
Bewerber suchen einen Start- und Ansatzpunkt, um ihr Leben, ihre berufliche Entwicklung in den Griff zu bekommen. Im Lebenslauf tragen viele mit der Grundschulzeit ihre erste erfassbare Ausbildungsphase an oberster Stelle ein. Damit fing schließlich alles an, das ist doch auch natürlich ... Aus der Sicht des Sebstvermarkters nimmt man damit jedoch den falschen Standpunkt ein.
Mein Vater arbeitete volle vierzig Jahre im selben Betrieb. Bei seinem Ausscheiden erhielt er eine Landesurkunde mit integriertem Treuelob und fetter Unterschrift des Präsidenten. Sein ungeschriebener Lebenslauf würde auf eine halbe Seite passen.
Rührend, nicht wahr? Loyalität. Langfristige Arbeitsverhältnisse. Auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen basierende, stabile Beziehungen. - Das waren Zeiten. An wen wird Ihr Unternehmen gerade verkauft?
Der Dreisprung in das Rentnerglück mit Schule - Ausbildung - stabiler Arbeitsplatz gelingt nur wenigen Glücklichen. Welcher Bewerber produziert heute noch einen stetigen, einfachen Lebensweg mit nur wenig Stationen? Deshalb ordnen die meisten Leute ihren Werdegang sinnvollerweise in thematische Rubriken ein :
"Persönliche Daten"
"Ausbildung"
"Berufliche Tätigkeiten"
"Weiterbildung"
und andere mehr.
Meist wird der Fluss des Lebens dadurch fragmentiert. Dennoch entdecken geschulte Auswerter in diesem Puzzle ohne großen Aufwand die berüchtigten zeitliche Lücken. Auf den Monat genau möchten's die Personalleute allemal wissen.
Ein tabellarischer Lebenslauf gefällt auch den strengsten Betrachtern, wenn er solche Kriterien erfüllt:
Ich schaffe übrigens unbedenklich neue Rubriken, sofern sie tatsächlich
"Auslandstätigkeiten", "Lehrtätigkeiten", "Veröffentlichungen", "Projekte", "Fähigkeiten" - hinter dem gemeinsamen Nenner steht immer das eigene, individuelle Schicksal. Dennoch: Höchste Zurückhaltung im Ausdenken und Aufstellen zusätzlicher Titel! Zu viele Rubriken machen Ihr Leben kleinkariert.
Gewöhnlich fängt der tabellarische Lebenslauf mit der Schule, mit den biographisch am weitesten zurückliegenden Ereignissen an. In den oben dargestellten Grenzen liest er sich wie ein Lebensweg, der Akzent liegt auf der personalen Entwicklung.
In den USA richtet man sein Curriculum Vitae bevorzugt argumentativ, auf ein Ziel aus.
Nach den persönlichen Daten kommt deshalb gleich
Wer schrieb in Deutschland zuerst Lebensläufe nach diesem Muster? Zunächst wenige Leute: Hochschulabsolventen, Techniker, Führungskräfte - oft mit Auslandserfahrung. Sinn machte diese Bewerbungsart eigentlich nur, wenn man international ausgerichtete Großbetriebe ansprach. In den USA sind cover letters (Anschreiben) oft noch kürzer und formelhafter als bei uns. Die argumentativen Schwerpunkte befinden sich deshalb im Resumé. Sinnvoll ist es, die gesamte Überzeugungsarbeit im Bewerbungsschreiben und im Lebenslauf zu leisten. Deshalb würde ich ganz unabhängig von den eingeschliffenen Lese- und Schreibweisen dem traditionell aufgebauten deutschen Lebenslauf den Abschied geben. Schließlich widerspricht er dem fundamentalen Präsentationsgebot: Das Wichtigste zuerst.
Die Konzeption einer Bewerbung hängt von so vielem ab:
Es ist immer leichter, den Konventionen zu folgen. In Deutschland haben Sie sich aber längst weiterentwickelt. Wenn Sie die eingeschliffenen Lese- und Analyseweisen deutscher Personalverantwortlicher knacken wollen, werden Sie stets dafür sorgen, dass Ihr Hauptargument zuerst ins Auge springt. Nicht nur, um auf sich aufmerksam zu machen, sondern um zu signalisieren, dass es sich lohnt, sich mit Ihnen zu beschäftigen. Der beste Augenfänger ist kein Gimmick, sondern die Kompetenz.
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Berkeley, 1998, Gerhard Winkler. Zuletzt aktualisiert: Berlin, 27.8.2009.
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