Wollen Sie kurz mit mir die optimalen Verhaltensweisen beim Telefonieren durchgehen? Dann schalten Sie bitte erst einmal Ihr Telefon aus. Kein nichtiger Anruf soll Sie von der Lektüre ablenken. Sie wissen, als Jobsuchender sind Sie gezwungen zu telefonieren, wenn Sie Ihr Anliegen und Ihr Leistungsangebot schnell, direkt, erfolgreich vermitteln wollen. Dazu einige Regeln:
Sie sind auch als mobiler Anrufer dafür verantwortlich, wenn es um Sie rauscht und stört. Rufen Sie nicht von einem Ort aus an, der Anlass zur Verwunderung darüber gibt, wo Sie sich an einem Werktag um 11.30 Uhr aufhalten. Telefonieren Sie nicht aus einem fahrenden Auto. Sie gefährden sonst den guten Willen von Jobanbietern. Falls Sie doch unterwegs sind und jetzt gerade nicht anhalten können, entschuldigen Sie sich bereits am Gesprächsanfang für die schlechten Gesprächsbedingungen.
Völlig schlechter Zeitpunkt; gerade in diesem Moment können Sie nicht gut reden: Bitten Sie einfach darum, dass Sie zurückrufen.
Rufen Sie möglichst nur an, wenn Sie allein sind. Allein meint, allein im Raum. Sie möchten nicht Ihrer erstaunten Familie vorführen, dass Sie, wenn es darauf ankommt, auch freundlich sein können. Oder witzig, werbend, warm, charmant, redegewandt, herzlich, zuvorkommend und wohlerzogen. Sie möchten sich auch nicht um Kind, Hund oder um einen heftig gestikulierenden Partner kümmern, während Sie auf dem direkten Draht mit einem Vermittler oder Jobanbieter funken. Es ist Ihnen sicher ebenfalls nicht recht, dass laute Nachbarn, zuschlagende Türen, der Sound von Radio Kulturbrause oder ähnliche Klangeffekte des Alltags mehr über Sie und Ihr soziales Umfeld verraten, als Ihnen lieb ist. Telefonieren Sie ungestört an einem Tisch, wo Sie Ausschreibungen, Aufschriebe und einen Notizzettel vor sich haben und in einem Zimmer, dessen geschlossene Tür man achtet.
Telefonieren Sie als Jobsuchender prinzipiell nicht in einem geschlossenen Raum, den Sie mit Fremden teilen und in dem keiner der Anwesenden oder kaum jemand spricht. Es könnte sonst sein, dass ein unfreiwilliger Zuhörer aufsteht, sich über Sie beugt und ein Verdikt über Ihre Manieren in den Hörer spricht.
Zünden Sie sich während des Telefonats keine Zigarette an. Inhalieren Sie nichts. Trinken Sie nichts. Jobanbieter möchten eher nicht an den vitalen Funktionen Ihres Körpers teilhaben.
Seriöse Jobsuchende rufen nur an, wenn sie selbst ausreichend Zeit und Ruhe für ein Telefonat haben. Überlegen Sie stets vorab, wann ein Gesprächspartner am ehesten gesprächsbereit ist. Manche Manager sind vor 8 Uhr oder nach 18 Uhr am leichtesten zu erreichen. In Organisationen mit einer ausgeprägten Frühstückskultur stört Ihr Anruf das wohlige Ziehen des Teebeutels. Montag Morgen ist meist keine gute Zeit für die Jobakquisition. Wer hat schon zu Wochenbeginn gute Laune? Etwas anderes, wenn Sie als Überraschungskandidat für Glücksstimmung beim Talentscout sorgen. Am Freitag Nachmittag, vielleicht sogar an einem Samstag erreichen Sie die Arbeitspferde, die froh durch den Hörer schnauben, wenn sich einer da draußen an ihre einsame Existenz als Stallwächter erinnert. Und Sie selbst haben dann das ganze Wochenende Zeit, um die Gesprächsergebnisse zu verarbeiten – zum Beispiel in Form einer zielgenauen Bewerbung.
Konstruieren wir doch den in Deutschland, dem Land der dichtenden Denker, eher seltenen Fall eines sprachlich herausgeforderten Bewerbers:
Sie können sich nicht ausdrücken. Sie tun das auch noch in einer lokalen Variante des Deutschen, die in Ihrer Straße, aber auch nur dort vorherrscht. Sie wissen selbstverständlich, dass es eine Grammatik der deutschen Sprache gibt, aber sehen sich als tolles Beispiel dafür, dass es auch ohne sie geht. Kein zufälliger Gesprächspartner, keine Bezugsperson kam je auf den Gedanken, Sie darauf hinzuweisen, dass die menschliche Brust, der Kehlkopf, der Schreihals und all die anderen Sprechorgane nicht nur Schallwellen produzieren, sondern sie auch modulieren. In Ihrem Club ist der Gebrauch von Höflichkeitsfloskeln, von Formen der Redeeinleitung, des Danks und der Verabschiedung nicht üblich. Einigermaßen flüssig können Sie eigentlich nur Statements über den Stand eines Fußballspiels sowie durchs Wörterbuch nicht abgesicherte Befindlichkeitsäußerungen in Form ein- bis zweisilbiger Laute abgeben.
Nehmen wir also an, Sie sind dermaßen sprachmächtig, dass Sie sich mit wenigen Worten durch die Straßen Berlins bewegen können, ohne als Yuppie aufzufallen.
Dann ist das alles doch eine echte Ausgangsbasis, um durch systematischen Spracherwerb, durch Sprechübungen und Einüben von Verhaltensregeln den eigenen Handlungsspielraum ein wenig zu erweitern. Man vergibt sich damit nichts und man ergibt sich auch nicht der bürgerlichen Gesellschaft. Sie brauchen sich auch nicht verbiegen, nur um den Gesprächskonventionen zu folgen. Ihr berufliches Weiterkommen wird nicht erschwert, wenn Sie Ihrem Respekt vor einem Gesprächspartner Ausdruck verleihen. Das lässt sich üben. Sicherheit in den Höflichkeits- und Sprachregeln kommt mit den Gesprächsgelegenheiten.
Jedes Gespräch im beruflichen Umfeld ist durch Sprach- und Verhaltensregeln kodiert.
Für Informationen, Auskünfte, Gespräche bedankt man sich. Gespräche enden immer mit einer freundlichen Grußformel.
Rufen Sie als Jobsuchender ausschließlich dann an, wenn Sie sich selbst klargemacht haben, was Sie genau erfahren oder was Sie konkret erreichen möchten. Sie können Gesprächsziele vorformulieren:
Leute, die es gewohnt sind, sich Notizen zu machen, finden es eine gute Idee, den Grund bzw. das Ziel eines Job-Anrufs vorab aufzuschreiben. Was hindert Sie übrigens daran, Ihren Aufschrieb als Frage direkt zu stellen?
Ob man es sich auf Merkzetteln notiert oder im Kopf behält: Es gibt einige wenige Basis-Botschaften, die Sie als Jobkandidat auch und gerade am Telefon loswerden wollen.
Zu diesen Kernargumenten zählen zunächst die Job und Lernleistungen sowie Ihr Bündel an beruflich bedeutsamen Fähigkeiten, Erfahrungen und Kompetenzen. Es handelt sich dabei NICHT um persönliche Qualitäten und Tugenden wie Belastbarkeit, Tüchtigkeit, hohe Motivation oder Empfänglichkeit für die Späßchen der Vorgesetzten.
Für alle Ihre Ich-Aussagen gilt übrigens die alte Fen Shui-Weisheit: Richte deinen Stuhl so aus, dass die Beine nicht im Wasser stehen. Halten Sie sich, was Selbstbewertungen angeht, bedeckt, dann kommen Sie trockenen Fußes durch das Jobgespräch. Ego-Statements sind aus Personalersicht nichts mehr als ein hilfloses Planschen im Ungefähren
Doch warum sollten Sie überhaupt fremde Menschen in Ihnen kaum bekannten Organisationen anrufen?
Ist eine Position ausgeschrieben, haben Sie vielleicht Fragen zum Abgabetermin, zur Form der Unterlagen, zur Jobbeschreibung, zu den Konditionen. Ist keine Position ausgeschrieben, wollen Sie womöglich erfahren, ob bzw. wann genau ein Bedarf besteht. Vielleicht haben Sie auch Fragen bezüglich Ihrer eigenen Berufsplanung.
Ein ausreichender Grund für einen Anruf ist immer schon, dass man von Ihrer Existenz, Ihrer Kompetenz und Ihrer aktuellen Verfügbarkeit erfahren soll.
Wenn es um formale Fragen geht oder um Fragen der Jobbeschreibung, dann rufen Sie im Personalbüro an. Bei allen Fragen Ihrer Profession rufen Sie in der Fachabteilung an und sprechen Sie mit der Person, die dort hierarchisch am höchsten steht. Dies gilt unbedingt, wenn Sie sich danach erkundigen wollen, ob man jemanden wie Sie brauchen könnte. Dass in einer Stellenausschreibung keine Telefonnummer angegeben ist oder jemand in der Telefonzentrale zickt und keine Durchwahl herausgeben will ist kein Grund, die Nummernbeschaffung vorschnell entmutigt abzublasen. Früher holte man sich Namen von Kontaktpersonen, in dem man Leute anrief, die mit der Organisation in Verbindung stehen. Heute recherchiert man gern auch im Web, zum Beispiel in Businessgemeinschaften und Foren.
Besorgen Sie sich die Durchwahl oder lassen Sie sich durchstellen. Und dann legen Sie los.
Reden Sie jetzt auf keinen Fall weiter. Warten Sie auf eine Reaktion. Geben Sie dem Gesprächspartner Zeit zum Nachdenken. Und alles Weitere ergibt sich. Die eigene Jobrecherche, der Wunsch nach weiteren Informationen, die Absicht, sich vorzustellen und sich zu empfehlen, solche Interessen legitimieren immer ein Telefonat. Warum sollte es auch ungehörig sein, einen Personaler oder Abteilungsleiter anzurufen? Die Suche nach einer Bewerbungsgelegenheit rechtfertigt es übrigens auch, Menschen telefonisch oder per Mail zu anzusprechen, die Sie nur flüchtig oder gar nicht persönlich kennen. Ihr Thema: Job. Ihr Auftreten: höflich. Ihre Aussagen: kurz und klar. Ihre Selbstvorstellung: knapp, aber selbstbewusst. Ihre Fragen: präzise. Ihr Zeitguthaben: sehr beschränkt. Sie merken, Ihr Redeverhalten als Jobsuchender ist auch nicht anders als im Berufsleben üblich!
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Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 14.4.2009
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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