Bewerber texten – Personaler schmunzeln (2008)
Bekanntlich ist jedes Unternehmen besonders. Besonders ist auch jede Karriere. Nur die Bewerber sind manchmal sonderbar. Wie lassen sich aber alle diese Besonderheiten in Worte fassen? - Schlag nach bei Kafka! Personaler lieben ihn!
- "Eine besondere Karriere beginnt in einem besonderen Unternehmen - und Franz Kafka wusste schon zu sagen: Wege entstehen dadurch, dass man sie geht."
Ich weiß als Bewerbungshelfer zu sagen, Glatteis entsteht dadurch, dass man sich darauf begibt. Gerade beim ersten Schritt möchte man sich da keinen Ausrutscher leisten. Warum diese Ausbildung ist jedes Jahr die schweißtreibende Schlüsselfrage, die Schulabgänger zu argumentativer Höchstleistung anspornt. Ein falsche Antwort, und man hat es vermasselt. Viele Einsteiger fürchten, dass ein Ausbilder erst dann anbeißt, wenn man die Wurst des eigenen Talents in den höheren Senf der Berufsberatung stippt:
- "Ich habe mich umfassend über den Beruf des Industriekaufmannes informiert. Er entspricht meinen Neigungen und Fähigkeiten und befriedigt das vorhandene Interesse an Industrie und Wirtschaft."
So schön es ist, sich und sein vorhandenes Interesse zu befriedigen, es juckt den fantasievollen Einsteiger fast noch mehr in den Fingern, mit der Vielfalt der Möglichkeiten zu spielen:
- "Als Studentin der Wirtschaftspsychologie kann ich die Personalarbeit Ihres Unternehmens mit psychologischem Know-how bereichern! Kennen Sie beispielsweise die vielfältigen Möglichkeiten, um das Lernpotenzial ihrer Mitarbeiter zu fördern?"
Stellen Sie beim Bewerben keine rhetorischen Fragen, sonst ernten Sie wissende Blicke. Erfahrene Praktikanten in Human Resources wissen: Die wirtschaftspsychologische Wirklichkeit ist stets das beste Beispiel für die Möglichkeit der Personalarbeit.
Attention! Interest! Desire in Action! Seine Unverwüstlichkeit zeigte auch in diesem Bewerber-Jahr wieder das alte Anreiz-Antwort-Modell aus der Rumpelkammer der Werbepsychologie. Ein wenig Leidenschaft des Herzens erwarten allerdings auch knochentrockene Personaler. Als ehrgeiziger Absolvent hat man durch eifriges Herumhören außerdem schon begriffen: Wenn schon ein junges Früchtchen, dann mit Passion:
- "Im Hinblick auf ein späteres Volontariat bei Ihnen bewerbe ich mich somit aus voller Leidenschaft, da ich sehr gerne zum Erfolg eines der erfolgreichsten Verlage beitragen möchte."
Leidenschaft ist jene Kraft, die Arbeit sucht und Leiden schafft. Für Bewerber ein heikles Thema, denn Personaler sind leidgeprüfte Menschen. Manch junger Übererfüller fährt da instinktiv die Bewerbungstemperatur etwas herunter. Man begeistert durch seine Erlebnisfähigkeit und lässt die eigene Begeisterung miterleben:
-"Ein achtwöchiges Praktikum bei Ihnen sehe ich als hervorragende Möglichkeit, meine Begeisterung für Tender Manufacturing mit dem Erleben einer Beratertätigkeit zu verbinden."
Wohin Sie als Praktikant oder Jobfinder auch gehen: Sie sind bitte nicht dafür gekommen, Ihre Begeisterung auszuleben. Die Absolventen von heute sind immer schon älter, als sie auf dem Bewerbungsfoto aussehen. Kein Wunder: sie haben viel hinter sich gebracht und dabei schon Siege wie Niederlagen errungen.
- "Meine bereits errungenen Erfahrungen und Kompetenzen sprechen für ein attraktives Äußeres, mein Engagement und meine Zielstrebigkeit für den inneren Kern. Somit vereine ich ebenfalls die Eigenschaften eines Trojanischen Pferdes in mir und bin mir sicher zukünftig zum weiteren Erfolg des Unternehmens beitragen zu können. "
Ein brillanter rhetorischer Schachzug! Zumindest, wenn man auf seinen Studienschwerpunkt Hippologie und auf seinen quasi griechischen Listenreichtum anspielen möchte. Sie merken, auch die äußerlich attraktiven Bewerber treten bisweilen etwas hölzern auf. Geht es nicht noch härter? Der postantike Jobsucher ersetzt die alte Hippeligkeit am besten durch intelligentes Kommunikationsverhalten sowie durch Soft Skills, die auch den Personaler aus Sparta erweichen:
- "Meine fachübergreifenden Kompetenzen sind ausgeprägte Kunden- und Serviceorientierung mit intelligentem Kommunikationsverhalten und hoher Motivation."
- "Auch bei Einzelabgaben, wie sie in Deutschland verlangt werden, zeige ich Enthusiasmus und Kreativität."
- "In Teamsitzungen informiere ich mich über den Projektfortschritt und befasse mich zugleich mit dem, was die Teammitglieder bewegt."
- "Ich präferiere eine selbständige Organisation meiner Aufgaben und gehe dabei analytisch, konzeptionell, engagiert und motiviert heran."
Klingt gut, macht aber Personaler wütend. Rekrutierer denken so: Du bist nicht interessant. Das, was Du machst, ist interessant. Möglicherweise.
Jahr für Jahr verlieren Akteure auf dem Jobmarkt ihre Illusionen. Tun Sie nicht so, als seien Sie ein Samurai der ethischen Authentizität:
- "Erfahrung habe ich in der Führung und Motivation von Mitarbeitern durch Vorleben."
Überhaupt wissen die Profis: Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Schon gar nicht durch gute Absichten.
- "Die Erfahrung in den USA hat meine Persönlichkeit und Denkweise beeinflusst und durch immer wieder neue Herausforderungen, z.B. in der Organisation und Koordination der Tagesabläufe der Kinder gefördert."
Sich immer wieder herausfordern zu lassen, bringt genau jene sportliche Komponente in die Karriere, die noch keine echte Karriere je gebraucht hat. Immerhin brachte die selbstbewusste Bewerberin ihre Führungserfahrung präzis auf 3 Punkte:
- "20.05.XXXX - 05.XXXX Co-Geschäftsführerin, Familie; Verantwortung: 1 Mann, 1 Kind, 1 Hund"
Und jetzt wurde das Geschäft aufgegeben? Wie traurig. Doch Wehmut oder gar Wehleidigkeit darf sich kein Bewerber erlauben:
- "Grundwehdienst"
Positiv denken! Fehlerfrei texten! Wie gut, wenn man die grammatischen und organisatorischen Bezüge klar stellt:
- "Ein international erfolgreiches Großereignis galt jährlich meiner alleinigen Organisation."
Learning by faster doing scheint das ungeschriebene Motto dieses viel zu rasant abgelaufenen Bewerberjahrs gewesen zu sein:
- "KENNTNISSE & FÄHIGKEITEN
Schnelle Auffassungsgabe
Schreibgeschwinidigkeit (10 Finger-System)"
Geschwinidi ist keine Hexerei. Apropos Kenntnisse: Hierzulande notieren Bewerber ab und zu ihre Kenntnisse in Deutsch als Muttersprache. Bewerberdeutsch ist allerdings eine Sprache, bei der die Mütter weinen. Apropos Sprachkompetenz: In fließendem Englisch oder stockendem Deutsch zu informieren versucht Tag für Tag auch das Personal der Deutschen Bahn, wenn ein Zug wieder einmal abrupt auf freiem Feld hält. Nicht nur ausländische Reisende wundern sich über die Ansage und freuen sich kaum über die Aussicht. Das B in DB spricht man übrigens BIL aus, analog zu MOBIL.
Bewerber und Zugbegleiter haben etwas gemeinsam: Ihr Englisch ist jederzeit abrufbereit.
- "Meine guten Englischkenntnisse ermöglichen es Ihnen überdies, problemlos internationale Kontakte zu pflegen."
Kontaktpflege ist gewiss dann ein echtes Proargument für einen Jobsuchenden, wenn er sie inter species betreibt. Insgesamt vermochten es Bewerber aber auch 2008, ihr Jobziel hochpräzis einzukreisen …
- "Mein Ziel ist es, längerfristig die anfallenden Tätigkeiten in Ihren Unternehmen zu erledigen."
… oder die beruflichen Ziele zumindest nicht aus den Augen zu verlieren:
- "März XXXX - November XXXX: Ausbildungssuche; Aufarbeitung und Erweiterung der Fertigkeiten in Englisch und Mathematik im Selbststudium, Steigerung körperlicher Konstitution"
Wenn man die Konstitution eines Jobsuchenden mit dickes Fell übersetzt, kann jedes Training nur gut sein. Viele Bewerber erfahren ja, dass ihr Kompetenz-Typ nicht gefragt ist. Abhilfe schafft schon einmal, dass man keinen Zweifel an seiner Kompetenz lässt. Da passt es schlecht, wenn man sich erst einmal orientieren will:
- "Über einen Termin für ein persönliches orientierendes Vostellungsgespräch würde ich mich, auch zu einem frühen Zeitpunkt, außerordentlich freuen."
Zum Bewerbungserfolg fehlte diesem Kandidaten mehr noch als ein kleines "r". - Bewerben ist Jahr für Jahr für manche Jobsuchenden ein dorniger Weg, der nicht weit geführt hat. Nehmen Sie doch die Abkürzung! Gehen Sie direkt zum Jobanbieter. Geben Sie ihm eine knappe Übersicht über Ihren Leistungsstand. Sprechen Sie diesen klar aus und lassen Sie den Personaler die direkte Linie zur anvisierten Jobposition ziehen. Bauen Sie ganz auf die Kraft des Faktischen. Das bisschen Bewerberglück, das man sonst noch braucht, wird nicht lange auf sich warten lassen. Viel Glück und viel Erfolg für Ihre Jobfindung!
Ihr Bewerbungshelfer
Gerhard Winkler
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Zuletzt aktualisiert: Neuenhagen bei Berlin, 22.3.2012
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