Die Finger sind müde, der Kopf schmerzt vom Brüten und Feilen. Das gehört zu Schlussphase eines Studiums; schließlich ist es mit einer gesteigerten Textproduktion verknüpft. Man schreibt bis tief in die Nacht. Man streitet um Begriffe (oder man besetzt sie einfach). Man feilt wie besessen, oft begleitet von Selbstzweifeln, an steilen Thesen und kühnen Aussagen. Man ertrinkt fast in Korrekturen. Und wenn man auch nach hehrem Bemühen nicht jede Erkenntnis auf den Punkt gebracht hat, so setzt man doch zum guten Schluss zufrieden einen letzten Punkt.
Absolventen schreiben mehr als andere und greifen vielleicht deshalb weniger auf Vorlagen zurück, wenn sie sich um ihren Einstiegsjob bemühen. Im guten Sinne unbelesen und unberührt von der Präpotenz der Bewerbungspäpste präsentieren sich die Pragmatiker unter ihnen instinktiv straight. Andererseits gibt es wohl kaum jemand, der sich mehr und tiefere Gedanken um seine Bewerbung macht als ein Absolvent. Die Überlegungen vieler Einsteigers gelten der bangen Frage, wie man die weitgehend unbekannten Funktionsträger in Firmen und Organisationen erreicht, die offenbar alle eine eigene, fröhlich-falsche Sprache sprechen. Den Ton der Wissenschaft hat man drauf. Den Tonfall der Wirtschaft traut man sich zu. Dies führt nicht immer zum gewünschten Ergebnis. Das ist schade, denn Absolventen investieren deutlich mehr Mühe für ihre Bewerbung.
Falsche Vorstellung: "Mein Name ist Karen Anna, ich bin 24 Jahre alt und habe Anfang März mein Magisterstudium Germanistik (Neuere deutsche Literatur), Politikwissenschaft und Neuere und neueste Geschichte mit der Gesamtnote 1,5 abgeschlossen. Mit diesen Voraussetzungen möchte ich mich nun weiter zur Journalistin ausbilden."
Empfehlung: Führ Dich nicht ein – leg einfach los.
Falscher Stil: "Mit den nötigen Kenntnissen und Fähigkeiten im Gepäck bewerbe ich mich hiermit bei Ihnen."
Empfehlung: Red nicht in Bildern – Bewerberprosa ist keine Kunstform.
Falscher Standpunkt: "Ich studiere im 8. Semester des Studienganges Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Hannover und habe gerade ein Auslandssemester an der Bejing Business School abgeschossen."
Empfehlung: Erklär nicht, wo Du stehst – sag an, was Du bringst.
Falsche Textsorte: "Nachdem ich die allgemeine Fachhochschulreife als Schulbeste ablegte, immatrikulierte ich mich an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München, um Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Tourismus-Management zu studieren."
Empfehlung: Erzähl nicht Deinen Werdegang – Jobeignung ist jetzt oder nie.
Falsche Begeisterung: "So abwechslungsreich die Geographie ist, so abwechslungsreich bin auch ich - und den gleichen Anspruch erhebe ich auf meinen Arbeitsplatz. Deshalb hat mich Ihr Stellenangebot sofort begeistert!"
Empfehlung: Vergleich Dich nicht mit Hügelchen und Hochplateaus – und tu auch sonst nicht begeistert.
Falsche Selbstkritik: "Es ist mir durchaus bewusst als Politikwissenschaftler komparative Nachteile in volkswirtschaftlichen Fragen aufzuweisen …"
Empfehlung: Gesteh kein Defizit ein – und reize vor allem den Jobanbieter nicht mit komparativen Nachteilen.
Falsche Berührung: "Während meines Studiums bin ich vielfach mit der Ozonproblematik in Berührung gekommen, da diese einen wichtigen Schnittpunkt meiner Vertiefungen Klimatologie und Fernerkundung darstellt."
Empfehlung: Verkrampf Dich nicht in Deiner Argumentation, nur um Berührungspunkte zu finden.
Falsche Bewegung: "Ich habe bereits diverse Praktika im Bereich Rehabilitation absolviert und seit Juni 2008 bin ich als Power Plate Personal Trainerin tätig."
Empfehlung: Handle die Diversität Deiner Erfahrung nicht pauschal ab.
Falsches Lob: "Neben der Vielfalt der Stelle finde ich natürlich auch Ihr Lisa-Meitner-Institut an sich sehr attraktiv, da es für eine Tradition hochqualitativer Messungen und Analysen steht."
Empfehlung: Verlier Dich nicht in der Vielfalt der Attraktionen.
Falsche Betulichkeit: "In diesem Sinne wäre das Traineeship Regionale Wirtschaftliche Integration für mich eine sicherlich herausfordernde, aber nichts desto weniger erstrebenswerte Aufgabe, an die ich mit voller Motivation herangehen möchte."
Empfehlung: Bilde keine Konditionalsätze.
Falsche Besetzung: "Wenn Sie Ihre Stelle mit Fachwissen, Enthusiasmus, Selbstständigkeit, Zuverlässigkeit und Lernbereitschaft besetzen wollen, dann bin ich die Richtige für Sie."
Empfehlung: Folgere nicht.
Falsche Gewichtung: "Mit 23 Jahren stehe ich nun kurz vor meinem langersehnten Titel der Diplom-Betriebswirtin und hoffe, dass ich durch meine interkulturellen, betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Fähigkeiten zum Erfolg Ihres Betriebes beitragen darf."
Empfehlung: Hoffe nicht.
Falsche Absicht: "Gerne würde ich mich in Ihrem Haus einbringen und das bestehende Team mit meinen Fähigkeiten unterstützen."
Empfehlung: Bring Dich nicht ein.
Beachten Sie bitte als Ihren Anspruch begründende Absolventin, als frisch formulierender Absolvent: Sie wollen nicht wirklich nicht in den Jargon der Firmen-PR rutschen.
Wer wie Corporate Communications spricht, gilt, wenn er nicht zu Corporate Communications gehört, als seines Verstandes nicht mächtig. (Wenn es Sie genau dorthin zieht: Für jegliche Referententätigkeit ist es ziemlich gleich, wie gut man schreibt. Eher erwünscht ist die Befähigung, in falscher Zunge zu reden.)
Hüten Sie sich noch mehr vor dem tödlichen Überschwang des Marketing-Talks. Erinnern Sie sich? Bewerben ist eine vertrauensbildende Aktion. Marketing hingegen eine verkaufsfördernde Maßnahme. Das übliche Marketing geht mit Tatbeständen um wie ein Gesundbeter mit Warzen. Als Bewerber sind aber die Fakten Ihre Freunde. Ihre Leistungsdaten bringen Sie in die nächste Runde.
Halten Sie auch keine Vorlesung. Die Frage Ihrer Jobeignung ist nicht komplex und Sie brauchen sich ihr auch nicht heuristisch zu nähern. Sagen Sie nur, was Sache ist. Bleiben Sie bei der Sache. Fassen Sie sich kurz.
Formulieren Sie nicht abgehoben. Sie manövrieren sonst so hoch über den Tatsachen, dass jeder bodenständige Rekrutierer Sie aus den Augen verliert.
Vergessen Sie nicht, das Anschreiben ist eine einfache Aufzählübung. Aufgeblättert werden handgreifliche Dinge des Lebens: Was Sie gemacht, erreicht, bewirkt, geschaffen, umgesetzt, gelernt, sich angeeignet haben. Fügen Sie hinzu, was Sie drauf haben. Mischen Sie das Ganze sodann mit Referenzen, mit der berühmten Bewerbungsmotivation, mit eigenen Wünschen und Bedingungen ab. Würzen Sie es mit der freundlichen Aufforderung, auf Ihr Leistungsversprechen in Ihrem Sinn zu reagieren. Fertig ist Ihr Briefing.
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Berlin, 21. März 2010
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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