"Was muss, kann oder soll ich mitnehmen in ein Vorstellungsgespräch? Reicht die Einladung oder soll ich meine ganzen Unterlagen bei mir haben?"
Stellen Sie sich vor, Sie bieten einen Job an und alle starken Kandidaten kommen. Die erste Person packt Stift und Notizbock aus und schaut Sie frohgemut an. Person Nummer zwei legt ein graues Klemmbrett auf ihrem Knie ab. Das oberste Blatt ist mit Stichworten besprenkelt und enthält auch eine kryptisch anmutende Skizze. Die Besitzerin lächelt ein wenig beklommen. Die dritte Kandidatin wuchtet flott einen farblich auf ihr Kostüm abgestimmten Papphefter auf den Besprechungstisch und sagt erwartungsvoll: „So!“ Bewerber Nummer 4 holt seinen Casio aus dem Rucksack, positioniert ihn exakt 4,6 cm von der Tischkante und richtet ihn rechtwinklig aus. Der letzte Kandidat vor der Mittagspause schiebt Ihnen unaufgefordert seine in Klarsichthüllen eingebetteten, beglaubigten Zeugnisfarbkopien über den Tisch, faltet dann die Hände und fixiert einen Punkt. Der liegt mitten auf Ihrer Stirn und etwas oberhalb der Augen.
Sie hatten gewiss präzise Vorstellungen darüber, wie sich Ihre Interviewpartner am besten rüsten. Schließlich wollen Sie den Jobsuchenden testen, ihn befragen, ihn beobachten, mit ihm reden und verhandeln. Ihre Erwartung haben Sie aufgrund Ihrer bisherigen Erfahrung im Rekrutieren bereits ziemlich heruntergeschraubt. Was Sie als Personalbeschaffer von den Jobkandidaten du jour wünschen: Ein dem Gesprächsanlass und der angestrebten Stellung im Betrieb halbwegs angemessenes Outfit. Eine zumindest rudimentäre Kenntnis Ihres Geschäfts. Ein über dumpfe Vorahnungen hinausgehendes Verständnis darüber, was der Job im Einzelnen verlangt. Eine hoffentlich mehr als ansatzweise vorhandene Motivation. Ein klares Bekenntnis zu den eigenen Konditionen. Und so viel an Erfahrung, Talent, Wissen und Können sowie den paar Soft Skills, dass man den Job sicher meistert.
Ganz klar sind Sie als Rekrutierer nicht darauf aus, dass ein neuer Mitarbeiter in seinen Job hineinstolpert. Deshalb sollte ein Bewerber vorab schon ziemlich genau wissen, worauf er sich einlässt, worauf der Job hinausläuft und weshalb er das Ganze gut packen wird. Jobanbieter betreiben weder ein Auskunftsbüro noch führen sie eine arbeitspsychologische Beratungsstelle. Ob man nur seine Hände oder doch einen Block, eine Mappe, sein Mäppchen oder sein fettfleckenfreies Smartphone auf den Tisch legt, bleibt sich deshalb ziemlich gleich: Hauptsache, der Bewerber ist gut vorbereitet, voll bei der Sache und von Anfang bis Ende aufmerksam und höflich. Deshalb wird man durch sein Blickverhalten (siehe oben) auch nicht zu dominieren versuchen.
Sofern das Personalwesen von Bewerbern etwas Bestimmtes erhalten möchte, wird dies in der Einladung erbeten. Schauen Sie dort noch einmal nach. In Ihrer Tasche sollte zusätzlich stecken: 1. ein Satz beidseitig bedruckte Lebensläufe. Die händigen Sie umstandslos den möglichen Beisitzern aus, die kein Datenblatt vor sich liegen haben. (Unterstehen Sie sich, jeweils eine ganze Pipapo-Mappe auszugeben!) 2. Ein Notizblock – am besten mit ein paar Notizen aus Ihrer Gesprächsvorbereitung. 3. ein persönliches Schreibutensil, das vom Look & Feel mit Ihrer Gehaltsklasse korrespondiert. 4. Visitenkarten (sofern Sie welche haben). 5. ein Gimmick (für den Fall, dass Sie als Absolvent ein Assessment Center durchleiden und dort absehbar eine Präsentation halten). 6. Ihr Anschreiben, Ihren Lebenslauf und Ihre Nachweise in einem Klemmhefter. Der ist einfach ein Doppel Ihres Angebots. Natürlich haben Sie das nicht nur in der Tasche, sondern vor allem im Kopf! 7. Nehmen Sie auch Arbeitsproben oder eine jobrelevante schriftliche Arbeit mit, wenn diese Ihren Job-Claim unterstützen.
Man versteht es nicht, wenn junge Akademiker, die bald ihre Organisation nach Außen repräsentieren oder mit Kunden agieren, ihren Wolfshaut-Rucksack, ihren aus einer LKW-Plane geschnetzelten Messenger-Bag oder ihre poppige Streifensporttasche auf den Besprechungstisch legen. Schalten Sie ihr Handy vor dem Interview auf laut- und vibrationslos und holen Sie es nur aus der Tasche, um in den Kalender zu schauen. Lesen Sie auf keinen Fall Ihre Fragen vom Blatt ab. Falls Sie einen angebotenen Stift nehmen, stecken Sie ihn nicht ein.
Die schriftliche Einladung nebst Anfahrtsskizze haben Sie eingesteckt? Dann kann es losgehen! Viel Glück und den besten Erfolg!
Neuenhagen bei Berlin, 28.1.2011
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