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Bewerbung - Praxisbeispiele
Bild © 2007 Gerhard Winkler, jova-nova.com
Bewerber-Nachlese 2006
Ein paar Worte an junge Geisteswissenschaftler

Stelle gefällig? Dann aber raus mit der Sprache! Bewerbern ist aufgetragen, für sich selbst zu sprechen. Diese Textaufgabe haben auch im Jahr 2006 einige Jobsuchende eher zur Selbstaufgabe genutzt. Ein Kandidat stolperte ausgerechnet über den magischen Moment, wo einem die einzig wahre Jobchance ins Auge sticht und plötzlich alles zu passen scheint:

“Für die zu besetzende Position scheine ich die Optimalbesetzung zu sein!”

Dass der Schein trügt, ist der erste Gedanke von Vorgesetzten, die mit ihren bisherigen Optimalbesetzungen eher gestraft sind. Es klingt paradox, aber der Anfang des Anschreibens verträgt keine Einleitung. Ein weiterer Kunstfehler ist sicher, seine Bewerber-Präsentation auch noch mit einer Selbstbewertung einzuleiten. Bewerber präsentieren, Personaler prüfen. Für 2007 heißt darum die Devise: Fakten vorlegen, zuarbeiten, abwarten.

In der frommen Absicht, an der Einstellung der Rekrutierer zu rütteln, riskierte eine Absolventin diesen strengen Briefanfang:

Sie suchen eine 20-jährige, voll ausgebildete Hochschulabsolventin mit 15 Jahren Berufserfahrung, die für € 3,50/Std. für Sie arbeitet? Dann brauchen Sie ab hier nicht mehr weiter lesen, vielen Dank.”

Diesem Jobanbieter hat sie's aber voll gegeben. Ob sie denn auch genommen wurde? Überzeugen durch Abschreckung: im Selbstmarketing ist das weniger ein subversiver Ansatz als ein irreversibler Fehler. Nicht nur im Berufsleben kommt es vor, dass manch einer bloß einen Frontverlauf klar stellen wollte und damit erst den Konflikt vom Zaun gebrochen hat.

Appellieren Sie eher an den guten Willen als an das schlechte Gewissen einer Person, an die Sie sich binden wollen. Strapazieren Sie aber nicht die Bereitschaft des Personalers, sich auf Sie einzulassen:

“Sicher stellen Sie sich die Frage, warum gerade ich für einen Ausbildungsplatz in Ihrem Unternehmen geeignet wäre. Einige Angaben zu meiner Person sollen Ihnen hierbei weiterhelfen.”

Was will die Industrie? Sicher will man sich dort nicht fragen, warum gerade dieser Bewerber was taugt. Man möchte es bloß von ihm hören. Das Zuhören fällt um so schwerer, je mehr Bewerber menscheln:

“Ich bin sicher, dass ich die Mitarbeiterin bin, die Sie suchen. Warum?! Meine berufliche Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich es ausgesprochen gut verstehe, gerade auch im telefonischen Kontakt, Menschen für mich zu gewinnen und dauerhafte Beziehungen zu knüpfen.”

Menschen gewinnen klingt gewiss um einiges profitabler, als bloß Kunden abzutelefonieren. Beziehungsarbeit schön und gut, doch wie hat sich die für Ihren bisherigen Arbeitgeber ausbezahlt? Prahlen Sie nicht, nennen Sie Zahlen, sonst zählt Sie ein Rekrutierer schnell aus und Ihr Vermarktungskontakt wird kein dauerhafter.

Mir haften geblieben ist im vergangenen Jahr der Hinweis eines erfahrenen Mitarbeiters im Personalwesen auf die Frage nach den unterschiedlichen Bewerbertypen: „Es gibt solche und solche.“ Mit anderen Worten: Es gibt Bewerber, die sich zu sehr in den Jobanbieter denken, und es gibt welche, die sich um keinen Preis verrenken:

“Die beschriebene Tätigkeit entspricht genau meines Studiums und Erfahrung. Nach meiner eineinhalbjährigen Babypause möchte ich meine Kompetenz erneut zum Einsatz bringen.”

Da hat das Baby vielleicht beim Formulieren abgelenkt. Lenken Sie den Blick nicht auf Auszeiten, lenken Sie den Blick auf Ihre spezifische Eignung.

“Von Interesse und Persönlichkeit passe ich bestens in Ihre Organisation, weil ich Erfolg suche und Menschen mag.”

Egal wie man Erfolg suchen und Menschen mögen miteinander kombiniert, der Bewerber sucht eher Zuwendung als einen Job. Man mag sich vor allem so eine Organisation menschenliebender Erfolgssucher gar nicht genauer vorstellen.

Vor der Selbstpräsentation setzen die Beratungsgötter immer die Selbsterkenntnis. So mancher Selbstzweifler ist gut beraten, sich einfach mal selbst anzunehmen. Bewerben aus einem Zustand der Abgeklärtheit tut aber nicht in jedem Fall gut:

“I
m Juli 2006 habe ich auf der staatlichen Realschule den Abschluss der „mittleren Reife“ erworben. Wie Sie in dem beigefügten Abschlusszeugnis sehen können, habe ich nicht die allerbesten Noten, doch was sagen diese schon über die Persönlichkeit und Weiterentwicklung eines Menschen aus?”

Ja, was sagen schlechte Noten schon über gute Menschen aus? Noten sind doch immer nur ein Notbehelf. Bereits Mozart, der nicht mal einen Einheitsschulabschluss vorweisen konnte, empfahl: Voll das Herz mit Tugend füllet! Mit des Geschickes Mächten war leider auch im letzten Jahr kein ew'ger Bund zu flechten:

“In der Zwischenzeit ist es mir leider nicht gelungen, meinen erlernten Beruf auszuüben.”

Es ehrt aber stets das Streben. Und selbst, wer glücklich in einer Geschäftseinheit untergekommen war, sah sich zwischen zwei TOP vom Sudden Death umfangen:

“Der überraschende Tod unseres Geschäftsführers und Hauptgesellschafters stellt alle Beteiligten vor eine neue Situation.”

Kein Wunder, wenn da manch einer sein Bewerbungsschäfchen nur rasch ins Trockene bringen wollte:

“Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät für einen Einstieg bei C..., am liebsten sofort.”

Bewerber beziehen Stellung. Dies gewöhnlich auf einem Platz, nicht größer als ein paar DIN A4 Blätter. Man könnte meinen, als cleverer Jobfinder beschränkt man sich da ganz auf das Auffächern der wichtigsten Leistungen, Erfahrungen und Erfolge. Falsch gedacht. Selbst Deutschlands Top-Absolventen können das Schwadronieren nicht lassen:

“Von der rasanten Entwicklung neuer Businesslösungen in Deutschland bin ich absolut überzeugt.”

Und was, raten Sie, war das große Kandidaten-Zauberwort 2006?

“Affinität zum Organisationsbereich - eine gewisse Affinität zum Handwerk - meine Affinität zu Sales und Vertrieb - eine starke Computer-Affinität …”

In unserer kommunikationsgetriebenen Gesellschaft entwickeln selbst seriöse Bewerber mehr und mehr eine Affinität zum Klappern und Quasseln:

“Hier hatte ich vieles zu lernen, konnte aber durchaus auch der Gruppe etwas geben: Solidarität, gute Laune und sicher auch so manchen Beitrag zum Lösen von Aufgaben und Problemen.”

Solch falsche Fröhlichkeit hört man sonst nur von Problemviertelpfarrern. An der Größe des Allgemeinplatzes ist schließlich noch kein Bewerber gescheitert:

“So erweitert der Aufenthalt im Ausland nicht nur den Horizont, sondern auch die praktischen Handlungskompetenzen.”

Wenn alle so reden, gibt es im kommenden Jahr keine Leistungsanbieter mehr, nur noch Überzeugungstäter:

“Ich bin überzeugt, durch meine interkulturellen Erfahrungen und Sprachkenntnisse, den erfolgreichen Wachstum des Konzerns mitgestalten zu können.”

Ziehen wir ein erstes Fazit: An einfachen Leistungsbeschreibungen hat es in den Anschreiben 2006 viel zu oft gefehlt. Bewerbungen sind Desinformationskampagnen; da passt natürlich auch das Kontaktverbot:

“Bitte nehmen Sie keinen Kontakt zu meinem derzeitigen Arbeitgeber auf, sondern sehen dies als Sperrvermerk an.”

Man hätte ja auch eine Referenz nennen können.
Ebenso konkret wie lakonisch notierte eine Bewerberin die Gründe, die zum Flop ihrer Jobs führten:

“Sachbearbeiterin Ein- und Verkauf - (Beendigung wegen nicht vorhandener Arbeit)
Assistentin Produktmanagement - (Beendigung wegen Heimweh)”

Solch Bekennermut bringt einem ein anerkennendes Lächeln ein, doch meist nicht viel mehr. Als Bewerber präsentiert man nur, kommentiert man nicht die Fakten. Selbstredend fordert man am Ende seines Anschreibens zum Handeln auf - aber doch nicht zum Kuhhandel:

“Weitere Unterlagen reiche ich gerne nach, sofern Sie mir ein Angebot machen können.”

Jobanbietern sagt man üblicherweise vor, was als nächstes zu tun ist. Fordern Sie am Schluss aber keinen auf, dass er Ihre Gesinnung prüft. Sie bringen Rekrutierer sonst auf Gedanken:

“Prüfen Sie, ob mein Enthusiasmus, meine Leidenschaft und mein Engagement mit Ihrem Teamgeist konform gehen.”

Ein bisschen weniger schwärmerisch, dafür aber konkreter tut's auch. Prüfen Sie bitte, ob Sie sich beim Aufbau Ihres nächsten Job-Claims nicht besser von schlichten Prinzipien wie Einfachheit, Konkretheit, Direktheit und Angemessenheit leiten lassen. In diesem Sinne: Auf gute Zusammenarbeit 2007!

Berlin,
15. Januar 2007 - Gerhard Winkler
Kommentar an den Bewerbungshelfer: gwinkler@jova-nova.com

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