Ich möchte Ihnen den Spaß am Lehrgang nicht verderben. Doch wenn es um die nachhaltige Optimierung Ihrer Bewerberchancen geht, sitzen Sie wahrscheinlich sowieso im falschen Kurs. Wie immer Sie geplant und gedacht haben - Sie werden ziemlich sicher nicht vor der Anmeldung höchst persönlich 20 interessante Firmen angerufen und nachgefragt haben, ob Sie nach Ihrer Ausbildung gefragter sind als jetzt. Weder Arbeitsamt-Empfehlungen noch Info-Shows von Bildungsanbietern dürfen Sie davon abhalten, dass Sie eine mögliche Investition in Bildung durch eigene Marktanalyse im Voraus absichern. Und kein fürsorgliches Lernambiente mildert die Wucht der Erkenntnis: Jobsucher kennen keine Auszeit. Auch wenn Sie hauptamtlich mit dem Vertiefen von PC-Kenntnissen oder dem Anlegen von Wanderwegen beschäftigt sind: Aktives Bewerben geht vor.

Arbeitslose werden in Deutschland institutionell betreut. Man muss schon ein ausgesprochener Idiot sein, um diesen Institutionen ihr prozedurales Vorgehen, ihr Verwaltungsdenken und ihre Vermittlungseffizienz vorzuwerfen. Sie wollen doch nicht etwa einem Elefanten die dicke Haut übel nehmen? Mein Tipp: Adaptieren Sie sich an die Regeln, kooperieren Sie mit den Sach- und Fallbearbeitern, üben Sie im Gesprächsfall das Tragen korrekter Kleidung und ein sehr freundliches, selbstbewusstes, von sich überzeugtes Auftreten. Für den Fall, dass Sie annehmen, ich meine das wieder einmal nur ironisch: Fallen Ihnen noch viele andere Trainingsmöglichkeiten für offensives Selbstvermarkten ein?

Die institutionelle Betreuung gewährleistet Ihr materielles Überleben und hält Ihnen den Rücken frei, damit Sie Ihr eigenes Geschäft betreiben können. Ihr Geschäft besteht in Ihrer aktuellen Lebensphase darin, jemanden zu finden, der Sie für Ihre Leistungen und Dienste bezahlt. Akzeptieren Sie nicht nur, dass die Gesellschaft keine Arbeitslose braucht. Kümmern Sie sich in keinster Weise um die Gesellschaft. Gesellschaft ist eine Fiktion. Sehen Sie ein, dass es spezifische Umfelder, Organisationen, Gruppen oder einzelne Menschen sind, die Leute wie Sie oder sogar niemand anderen als Sie brauchen. Richten Sie den Blick nicht auf das allgemeine Elend. Fokussieren Sie sich auf Ihre Gelegenheit.

In aller Schärfe: Ihre Rahmenbedingungen sind schlecht. Sie treten nicht nur gegen Mitbewerber an. Die Jobanbieter selber sind verzagt, feige oder haben ihre Quartiere nach Billich-Lonsk verlegt. Sie haben als Arbeitsloser keine Lobby. So sehr arbeitslos zu sein, dass man aus Not auf die Gewerkschaft oder sonstige Vertreter der Werktätigen baut, das mag ich niemandem wünschen. Sie können der Politik nicht vertrauen. Die derzeit aktive Politiker-Mannschaft ist so unfähig, dass man auch als treuer Deutschland-Fan schon seit damals, als Willy noch Kapitän war, bloß noch vorzeitig das Stadion verlassen möchte. Könnte man die alle doch nur an den FC Porto verscherbeln
und mit dem Geld einen Staatssanierer engagieren.

Sie haben nur sich selbst und die paar Leute, die sich für Sie einsetzen. Arbeiten Sie an sich selbst. Arbeiten Sie an Ihrem Beziehungsnetz. Arbeiten Sie an Ihrem Profil, Ihrem Auftritt, Ihrer Vermarktung. In fünfzehn Jahren Beratungspraxis bin ich noch keinem begegnet, für den es keinen Platz in der Arbeitswelt gegeben hätte.


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Arbeitslos & Arbeitsamt
Anmerkungen zum Text von einem Arbeitsvermittler

"Die Jobangebote des Arbeitsamts spiegeln nicht den ganzen Markt wieder. Das SIS sammelt nur 30-40 % aller Jobangebote. (Das ist aber immer noch mehr als in allen Jobbörsen des internets ZUSAMMEN.)

Jeder Arbeitsvermittler betreut derzeit ca. 800, viele sogar noch mehr Jobsuchende. Da bleibt nicht all zu viel Zeit für ein angemessenes Gespräch.

Wir fordern nicht nur explizit auf, Eigeninitiative zu zeigen. Wir helfen sogar dabei. Das Arbeitsamt Düsseldorf bietet zum Beispiel ein "Bewerber-Office" an: Ein individuelles Coaching für Arbeitsuchende, das die Jobchancen nachweisbar verbessert."





(Ostrach 08-2003, GW, MA)

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