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Bewerbung - Praxisbeispiele
Motivationsschreiben
Das Motivationsschreiben



Gerhard Winkler/Gabi Zimmermann/***

1. Akt
Eilpost aus Deutschland


„Wie der Zufall es will, habe ich doch tatsächlich aufgrund meiner Internet-Bewerbung einen Vorstellungstermin bei Le Belanglos erhalten. Aber nicht für den Bereich Schaumbäder, sondern für Schaumbäder-Crèmeseifen. Da meine Bewerbungsunterlagen jedoch sehr auf den Bereich Schaumbäder abzielten, bat man mich noch zusätzlich ein Motivationsschreiben für den Bereich Schaumbäder-Crèmeseifen zu verfassen. Das habe ich auch getan und dieser E-Mail als Anlage beigefügt. Was halten Sie davon ? Kann ich es so an Le Belanglos schicken?"


2. Akt
Das Motivationsschreiben

Meine Motivation

Es ist eine Ehre für ein Unternehmen arbeiten zu können, das einen Weltklasse-Ruf genießt. Le Belanglos gehört zu diesen Unternehmen und ist zugleich weltweit die Nummer 1 im Pflegeseifenmarkt. Als junge Konsumentin kann ich mich vollkommen mit den Produkten von Le Belanglos identifizieren und möchte deshalb dazu beitragen, die Position des weltweiten Markführers auch in die Zukunft hinaus zu sichern.
[…]
[…]
Mein kreatives Potential, meine konzeptionellen und vor allem strategischen Stärken kann ich in einem schaumbadlosen Umfeld nur unzulänglich ausspielen. Ich suche deshalb die berufliche Herausforderung in einer Position mit Perspektive. Die Tätigkeit als Schaumschlägerin-Einseiferin in Ihrem Hause stellt für mich eine große Herausforderung dar, der ich mit Begeisterung und großer Motivation begegnen werde.




3. Akt
Eilpost nach Deutschland

„ … mein Abendessen ist kalt geworden, aber mir hat es eh den Appetit verschlagen. dass man jetzt als Bewerberin auch noch Motivationsschreiben vorlegen muß, wär‘ für mich der letzte Anstoß, um ganz auszusteigen und in Zukunft außerhalb aller multinationalen Unternehmenskultur nur noch Märchen für www.floribelle.com zu verfassen. Hier ist die von mir behutsam geänderte Fassung. Viel Erfolg damit! Vor allem: Viel Glück!"

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4. Akt
Das
neue Motivationsschreiben

Meine Motivation

Ein Unternehmen von Weltklasse erwirbt Rang und Renommee durch die Leistung seiner Mitarbeiter. Le Belanglos gehört zur unternehmerischen Spitzenklasse und ist zugleich weltweit die Nummer 1 im Pflegeseifenmarkt. Als junge Konsumentin
kann ich mich vollkommen mit den Produkten von Le Belanglos identifizieren.
Als erfolgreiche Kauffrau will ich meine Kraft, mein Wissen und meine Begeisterungsfähigkeit dort einsetzen, wo es auch maximale Wirkung zeigt.
Ich möchte deshalb dazu beitragen, die Spitzenposition einer Top-Company auch in die Zukunft hinaus zu sichern.
[…]
[…]
Mein kreatives Potential, meine konzeptionellen und vor allem strategischen Stärken kann ich in einem seifenfreien Umfeld nur unzulänglich ausspielen. Ich suche deshalb die berufliche Herausforderung - in einer Aufgabe mit Perspektive. Lassen Sie mich die Position als schaumgeborene Seifenspenderin ausfüllen: mit meinen beruflichen Skills, mit meinen Stärken, mit meiner Persönlichkeit.



5. Akt
Wer sagt's dem Referenten?

Der Erfinder dieser Motivationsschreiben hat einfach ein Rad ab. Punkt. Deshalb erst mal nachhaken, was er damit bezweckt - schon aus Freude an der zu erwartenden abseitigen Begründung.
Geht es um einen Job im Marketing - im echten Marketing - dann mag man sowas ja als Herausforderung akzeptieren. In diesem Fall würden wir ein Werbekonzept für diese Firma (oder eines ihrer Produkte) erstellen und eine Art Arbeitsprobe abliefern. Man kennt dies ja, die Success-Stories à la Mercdes Benz, SAP, BASF, Stern, Spiegel, CNN ... eine endlose Liste.
Uns erinnert diese Geschichte an die mündliche Prüfung eines angehenden Berufsschullehrers:
Es begab sich, dass der Professor im Fach WiPäd dem Examenskandidaten folgende Aufgabe stellte: "Zeichnen Sie bitte eine gerade Linie an die Tafel." Der Student nahm den Whiteboardmarker und zeichnete einen Strich schnurgerade vom einen Ende der Tafel bis zum anderen. Dann wandte er sich um, auf weitere Anweisungen wartend. Der Prüfer bellte: "Warum hören Sie auf? Habe ich Sie das etwa angewiesen?" Als ihn der Student hilflos anstarrte, fuhr der Professor fort: "Ja, können Sie keine klaren Anordnungen befolgen?"
Da malte der Prüfungskandidat folgsam über die Tafel hinaus und auf der Wandfläche weiter. Kommentar des Professors: "Wir sehen uns bei der nächsten Prüfung wieder. Ich kann keine Pädagogen auf die Menschheit loslassen, die blindlings alle Anweisungen, und seien sie noch so unsinnig, befolgen. Wir bilden hier Menschen aus, die über eine eigene Meinung verfügen, und dies auch im Unterricht an ihre Schüler vermitteln."

War die Bitte um ein Motivationsschreiben nur ein Test, um Selbständigkeit, Rückgrat und Urteilskraft eines Bewerbers zu prüfen? Oder ist das, wie uns gut unterrichtete Kreise versichern, allein auf Profilierungswut eines entfesselten Personalreferenten zurückzuführen, der weiß, dass die hierarchisch höhere Position im Hause demnächst vakant wird, da der bisherige Stelleninhaber in den Ruhestand geht? Wollte der Große Motivator mit solch bizarren Innovationen beizeiten auf sich aufmerksam machen? In die Geschichte des Personalwesens eingehen? Als der Mann, der Bewerber schwärmen läßt?

"Sie wollen für Le Belanglos arbeiten? Nicht ohne ein freudiges Bekenntnis!"

[Berkeley & Mosbach, 4.1.1999]

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