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Mach Geld

Die erfolgreichen Bewerber dieses Jahres waren alle umtriebig. Sie haben systematisch nach Bewerbungschancen gesucht. Sie haben sich nicht von Rückschlägen aus dem Konzept bringen lassen. Ihre Umgebung hat sie dabei unterstützt und hat ihre Aktionen ermutigend kommentiert

Mein Fazit: Zum Job kommt sicher, wer einfach handelt und wer einfach handelt. Und ich bin heilfroh, dass einfaches Handeln nicht kompliziert ist. Sonst könnte man diese Regeln nicht so simpel formulieren:



01 Bewirb dich besser über einen geeigneten Fürsprecher als direkt.

02
Sofern du die Wahl hast: Rede lieber jemanden an als ihn anzuschreiben.

03
Sprich mit den Jobanbietern, die lieber sprechen. Mail die Jobanbieter an, die lieber mailen. Liefere Papier an Jobanbieter, die es gern rascheln hören.

04
Deine innere Bewerbung beginnt mit einem Drei-Wort-Satz: Ich bin ...

05
Strahle gleichmäßig und stark diese Signale aus: Selbstgewissheit, Bestimmtheit, Eindeutigkeit, Wiedererkennbarkeit, Verlässlichkeit, Robustheit, gute Kinderstube. Du musst nicht auf allen sieben Frequenzen gleichzeitig senden. Aber auf sechs von sieben zu jeder Zeit.

06
Oh, und in Ergänzung zu 05: Deine Rede sei konkret oder gar nicht.

07
Liefere nie mehr an Text, als der Stellenanbieter braucht.

08
Gehalt, Leistungen, Rahmenbedingungen: Jeder Interviewer schneidet von sich aus das Thema an. Lass ihn anfangen. Lass ihn mit seinen Vorstellungen kommen.

09
Häng nicht Ideen nach wie standesgemäße Arbeit oder nur feste Anstellung oder staatlicher Geleitschutz durchs Leben. Mach Geld. Mach weniger, wenn die Zeiten schlecht sind und mehr, wenn die Zeiten gut sind. Machs, wie du es am besten verstehst, und wie dus vor deinem Gewissen und deiner Selbstachtung verantworten kannst. Kümmere dich nicht darum, was der Bund für Anstalten macht. Mach Geld.

10
Tu niemals nichts.
 
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Freudlose Helfer

Mach Geld. Ist das eine kluge Anregung? In Deutschland nicht. In Deutschland bezieht man seinen geheimen Kick daraus, sich von Bohlen als Looser beschimpfen zu lassen. In Deutschland findet man, dass Becker sein Los verdient hat. In Deutschland biegt man seine Lebenslüge zum Sparmotto um und erklärt: Ich bin doch nicht blöd.

Geld macht man hier nicht. Geld spart man sich ab oder man holt es von den anderen. Und warum nicht von den Reichen, die der günstigen Besteuerung wegen massenhaft nach Deutschland umsiedeln und dort prima leben und sparen. Das nächste Mal, wenn Sie einen dunkelhäutigen Nachkommen von Togo und Taxis durch den Regen stapfen sehen, in seinen dünnen Schlaghosen, in seiner hüftkurzen schwarzen Lederjacke und seinem Lidl-Backpack: Bedauern Sie ihn. Er hat zwar seine sagenhaften Reichtümer ins Steuerparadies Deutschland gerettet. Aber er hat nicht mit den Bürgern dieses Landes gerechnet.

Mach Geld. Können Sie sich das vorstellen? Bildhaft? Wie Sie durch Ihre eigene Anstrengung, durch Ihre eigene Arbeit Geld machen? Dann stellen Sie sich vor, wie Bsirske und Müntefering draußen vor der Tür stehen und Ihnen zuschauen.

Machen Sie besser kein Geld. Sonst machen Sie am Ende noch zuviel. In der Republik denkt man wie sonst nur noch in der Ukraine oder in den letzten autonomen Wagenburgen, dass nur derjenige reich werden kann, der die Armen bestiehlt.

Ich schrieb unklugerweise: Häng nicht Ideen nach wie standesgemäße Arbeit oder nur feste Anstellung oder staatlicher Geleitschutz durchs Leben. Mach Geld. (...) Kümmere dich nicht darum, was der Bund für Anstalten macht.

Eine Beraterin aus der BA reagierte auf diese Empfehlung kurz und scharf. Ich antwortete ihr: In einer Zeit der allgemeinen Malaise rate ich eben Bewerbern, ihre Ansprüche herunter zu schrauben und alle Anstrengung zu unternehmen, um sich ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu erarbeiten. Ich glaube an den selbstbestimmten, selbstbewussten Menschen.

Worauf sie schrieb:

Inwieweit der Mensch tatsächlich selbstbestimmt ist, d.h. zu welchem Anteil er seines eigenen Glückes Schmied ist, darüber könnten wir lange diskutieren. Nur soviel: den "homo oeconomicus" zu sehr strapazieren, heißt, gesellschaftliche und ökonomische Zwänge zu individualisieren und den Einzelnen in seinem "Versagen" auf sich selbst zurückzuwerfen.

Davor kann ich nur warnen: "Jobsucher" sind Menschen mit Bedürfnissen, die eben nicht nur auf die "Jobsuche" reduziert werden können. Genauso wenig haben sie "Auftritte", es handelt sich hierbei schließlich nicht um Komparsen oder Internet-Homepages, sondern um Menschen, die bestimmte Fähigkeiten, Neigungen, Erfahrungen aber auch Schwächen und Bedürfnisse haben.

Und wer dies nicht versteht, sollte besser Türen oder Dachziegeln verkaufen. Von meinen "Kunden" sind sich die allermeisten keinesfalls "zu schade zur Arbeit", die wenigsten haben auch "zu hohe Ansprüche" und haben sich durchaus lange Zeit aus "eigener Kraft" ernährt!

Ich berate Bewerber, und ich denke, wer berät , der predigt besser nicht. Und deswegen halte ich mich mit gut gemeinten Ratschlägen zurück. Das gelingt mir nicht immer. Meine beiden grundlegenden Botschaften wiederhole ich nämlich mit Fleiß.

Sie müssen sich nicht verkaufen.
Sie können mehr aus sich machen.

Die Argumentation der BA-Beraterin geht nun so: Jobsucher und Arbeitslose, vor allem die schon längere Zeit erfolglosen, können sich noch so flexibel und willig an die ökonomischen Vorgaben und Forderungen anpassen: Die Wirtschaft lässt sie aufmarschieren und vortanzen und stellt dann doch nur aufs Geradewohl ein. Bei aller Marktorientiertheit sind Jobsucher doch vor allem Menschen. Sie müssen das Abgewiesen- und Nicht-Gebraucht-Werden verarbeiten, da sie unter Selbstzweifel, Versagensängsten und Schuldgefühlen leiden. Langzeit-Bewerber sind Menschen in Not oft in materieller, fast immer in psychischer. Jede Unterstützung verlangt ein ganzheitliches Vorgehen.

Das ist sicher so. Ich kann da nur nichts machen. Ich repariere kein waidwundes Bewerber-Ego.

Ich kann die Wirtschaft nicht menschlicher, den Staat nicht vernünftiger machen.

Ich bewege mich in meinem Job auf der Ebene der simplen Handlungsanweisungen.

Ich bin Survival-Experte. Mein Ziel: Die Leser und Klienten sollen aus eigener Kraft auf dem Jobmarkt überleben. Doch ich finde es unsäglich, dass bei uns Jobverlust fast schon reflexartig in die Kategorie Lebenskrise subsumiert wird. Dass wir Bataillone von Beratern auf Arbeitslosenheere dirigieren. Dass der Staat auch noch Jobmakler alimentieren will. Krisen, Jobwechsel, berufliche Re-Positionierung, Auszeiten, biographische Brüche, geradlinige, verschlungene, diffus verlaufende Lebenswege - das alles macht unser Erwachsenendasein aus. Man muss den Erwachsenen nicht das Risiko zu leben abnehmen.

Die Arbeitswelt ist hart und ungerecht und in vielerlei Hinsicht überreglementiert. Soweit ich mich erinnere, war die Schulwelt nicht viel anders. Das Gute an der Arbeitswelt ist aber doch, dass man wenigstens der pädagogischen Versuchsanstalt Deutschland mit ihrer kindischen Bevormundung und ständigen Gängelei entkommt. Es gibt sicher Menschen, die froh sind, wenn sie klassenweise zur Arbeit geführt werden. Doch die treffe ich nicht auf meiner Baustelle.

Ich rate allen Arbeitsuchern, die mit Hilfe von sozialtherapeutisch geschulten Anstaltsberatern ihre Misserfolge verarbeitet haben und soweit wieder stabilisiert sind, dass sie 180-Sekunden-Bits der Tageschau ansehen können, ohne dass es sie schüttelt:

Machen Sie sich klar, warum Sie keinen Erfolg haben.

Performance
Liegt es an Ihrem Auftritt? Vermarkten, präsentieren, verhandeln: Haben Sie da Defizite? Sich vermarkten heißt übrigens nicht, sich verkaufen. Und es heißt auch nicht, die Pavianbäckchen keck aufzuplustern und im Brustton der falschen Überzeugung Gabriel einen Erzengel zu heißen. Vermarkten meint zunächst einmal, Marktkenntnis zu erwerben und sich auf dem Markt zu positionieren.

Immobilität
Liegt es an Ihrer geistigen Unbeweglichkeit? Ist Ihnen dort, wo es Arbeit gibt, zu sehr anderswo? Fehlt Ihnen der Anschub, um Job-Okkasionen nachzugehen? Oder liegt es daran, dass Sie Rücksicht nehmen müssen? Warum muss die Gemeinschaft diese Rücksichtnahme sponsern?

Defizit
Fehlt Ihnen was? Praktisches oder theoretisches Wissen? Ist das erste, was Ihre Vorstellung in einem Stellenanbieter auslöst, der Gedanke, das reicht nicht aus?

Adaption
Sind Sie eine Krabbe auf Landgang? Haben Evolution, Sozialisation und ein extensives Studium in Abtauchen Sie zu einer Spezies geformt, die bloß gut seitwärts kann? Noch mal: Wenn das, was Sie drauf haben und gern tun, Sie nicht ernähren kann, dann klagen Sie nicht über Hunger. Passen sie sich dem Landleben an. Oder huschen Sie zurück in Ihr Element.

Krise
Sind die Stellenanbieter gerade selber in Not? Können sie es sich derzeit nicht leisten, in Arbeitskraft zu investieren? Oder haben die Arbeitgeber einen neuen coolen Weg gefunden, ihr Geschäft zu betreiben und ihre Geschäftsziele zu erreichen, ohne dass man dafür Mitarbeiter braucht? Vergessen Sie nicht: Arbeitgeber sind nicht auf der Welt, um Arbeit zu geben. So, wie Sie nicht auf der Welt sind, um Arbeit zu nehmen: Auf dem Jobmarkt schließt man temporäre Allianzen.

Hinfälligkeit
Entweder lehnt Ihr Körper dankend ab. Oder ein Idiot. Sie kommen gegen beide nicht an. Sind sich alle Stellenanbieter darüber einig, Sie nicht zu nehmen, bleiben Ihnen zwei unkluge Verhaltensweisen: Erstens: dagegen Sturm zu laufen. Zweitens: zu resignieren.

Ausschluss
Sind Sie einige Zeit aus dem Business? Und wenn Sie so lange draußen sind, was gibt Ihnen dann Anlass zu hoffen, dass Sie je wieder hinein kommen? Wissen Sie Beispiele von Leuten, die es geschafft haben? Wie viele hatten Erfolg? Wie lange mussten sie warten?

Lohnt sich das Warten? In vielen Fällen schon. Lehrer meines Jahrgangs haben in Baden-Württemberg zehn lange Jahre ihr Auskommen auf dem freien Markt gefunden, bis dann an einem Freitagnachmittag ein Bürokrat in den Hörer bellte: Wollen Sie noch in den Schuldienst? Sie müssen gleich am Montag anfangen. Natürlich standen die alt gewordenen Junglehrer drei Tage später beim Schulamt auf der Matte. Verräter.

Chancen optimieren. Sich neu aufbauen. Sich neu erfinden. Sich umsetzen. Sich persönlich oder fachlich weiter entwickeln. Gelegenheiten suchen. Sehen, wo etwas zu tun ist. Sehen, wo man etwas besser machen kann. Sehen, was Geld bringt. Rückhalt finden. Helfer finden. Partner finden. Bündnisse schließen. Die Bürokraten, Verhinderer und Bedenkenträger schlagen.

Ein erfolgreicher Jobsucher sucht sich seinen Weg wie Wasser. In manchen Fällen sind aber Arbeitslose wie stehendes Wasser. Diese trägen Jobsucher ziehen freudlose Helfer und summende Funktionäre magisch an. Denn was in Deutschland dick und satt fließt, das sind die öffentlichen Mittel. Darum denken sich auch so viele der mitfühlenden und überarbeiteten Helfer im Stillen: Mach Geld.

Ostrach, 21. Dezember 2002
© Gerhard Winkler, jova-nova.com

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