Treffen beide Aussagen auf Sie zu? Reden geht bei mir leichter als Schreiben. Und zeitweise bin ich geradezu rasant charmant. Deswegen brauchen Sie nicht nicht rot werden! Machen Sie als Ausbildungs- oder Jobsuchender das Beste aus dem, wie Sie sind und versuchen Sie Ihr Bewerberglück mit einem Video-Clip. Und wenn Sie viel lieber schreiben als sprechen und froh sind, dass Sie normalerweise noch nicht einmal der Fahrer vom Nachtbus anschaut, dann ist es für Sie sogar höchste Zeit, vor die Kamera zu treten.
Lassen Sie sich in die Augen schauen
Ihr Ziel ist ein Mini-Clip mit 100 Sekunden. Es darf auch eine Handvoll Bilder mehr sein, aber Sie wollen das ja an eine Bewerbermail anhängen oder zum Herunterladen anbieten. Deshalb achten Sie von vorne herein auf die Filmlänge und die Dateigröße.
Filmen Sie sich immer frontal, die Linse in Augenhöhe. Richten Sie die Cam so ein, dass keiner von oben herab auf Sie schaut. Machen Sie sich nicht ohne Not klein. Sie wollen einem Ausbilder oder Personaler ja vertickern, dass Sie heute schon groß genug für die Herausforderung von morgen sind.
Halten Sie's fest
Zoomverbot! Zeigen Sie nicht mehr von sich als: Augen, Gesicht und Kopf bis Schultern. Die Devise heißt, Gesichtsfarbe bekennen - selbst wenn Ihre Freunde über Sie behaupten: Alles andere außer der Art, wie Du kuckst ist OK. Die Kamera ruht auf Ihnen, denn Sie haben definitiv etwas zu sagen du dabei darf nichts zittrig sein. Außerdem will man Ihnen beim Zuhören sowieso tief in die Augen schauen. Glauben Sie mir: Die meisten Leute, die herausfinden wollen, wie einer tickt, konzentrieren sich auf die Augen und auf das Gesicht. Man empfindet es als Ablenkungsmanöver, wenn die Cam, anstatt auf eine klugen Nase scharf zu stellen, genüsslich oder nervös vom gelben Top, zur lila Jacke, zur blauen Hose und zum gewürzgurkengrünen Schal fährt. Erst am Ende Ihrer Rede, als krönenden Abschluss des ganzen Clips, kann die Cam herauszoomen und Sie in voller Bewerbergröße zeigen.
Anweisung an die Kameraperson: Keinen digitalen Zoom verwenden! Die Pixel-Vergrößerung führt sonst zur Pickel-Vergröberung.
Montieren Sie also die Cam auf ein Stativ. Sie sind schließlich kein Wackelkandidat. Da zittern Sie vor allem dann nicht, wenn es um Ihre berufliche Zukunft geht. Darum zappeln Sie auch selber nicht vor der Kamera. Stoßen Sie nicht als hyperaktiver Zuckmäuser mit dem Knie an die Schreibtischplatte, wenn Sie eine Webcam einsetzen. Ruhe bewahren heißt aber nicht, dass Sie sich schockgefrostet, steif und eckig bewegen. Seien Sie einfach so wie die Person von Bo-Frost: cool.
Besser ist übrigens, Sie lassen sich nicht sitzend, sondern im Stehen filmen. Halten Sie sich gerade, atmen Sie eher tief als flach, lassen sie Kopf und Schultern nicht hängen. In Ihrem Alter gilt man vielleicht als notorischer Absacker. Sie geben sich aber den berühmten inneren Ruck. Nicht so lässig ist eine Haltung, die man im beruflichen Zusammenhang besonders schätzt.
Gleichen Sie Weiß gleich ab!
Vergessen Sie die Spezialeffekte Ihrer Cam. Unterlegen Sie Ihre spezielle Eignung für die Ausbildung nicht mit Kindereien, die sich die Entwickler bloß ausgedacht haben, damit sich die filmenden Familienväter in die Wunderelektronik versenken und ein paar Minuten Ruhe geben.
Licht an! Film braucht Licht, und zwar immer weit mehr, als ein Amateurfilmer wie Sie einsetzen kann. Zur schattenfreien Ausleuchtung brauchen Sie sogar mehrere Photonenwerfer, die Lichtwellen in kamerafreundlichen Längen und gleichmäßiger Fülle spenden. Gehen Sie zur Aufnahme nicht einfach ins Freie. Dort kommt das Licht aus einer Richtung und Sie haben nur die Wahl zwischen Schatten weg oder Augen zu. Positionieren Sie die hellsten Lichtquellen, die Sie auftreiben können, so, dass Ihr freundliches Bewerberface bei der Aufnahme frei von Schatten und zugleich ungeblendet ist.
Experimentieren Sie vor der Aufnahme mit dem sogenannten Weißabgleich. Mit dieser Cam-Funktion sorgen Sie dafür, dass ein Blatt Papier vor der Linse tatsächlich so weiß wie Weißwäsche erscheint und nicht in einem gelblichen Funzelschein oder gar im seltsamen Grünschimmer von Dort-unten-in-einer-ägyptischen-Grabkammer.
Weiß ist allerdings kein guter Hintergrund. Ein zufälliger Hintergrund ist schon deshalb nicht gut, weil hinter Ihnen unkontrolliert Dinge geschehen. Gute Aufnahmeorte für Jungfilmer: Vor der Schule (wenn es eine gute ist). Vor dem Werkstor. Auf dem Sportplatz (Leistungssportler im Hintergrund). In der Stadtbibliothek. Vor Computer-Arbeitsplätzen. Vor Maschinen im Technik-Museum. Am Beginn Ihrer Waldlaufstrecke (dann laufen Sie aber nach dem Schlusssatz auch los!) Sie bestimmen, was im Hintergrund ist und nicht Passanten, der Wind oder ein schwanzwedelnder WG-Hund.
Erst stöpseln, dann filmen
Der Beweggrund für die Filmerei ist, dass man Ihnen zuhört. Vor dem Filmen deshalb möglichst stöpseln! Ganz sicher können Sie am PC ein Extra-Mikrofon einstecken. Für die Cam gibt es Lavalier-Mikrofone. Die heißen so, damit man sein Französisch zur Geltung bringt, wenn man sich im Fachgeschäft nach einem erkundigt. Oder man fragt gleich nach einem Ansteckmikrofon. Wie gesagt, vergessen Sie nicht, dass Sie deshalb einen Film produzieren, weil Sie eine Botschaft versprachlichen wollen. Das in der Cam eingebautes Mikro zeichnet sie vielleicht nicht in der wünschenswerten Klarheit auf.
Wiederholen Sie es
Filmen Sie bis zum letzten Meter. Oder bis zum letzten Bit auf Ihrer Speicherkarte. Vertrauen Sie nie auf den Zauber der ersten Aufnahme. Setzen Sie drauf, dass Sie beim zehnten Take endlich abrufen können, was Sie in welchen Worten sagen wollen, wie die Satzmelodie geht, wie Sie Ihre Schlüsselwörter betonen und wie Sie bei all dem lächeln ohne sich vor Anstrengung in die Zunge zu beißen.
Sprechen Sie es aus
Ihr Skript könnte so aussehen:
Üben Sie Ihre kleine Rede ein, aber schreiben Sie sie nicht auf. Sie dürfen Ihren Text sowieso nicht vorlesen und bevor Sie das Ganze auswendig lernen, lernen Sie lieber den Text von I have a dream.
Wie beim Bewerbungsfoto gilt: Sie brauchen sich nicht in Deinen Klamotten wohlfühlen, solange der Ausbilder selbst nicht in Schweiß ausbricht, wenn er Sie in Ihrem Outfit sieht. Mit anderen Worten: Ihre Kleidung drückt bei der Job- und Ausbildungssuche besser nicht aus, dass Sie sich üblicherweise an der geheimen Location aufhalten wo der Weltgeist den Auserwählten ins Ohr flüstert, was Avantgarde ist. Ausnahme: Sie bewerben sich dort, wo die Vorgesetzten und Kollegen etwas teuerer, aber insgesamt so heftig gestylt sind wie Sie. Und nicht vergessen: Mit Ihrem Bewerbervideo empfehlen Sie sich stets für die Welt der Erwachsenen. Hören Sie auf das, was weise Jugendliche sagen: Die Erwachsenen sind nicht witzig. Darum braucht auch Ihr Video nicht unbedingt witzig zu sein.
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04.2008 - Gerhard Winkler; Text bearbeitet: Berlin, 24.02.2009.
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