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Bewerber-Präsentation
Interview: Der zweite Termin
Weiter punkten, Klarschiff machen und geschickt bis zur Zusage verhandeln

Sie sind nicht konfliktscheu. Sie haben sich auf Ihr Jobinterview vorbereitet wie der fantasievolle Held eines Horrorfilms auf die Begegnung mit jenen, von denen wir nicht sprechen. Doch dann lief alles gut. Der Personaler wollte Sie nicht nur nicht fressen, er hat Sie sogar ein bisschen hofiert. Sie haben sich davon aber nicht einlullen lassen, sondern haben humorvoll und schlagfertig reagiert, als man Ihnen unverhofft ein paar trockene Fragen vorsetzte. Insgesamt hat es sich für Sie ausbezahlt, dass Sie die hundert Interviewfragen und die vielen Tipps auf dieser Site gewissenhaft durchgearbeitet haben.

Etwas überrascht waren Sie zwischendurch schon, als der Personaler Ihnen ein Blatt Papier vorlegte:

Bitte ordnen Sie den folgenden Eigenschaften Werte zwischen 1 - 10 zu. Ihr Kriterium: Was am besten (1) bzw. am schlechtesten (10) auf Sie zutrifft.

angepasst, beharrend, eitel, entscheidungsfreudig, fantasievoll, gewissenhaft, humorvoll konfliktscheu, selbstsicher, spontan

Doch Sie haben auch diese Aufgabe spontan gelöst. Sie haben sich dabei an die Worte Ihres Bewerbungshelfers erinnert, der Ihnen eingeschärft hat, stets eindeutig, selbstsicher und entscheidungsfreudig aufzutreten und vor allem darauf zu bauen, dass Beharrlichkeit zum beruflichen Erfolg führt. Am Ende hat man Ihnen bedeutet, dass man wieder auf Sie zukommt. Sie antworteten: Ich freue mich darauf. Und jetzt hat man Ihnen ein zweites Gespräch vorgeschlagen.

Gehen Sie hin, wenn die Jobchance Sie weiterhin begeistert. Sagen Sie ab, wenn Sie bereits wissen, der Job kommt nicht in Frage. Glauben Sie nicht, Sie wurden eingeladen, um in einer kleinen Feierstunde den Vertrag zu signieren. Ihre Chancen stehen in dieser Phase bei 50 : 50. Um überhaupt bis hier hin zu gelangen, brauchte es gutes Glück. Um noch weiter zu kommen, brauchen Sie Herz, Hirn und einen frisch aufgebügelten Dress.
Sie sind nicht allein
Vom Anbieter aus gesehen, möchte man Sie mit dem zweiten verbliebenen Jobanwärter bzw. mit der Endauswahl an Bewerbern vergleichen. Sie treten noch weit mehr als in der ersten Runde gegen einen unsichtbaren Konkurrenten an. Glücklicherweise blendet man diesen unschönen Gedanken im Eifer des Fachsimpelns meist aus. Ihnen gereicht es auch nicht zum Vorteil, dass der Jobanbieter noch eine andere Person im Kopf hat, während er Ihnen zuhört. Am besten, Ihre starke Präsenz vertreibt den Schatten des Alternativkandidaten. Sie gewinnen, wenn die andere Seite von Ihren Ausführungen gebannt, gefesselt und begeistert ist. Spielen Sie darum keinesfalls auf den abwesenden Mitbewerber an. Setzen Sie sich auch nicht indirekt oder ironisch zu ihm in Bezug. Falls man Ihnen mit dem Konkurrenten kommt und seine Vorteile oder seine Anspruchslosigkeit in der Vergütungsfrage lobt, antworten Sie: „Solange wir uns hier gegenübersitzen, wollen wir uns auf meine Stärken konzentrieren.“

Von der Warte des Jobanbieters aus gesehen, ist es bereits nach dem ersten Gespräch unstrittig, dass Sie das Geschäft und dessen Aufgaben verstehen und Ihre Arbeit zuverlässig leisten. Diesen Punkt wird allenfalls ein neu hinzugezogener Gesprächspartner noch einmal kurz anschneiden. Ich habe es allerdings erlebt, dass Kandidaten, die sich in der ersten Runde aufgebaut hatten, im zweiten Durchgang einige Ihrer Statements wieder zurücknahmen oder abschwächten. Die einzige Erklärung, die mir dafür eingefallen ist: Last-Minute-Schiss vor den anstehenden Aufgaben.
Überzeugungsarbeit
Sollten Sie in der ersten Runde mit einem Vermittler verhandelt haben (manchmal besteht diese Runde einfach nur aus einer Serie von Telefonaten), dann führt Sie das zweite Gespräch ins Unternehmen. Dort steht Ihnen dieselbe Überzeugungsarbeit wie gegenüber dem Headhunter bevor. Der hat Sie zwar schon schwer gelobt, aber die Auftraggeber wissen nicht wirklich etwas über Sie. Ihr Lebenslauf ist nur ein Skript. Sie hauchen dem Text Leben ein. Runde zwei bedeutet hier: Ring frei für Ihren Auftritt.

Aus Firmensicht dient dieser Durchgang in der Regel auch dazu, Sie weiter ins Firmeninnere zu lotsen, Sie in den betrieblichen Alltag schauen zu lassen und Sie in Kontakt mit ausgesuchten Mitarbeitern zu bringen. Wie wird man auf Sie reagieren? Welche Reaktionen lösen Sie bei den prospektiven Kollegen aus? Beim Gang über die Flure, durch Büros und von einem Arbeitsplatz zum anderen wandeln Sie auf dem sprichwörtlichen Laufsteg. Schauen Sie nicht von oben herab. Geben Sie den Eingeborenen auf dieser Firmeninsel die Möglichkeit, Sie freundlich anzusprechen. Falls sie es nicht tun, dann machen Sie den ersten Schritt.

Trinken Sie Wasser während eines gemeinsamen Mittagessens. Essen Sie mäßig. Mäkeln Sie nicht am Essen herum. Hinterlassen Sie auf Ihrem Teller kein Schlachtfeld. Es haben schon Geschäftsführer negativ bemerkt, dass Kandidaten nicht alles aufgegessen haben. Das hat anscheinend ebenso viel mit Moral wie mit Ressourcenausnutzung zu tun. Es wurden hoffnungsvolle Kandidaten dann doch nicht eingestellt, weil sie sich als frecher Schnäppchenjäger das beste Stück von der Platte angelten. Gemeinsame Essen sind deshalb ein beliebter Parcours, weil so mancher Stoffel die Hindernisse, über die er stolpert, gar nicht erst bemerkt. Behandeln Sie die Service-Kräfte stets freundlich und niemals von oben herab. Verwenden Sie die Serviette korrekt; legen Sie das Tuch auseinandergefaltet auf Ihren Schoß. Werden Sie gesprächsweise nicht offenherzig und zutraulich. Geschäftlich motivierte Essen sind keine Pause vom Geschäft. Sie sind Bestandteil des Geschäfts.

Eine Firma, jede funktionierende Organisation ist ein Schiff, das unterwegs ist. Es steuert Ziele jenseits des Horizonts an. Die See ist oft rauh, der Platz begrenzt, die Mannschaft eng beieinander und jeder auf den anderen angewiesen. Je nach Organisation bestimmen mehrere Leute mit, ob man zur Mannschaft passt. Je mehr Sie wiederum von der Mannschaft und den höheren Rängen zu sehen kriegen, desto besser. Schütteln Sie Hände. Schauen Sie in die Augen. Schnuppern Sie die Atmosphäre. Schauen Sie en passant in die Luken.
Augen offen halten!
In einem zweiten Gespräch treffen Sie auf ein eingespieltes Team, in dem jeder seinen besonderen Part bei der Befragung übernimmt. Oder Sie verhandeln mit einem rüden Alpha-Männchen, das von seiner ergebenen Assistentin eskortiert wird. Vielleicht sitzt Ihnen allein eine künftige Vorgesetzte gegenüber, die jede Art von Mitarbeitergesprächen als Störung Ihrer eigentlichen Arbeit empfindet. Jede Konstellation ist denkbar - bis hin zum Polit-Komitee, in dem jeder jeden sichtbar hasst.

Erweisen Sie allen Anwesenden den selben Respekt. Schneidern Sie Ihre Antworten und Fragen zielgenau auf Personaler bzw. Geschäftsführer und Fachvorgesetzten zu. Versuchen Sie nie, eine Person gegen die andere auszuspielen. Verbünden Sie sich nicht mit einem Anwesenden gegen den Rest. Die Gegenseite wird heimlich ausspähen, ob Sie nicht ganz bei Trost sind. Prüfen Sie Ihrerseits, ob die Geschäftsführung von allen guten Geistern verlassen ist und ob die Firma auch genug Geld hat.

Das zweite Gespräch nutzen Sie, um alle Ihre offenen Fragen zur Jobbeschreibung befriedigend zu klären. Sprechen Sie insbesondere Zuständigkeiten und Befugnisse an. Schon mancher wähnte sich im Interview als Führungskraft und traf am Tag eins im neuen Job auf seinen Bezwinger.

Finden Sie heraus, wer Ihr Vorgesetzter sein wird. Sprechen Sie mit ihm. Wenn er gerade verreist ist, bestehen Sie auf ein drittes Gespräch.

Klären Sie auch ab, welche Ziele Sie in der Probezeit erreichen sollen.

Stellen Sie Ihre Fragen zum Management- und Führungsstil, zur Unternehmenskultur, zur Markteinschätzung und zur Firmenperspektive.

Erkundigen Sie sich über die Arbeitgeberleistungen und die berufliche Förderung.

Manchmal ziehen sich Interviews über den ganzen Tag hin und man lässt Ihnen kaum eine Pause für's Händewaschen. Erfolgt vorab ein Hinweis, dass man sich länger mit Ihnen befassen möchte, dann packen Sie ein Doppel Ihres Shirts in den Rimowa und wechseln Sie es am Nachmittag an einem stillen Ort. Das Tagesinterview simuliert die Belastung eines Arbeitstags in Ihrem Beruf. Wie gut, dass Sie Stehvermögen besitzen.

Ostrach, 16.09.2004 - Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com


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Bild © 2004 Gerhard Winkler, jova-nova.com
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