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Teil 2
Gerhard Winkler Jobwechsel für Anfänger
Was es einem bringt, wenn man sich als Bewerber voll einbringt
Schmerzlos wechseln
†bersicht: n
Ein ehrgeiziger Novize fragte einmal Abt Bernhard nach dem Weg zum irdischen Erfolg. Dieser antwortete: Lieber Bruder, nach Rom zu wechseln, das ist allemal eine Messe wert. Du strebst an, dich nach Rom zu bewerben. Nach Rom wird man aber nur berufen.

Wäre der Abt ein moderner Karriereberater, dann würde er seinen Schäfchen heute empfehlen:

Von zwei Bewerbern hat der es leichter, der sich aus einem Job heraus bewirbt.

Von zwei Jobwechslern hat der es leichter, dem ein Job angetragen wird.

Aus diesen beiden Prinzipien lässt sich ein ganzer Kanon an Jobregeln für alle beruflichen Wechselfälle ableiten. Die Regeln funktionieren auch, wenn man nicht an sie glaubt. Es reicht, wenn Sie sich daran halten. Und falls Sie doch schwach werden oder den falschen Bewerberweg einschlagen: Kehren Sie um und beichten Sie Ihrem Bewerberberater.

Abt Bernhards Regeln für Jobwechsler

1. Der aktuelle Job geht vor

Fallen Sie nicht hinter Ihr Leistungssoll zurück, nur weil Sie einen Jobwechsel ausbrüten oder betreiben. Im Gegenteil: Leisten Sie mehr, als man erwartet. Tragen Sie zum Betriebsklima bei. Schließen Sie Frieden mit Ihren Feinden. Versprühen Sie gute Laune.

Der Grund: Ihr aktueller Job ist eine Fall-Back-Position. Sichern Sie die im eigenen Überlebensinteresse ab. Sie werden in Folge Ihrer Selbstvermarktung vielleicht einen Urlaubstag nehmen, ein Zwischenzeugnis oder ein Arbeitszeugnis einfordern und später über Kündigungsfristen verhandeln. Tun Sie das mit einer wohlwollend eingestellten Geschäftsleitung. Falls Sie wirklich gehen, möchten Sie kein Schlachtfeld hinterlassen und auch keine Feinde, von Ihnen Betrogene oder Enttäuschte. Hinterlassen Sie allseits gute Erinnerungen. An Sie und an die gemeinsame Arbeit.

2. Halten Sie Ihre Absichten geheim

Was macht man liebsten mit Mitarbeitern, die gekündigt haben oder denen man kündigt? Man stellt sie sofort frei. Ganz abgesehen vom gegenseitigen Vertrauensverlust: Leitungskräften und Untergebenen geht unweigerlich die Luft aus. Die einen verlieren umgehend jede Autorität; den anderen kommt nach und nach der Arbeitseifer abhanden. In einer Gruppe, in der jemand seine letzten Wochen abdient und in der man keine Arbeitsdisziplin aus der Vor-68er-Zeit pflegt, wird effizientes Zusammenarbeiten von Tag zu Tag schwieriger. Der lange Abschied macht allen klar: Dazugehören verlangt mehr als mitmachen.

Sprechen Sie Ihre innere Kündigung, Ihre Fluchtgedanken und Ihre aktuellen Vermarktungsaktivitäten darum nicht aus. Mehr noch: Verstellen Sie sich. Wenn bloß einer in der Firma den Abweichler riecht, dann rümpft in kurzer Zeit eine ganze Abteilung die Nase. Ein paar lose Bemerkungen, ein paar Drohungen im Zorn und schon hängen Sie außen am Trittbrett. Falls es dann doch nicht so fix geht mit dem neuen Job, dann stecken Sie fest. Halb drinnen, halb draußen.

Kann man sich nicht wenigstens in der eigenen Seilschaft outen? Nicht, wenn Sie reiner Ankündiger der Tat sind. Ja, falls Sie praktische Hilfe oder Trost brauchen, falls ein Gruppenausbruch geplant ist und wenn Sie weit mehr miteinander verbindet als der übliche freundliche Ton unter Kollegen.

3. Suchen Sie nicht nur Jobangebote. Suchen Sie Personen.

Aus Ihrer Firma sind bereits früher Mitarbeiter weggegangen. Wohin genau? Kann man die kontakten? Aus Ihren Job- und Bildungsaktivitäten kennen Sie beruflich engagierte Leute. Rufen Sie an. Spüren Sie die Kontakte notfalls auf. Signalisieren Sie, dass Sie auf der Suche sind. In Konkurrenzunternehmen, in anderen Firmen sitzen Personen, die Ihre zukünftigen Vorgesetzten sein könnten. Identifizieren Sie diese Leitungskräfte und sprechen Sie die an.

Je höher ein Rang, desto mehr Kontaktmöglichkeiten ergeben sich allein schon aus der Funktion heraus. Fach- und Führungskräfte kommen in der Welt herum, exponieren sich, tauschen sich aus, hören täglich von Job-Opportunitäten und sind obendrein weit weniger bindungsfixiert als der Durchschnittsangestellte. Als Führungskraft nehmen Sie auch mit Personalberatern Kontakt auf – bevorzugt bis ausschließlich mit denen, die früher einmal bei Ihnen angerufen haben.

Halten Sie sich bedeckt, mit wem auch immer Sie sprechen. Signalisieren Sie, dass Sie sich diskret um eine neue Aufgabe bemühen. Auch wenn Ihnen Rufeldts Rat von der von der positiven Aufladung schon zum Hals heraushängt: Sprechen Sie nur gut von der Organisation, die Sie ernährt, vom Vorgesetzten, der Sie anleitet und von den Kollegen, mit denen Sie kooperieren.(Rufeldts Rat: "Lade dich vor der Arbeit maximal positiv auf, du triffst heute auf einen Schwarm Neutrinos.")

Sich Luft zu verschaffen und vor Fremden oder im eigenen Haus über Jecken im Jackett, Kotzbrocken im Kostüm und Lakaien in Lederschuhen zu lästern: Das ist mit ein Grund, warum es die Unbeherrschten im Beruf nicht weit bringen. Man hat die Wahl: sich entrüsten und sich entlasten oder sich zusammenreißen und sich belasten. Zum beruflichen Aufstieg gehören strikte Haltung und Selbstkontrolle.

Ist Ihnen ernsthaft daran gelegen, Selbstdisziplin und Selbstvermarktung nicht im Seminar, sondern aus dem wirklichen Leben zu lernen, dann schauen Sie’s am besten von den Managern ab. Halten Sie sich auch als Masseur, Trainerin, Möbelverkäufer, Elektroinstallateurin oder Online-Redakteurin an das Kommunikationsverhalten der Angestellten-Elite. Orientieren Sie sich nicht an den Marketingexperten – deren Bewerberpräsentationen sind oft das peinliche Äquivalent von Janet Jackson-Fallouts. Jobs werden aus einer Notwendigkeit heraus geboren, von Leuten definiert, propagiert und vergeben. Das Stellenangebot ist vom Ursprung des Jobs soweit entfernt wie ein Tässchen Nescafé vom Kaffeebaum. Gehen Sie dorthin, wo Jobs gemacht, und nicht dorthin, wo sie ausgehängt werden. Gehen Sie zu den Leuten.

Neben den Jobanbietern selbst sind für Sie wichtig: Fürsprecher, Türöffner, Torwächter, Informanten, Scouts, Referenzen, logistische Helfer, Unterstützer sowie Partner und Freunde als private Coaches. Als Fach- und Führungskraft bewegen Sie sich außerdem in Elitezirkeln und gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen. Haben Sie nicht den germanischen Horror davor, Kontakte zu instrumentalisieren. Handeln Sie pragmatisch und vergessen Sie dabei nicht, nett zu lächeln.

Wenn Sie als Interview-Kandidat in ein fremdes Land fliegen, zu einem Unternehmen, das Sie nur aus der Webrecherche, ein paar Fachartikeln und ein paar Headhunter-Arien kennen, und wenn Sie aus dem Gespräch mit zwei Visitenkarten zurückkommen, dessen Besitzer Sie jederzeit anrufen können und sich informell austauschen, dann zählen Sie zur Senatorklasse der Jobwechsler.

4. Nutzen Sie nicht die firmeneigene Office-Kommunikation

Oder nutzen Sie Telefon, Internet, web-basierte Mail, Drucker, Fax nur diskret und löschen Sie alle Spuren. Ein Kompromiss zwischen den Forderungen der Ethik und dem praktischen Alltag wäre, nur außerhalb der Arbeitszeit im Web zu recherchieren. Gut, dass Sie sich aufraffen und sich umorientieren. Dies legitimiert in keinem Fall, dass Ihre Job-Performance leidet.

Telefonieren Sie nur mit dem eigenen Mobilfon. Kontakten Sie bei Jobanbietern um 7.30 Uhr morgens oder nach 18 Uhr. Leute, die sonst nie erreichbar sind, erwischt man ganz gut, wenn noch keiner da ist oder alle schon weg.

Nutzen Sie kein Firmenfax.

Verwenden Sie auch nicht im Notfall Ihre Firmen-Mailadresse.

Senden und empfangen Sie Post nur aus einer web-basierten Mailanwendung.

Löschen Sie nach einer privaten Internet-Session den VERLAUF und den CACHE Ihres Browsers.

Legen Sie keine privaten oder Bewerber-Dokumente auf dem PC oder dem Firmenserver ab.

5. Kümmern Sie sich um Bewerber-Präsentation & Logistik

Ohne Bewerbungsunterlagen kein seriöser Job. Jobwechsler erfahren oft, dass sie von begeisterten Gesprächspartnern bereits aufgefordert werden, Unterlagen einzureichen, wenn sie eigentlich noch in der Recherchephase stecken und innerlich noch gar nicht so weit sind. Darum: Lebenslauf auf dem Stand? Nachweise auffindbar? Porträt, Nachweise digitalisiert? Mail und Internet eingerichtet? Druckerpatrone auch nicht eingetrocknet? Anrufbeantworter seriös besprochen? Familienmitglied, das bevorzugt den Hörer abnimmt, erfolgreich in Notieren von Name, Firma, Telefon eingewiesen? Bewerber-Garderobe bestimmt? Fehlende Teile ergänzt?

Ihr höchster Bewerbertrumpf ist, sofern in Ihrem Lebensweg nichts schief ging, Ihre derzeitige Position. Nennen Sie diese im Anschreiben an erster Stelle: Es ist Ihr stärkstes Argument.

Gehen Sie dann auf Ihre Aufgaben, Zuständigkeiten und Erfolge ein. Schreiben Sie so konkret und einfach wie möglich. Legen Sie als Jobwechsler Ihr Anschreiben so an, als würden Sie einer sechzehnjährigen Person direkt, anschaulich und in einfachen Worten zusammenfassen, was Sie beruflich leisten. Vom Brieflayout und vom letzten Briefdrittel mit Ihren Rahmenbedingungen und den Ausstiegsfloskeln einmal abgesehen, taugt kaum eine Anschreibenvorlage etwas. Musteranschreiben tun formal, höflich und bleiben hübsch allgemein. Musterbewerber wollen sich nicht die Pfoten verbrennen. Sie konkurrieren somit nicht um den Job, sondern um die schönste Floskelsammlung. Machen Sie es nicht wie alle. Erfinden Sie auch nicht die Textsorte neu. Ein funktionierendes Anschreiben ist einfach, schnörkellos und direkt. Es kostet Sie mehr Zeit, einfach zu formulieren und die Argumente auf den Kern einzuschmelzen, als nette Sätze abzuschreiben. (Mich zumindest kostet das jedenfalls Zeit - meine einzigen Vorlagen für Klientenanschreiben sind Lebenslauf, Nachweise und die Stellenofferte. Anschreiben entwickelt man allein aus der Idee heraus, eine Erwartung und einen Anspruch in Deckung zu bringen. )

Jobwechsler sind meist ziemlich aus dem Bewerben heraus. Sie finden es oft eher komisch, dass man sich heutzutage vermarktet. Früher hat man Zeitungen durchgeblättert und auf Jobofferten reagiert. Jobwechsler aufgepasst: Es bleibt Ihnen nicht erspart, sich über gängige Bewerbungswege, Vermarktungsmethoden und die Praxis der Bewerberpräsentation zu informieren. Trauen Sie sich tief ins Web. Es ist ein großes Info-Meer. Befahren Sie es zunächst kreuz und quer. Nach einer Weile haben Sie Ihre bevorzugten Fischgründe gefunden. Eine Anlaufstelle möchte ich Ihnen dabei ganz besonders ans Herz legen: Gerhard Kenks Web-Projekt Crosswater Job Guide – Jobbörsen und Gehaltsvergleiche: http://www.crosswater-systems.com/.

6. Prüfen Sie den Jobanbieter so, als ob Sie seine Firma kaufen möchten.

Christian Gasche, Frankfurter Berater für Online-Dienstleister erklärt: „Prüfen Sie den Jobanbieter so, als ob Sie seine Firma kaufen möchten.“ Das leuchtet unmittelbar ein. Sie möchten Ihre Jobumgebung tauschen. Sie sind ja unglücklich oder unzufrieden; Ihre Lage ist ungewiss, bedrohlich oder unhaltbar. Nur ein drastischer Schritt kann Ihren Job, Ihre Zukunft, Ihre Arbeitsfähigkeit, Ihre Beziehung, Ihr Bankkonto, Ihr Seelenheil, Ihren Verstand oder Ihre körperliche Unversehrtheit retten.

Der Wechsel soll’s richten. Nur tappen Berufstätige gern in die Falle und wechseln bevorzugt in Umgebungen, die ihnen vertraut vorkommen. Organisations- und Beziehungsstrukturen, die man auf Anhieb versteht, spiegeln leider oft den Betrieb, aus dem man sich gerade zielstrebig abseilt.

Prüfen Sie einen möglichen Arbeitgeber, als ob Sie Investor wären. So, als ob Sie planen, Ihr gesamtes Kapital in das Unternehmen zu stecken. Tatsächlich sind Sie dabei, Ihr gesamtes humanes Kapital zu plazieren. Als langfristig orientierter Anleger Ihrer Arbeitskraft bringen Ihnen von Jobsuchenden unterbewertete Firmen den besten Return of Investment. Don’t go with the Crowd. Suchen Sie die versteckten Perlen auf dem Markt der Jobanbieter. Analysieren Sie diese Firmen. Handeln Sie erst, wenn Sie alle Fragen mit einem uneingeschränkten ja beantworten können:

Verstehen Sie, was die Organisation macht?

Können Sie die Organisation auf dem Markt situieren?

Ist die Organisation finanziell gesund?

(Führungskräfte:) Verstehen Sie das Organisationsdiagramm?

Existiert eine schriftliche Job-Beschreibung?


Akzeptieren Sie den Führungsstil Ihres künftigen Vorgesetzten?

Verstehen Sie die Aufgabenstellung?

Hat man für die Funktion einen Jobtitel festgelegt? (Ihr Jobtitel drückt nach Innen und Außen Ihren Rang aus und er taucht später in einem Arbeitszeugnis auf.)

Sind Ihre Zuständigkeiten und Befugnisse schriftlich fixiert?

Werden Ihre Kompetenzen den künftigen Kollegen auch klar vermittelt?

Konnten Sie Ihren künftigen Arbeitsplatz ansehen?

Ihren Jobwechsel erfahren Sie als eine Phase erhöhter Aktivität. Eine Krisensituation ist das allenfalls im Sinne einer akuten Aufgabenstellung, die aber immer zu managen ist. Sie haben keine Schwierigkeit, Urlaub als eine zeitlich begrenzte Aktivität zu verstehen. Auch Jobs beginnen und enden. Zur Joberfahrung gehört, dass man ganz in seiner Arbeit aufgeht, dass man irgendwann den Blick wieder nach außen richtet und dass man weiter geht. Markieren Sie den Abschnitt. Versammeln Sie alle. Feiern Sie den Ausstand. (Liebe Pfennigfuchser: Lassen Sie sich das etwas kosten.) Machen Sie Trennung und Abschied zu einem Tag, an dem sich Ihr altes Team selber feiert. - Weiterlesen

Ostrach, 16.05.2004
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