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Bewerbung - Praxisbeispiele
Fragenfalle Jobinterview
Treffen einen typische Interview-Fragen nur im Vorstellungsgespräch? Könnte man meinen. Doch sogar in Bewerberbögen tauchen sie auf. Ein schon etwas angejahrtes, aber trotz des windigen Standorts ziemlich beliebtes Medienhaus hat für junge Bewerber einen eigenen Testbogen ausgearbeitet. Und dort, in diesem Testblatt für Trainees, spielt man einige Themen an, die uns bereits aus Live- und Telefoninterviews ziemlich vertraut vorkommen...
1
Die Frage nach dem Koffer
"Packen Sie einmal gedanklich einen Werkzeugkoffer für Ihr Berufsleben mit den wichtigsten drei Fachmethoden, die Sie in Ihrem Studium kennen gelernt haben. Beschreiben Sie diese bitte und begründen Sie, warum sie Ihrer Meinung nach wichtig für den Beruf sind."

Mögliche Antwort
Zunächst einmal sind mir aus meiner Ausbildung die praktischen Methoden vertraut, um Annahmen zu formulieren, Informationen zu recherchieren und auszuwerten. Dazu zählt neben der Konzeption einer Studie auch das Aufbereiten der Daten auf dem Computer. Im beruflichen Einsatz auch für Medienhäuser haben sich diese Methoden schon vielfältig bewährt: In der Untersuchung von Märkten, beim Aufspüren von Marktnischen, bei der Analyse von Reichweiten und Leserschaft.

Natürlich verstehe ich mich auch auf das Management von Daten und Informationsmaterial. Ich habe mich außerdem schon in relationale Datenbanken und in Content Management Systeme eingearbeitet.

Und was ich noch im Studium und in meinen ausbildungsbegleitenden Jobs perfektioniert habe: Schnell, flüssig, anschaulich und leserfreundlich zu texten. Mein Tutor erklärte mir schon im ersten Semester, dass man nicht für die Bibliothek, sondern immer für Nutzer schreibt. So habe ich nicht nur in meinen Seminararbeiten den wissenschaftlichen Jargon vermieden, sondern auch in meinen Aufsätzen und Veröffentlichungen immer den konkreten Leser vor Augen gehabt.

Kommentar
Die Fallen in dieser Frage sind kaum zu übersehen. Falle 1: Man antwortet zu abgehoben und abstrakt, reiht Plastikperlen auf und sondert etwas ab im Stil von: Wichtige Methoden sind ganzheitliches, interdiszplinäres Denken und intellektuelle Offenheit. Falle 2: Man gibt mit seinem akademischen Status an und zeigt der Welt, wie elitär man doch ist. Falle 3: Man drückt sich darum, die praktische Anwendung des Gelernten zu notieren.

2
Die Frage nach dem Cover
"Wenn Ihr Bild auf dem Cover einer Zeitschrift erscheinen würde, welche Zeitschrift würde dies sein und wie lautete die Titelzeile?"

Mögliche Antwort
Zeitschrift: brandeins
Titel: Der Winkler-Faktor

Kommentar
Unter der jungen Wirtschafts- und Medienelite gilt das Business-Magazin brandeins als hip. Als junges Talent sind Sie nicht weniger hip. Deshalb setzen Sie hier nicht auf die alt eingeführte Wirtschaftswoche. Nebenbei bemerkt: Setzen Sie statt Winkler Ihren Namen ein. Die fiktive Titelzeile markiert: Sie spielen eine Rolle. Sie verrätseln das Ganze aber auch mit Ihrer Schlagzeile. Wer das fiktive Titelblatt sieht, der will sofort wissen: Wieso ist diese attraktive Person ein wichtiger Faktor? Hoffen wir, dass man Sie genau das auch im Gespräch fragen wird. Inwiefern zählen Sie? Sind Sie gut drauf? So gut, dass Sie irgendwann in einer Organisation eine Hauptrolle spielen können? Könnten gerade Sie für den Jobanbieter relevant werden?

Tipp für angehende Gesprächsstrategen: Legen Sie bei Gelegenheit eine lakonische und rätselhafte Antwort ganz bewusst als Köder aus. Personalern gibt man nicht nur was zum Kauen. Man gibt ihnen auch etwas zum Nachfassen.

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3
Die Frage nach dem Stolz
"Auf was in Ihrem Leben sind Sie im Rückblick besonders stolz?"
Mögliche Antwort
Ausgesprochen stolz bin ich auf unser Uni-Portal für Austauschprogramme und das gleich aus mehreren Gründen. Zum einen hatte ich die Produkt-Vision; ich habe dafür als erster einen realen Bedarf gesehen. Dann habe ich diese Idee von der Konzeption über die Finanzierungsphase bis zur Umsetzung begleitet. Dazu stellte ich ein Team von Kommilitonen zusammen. Mit dieser Mannschaft habe ich sogar redaktionellen Content entwickeln können, eine effiziente und kostengünstige Betreuung etabliert und zur Krönung des Ganzen einen funktionierenden regionalen Vertrieb aufgebaut.

Kommentar
Worüber Sie immer mit einem Jobanbieter reden, dealen, verhandeln: Der gemeinsame Nenner ist der Job. Egal, welches Stichwort Sie abarbeiten, egal ob es um Ihren Stolz geht, um Ihre Schwächen, Siege, Niederlagen, Interessen, Pläne und Absichten: Reden Sie jobbezogen. Haben Sie null berufspraktische Erfahrung, dann berichten Sie eben von Projekten, Lern- und Studiengruppen. Notfalls weichen Sie auf sportliche Highlights und Leistungen aus. Vergessen Sie aber nicht: Eine echte Joberfahrung schlägt im Interview jede andere Erfahrung, die man sonst im Leben gemacht hat.

4
Die Frage nach der Entscheidung
"Was war die schwierigste Entscheidung, die Sie bisher treffen mussten? Auf welche Art und Weise haben Sie Ihre Entscheidung getroffen?"

Mögliche Antwort
Ich habe von Anfang an mein Studium durch freiberufliche Tätigkeiten im IT-Bereich finanziert. in diesem Zusammenhang habe ich Jobofferten erhalten, darunter eine, deren Konditionen für mich zum damaligen Zeitpunkt äußerst attraktiv gewesen waren. Allerdings hätte ich dafür mein Studium ganz aufgeben müssen. Ich habe schweren Herzens abgelehnt. Heute bin ich froh, dass ich mein Studium erfolgreich abgeschlossen und die restliche Studienzeit auch noch dafür genutzt habe, mich in anderen Unternehmen umzusehen und in unterschiedlichsten Umgebungen zu arbeiten.

Kommentar
Wären Sie ein Superstar, dann könnten Sie tatsächlich antworten, was Ihnen spontan einfällt. („Die schwierigste Entscheidung in meinem Leben? Als ich zeitgleich von Claudi Wobreit und von Dani Kühlmaus aufgefordert wurde, sie auf den Berliner Bulettenball zu begleiten.“) Als Jobsuchender haben Sie keine Wahl. Sie berichten niemals aus dem prallen Leben, sondern immer aus Ihrem beruflichen Leben (oder aus Ihrer Ausbildungsphase).

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5
Die Frage nach der Eigenschaft
"Welche Eigenschaften zeichnen eine gute Führungskraft aus"?

Mögliche Antwort
Jede echte Führungskraft denkt und handelt unternehmerisch. Sie besitzt Instinkt und Analysefähigkeiten, Weitblick und Entschlussfreude. Ebenso versteht sie es, klare Entscheidungen zu fällen und diese auch dann durchzusetzen, wenn sie unbequem sind.

Die Person an der Spitze verantwortet die Gesamtleistung und feiert zugleich alle erreichten Meilensteine als gemeinsame Anstrengung des Teams. Als Vorgesetzter wird man gern vertrauen, delegieren, Initiative und eigenverantwortliches Handeln fördern.

Man wird zugleich klare Ziele und verbindliche Regeln aufstellen und für deren Einhaltung sorgen. Ebenso wird man gegenüber Mitarbeitern ungeklärte Sachverhalte und Probleme klar benennen.

Kommentar
Ganz ohne Zweifel scheuen sich viele Berufstätige davor, sich zur Führungskraft weiter zu entwickeln und selbst Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur das. Die Mehrzahl der Berufstätigen interessiert sich, wenn es um Leitungsfragen geht, nur für die Aspekte Mitarbeiterführung (Chef zu ungerecht) und Manager-Verdienst (Chef-Gehalt zu ungerecht). Wer selber beruflich vorankommen möchte, der lernt besser schnell, wie die Leistungsträger ticken.

6
Die Frage nach dem Unternehmer
"Was macht Ihrer Meinung nach einen Verleger aus?"

Mögliche Antwort
Ein Verleger ist der Prototypen des wagnisreichen Unternehmers. Markt- und Trendforschung kann ihn in seiner Entscheidung unterstützen, in ein Medium, eine Sparte, einen Autor, einen Titel zu investieren. Sie kann ihm die Entscheidung aber nicht abnehmen. Carl Amery schrieb dazu einmal: „Risiko ist die Bugwelle des Erfolgs.“ Zur Grundausstattung erfolgreichen kaufmännischen Handelns zählt es also, Chancen zu erkennen, bevor sie die Mitbewerber erkennen und sie auch entschlossen wahrzunehmen.

Verleger erkennen aber nicht nur Gelegenheiten. Sie spüren Qualität auf, verstehen den Markt, setzen Konzeptionen durch und profilieren ihr Unternehmen auf unverkennbare Weise.

Kommentar
Eine der wichtigsten Fragen an Newcomer ist, ob sie das Geschäft verstehen. Ganz gleich, ob es hoffnungsvolle Absolventen und Berufseinsteiger hin zu Autobauern, Verlagskaufleuten oder Pillendrehern zieht: Das Eigentümliche der Branche sollte man sich nicht im Jobinterview erklären lassen. Man sollte vielmehr klarstellen, dass man verstanden hat.

7
Die Frage nach dem Programm
"Was erwarten Sie vom unserem Trainee-Programm?"

Mögliche Antwort
Ich konnte mir studienbegleitend bereits erste berufliche Erfahrungen aneignen. Meine Stärken und mein Potenzial sind eigentlich klar angelegt. Vor allem habe ich mich auch schon in verantwortungsvoller Tätigkeit in der Webentwicklung bewährt.

Darum sehe ich Ihr Trainee-Programm in erster Linie als eine Chance, Sie durch meinen Sachverstand, meine Leistungsstärke, meine Persönlichkeit und vor allem durch mein zielstrebiges und erfolgreiches Arbeiten von mir einzunehmen.

Ich möchte Ihre Organisation mitsamt ihren Prozessen verstehen und die besonderen Strukturen und Abläufe Ihres Verlags begreifen. Ich möchte möglichst viel vom Spirit Ihres Hauses aufnehmen. Ich werde aber auch meine Teamfähigkeit in neuen Konstellationen ausbauen, Wissen und Kompetenzen erwerben, meine eigene Performanz messen und kritisch beurteilen lassen, und durch Anregungen und Empfehlungen weiter wachsen.

Kommentar
Sich als Bewerber konkret zu äußern, ist zwar eine sinnvolle Empfehlung. Manchmal fehlt einem aber die notwendige Anschauung, um die eigenen Erwartungen am Beispiel festzuzurren. In diesem Fall signalisieren Sie, dass Sie lernwillig, anpassungsbereit und leistungsfreudig sind.

8
Die Frage nach der Marktfähigkeit
"Wo haben Sie sich noch beworben und welche Angebote liegen Ihnen ggf. noch vor? Nach welchen Kriterien wählen Sie das für Sie passende Angebot aus?"

Mögliche Antwort
Zu meiner Karriereplanung zählt, dass ich mich nur dort bewerbe, wo Marktstärke, offensive Produktentwicklung und -pflege, Unternehmenskultur und die systematische Förderung von Nachwuchskräften einen günstigen Treibhauseffekt für meine weitere Entwicklung schaffen. Meine Kriterien: Kann das Unternehmen sein Versprechen halten? Kann ich mich dort als Leistungsanbieter profilieren und meine Stärken optimal ausspielen? Lässt man dort die Mitarbeiter mit ihren Aufgaben wachsen? Versteht sich das Unternehmen auf die Kunst, die Besten zu halten?

Kommentar
Zu leugnen, dass man sich in einer heftigen Phase der Job-Akquise befindet, wäre kindisch. Jetzt Namen zu nennen, verletzt jedoch das Große Gesetz der Industrie-Omerta: Geschäft ist Geheimnis. Und jetzt nur von sich selbst, seinen eigenen Wünschen und Plänen zu berichten, das schmälert zwar nicht die allgemeine Jobtauglichkeit. Es widerspricht aber dem eigenen Anspruch auf Führungseignung. Wer in der Reihe steht, sieht über sich hinaus, über den Tag hinaus und über den Rand hinaus.

9
Die Frage nach dem Mehrwert
"Was unterscheidet Sie von anderen Trainee-Bewerbern?"

Mögliche Antwort
Ich fasse gern zusammen, was mich auszeichnet: Das Verlagsgeschäft ist bereits ein von mir wissenschaftlich behandeltes Thema. Gegenstand meiner Diplomarbeit war ja ein Vergleich von europäischen Expansionsstrategien der 5 größten Medienkonzerne. Parallel zum Studium habe ich ein starkes Internetangebot entwickelt.

Ich kann ein Team zusammenzustellen, anleiten, motivieren und zum Erfolg führen. Ich kann Projekte managen, Budgets verwalten und kontrollieren. Was schließlich die Unterschiede zu anderen Bewerbern betrifft: Um selbst zu sehen, was bei mir ins Auge fällt, laden Sie mich am besten ein. Lassen Sie uns dann aber eher zur Sprache bringen, was wir an Ideen, Vorstellungen und Zielvorgaben gemeinsam haben, als das, was mich von anderen unterscheidet.

Kommentar
Zwei Strategien halten Sie eisern durch, wenn es um Ihre Mitbewerber geht: Erstens: Je mehr Sie über den aktuellen Jobmarkt, also auch über Mitbewerber erfahren und wissen, desto besser. Zweitens: Gegenüber einem Jobanbieter gehen Sie niemals darauf ein, dass Sie nicht der einzige Bewerber sind.

10
Und zum Schluss als Fragen-Bonus noch eine authentische Personalerfrage im Stil von Anton Tschechow:
Die Frage nach den drei Schwestern
"Sie haben also 3 Schwestern - da haben Sie sich bestimmt verwöhnen lassen?"

Unkluge Antwort
Ja.

Kommentar
Politisch korrekt ist das Statement: Weder bei Aufgaben und Pflichten noch bei Privilegien und Rollenverteilung gab es in Ihrer Erziehung irgendeine Unterscheidung nach Geschlecht. Der nicht nur bestens sozialisierte, sondern auch clevere junge Mann fügt hinzu, dass ihn die Frauen in der Familie gemeinsam erzogen und ihm gute Manieren beigebracht haben. Sagen Sie: „Meine drei Schwestern waren echte Machos. Für mich blieb da nur noch die Nische als Kavalier.“

Krokos von Johanna Voss.
Ostrach, 25.01.2004
© Gerhard Winkler, jova-nova.com


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