"... Tatsache ist nämlich, dass immer mehr Bewerber ihre Unterlagen für Werbeprospekte ansehen und entsprechende Kosten akzeptieren, weil sie glauben, sich um jeden Preis von der Masse der Konkurrenten abheben zu müssen", schreibt H.S. aus Berlin.
Wie bindet aber der skeptische Bewerber eine Mappe in seine Bewerbungsstrategie ein?
Schauen wir zunächst in die USA. Dort tritt man ja noch weit unbefangener als bei uns auf. Doch beim Thema Bewerbung haben Umstandskrämer wenig Glück. Pragmatisches Handeln investiert nicht in Binder. Selbst ein Bewerberfoto macht auf einen HR-Manager überhaupt keinen guten Eindruck. Und kein Händler preist professionelle Bewerbungsmappen an. Was vielmehr angesagt ist: professionelles Bewerbungsverhalten. Bewerber haben dort wie bei uns die Wahl zwischen Telefon, Fax, E-Mail, Briefpost und Online-Formular. In den USA handelt man dabei geradewegs. Am schnellsten läuft's über den persönlichen Kontakt. Um es klar zu sagen: Während ein deutscher Bewerber noch sein Deckblatt gestaltet, hat ein US-Jobsucher bereits zwei Interviews vereinbart.
Auch in den alten Ländern mit Ihrer umständlichen Annäherungskultur müsste eigentlich ökonomisches Handeln bei der Kontaktaufnahme belohnt werden.
Dienstleister wollen davon profitieren, dass man den direkten Weg scheut:
“Nach vollständigem Eingang der 50 Euro (Einschreiben/Wertbrief an: Bewerbungsservice J*** R***, Sigmaringen) wird Ihre Bewerbungsmappe erstellt, bestehend aus einer ansehnlichen Mappe, einem personalisierten Anschreiben und einem gestalteten Lebenslauf.”
Auch als Bewerberberater denke ich, erwachsene deutsche Jobsucher sollten in der Lage sein, selbst Ihre vier Seiten zu personalisieren, zu gestalten und am Ende selbständig in eine ansehnliche Drei-Euro-Fuffzig-Mappe einzulegen. Bewerbungsdienstleister, die Ihnen das alles abnehmen wollen, holen niemals das Maximum aus Ihrer Bewerbung heraus. Und warum sollte man sie dann beauftragen?
Zum Schutz der Bewerberblätter dienen neben Schnellheftern wie von Herlitz oder Elba vor allem die Produkte aus der Durable-Familie. Im Internet haben treten immer wieder Spezialmappen-Anbieter auf. Geben Sie in google.de zum Beispiel "Bewerbungsmappe Kosten Preis" ein und lassen Sie sich von Leder und Leinen verführen:
“... nobel, auffällig, selbstbewusst - aber nicht aufdringlich... So lässt sich die Esclusiva Bewerbungsmappe am besten beschreiben. Sie besteht aus hochwertigem, schwerem Imagekarton und kann nach zwei Seiten auseinander geklappt werden. Die ungewöhnliche, metallisch schimmernde, Oberfläche und der edel eingeprägte Schriftzug "Bewerbung" geben dieser Mappe eine individuelle Note.”
Anscheinend ist diese Bananen essende Republik bereits so sehr indigenisiert, dass man die gutmütigen Eingeborenen mit schimmernden und glänzenden Objekten nachhaltig beeindrucken kann.
Ich will es nicht leugnen: Natürlich steckt jeder seine Ästhetennase gern in edle Mappen. Aber warum schickt man die dann an Leute, die sie wieder zurückschicken müssen? Auch das ist typisch deutsch. Protzen: ja. Etwas umsonst abgeben: Nie und nimmer.
Enthüllt also die vermeintlich clevere Bewerberstrategie nur ein Charakterdefizit?
"Für die ambitionierte Einzelbewerbung: handgefertigte Bewerbungsmappen aus farbigem Wellkarton - Sammelmappen aus Karton mit Rippenprofil - Verzicht auf jegliches Plastikmaterial ..."
Derlei schniekes Packaging lässt sich vom Anbieter natürlich mit allerlei vermeintlichen Wettbewerbsvorteilen begründen:
1. Hervorhebung
(Der Empfänger denkt: "Was sticht mir da ins Auge?")
2. Seriosität
(Der Empfänger denkt: "Ist schon edel, dieses Rippenprofil.")
3. Multisensorischer Reizdoppler
(Der Empfänger streicht versonnen mit dem Finger über die Mappe.)
4. Wiedererkennbarkeit
(Der Empfänger erinnert sich an das hervorragende Rippenprofil )
5. Status
(Der Empfänger denkt: "Top-Bewerber zeigen Rippenprofil")
6. Präsenz
("Diese feinen Rippen dürfen noch länger auf dem Schreibtisch liegen")
Es ist jedoch ein böser Irrtum zu glauben, dass wertvolle Spitzen- und Führungskräfte sich präsentieren wie edle Tropfen in Nuss. Ihren Wert und ihre Werte beweisen die auf andere Weise. Auf dem Arbeitsmarkt macht die besten Abschlüsse, wer sich auf subtiles Packaging versteht. Kurzum, vergessen Sie über das Produktdesign nicht die Botschaft. Der Leiter eines Pharmaunternehmens erzählte mir, dass er Kandidaten ausschließlich über Anschreiben filtert. Auf seinem Schreibtisch landen nur Bewerbungen von Spitzenleuten. Doch Schnellhefter der S-Klasse sind ihm deshalb selbst bei diesen Bewerbern der S-Klasse nicht aufgefallen.
Eine wertige Mappe ist nicht das Äquivalent für den Wert Ihrer Arbeitskraft. Sie drückt eher aus, dass ein Bewerber seiner eigenen Kompetenz nicht vertraut und dass er bereit ist, Geld für nichts auszugeben.
Für eine schriftliche Bewerbung sind einfache, praktikable und preisgünstige Lösungen allemal besser als Show-Off-Produkte. Wenn Sie selbst gute und günstige Büromaterialien wissen oder selbst Erfahrungen mit Low-Budget-Bewerbungen gemacht haben, teilen Sie es doch den anderen Leser von jova-nova.com mit!
Auf Ihre E-Mail an gwinkler@jova-nova.com freut sich immer Ihr Bewerbungsberater.
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Berkeley (CA), 18. Mai 1998/überarebitet 16.8.2002; Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 17.02.2009.
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