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Bewerbung - Praxisbeispiele lassen sich von Leuten beraten, die keine eigenen Gedanken haben."  Gerhard Winkler

"Leute, die keine Ideen haben ...

Freiberufler überschätzen sich gern. Sie denken: Keiner macht es so wie ich. Und kaum halten Sie sich über Wasser, denken Sie: Keiner kann es so wie ich. Ich berate mit offenen Augen und sehe, dass viele Wege zum Job führen. Bei meinem Klienten Herr L. fand ich aber, dass er sich seinen Weg unnötig schwer macht.

Seinen Lebenslauf kürzte ich so energisch, als würde ich mehr fürs Streichen als fürs Umstricken bezahlt. Dass ich ihm auch noch riet, seine Beiblätter "still im Garten zu vergraben", war nicht sehr nett. Doch wer sich ein bisschen in meine Bewerbungstipps einliest, der kommt sowieso sehr schnell darauf, dass sich bei dem Betreiber von jova-nova.com unter einer unansehnlichen Schale ein harter Kern verbirgt.

Herr L. war jedoch von meinem Vorschlag, Ballast abzuwerfen, nicht überzeugt. Er konterte mit einem Zitat aus materna.de: " [..]ergänzen Sie Ihre Bewerbung durch eine "persönliche Seite drei", in der Sie dem Leser etwas über sich "erzählen" oder ihn über Ihre Motivation und Arbeitsweise informieren können. Ihre professionelle Bewerbung hebt sich von der Masse ab. Formal hält sie einen gewissen Standard ein. Inhaltlich geht sie perfekt auf die Unternehmensbedürfnisse ein und betont Ihre beruflichen und persönlichen Qualitäten und Qualifikationen, die Sie angemessen und selbstbewusst verkaufen."

"Lieber Herr L.", antwortete ich da, "Sie fordern mich heraus."

7 Argumente gegen die Persönliche Seite 3

1
All das, was für Sie spricht, sprechen Sie im Anschreiben aus. Aber nicht erzählend. Auch nicht zeitlich aneinanderreihend. Ihre Leistung im Anschreiben: Konkrete Fakten so zu einer Präsentation zu verschweißen, dass man Sie als Person wahrnimmt, als Leistungsträger erkennt und als Verhandlungspartner auswählt.

Im Anschreiben verschmelzen Sie das, was faktisch für Sie spricht, zu einem Plädoyer. Ihr Schreiben auf eine Job-Offerte ist stets ein Angebot in Form einer Antwort. Und Ihr Initiativschreiben ist eine Antwort in Form eines Angebots. Fassen Sie das Anschreiben als eine ganz eigene Textform auf – Sie können es nur formal mit anderen Arten der Korrespondenz vergleichen.

2
All das, was konkret und faktisch für Sie spricht, das listen Sie auch im tabellarischen Lebenslauf auf. Obacht: Aufzählen heißt nicht ausformulieren. Das Anschreiben ist eine wohlgeformte Rede. Der Lebenslauf ist dagegen ein wohl gestaltetes Arrangement. Kriterien: Leichteste Erfassbarkeit, Daten so weit wie möglich verschlankt und stets auf eine angestrebte Position hin ausgerichtet.

Zwischenbilanz

Im Anschreiben stellen Sie sich dar. Im Lebenslauf stellen Sie Ihren Werdegang klar.

3
Für Anschreiben und Lebenslauf gilt gleichermaßen: Nichts erklären. Nichts kommentieren. Nicht erzählen. Keine Ego-Statements, die nichts weiter beweisen, als dass Sie die üblichen Reizwörter drauf haben. Ihre Bewerber-Rede sei konkret, substantiell, abgesichert. Oder gar nicht.

4
Die Gelegenheit, in der Sie über sich selbst, Ihre Motivation, Arbeitsweise, Ihre Qualitäten und mehr erzählen, die kommt vielleicht schon im ersten Kontaktgespräch. Und sie kommt in jedem Fall im Jobinterview. Diese einmalige Gelegenheit verlangt Ihre einzigartige Bewerberstory. Um die Chance herbeizuführen, brauchen Sie also keinen dritten Anlauf, keinen Materna, sondern bloß eine echte Gesprächssituation und reale Zuhörer. Und wehe, Sie machen diese Mini-Story Ihres Werdegangs nicht spannend, amüsant und zugleich lehrreich oder beispielhaft. Tipp am Rande: Die kurze und gern auch launige Erfolgsgeschichte Ihres Werdegangs führt Sie und Ihre Zuhörer wie von Zauberhand zum denkbar glücklichsten Ende: nämlich zum Hier und Jetzt des Vorstellungsgesprächs.

Zwischenbilanz

Anschreiben, Lebenslauf und Bewerberstory sind drei unterschiedliche, aber gleich starke Waffen der Selbstpräsentation. Die Rede - das Datenblatt - die Story: Jede Präsentation ist in sich komplett, kann allein bestehen und ist für sich stark genug, um zu überzeugen.

Und wie sieht die Wirklichkeit aus?

Das Anschreiben ist ein Beipackzettel, der Lebenslauf ist ein Datensalat und die Bewerberstory ist ein einziges soziales Scheitern. Und die berühmte Seite drei? Die ist der in Matern gefasste Satz von der guten Absicht, die sich stets ins Gegenteil verkehrt.

Ich merke, in Ihnen keimt ein Verdacht. Ist die ominöse Seite 3 bloß die schriftliche Fassung der Bewerberstory? Man müsste dann immer noch fragen: Wozu aufschreiben? Sie kriegen doch Ihre fünf Minuten. Dummerweise produzieren aber Bewerber, die man dergestalt zur Selbstaussage nötigt, reihenweise Poesie. Untergattung lyrische Lamentation. Mit Seite 3 geht man perfekt auf Unternehmensbedürfnisse ein? Nur in einer Operettenwirtschaft.

5

Materna.de oder wer auch immer eine persönliche Seite 3 propagiert: Danke, danke, danke. Mein Erfolg als Bewerberberater beruht nicht zuletzt darauf, dass so viele Jobsuchende Ihren Empfehlungen folgen. Dank Ihrer Ideen produzieren die vielen Mitbewerber meiner Leser und Klienten täglich Tonnen an treuherziger, tölpelhafter, triefender und zugleich tieftrauriger Wegwerf-Poesie. Nur zu, tiriliert eure Ode an die Eigenmotivation. Alle diese glanzlosen Aufschneidereien, all dieser unsägliche persönliche Kokolores, mit dem man sich nicht von der Masse abhebt, sondern im gleichförmigen Bewerber-Rauschen untergeht, all dieses Gedöns und Gesäusel reduziert sich im Kern auf die immer gleiche Selbstaussage: Ich pieps auf Seite 3: ich wär so gern dabei.

6

Personaler arbeiten. Bewerber arbeiten Personalern zu. Bewerber sind wie Personaler oder Karriereberater auch nur Menschen. Alle Menschen, die ich kenne, sperren sich mehr und mehr gegen die Inflation der Information. Wenn es doch das Unerhörte wäre, das der reitende Bote uns bringt. Im Personaler-Postfach landet aber immer der selbe Bewerber-Spam. Denkende arbeitende Menschen entwickeln Strategien, um den Kontakt mit all dem Info-Müll aktiv zu vermeiden. Jede Seite 3, jedes Persönliche Profil, jeder Hinweis, was Sie noch über mich wissen sollten, ist für Informationsverarbeiter eine so bombastische wie klägliche Zudringlichkeit. Und glauben Sie mir: Am Ende seines ersten Tags im Beruf hat jeder Jungpersonaler seine automatische Schrottabwehr fürs Leben aktiviert.

Kurzer Hinweis

Fach- und Führungskräfte bringen manchmal ihre mehrjährige Projekterfahrung, ihre umfangreichen Zuständigkeiten und Erfolge nicht recht im Lebenslauf unter. Dann lagern sie diesen Datenbereich vernünftigerweise in ein separates Blatt aus - insbesondere, wenn ein Personalvermittler sie explizit dazu auffordert.


7
Allgemein daher reden, sich gediegen äußern, Triviales aufblasen, eifrig beteuern, lang ausholen, vornehmlich über das parlieren, was in einem vorgeht, sich selbst erklären, die Welt kommentieren, generalisieren, pauschal befinden, eifrig Zusatzblätter produzieren und sich im Übrigen strikt an die ehernen Vorschriften einer durch und durch sprachfernen, weltfremden und heilose Gebote erfindenden Beraterzunft halten: Vielleicht mit Materna. Nicht mit Ihrem Bewerbungshelfer.

Hang loose

Ostrach, Oktober 2003 -
Mailen Sie Ihre schönste Persönliche Seite 3 an Gerhard Winkler, gwinkler@jova-nova.com


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Wer immer als erster auf die Idee gekommen ist, ein Blatt mit nicht abgesicherten Ich-Aussagen über das Vorhandensein von beispielsweise eigener Kommunikations- und Begeisterungsfähigkeit, Motivation, Flexibilität und anderer Merkmale seiner Erwerbslebensfreude abzugeben - es war mit Sicherheit eine Nervensäge.
Wer ich bin - Was ich kann - Was ich möchte
Denken Sie mal nach: Die persönliche Seite 3. Die dreiflügligle Bewerbermappe. Die drei Abschnitte im Anschreiben. 2 ou 3 choses que je sais d'elle. Das kann kein Zufall sein.
"Leider reicht der Platz nicht hin, genau zu sagen, wer ich bin"  R. Stilzchen

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