Weiter so wie bisher oder tief durchatmen und das Neue wagen?
Ein triftiger Einwand gegenüber meinem Text über die Todsünden der Arbeitslosen lautete: „Ich bin ja zu jeder Arbeit bereit. Bewerbe mich auch auf die undankbarste Stelle. Würde sogar für einen Braeburn und ein Ei malochen. Doch keiner nimmt mich. Was sollen da Ihre wohlfeilen Worte?“
Lieber Leser, Sie haben Recht. Sie dürfen von einem Bewerbungshelfer konkrete Handlungsanweisungen erwarten. Die Fragestellung lautet also: Wie verbessere ich als Langzeitsuchender meine Jobchance? – Hier sind meine Sofortmaßnahmen am Arbeitslosenort.
1. Geben Sie sich mit Ihrer Präsentation nicht zufrieden.
Bei ausgeglichener Lage des Jobmarkts kommen taugliche Jobsuchende auch mit den üblichen unsäglichen Unterlagen zu ausreichend vielen Jobinterviews. Heute ist es aber so, dass sich selbst offensichtliche Leistungsbringer mit gewichtiger Mappe und guten Kontakten nur auf dem Markt platzieren.
Die uralte Bewerberfrage wie kann ich mich abheben stellt sich heute bei Konkurrenten aller Leistungsklassen in aller Schärfe. Massenanschreiben und Schnellschuss-Lebensläufe wirken weniger denn je. Mein Rat: Sie feilen solange an Briefing und Lebenslauf, bis alles drin ist, was faktisch für Sie spricht und alles draußen ist, was nicht aus gutem Grund auf Ihre Eignung verweist.
Streichen Sie wie ein eiskalter Text-Sanierer jedes Wort ohne Wert. Ihre Präsentation zeigt auf, was man davon hat, wenn man Sie einstellt. Nicht mehr und nicht weniger.
2. Nutzen Sie Ihre Position der Schwäche voll aus.
Jede jobbezogene Überzeugungsarbeit funktioniert am besten, wenn Sie sich so stark wie möglich aufbauen.
Die beste schriftliche Präsentation entfaltet aber keine Wirkung, wenn der Markt leer ist oder der Bewerber zu lange draußen steht. Eine selbstbewusste Selbstdarstellung lässt sich außerdem umso schwerer durchhalten, je länger Sie suchen und je weiter außerhalb des angestammten Berufsfelds Sie sich bemühen. Vor allem flexible Arbeitswillige auf der Suche nach Jobalternativen bekommen zu hören, sie seien zu überqualifiziert, zu alt und zu teuer.
Sie haben ziemlich schlechte Karten. Spielen Sie dennoch immer wieder Ihr Spiel. Und warum nicht bei immer denselben, von Ihnen ausgewählten Jobanbietern?
Ihre Strategie: Sie rufen eine Zeitlang immer mal wieder an. Sie appellieren direkt an das soziale Gewissen Ihres Jobkontakts. Sie machen klar, dass Sie eine schlechte Vergütung akzeptieren. Sie bestehen darauf, dass Sie zuverlässig sind, sich in die Aufgabe fügen, den Job ausgezeichnet machen. Sie haben nicht vor, im Betrieb als Besserwisser aus der Rolle zu fallen, sondern wollen engagiert und gut gelaunt Ihren Job machen. Sie werden natürlich eines Tages kündigen, sobald sich der Jobmarkt für Sie wieder öffnet, aber bis das soweit kommt, werden Sie gewissenhaft einen Nachfolger einarbeiten. Kurzum: Je früher man Sie einstellt, desto länger profitiert man von Ihnen.
Sprechen Sie immer wieder vor. Wenn Jobs eine knappe Ressource sind, dann kämpfen Sie um den Zugang zu dieser Ressource. Dass Sie sich nicht entmutigen lassen und ausdauernd nachfragen, wird eine Ihrer Kontaktpersonen eines Tages honorieren.
Sie sind der einzige Mensch auf der Welt, der Ihnen einen Job verschaffen kann. Und Sie haben nichts zu verlieren außer Ihrer Arbeitslosigkeit.
3. Lernen Sie dazu. Auch wenn es weh tut.
Als kleiner Balzac unter den Bewerbungsberatern schaue ich tagein, tagaus in die Lebensläufe von Großen und Kleinen. Ich vertiefe mich in die Unterlagen der Angelernten und der Ausgebufften. Ich arbeite mich in die persönlichen Daten von Wasserträgern wie von Apollinaris-Trinkern ein.
Ein konstantes Merkmal von Leuten, die es im Beruf zu etwas gebracht haben, sind sicher deren fortwährende Lernanstrengungen. Leistungswillige sind aufs Lernen fixiert. Sie fordern sich selbst, arbeiten an sich selbst, definieren ihre Ziele selbst. Macht und Geld sind gewiss starke Karriereanreize. Beruflicher Erfolg bedeutet für viele Fach- und Führungskräfte vor allem aber das außerordentlich befriedigende Privileg, Jobs auszufüllen, in denen man nie auslernt.
Ich bin davon überzeugt, jeder kann in seinem Rahmen weit mehr aus sich machen.
Konzentrieren Sie sich mit Ihren Selbstbildungsprojekten nicht allein auf berufsbezogenes Fachwissen. Es gibt so viel, an dem man ansetzen kann: Schriftlicher Ausdruck und korrektes Deutsch. Rede- und Verhandlungsfähigkeit in der Muttersprache sowie in einer oder zwei Weltsprachen. Soziale Umgangsformen. Wirtschaftliches Grundwissen. Verständnis der aktuellen Naturwissenschaften. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Praktisches Web- und PC-Anwenderwissen. Praktische Fertigkeiten. Machen Sie ein unbezahltes Praktikum bei einem Meister, der das macht, was Sie gerne lernen möchten.
Bildung ist ein weltweit gültiger Reisepass. Lassen Sie sich nicht zum Weiter- und Umlernen tragen. Konzentrieren Sie sich auf Ihre persönlichen Defizite. Nehmen Sie sich in die Pflicht. Alle Anstrengung, die Ihren persönlichen Horizont erweitert, ist auch für Ihr berufliches Weiterkommen gut.
4. Gehen Sie dorthin, wo es Jobs gibt. Oder gehen Sie zumindest unter die Leute.
Im Web finden Sie, wie Sie natürlich wissen, landesweite und internationale Jobbörsen sowie Informationen über Länder, die Arbeitswillige willkommen heißen. Haben Sie da schon recherchiert?
Im erlernten Beruf ein paar Jahre im Ausland zu arbeiten bringt Ihnen neue berufliche Erfahrung, Selbstbewusstsein und einen erweiterten Horizont. Auch wenn Sie nur auf dem unter der Bezeichnung Dänemark vermarkteten, ziemlich flachen Grünstreifen tätig werden oder südlich von Lindau einen Jobfinden werden Sie die heimatlichen Gefilde nicht all zu sehr vermissen.
Und selbst wenn. Was sind hier Ihre Karriereoptionen? Mit anderen Montagsdemonstranten auf die Stornierung der Globalisierung warten? Sich in das Hinterhof-Desaster einer Ich-AG flüchten? Als frisch und zu kurz gebackener Vermögensberater in fremden Wohnzimmern Checklisten ankreuzen? Stillhalten, bis das Bürgergeld kommt? Die ABM-Karte ziehen in einer Staatsknete-Umverteilungsmaßnahme?
Kleben Sie an Ihrem Lebensmittelpunkt, fehlt Ihnen der Mut zur Jobmigration, dann bleiben Sie dennoch nicht zu Haus. Je mehr Leute Sie kennen, je mehr Leute von Ihrer Jobsuche wissen, desto eher hören Sie von einer Arbeitsgelegenheit.
Bei Arbeitslosigkeit droht Vereinzelung. Das lassen Sie nicht zu. Dagegen steuern Sie aktiv an: Rein in einen Verein. Ja zum Ehrenamt. Sport in der Gruppe. Singen im Chor. Lernen im Team. Engagement unter Gleichgesinnten.
Arbeitslose nehmen das Geld und machen sich unsichtbar. Als Langzeitarbeitsloser würde ich mit einer Gruppe von umtriebigen Schicksalsgefährten raus gehen und vor Ort etwas Sinnvolles, Wichtiges und Schönes machen. Ich würde den Bürgern zeigen, dass ihr Arbeitslosengeld arbeitet. Ich würde mich zeigen. Ich würde mir und anderen Aktiven Arbeit machen.
Sollte Ihr Budget nicht für alle Ihre Jobfindungsaktionen, Lernaktivitäten und für ein aktives soziales Leben reichen, dann machen Sie einen Kassensturz und schichten Sie um. Investitionen in die eigene Zukunft haben absoluten Vorrang. Es gibt ein paar echte Sünden von Joblosen, aber nur einen unverzeihlichen Fehler: den kompletten Rückzug ins Private.
12.09.2005 - Gerhard Winkler; Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 25.02.2009.
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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