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Ich bin Bewerberberater. Ein herzensguter, aber auch ein durch und durch bescheidener. Mein Glück: Sie schauen kurz in meine Web Site. Mein Erfolg: Ich gebe Ihnen etwas mit auf den Weg. Ganz selten nur blinkt die Meldung "Leserbrieflein gelandet" verschämt im Posteingang ...
Doch dann diese E-Mail -

"Sehr geehrter Herr Winkler,
mit sehr großem Interesse habe ich in der ... Zeitung den Artikel ... über Ihr "Online Buch" gelesen."

Ich muß heftig blinzeln. Die Röte schießt mir ins Gesicht. Ach, liebe(r) Absender(in), glauben Sie mir: auf Sie allein zielt jetzt meine Aufmerksamkeit, mein Interesse und mein grenzenloses Wohlwollen. 

Doch bin ich auch ein Anschreiben-Kritiker. Als solcher schlecht gelaunt. 'Kostenlose Durchsicht Ihrer Unterlagen' - was ist mir da bloß eingefallen. Joschka Fischer geht joggen, und ich verliere meine Kondition vor dem Computer. Überhaupt, haben die Einsender meinen Online-Klassiker durchgearbeitet? Einmal wenigstens? Ich frage besser nicht nach. An die Arbeit, Website-Sklave!

Das erste Bewerberschreiben beginnt so:

"... mit sehr großem Interesse habe ich Ihr Inserat in der ... vom ... gelesen."

Klarer Verstoß gegen das Greta-Garbo-Prinzip: Begehrte Leute wissen, dass sie Aufmerksamkeit erregen. In dieser verrückten Welt gehören Stellenausschreiber dazu. Wer Anteilnahme bereits voraussetzt, der findet betontes Interesse nur langweilig. Noch ein Argument: Wenn Sie ein Wort nicht ersetzen können, ohne gleich den Satz zu killen, stecken Sie voll in einer Floskel. Womit könnten Sie ein Inserat noch lesen? Mit Wehmut? Mit einem Leberwurstbrot? Mit zunehmend heftiger Erregung? - Schnell zur nächsten E-Mail:
"... Ihr Firmenkonzept als Anbieter robotgesteuerter Touristenwaschanlagen interessiert mich außerordentlich."

Sie haben ein geschäftliches (wissenschaftliches, journalistisches) Interesse? Nein? Sie wollten bloß Ihre Mitarbeit antragen? Eindeutiger Verstoß gegen das Sergio-Leone-Prinzip: Sie bringen nicht eine Handvoll Dollar, Sie kosten welche. - Nächstes Beispiel:
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"Im Internet habe ich Ihre Anzeige gefunden."

Und was wollen Sie dem Briefempfänger als nächstes vorwerfen?

"... am ... habe ich Ihre Anzeige in .. gelesen. Wie ich Ihrer Anzeige entnehmen konnte, ..."

"... dem ... vom ... habe ich entnommen, das Sie sich um eine Arbeitskraft im Bereich ... bemühen."

Was glauben Sie, haben begeisterte Adressaten diesen beiden Briefanfängen wohl entnommen?

1. Die Verfasser können lesen. 
2. Sie können sich an Vergangenes erinnern - auf den Tag genau. 
3. Sie haben Sinn und Zweck der Stellenanzeige verstanden.

Wollten die Verfasser wirklich mit diesen Botschaften anklopfen? Sie wollten nur nicht mit der Tür ins Haus fallen. - Nach dem Marcel-Marceau-Prinzip hat eine(r) die folgende Einleitung konstruiert: 

"... bezugnehmend auf Ihre Anzeige übersende ich Ihnen gerne meine persönlichen Unterlagen zum Zweck der Bewerbung als ...

Stellen wir uns das als Pantomime vor: Wiederholtes Zeigen auf eine Zeitungsseite. Lächeln. Aufheben der pfundschweren Bewerbungsmappe. Lächeln. Zeigen auf sich selbst. Lächeln. Usw.

Mit großem Interesse entnahm ich der nächsten Einleitung folgende Information:

".. diese von Ihnen ausgeschriebene Position empfinde ich als ein sehr interessantes Angebot für meine Person, das mir die Möglichkeit bietet , meine Fähigkeiten und Interessengebiete durch die Arbeit bei Ihnen weiter zu verfolgen und zur Entfaltung zu bringen."

Oder in den unvergesslichen Worten von Renate Moll: "Der Job tät mir scho gut neilaufe."

Die ersten Takte in Anschreiben geben den Ton an. Warum tun sich die Einsender damit so schwer? Hab' ich denn nicht in AN DIE ARBEIT gezeigt, wie man das macht? Von Kapitel 24 ("Sie müssen Farbe bekennen") bis Kapitel 36 ("Ein Tip für Leute, die nicht gern schreiben").

Anschreiben funktionieren nicht anders als die Programmhinweise in TV-Zeitschriften. Benutzer scannen Sie rasch nach Highlights ab. Beachtet wird Ihr Brief erst ab dem ersten Satz - solange alles, was oberhalb steht, korrekt und unauffällig bleibt. So lenkt ein üppig gestalter Briefkopf nur vom Eigentlichen ab. Beherzigen Sie deshalb das Mae-West-Prinzip ('Komm zur Sache') und legen Sie los:

"... Sie brauchen einen erfahrenen Gärtner, der Schaufel, Eimer, Rechen selbst mitbringt, etwas von Kolibris versteht und sich nicht zu schade dafür ist, Ihre Goldfische zu füttern."

Oder so ähnlich. Schicken Sie mir dann Ihr ausformuliertes Anschreiben oder einen Lebenslauf zur Durchsicht, möglichst zusammen mit dem Stellenangebot. Finden Sie in Ihrem Begleitschreiben nette Worte - am besten wie Peter, gleich heute morgen um 7 Uhr Pazifischer Zeit:

"Ich habe Ihr "An die Arbeit" mit Interesse gelesen und schon einige nützliche Tips erfahren."

Danke, Peter. Mehr davon, liebe Leser ...  

... erhofft sich Ihr Bewerbungshelfer in Berkeley, USA
30. März 1998/7.8.2002
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[Seite revidiert am 13.11.98/08.08.2002]
© Gerhard Winkler. Hinweis: Meine Site jova-nova.com ist neutral und unabhängig. Damit es so bleibt, bitte ich Sie, jova-nova.com zu fördern. Empfehlen Sie mich weiter. Mailen Sie mir vor allem auch Ihre Anregungen, Kommentare, Erfahrungen. Gemeinsam schlagen wir die Schema-F-Bewerber!



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