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Jobs & Internet:
Die Bewerber-Homepage

So bekümmert, wie man nur in der Jugend sein kann, durchstreifte ich einmal ein Amsterdamer Stadtviertel mit seinen putzigen Hobbitt-Häuschen, musterte beklommen das familiäre Treiben in den hell ausgeleuchteten Wohnzimmern und dachte wie alle deutschen Touristas: "Wünschen unsere netten holländischen Nachbarn für sich denn null Privatsphäre?"

Dieses Vorführleben in der eigenen guten Stube ist seit der Reformation bewährte puritanische Lebensweise. Es demonstriert nichts weniger als die offensichtliche Sittsamkeit der Bewohner. Dass man heute weit unbefangener auftrittt und sein komplettes Ego weithin ausstrahlen lässt, hat dagegen andere Gründe. Das moderne Volksschauspielertum kann ja nur den noch verwundern, der die coole Mediawelt von heute nicht live erlebt. Je weiter der Schall trägt, desto lauter rufen schließlich die Leute.

So gibt man sich bevorzugt offen und hütet man als letztes persönliches Geheimnis nur noch seine PIN, TAN und Kreditkarten. Alles andere kann dem globalen Selbstdarsteller von heute gestohlen bleiben und ist ihm auch letzten Endes egal. Und deshalb kippt der moderne Jobsucher auch unbefangen ganze Berge von Datenabfällen und biographischem Infomüll ins World Wide Web.

Dort stöbern dann garstige Leute, stoßen zum Beispiel auf eine schwäbische Bewerber-Seite, erblicken den Button WUNSCHLISTE und denken bei sich: "Was für ein aparter Einfall".
Klicken auch wir einmal das Wunschknöpfle an:

>>Tätigkeits Wunschliste
Dies ist die Tätigkeitswunschliste. Wenn Sie einen Mitarbeiter suchen, der die unten genannten Tätigkeiten ausführen soll, dann bin ich der Richtige für Sie. Mir ist natürlich klar, dass ich nicht alle Wunschtätigkeiten ausführen kann, ich bin auch bereit mir neue Themen anzueignen, um neue Aufgaben zu übernehmen. Die unten aufgeführten Wünsche sind also die Tätigkeiten, die ich zur Zeit am besten beherrsche.<<

Oh, diese Homepage-Betreiber aus Esslingen, Tübingen oder Fildertütenstadt. Weil sie ein FH-Studium absolviert haben, gehen sie davon aus, dass ihre Site-Nutzer wahre Dumpfbacken sind, denen man alles spätzleklein verklickern muß. Süddeutsche Jungtüftler sind eigentlich keine Schwätzer. Aus der ellenlangen Tätigkeitswunschliste aber gleich zwei Worte zu machen, das ist schon genial. (Die GEW-Mitglieder unter den Deutschlehrern sehen darin bestimmt einen Beleg dafür, dass die deutsche Sprache lebt und sich lebendig fortentwickelt und dass man gerade als Deutschlehrer gut tut, da nicht repressiv ins Sprachhandeln einzugreifen. Nebenbei bemerkt, Deutschlehrer sind übrigens der einzige Berufsstand, über den man ungestraft alles Böse schreiben kann. Die lesen das ja nie.)
Wohl dem Bewerber also, der noch einen Wunsch in seinem Herzen trägt. Oder eben ganz viele Wünsche:

"Dies ist die Wunschliste für meinen neuen Job. Wenn Sie mir diese Wünsche erfüllen können, ist es mir eine Freude mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
arbeiten mit freundlichen Leuten und an freundlichen Arbeitsplätzen
arbeiten mit leistungsstarken Computern (also nicht alte 486er)
verantwortungsvolle Arbeit mit Vertrauen
arbeiten mit den neuesten Entwicklungswerkzeugen
arbeiten mit Internetanbindung zwecks schneller Informationsbeschaffung
fairen Lohn (zahlen Sie mir so viel, wieviel ich auch wirklich arbeite, z.B. Lohn pro Stunde oder Lohn für geleistete Arbeit)
Arbeitsplatzsicherheit (gesetzlich geregelt ist ausreichend)"

Hat diese Aufzählung nicht etwas unglaublich Lakonisches? Erinnert das nicht an den fairen Lohn-Vorkämpfer Bert Brecht? - "Seht. Dies ist mein freundlicher Arbeitsplatz. Dies mein alter 486er. Und dies sind meine kärglichen Wünsche."
Doch auch wir wunschlos Unglücklichen können beim Studium von Online-Bewerberpräsentationen konkret etwas lernen. Zum Beispiel, dass die Avantgarde der Heimseiten-Stellenberwerber männlich ist, gerade fleißig und begeistert eine akademische Ausbildung mit technischer oder ökonomischer Ausrichtung absolviert und sich (aufgrund der Initiative fortschrittlicher Lehrstuhlinhaber) einiges an Web Space auf dem Uni-Server reservieren durfte.

Unser Homepage-Betreiber ist nach seinen eigenen ausgesuchten Worten "ein junger dynamischer Mann mit vielen guten Fähigkeiten" und "ständig bereit, ... (sich) neue, unbekannte Themengebiete anzueignen". Na, neu für ihn sind sicher die Regeln der Informationsvermittlung:
1. Die Form muß stimmen.
2. Die Sprache muß stimmen.
3. Der Inhalt muß stimmen.
Aus gegebenem Anlaß wollen wir dieses Regelwerk noch erweitern bzw. uns an elementare Grundsätze erinnern:
4. Alles Handeln kennt eine passende Zeit.
5. Alles Handeln hat seinen richtigen Ort.
Alles Handeln kennt eine passende Zeit. - Wie lange ist eine Bewerbung im Internet überhaupt zeitgemäß? Datenreisende haben jederzeit Zugriff auf die Informationen des WWW - und sie erwarten, dass alle Seiten immerzu auf dem neuesten Stand sind. Bewerbungsunterlagen ohne Datumsangabe bedeuten offensichtlich, dass sich eine(r) ständig und immerzu bewirbt. Werden die Seiten jedoch mit einem Herstellungsdatum markiert und verbleiben längere Zeit im Netz, überschreiten sie immer viel zu früh ein Verfallsdatum. Die biographischen Daten einer Person ändern sich zudem mit der Zeit. Wer sie nicht aktualisiert, vertreibt die Nachrichten von Gestern und riskiert die schlimmste Todsünde der Informationsanbieter im Netz: Inaktualität

Vielleicht verschieben sich ja unsere Verhaltensmuster und es gehört in Zukunft zum guten Ton, das eigene Persönlichkeitsprofil, die Qualifikationsmerkmale, die beruflichen Wünsche, die privaten Hoffnungen sowie den sonstigen persönlichen Schmodder im Schaufenster "Internet" auszubreiten. In der Idee, dass jeder sein eigener Prophet, Geschichtsschreiber und Public Relations-Agent wird, steckt ja eine emanzipatorische Wucht, wenn auch im vorliegenden Beispiel die konkrete Umsetzung

"Wenns sein muß, auch gute Einzelkämpfer Fähigkeiten"

einen Personaler eher erschrecken wird als begeistern.

Alles Handeln hat seinen richtigen Ort. - Jobsucher und Stellenanbieter müssen sich irgendwo zusammenfinden. Warum auch nicht auf einem virtuellen Marktplatz, einer Börse oder Plattform? Das Web kennt viele gute Treffpunkte und Kontaktstellen. Die Bewerber-Homepage ist aber in der Regel nicht so ein Ort. Wenn Sie kein Machertyp sind, der sich regt und die Dinge bewegt, dann sind Sie einfach nicht so interessant, als dass irgend ein Personaler sich Ihre verrauschten Privatfotos und ihre verlorene Gestaltungsmühe antun möchte. Und wenn Sie doch eine herausragende Spitzenkraft sind, haben Sie niemals im Leben Zeit, eine eigene Home Page zu basteln. Und obendrein sind Sie dann auch noch viel zu klug, um an den Erfolg von solchem Zeitvertreib zu glauben. Fazit:

1. Breiten Sie Ihre persönlichen Daten und Lebensumstände nicht vor aller Welt aus. Eine Home Page ist wie eine Hausfront mit hell erleuchteten Fenstern. Jeder Fremde, der da hinein blickt, wird weit mehr erkennen als Sie selbst, wenn Sie selber Ihre Seite aufrufen und nachschauen.
2. Verfallen Sie nicht dem Irrtum, ein Personaler würde sich umfassend über Sie informieren wollen. Er kann und will nur so viel erfahren, dass er daraus eine Entscheidung ableiten und begründen kann. Er will keineswegs mehr als nötig über Sie wissen.
3. Glauben Sie nicht, jemand, der nicht an Ihnen persönlich interessiert ist, würde Ihre Home Page freiwillig besuchen. Natürlich können Sie Ihre Seiten mit Nutzwert anreichern, aber dann wird Ihre private Home Page auch gleich zum Projekt.
4. Ein persönlicher Webauftritt kann Berufseinsteigern dienlich sein, wenn dort Arbeitsproben, Leistungsnachweise und ergänzende Informationen verarbeitet wurden bzw. wenn die Site selbst ein Befähigungsnachweis ist. Bewerbersites, die funktionieren, sparen das Privatleben aus und präsentieren genau die bufsbezogenen Kenntnisse, Erfahrungen und Eigenschaften, die für einen Personaler von Belang sind. Mit einer persönlichen Site kann man entweder einen Stellenanbieter oder die Freundesclique oder die/den schöne(n) Fremde(n) beeindrucken.
Kurzum, eine Bewerberseite ist keine private Home Page. Ihr Äqivalent ist weder das Fotoalbum noch das private Tagebuch noch der Rundbrief an die Familie. Sie gestalten eine geschäftliche Kurzpräsentation vor kritischen Leuten, die verdammt wenig Zeit haben und die angesichts belangloser Informationen weiterklicken, ohne eine Sekunde lang das Wildwasser, in dem Sie gerade geknipst werdender Weise raften, zu betrachten.
Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Personaler Ihre Site aufsucht, ist zwar nicht gleich null, aber doch nicht viel größer, als dass Sie einen von Herzen anständigen Bild-Redakteur in einer Senator-Lounge treffen.
Oder haben Sie dank Ihrer Webpräsentation eine neue Stelle gefunden? Informieren Sie mich darüber! Auf Ihre E-Mail freut sich immer Ihr Bewerbungshelfer
(November 1997 - August 2002)

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