Einem Trainee im Lebensmittel-Discount wurde nach neun Monaten gekündigt. Fragen Sie nicht, warum. Das erste, was dort unter dem Preisdruck kollabiert, ist immer der Anstand. Ich textete für meinen Klienten ein Anschreiben, das so begann:
… als Trainee der FILTHY KG Berlin habe ich die erste Ausbildungsphase erfolgreich durchlaufen und selbständig eine Verkaufsstelle mit zwölf Mitarbeitern und 450T E. Monatsumsatz geführt. Meine Verantwortung umfasste unter anderem die Steuerung des Personaleinsatzes, die Präsentation der Waren sowie Buchführung und Inventur. Bereits während des Studiums habe ich als erfolgreicher Geschäftsgründer einen Vertrieb von … aufgebaut …
Mein Auftraggeber mailte diese Bewerbung an einen befreundeten Unternehmensberater. Was der beanstandete, veranlasst mich, Stellung zu einigen weitverbreiteten Mißverständnissen zu beziehen:
Kritischer Einwand 1
“In der Einleitung fehlt die Motivation, warum man die Stelle antreten will. À la ‘eine abwechslungsreiche und herausfordernde Postion im Marketing reizt mich, da sie meiner Studienvertiefung entspricht’. Außerdem wird nicht direkt eine spezielle Position angesprochen.”
Bewerber haben die Wahl, dem Jobanbieter eilfertig hinterher zu laufen oder sich in Position zu bringen. Mein Konzept: Man baut sich so stark wie möglich auf. Man fächert seine Leistungen auf. Stärkstes Argument an erster Stelle. Dann spielt man seine Argumente von oben nach unten aus. Berufliche Erfahrung schlägt in der Regel bloße akademische Leistungen.
Man braucht einen Jobanbieter also nicht zum Thema hinführen. Er ist schon dort und wartet ungeduldig, was Sie an Argumenten bringen. Die beste Empfehlung eines Bewerbers ist seine Eignung und nicht seine Motivation. Die vorgeschlagene Eröffnungsvariante ist reine Platzvergeudung. Sie brauchen die erste Zeile für Ihr Killer-Argument. Und die spezielle Position, der Aufhänger, auf den sich ein argumentativ aufgebautes Anschreiben bezieht, die hat man ja im Betreff vermerkt. Der Betreff markiert Ihr Ziel und der Brieftext ist Ihr Weg dorthin.
Kritischer Einwand 2:
“Es fehlt ein Grund, warum die Trainee-Ausbildung beendet wurde."
Falls Sie stellensuchend sind, handelt Ihr Kurzvortrag nicht davon, warum Sie es geworden sind, sondern davon, was Sie zu einer Stelle befähigt. Nicht Ihr Schicksal interessiert, sondern Ihr Job-Claim.
Kritischer Einwand 3:
“Insgesamt fehlt ein Beweis, dass man als Ex-Trainee und studentischer Geschäftsgründer sich auch in Hierarchien einfügen kann.”
Gerade in diesem Bewerberfall beweist der gesamte bisherige Lebensverlauf, dass sich einer von sich aus auf exponierte Positionen wagt, von sich aus loslegt und eigenverantwortlich handelt. Auch der Rausschmiss von starken Persönlichkeiten kann ein verstecktes Kompliment sein - es kommt ja immer darauf an, wer einem wo hinausbefördert hat. Nichts Besseres kann einem Absolventen passieren, als Manager-Qualitäten präsentieren zu können. Wozu sollte man das abschwächen?
Kritischer Einwand 4:
“Insgesamt fehlt der Bewerbung der Bezug zur Stellenanzeige, es fehlen Schlüsselwörter der Stellenanzeige, die man dann mittels im Studium oder in der beruflichen Praxis erbrachten Leistungen beweist. À la ‘Belastbarkeit habe ich während meiner Filialzeit unter Beweis gestellt, Präsentationserfahrung bringe ich aus erfolgreichen Seminaren mit, Marktanalyse kenne ich von ...” - also am besten jedes Schlüsselwort aufgreifen und belegen.“
Ein akademischer Bewerber ist kein Papagei, der Schlüsselwörter nachplappert. JEDER Rekrutierer von Verstand und Lebenserfahrung leitet das, was ein Kandidat IST von dem ab, was er gerade MACHT und bisher GEMACHT HAT. Im Anschreiben legt man seine Leistungen vor und lässt dann den Jobanbieter seinen Job machen: auswerten, in Bezug setzen, zu einem Schluss kommen.
Das Nachbeten von Schlüsselwörtern ist keine Argumentation - nur ein geistiges Armutszeugnis.
Kritischer Einwand 5:
“Insgesamt wird in der Bewerbung zu stark übertrieben, a la "ich bin der Tollste". Es ist eine Langfassung des Lebenslaufs und die Abschlussmotivation zu schleimig."
Sie behaupten als Bewerber natürlich nicht, Sie seien der Tollste. Sie berichten sehr nüchtern von Ihren konkreten Lern- und Jobleistungen. Jetzt schließt ein Leser aus diesen Tatsachenbehauptungen, Sie seien der Tollste. Na, wenn dieser Jemand ein Jobanbieter wäre, würde er genau das von Ihnen denken, was Sie ihm zu denken geben wollten.
Natürlich ist das Anschreiben eine Art Langfassung des Lebenslaufs. Der Datenbestand ist ja derselbe. Das Anschreiben ist der Kurzvortrag über die Eignung. Der Lebenslauf ist das dazugehörige Datenblatt. Das sind zwei verschiedene Präsentationen, die nebenbei belegen, dass man seine Eignung auch in unterschiedlichen Textsorten gleich gut auf den Punkt bringt. Die argumentative Alternative Ihres Freundes wäre das Punkt-für-Punkt-Abarbeiten der Stellenofferte. Klappern kann nie klappen, denn die Aufzählung von Schlüsselwörtern aus dem geistigen Personaler-Kosmos ergibt niemals ein einzigartiges Profil. Der Rekrutierer kann sich damit kein Bild von Ihnen machen. Jeder, der Mitarbeiter einstellt bestätigt: Er lädt bevorzugt die Leute ein, die ein klares Bild von sich aufbauen und die aufgrund ihrer Leistungen als vertrauenswürdig erscheinen.
Mein Schlussteil lautete übrigens:
"Referenzen nenne ich Ihnen gern. Ich möchte meinen Leistungswillen, meine Managementqualitäten, meinen Teamgeist und mein Organisationstalent bevorzugt im Produktmanagement oder im Einkauf zur Geltung bringen. Meine Gehaltsvorstellung beläuft sich auf XXT Euro. Dank meiner Freistellung stehe Ihnen auch kurzfristig gern zur Verfügung. Von meiner fachlichen Tüchtigkeit und meiner Vertrauenswürdigkeit überzeuge ich Sie am besten im direkten Gespräch. Ich freue mich über Ihren Anruf oder Ihre Mail."
- Wenn das jemandem zu schleimig ist, dann soll er halt dem Bewerber was husten.
Ich sage es ganz deutlich: Ich hoffe, dass sämtliche von mir unberatenen Bewerber ihre Präsentationen mit vorangestellten Beteuerungen, wie prima sie auf die Stelle passen, mit Bekundungen ihres hohen Interesses, mit aus der Offerte kopierten, unspezifischen Qualitäten und mit Ich-Aussagen über ihre persönlichen Stärken spicken. Um so erfrischender und überwältigender der Eindruck, wenn zwischen all den Info-Müll-Verursachern ein Kandidat auftritt, der sich auf das beschränkt, was angesagt ist: nichts weiter als ein unverwechselbares Leistungsangebot abzugeben.
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Zuletzt überarbeitet: Berlin, 17.2.2009
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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