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Bewerbung - Praxisbeispiele
«Geht es denn nur mir so, dass ich einem umständlichen Bewerber zurufen möchte: Los, sing endlich!»
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Sind Anschreiben Stories? Und ist Ihr Bewerberberater nichts anderes als ein alter Geschichtenonkel? So gar nicht glücklich war jedenfalls ein Ingenieur über eine von mir getextete Bewerbung. Er schrieb mir: «Die Person in meinem Anschreiben kommt mir vor wie ein Geschichtenonkel, der einmal so richtig auf die K...e hauen will. Das zu lesen, dafür hätte ich als Personaler nun wirklich keine Zeit.»

Meine Version eines Initiativschreibens las sich so:

Konstrukteur

Sehr geehrter Herr ...,

in meiner Funktion als verantwortlicher Konstrukteur bin ich perfekt in mein Arbeitsgebiet Industriekrananlagen eingearbeitet. Für meinen derzeitigen Arbeitgeber Kran Kanaria AG erstelle ich Entwürfe, Einzelteilzeichnungen und Berechnungen. Darüber hinaus assistiere ich der Projektleitung und bin für die Koordination und Betreuung der Ingenieurbüros zuständig.

Meine Leistungsstärke wird von Vorgesetzten und Kollegen nachweisbar bestens bewertet. Neben meiner mehrjährigen beruflichen Praxis kommen meiner Arbeit ein Diplomstudium des Maschinenbaus an einer renommierten Universität sowie eine berufsbegleitende Weiterbildung zum technischen Betriebswirt zugute. Nicht zuletzt habe ich in einer ersten Ausbildung als Maschinenschlosser mein ausgezeichnetes manuelles Geschick unter Beweis gestellt.

Ich weiß mit allen in meiner Profession maßgeblichen CAD-Systemen sicher umzugehen. Mein Englisch halte ich nicht nur durch Sprachtrainings fit. Es bewährt sich auch in der Kommunikation mit internationalen Kunden.

Ich möchte mich in einem innovativen und fordernden Umfeld wie dem Ihren weiterentwickeln und wende mich aus ungekündigter Position an Sie. Bitte behandeln Sie deshalb mein Schreiben vertraulich. Referenzen nenne ich Ihnen gern. Planen Sie, ihre Entwicklungsabteilung um einen erfolgreichen und teamfähigen Konstrukteur zu verstärken? Dann freue ich mich über Ihren Anruf oder ihre Mail.

Erste Zweifel beschlichen meinen Mandanten bereits beim Prüfen von Layout und Textgestalt: «Vielleicht schon einen Tick zu gut. Welcher Personaler nimmt einem Techniker schon ein makelloses Anschreiben ab?»

Meine Antwort: Eine formvollendete Bewerbung ist immer unauffällig. Formale Perfektion und Ausdrucksstärke nimmt man auch bei Ingenieuren als gegeben hin. Fehler fallen dagegen immer auf, bei Praktikanten wie bei Praktikern.

Überhaupt, Sie schreiben, dass Sie sich den Text so «objektiv» wie ein Personaler vorgenommen haben. Haben Sie das wirklich? Beachten Sie bitte, dass ein Personaler bereits vor der Lektüre sicher weiß: Es handelt sich bei dieser Post auf meinem Tisch ganz zweifelsfrei um eine Bewerbung. Oder was soll eine Sendung sonst sein, wenn sie in einem großen Umschlag ausgeliefert wird, aus einem Begleitschreiben und einem Schnellhefter besteht und der Hefter augenscheinlich einen Lebenslauf plus eine 6 x 4-Aufnahme eines lächelnden Jackettträgers beinhaltet?

Um das Bewerbungsschreiben besser einzuschätzen, haben Sie sich sogar ganz in einen Personaler hineinversetzt. Nichts anderes empfehle ich auf meinen Seiten. Ihre Einschätzung aus Personalersicht führt Sie nun zum Schluss: «In der Betreffzeile gibt der Bewerber sich als Konstrukteur aus. Das vermute ich zumindest. Was er genau will, darüber schweigt er sich nämlich aus.»

Unterschätzen Sie da nicht ein bisschen das Vermögen eines Stellenanbieters, den Betreff «Konstrukteur» ohne großes Nachdenken so zu verstehen:

Bewerbung um eine Position als Konstrukteur

Warum dann nicht gleich den Betreff auf diese übliche Weise formulieren? Tun Sie das getrost als konventionell handelnder Kandidat. Nutzen Sie die ganze Betreffzeile aus. Doch serviceorientierte Selbstvermarkter entfernen unerbittlich, rigoros und energisch alle sprachlichen Null-Informationen. Wer selbst durch die täglichen Info-Gewitter läuft, der weiß, dass sämtlichen infoaufnehmenden und -verarbeitenden Kopfarbeitern schon die Ohren fiepsen vom Klappern und Stottern und Schrödern der Floskelkopierer. Zeitsensible Bewerber gehen davon aus, dass jeder Postempfänger, der berufshalber liest, von Herzen dankbar ist, wenn er gerade dank ihrer Umsicht ein bisschen weniger lesen muss.

«Konstrukteur» im Betreff einer Bewerbung signalisiert also:

1. Es geht um einen Job als Konstrukteur.
2. Ich bin Konstrukteur.
3. Haben Sie für diese Funktion eine Vakanz zu besetzen?

Sprachliche Reduktion und Einfachheit ist allerdings, so weit ich sehe, noch kein allzu weit verbreitetes Bewerber-Merkmal. Was ich nicht verstehe. Direktheit gilt doch als ein sehr einfaches und absolut wirksames rhetorisches Mittel, um sich elegant von Konkurrenten abzuheben. Den Normalbewerbern fehlt es nicht nur an Mut, an Einsicht und an Gespür, wenn es um überzeugendes Präsentieren geht. Die kommen gar nicht auf die Idee, sich wirklich in einen Personaler hineinzuversetzen und probehalber so zu ticken, wie er tickt.

Sie denken, dass man als Bewerber wenn schon nicht im Betreff, dann doch in der Einleitung verlautbaren muss, was man so vor hat: «Was der Bewerber genau will, darüber schweigt er sich in diesem Anschreiben aus. Ob er es in der Einleitung nachholen wir? Tut er nicht. Hier erzählt er von seiner Tätigkeit, und dass er darin eine ganz große Nummer ist.»

Ja, wovon soll ein Bewerber sonst reden als von seiner Funktion und von dem, was er berufshalber treibt? Was sonst um alles in der Welt soll denn interessant sein für jemanden, der ein Business leitet, eine Mannschaft führt und der bis zum Ende des Geschäftsjahrs seine Vorgaben zu erreichen hat?

Ein Anschreiben kann nicht nur ein simples Begleitschreiben sein. Dann wäre es verschenkt. Betrachen Sie es aber auch nicht als Geschäftsschreiben. Sie wollen sich ja nicht verkaufen. Und es ist kein blumiger Strauß aus höflichen Wendungen. Das war mal so, im letzten Jahrhundert, als in Kontor und Schreibstube noch Tintenstift statt Tastatur, Lochrandverstärker statt Laserdrucker und Löschpapier statt der Löschtaste angesagt waren. Eine Bewerbung funktioniert leider nicht so wie ein Direktmailing. Reklame geht anders und Anschreiben beabsichtigen etwas anderes als Schweinebauchanzeigen.


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«Wenn ich das lesen müsste und es wäre nicht von mir, würde ich mich verdammt ärgern, dass diese guten Sachen jemand anderem eingefallen sind. So gesehen, bin ich doch ziemlich froh, dass ich es selbst geschrieben habe.» (GW)
Gerhard Winkler Anders bewerben bei Smartbooks CH
Ein Anschreiben ist letztendlich auch keine Anmache. Ein lettre d’amour im Anschreibenstil würde wirken wie Rumsfeld als Pastor Fliege:

«als romantischer Liebhaber und zuverlässiger Partner kann ich beste Erfolge nachweisen. Ich zeichne mich aus durch kooperatives Teamverhalten, besonderes manuelles Geschick, aber auch durch praxisbewährtes Know-how in Haushaltsführung, Wäschepflege und Kochen. Nicht zuletzt bin ich ein umwerfender Küsser."

OK, Sie haben verstanden. Wo ein Verführer nur sein Kerzlein anzünden würde, leuchtet der Anschreiber das Terrain mit dem 1000-Watt-Scheinwerfer aus. Was ist also ein Anschreiben dann? In jedem Fall eine ganz eigene Textsorte. Wen spricht es an? Den rational abwägenden Pragmatiker. Wie höflich muss es sein? Nicht besonders. Und in jedem Fall weniger, als man meint. Zwischen den beiden Wendungen «Sehr geehrte Frau …» und «Mit herzlichen Grüßen» wirkt jeder Kotau bloß langweilig und unnötig.

Sie beklagen letztendlich, «dass mir eine Einleitung fehlt. In Ihrer Fassung wird nicht das Interesse des Lesers geweckt. Warum soll er weiter lesen? Er weiß ja gar nicht, worum es geht. Aber genau das Gegenteil möchte ich erreichen. Ich will den Leser schon am Anfang für mich gewinnen. Der muss schon beim ersten Satz vom Stuhl gerissen werden!!!!»

Na, dann spielen wir doch mal die üblichen Eröffnungsvarianten durch:

1. Einstieg als Frage:

«suchen Sie einen zuverlässigen und leistungsstarken Konstrukteur? Ich bin ...»

2. Bezug auf Bewerberabsicht:

«mit großem Interesse habe ich mich auf Ihrer Homepage über Ihr Unternehmen informiert. Ihre Darstellung als innovativer und technologiegetriebener Maschinenbauer deckt sich mit meiner Absicht, mich neuen beruflichen Herausforderungen zu …»

3. Bezug auf Bewerbersituation:

«als Ingenieur in einem traditionsreichen, zugleich aber auch weniger technologiegetriebenen Unternehmen der Maschinenbaubranche möchte ich mich beruflich verändern ...»

4. Bezug auf Jobinformation:

«einem Artikel der Walzblech-Nachrichten entnehme ich, dass Sie als innovativer und exportorientierter Maschinenbauer auf Expansionskurs sind. Deshalb wende ich mich mit meiner Bewerbung an Sie.»
(Beliebteste Variante: «aus einer Stelleninformation des Arbeitsamtes habe ich entnommen, dass Sie die Position eines Blechauswalzers zu vergeben haben. Hiermit bewerbe ich mich um diese Stelle.»

5. Bezug auf Gespräch:

«vielen herzlichen Dank für das sehr informative Telefonat und für Ihre freundliche Aufforderung, Ihnen meine Bewerbungsunterlagen zu mailen. Dem will ich gern nachkommen …»

Vielleicht bin ja nur ich zu ungeduldig, um einem Bewerber dabei zuzusehen, wie er seine kleine Rede auspackt, sich räuspert, sich windet, sich mehrfach verneigt und endlich anhebt. Vielleicht fahren Personaler ja auf Szenen Beckett’scher Qualität ab. Ich denke, nicht. Es geht nicht nur mir so, dass ich einem umständlichen Jobaspiranten zurufen möchte: Los, sing endlich! Anschreiben ist Vorsprechen auf einer Bühne. Sie haben nur 30 Sekunden Zeit für Ihren Auftritt und wissen leider nicht, ob dort unten im Dunkel der Stuhlreihen überhaupt jemand sitzt und Ihnen zuhört.

Ein
Anschreiben kann man wie jeden anderen Text auch interpretieren. Wenn Sie schon in Ihrer Bewerbung sehr viele Umstände machen, werden Sie vermutlich auch in vielen Jobsituationen unbeholfen und nicht sehr souverän agieren. Wenn Sie im Anschreiben nicht geradlinig und entschieden auftreten, werden Sie auch später im Job eher Unklarheiten schaffen als sie beseitigen. Wenn Sie sich bloß vage äußern, werden Sie sich im Job eher schwer tun, konkrete Ergebnisse zu liefern.

Das stärkste Argument, das für Sie spricht: In meinen Augen ist das der denkbar beste Einstieg in ein Anschreiben. Zweifellos können Sie ohne Schaden auch eine Mainstream-Variante wählen. Noch ein Beispiel gefällig? Voilà:

6. Bezug auf Bedarf Stellenanbieter

«von einem Mitarbeiter Ihres Unternehmens habe ich erfahren, dass Sie bestens qualifizierte, technisch versierte und nicht zuletzt auch beratungsstarke Ingenieure suchen …»

Damit appellieren Sie, wie ein erfahrener Redner sicher bemerken würde, gleich anfangs an einen der Gegenseite bereits bekannten Umstand. Verwenden Sie so oft es geht diesen sprachlichen Trick, um eine gemeinsame Gesprächsgrundlage zu schaffen. Tun Sie das aber im Jobinterview. Ein modernes Anschreiben ist kein Gespräch. Es ist nichts als ein Anschreiben. Es hat seine eigenen Regeln. Sehen Sie, ich ziehe ja selbst liebend gern alle Register und formuliere mal breit und ausufernd, mal fein und zierlich. Doch bei einem Anschreiben weiß ich: Besser kurz, und dann gleich heftig. Michael Altieri, Fachmann für Personalwirtschaft aus Düsseldorf und freundlicher Förderer dieser Site, zeigt Ihnen exemplarisch auf, wie konkret ein Konstrukteur konzipiert, damit ein Personaler
klare Kompetenz erkennt. Sehen Sie rot und bemerken Sie die Faktenhäufung im ersten Abschnitt, Sie finden das hoffentlich nicht zu massiv. Fürchten Sie bitte nicht, dass so ein Auftreten abschreckt. Sonst fürchten Sie sich vor Ihrer eigenen Stärke.

Konstrukteur

Sehr geehrter Herr ...,

als verantwortlicher Konstrukteur betreue ich das Arbeitsgebiet Industriekrananlagen für die Kran Kanaria AG. Ich realisiere selbständig Entwürfe und Einzelteilzeichnungen, berechne Hafenkrananlagen und entwickle amphibiengestützte Hebekränen für U-Boote. Dabei setze ich als CAD-System bevorzugt Kran 4.0 ein; ich besitze jedoch ebenso fundierte Kenntnisse in Leiterbau 7.2. Darüber hinaus unterstütze ich die Projektleitung Amphibienkräne und bin in meinem Bereich für die Koordination und Betreuung der Verkaufsbüros an sieben europäischen Standorten zuständig.

Neben meiner mehrjährigen beruflichen Praxis kommen meiner Arbeit ein Diplomstudium des Maschinenbaus an der TH Aachen sowie eine berufsbegleitende Weiterbildung zum technischen Betriebswirt zugute.

Meine guten Englischkenntnisse habe ich u.a. bei der Koordination unserer internationalen Kundenkontakte in England, Simbabwe und Taschkent einsetzen und verbessern können.

Ich möchte mich in einem innovativen und fordernden Umfeld wie dem Ihren weiterentwickeln und wende mich aus ungekündigter Position an Sie. Planen Sie, ihre Entwicklungsabteilung um einen erfolgreichen und teamfähigen Konstrukteur zu verstärken? Dann freue ich mich über Ihren Anruf oder ihre Mail.


20.März 2003 © Gerhard Winkler. Hinweis: Meine Site jova-nova.com ist unabhängig und amerikafreundlich. Empfehlen Sie mich weiter. Mailen Sie mir vor allem auch Ihre Anregungen, Kommentare, Erfahrungen.


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