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Vorbereitung auf das Job-Interview
"Nennen Sie einige Schwachpunkte Ihres derzeitigen Vorgesetzten!"
"Diplomatie und Diskretion"

Die konkrete Antwort auf diese Frage ist jetzt weit weniger entscheidend als der Gesamteindruck des Bewerbers: Bleibt er entspannt?
Der eine oder andere Schwachpunkt des Vorgesetzten ist uns vielleicht sofort präsent. Dennoch einen kleinen Moment nachdenken (oder jedenfalls so tun), wenn diese Frage kommt. Da der derzeitige Vorgesetzte natürlich im großen und ganzen voll OK ist, fallen uns seine schlechten Seiten erst nach einigem Nachdenken ein. Es geht jetzt darum, die „guten" Schwachpunkte herauszufiltern.

Wir können aus den Regeln des Small-Talks profitieren: bitte keine furchtbaren Problematiken bringen, sondern lösbare, kleine, appetitlich portionierte Problemchen sind gefragt. Der loyale Bewerber ist sich seiner Diskretionspflicht bewusst.

Diskretion bedeutet: nicht zu sehr ins Detail gehen und nach Möglichkeit im Konjunktiv bleiben. Verbesserungsmöglichkeiten ansprechen, aber das auf angenehme und - so altmodisch es klingt - bescheidene Weise. Nichts kommt beim bodenständigen, erfahrenen Gegenüber schlechter an, als ein Besserwisser, der die nächsthöhere Führungsebene beraten möchte.

Der Gesprächspartner möchte auch nicht hören, dass der derzeitige Vorgesetzte das absolute Vorbild sei. Verschenken Sie nicht die Möglichkeit, bei dieser Frage Ihre Beobachtungsgabe, Diplomatie und Fähigkeit zu konstruktiver Kritik herüberzubringen.

Hier einige „gute" schlechte Seiten:
„Mein Chef..."

„...hätte - aus meiner Sicht - manche Entscheidungen etwas früher treffen bzw. öffentlich machen können. Da gibt es natürlich verschiedene Sichtweisen, aber ich hatte manchmal den Eindruck dass er übervorsichtig ist."

„... ist manchmal neuer Technik gegenüber etwas skeptisch. Man muß da schon Überzeugungsarbeit bei ihm leisten."

„...setzt sich - trotz Charisma und Fachwissen - meiner Ansicht nach manchmal nicht genug durch."

„...vergißt schon mal die Geburtstage seiner Mitarbeiter. Ich finde, bei aller Hektik, so viel Zeit muß sein.
"

An dieser Stelle sollten Sie jedoch auch darüber nachdenken, was Ihr derzeitiger Vorgesetzter für positive Eigenschaften hat. Konnten Sie etwas von ihm lernen? Diese Fragen können im Gesprächsverlauf folgen.

Ist der derzeitige bzw. ehemalige Vorgesetzte in der Tat kein Traumvorgesetzter, versuchen Sie, entsprechende Situationen für sich persönlich unter der Datei Lebenserfahrung ad acta zu legen. „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über". Wer sein inneres Gleichgewicht pflegt, hat es leichter, bei problematischen Fragen den Überblick zu behalten.

[Dr.Wiebke Lindemann]


"Goldene Regel"

Goldene Regel: Wer etwas werden will, sorgt dafür, dass seine Vorgesetzten gut dastehen. Deshalb haben sie offiziell keine Schwächen. (Ich muss gestehen, ich habe diese Regel selten beherzigt, weil ich diese JERKS nicht auch noch unterstützen wollte).

Wenn man in einem Interview auf diese Frage überhaupt eine Antwort gibt, sollte man sofort erwähnen, wie man mit der Schwäche der Vorgesetzten umgegangen ist, ohne dass diese zum Problem wurde. Er hat z.B. die Tendenz, spät zur Arbeit zu kommen. Deshalb haben wir Kundentermine immer auf den späten Vormittag gelegt. Oder er hat die Angewohnheit , interessante Aufträge oder Project an die männlichen Kollegen zu vergeben. Deshalb habe ich mir einen Termin geben lassen und das in Ruhe dargelegt. Ich glaube, das hat sich dann gebessert …

[Dr.Johanna Holldack]



LESERMEINUNG


In meiner letzten Firma hatte ich eine Chefin, die ich ruhigen Gewissens als - ZENSIERT!GW - bezeichnen darf. Die Frau war für das ganze Büro eine Katastrophe. Sie hatte schon früher in dem Büro gearbeitet und war immer sehr lieb und freundlich. Das änderte sich fast schlagartig, als sie Teilhaberin wurde. Sie hatte im Umgang mit Mitarbeitern NULL Geschick, verhielt sich am Telefon auch Mitarbeitern anderer Firmen gegenüber inakzeptabel.
Für mich war es besonders übel, weil ich fast ausschließlich mit ihr zusammengearbeitet habe. Wir haben uns des öfteren angeschrien. Zum Betriebsklima im allgemeinen war miserabel - das muss ich jetzt nicht weiter ausführen.
Lange Rede, kurzer Sinn. Ich rechne bei Bewerbungsgesprächen mit einer Frage nach dem Betriebsklima, was wohl eine ähnlich Fragestellung ist, wie die nach dem Vorgesetzten (schließlich hat der entscheidenden Einfluss).
Mein Tip: Eine knappe, dem bisherigen Gesprächsverlauf angepasste Antwort finden, wie: "Ich war zufrieden mit dem Betriebsklima und bin mit den Kollegen immer gut zurechtgekommen." Bloß nicht ins Detail gehen! Wenn hier weitergebohrt wird, kann man mit "Bitte haben Sie Verständnis, dass ich keine Betriebsinterna meiner alten Firma nach außen tragen moechte
.

Guido Hamacher, San Diego

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"Klappe halten"

Kontext

Vorab ein Trost: Wie hart ein Gespräch auch sein wird, es bringt nichts grundlegend Überraschendes. Für Ihren Widerpart ist das Jobinterview eine Standard–Gesprächssituation. Er hat Routinen entwickelt. Hat eine Phaseneinteilung. Hat die Struktur im Kopf.

Denken Sie jetzt nicht: „Das läuft also nach Schema F". - Falls doch, gehen Sie zurück bis zum Textbeginn. Denken Sie dort einmal darüber nach, wie Sie selbst in Ihrem Alltag Gesprächsskripte nutzen.

Aufmerksame Menschen merken, wenn einer, der professionell Gespräche führt, seinen Rhythmus gefunden hat. Er ist plötzlich ganz in seinem Metier. Sie selbst haben sicher auch schon bemerkt, wie schnell Sie plötzlich alle widrigen Umstände vergessen können: Immer dann, wenn Sie sich gut verstehen und sich mit dem Gesprächspartner synchronisieren.

Was das alles mit den Schwachpunkte des Vorgesetzten zu tun hat?

Kommt darauf an. Je nach dem, wann diese Frage fällt.

Spiegel-Phase

Bevor man Sie sieht, hat man sich schon ein Bild von Ihnen gemacht. Und Sie genau wegen dieser Vision eingeladen. Der gute Eindruck will bestätigt und noch verstärkt werden. Ihr Ziel in der ersten Gesprächsphase: Sich mit dem schon vorhandenen Entwurf von Ihnen in Deckung bringen.

Man gibt Ihnen Raum, damit Sie sich präsentieren. Spiegeln Sie das vorteilhafte Bild von sich, geben Sie ihm Tiefe und setzen Sie Streiflichter. Obacht: Sie müssen niemanden großartig überzeugen. Sie müssen einen Eindruck festigen und verstärken.Das ist die Phase, in der Sie sich synchronisieren, eine gemeinsame Gesprächshaltung finden müssen.

Wenn die Frage nach dem Kritikwürdigen an Vorgesetzten oder dergleichen in dieser ersten Phase fällt, ist etwas entsetzlich aus dem Ruder gelaufen: Sie haben vermutlich am Anfang gestänkert. Jetzt reicht man Ihnen höflich eine Schaufel. Sie sollten sich damit freischippen und nicht weiter Ihre Grube graben.

Baller-Phase

Geübte Interviewer reservieren einen Teil des Gesprächs dazu, um mit grobem Schrot auf Sie zu ballern. Eine ganze Salve recht unzusammenhängender Fragen prasselt auf Sie ein. Letzter Härtetest, um zu sehen, ob Sie sich auch unter Beschuß keine Blöße geben. Warum sollten Sie in dieser Phase etwas über Ihren Vorgesetzten erzählen? Auch noch gänzlich Außenstehenden? Wenn Ihnen etwas an Ihrem Vorgesetzten nicht passt, dann ist er allein dafür der Ansprechpartner.

Müssen Sie etwas über ihn berichten, dann halten Sie sich an festgeschriebene Regeln. Ohne klare Berichts- und Kommunikationsstruktur lösen sich Organisationen auf. Das Interesse des Unternehmens hat stets Vorrang vor dem individuellen Recht der freien Nachrede.

Sie müssen keineswegs am Vorgesetzten beweisen, dass Sie andere Leute beurteilen können. Sie müssen beweisen, dass Sie imstande sind, die Klappe zu halten.

Kraut- & Rübenphase

Im Gremium, dieser oft unfröhlichen Raterunde, sitzen Mitarbeiter, die sich gern aktiv Eindrücke verschaffen möchten. Meist fragen sie nach praxisrelevanten Themen - fachsimpeln Sie, aber nicht zu lange und aufdringlich. Vielleicht haben diese guten Menschen aber tags zuvor im Großen Dicken Buch der Personalauswahl geblättert und ein paar professionelle Fragestellungen notiert. Sie erkennen das daran, dass die Frage zur Person pasßt wie Sushi zu Sauerkraut.

Vielleicht erkundigt sich so Ihr künftiger Fachvorgesetzter nach den Schwächen Ihres aktuellen. Da gibt’s nur eins: Sie sind klein, Ihr Herz ist rein und in Betriebsinterna, da schaut kein Fremder hinein.

Ich nenne keine Schwachpunkte meines derzeitigen Vorgesetzten

Sie haben Verständnis dafür, dass ich das nicht tue. Die Vorgesetzte meiner Vorgesetzten hat sich damit auseinanderzusetzen. Für Performance-Reviews und Mitarbeiterentwicklung ist sie die Adressatin, nicht ich.

[Gerhard Winkler]






© 1998 - 2002 Gerhard Winkler. Hinweis: Meine Site jova-nova.com ist neutral und unabhängig. Damit es so bleibt, bitte ich Sie, jova-nova.com zu fördern. Empfehlen Sie mich weiter. Mailen Sie mir vor allem auch Ihre Anregungen, Kommentare, Erfahrungen. Gemeinsam schlagen wir die Schema-F-Bewerber!

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