Suchen und gefunden werden im Web dank Profilen, Plattformen und einer Prise Glück
Bewerben war einst eine einsame Papierschlacht. In der Etappe, bei den Kopierern, verbrachte man ganze Nachmittage in neonfahler Trübseligkeit. Man blätterte durch die Offerten und las dann den Rest der Zeitung gleich mit. Vor allem sicherte man seine Nachschublinie im Bürofachgeschäft: A4-Papier in schwerer Hochwert-Haptik. Prittstifte! Klemmmappen mit Clip-Garantie in Trendfarben! Passende Versandtaschen im Dreißiger-Pack! Hochweiße Adressetiketten!
Mit hochrotem Kopf bombardierte man mit seinen umfangreichen Bewerbungsdossiers die großen, kleinen, mittleren, meist völlig unbekannten Unternehmen. Wo hatte man nur die kostbaren Adressen her? Annoncen wurden akkurat mit der Schere ausgeschnitten, wertvolle Kontaktdaten auf die Rückseite von Supermarktrechnungen gekritzelt oder, wenn man Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, in ein schmuckloses Notizbuch aus der Prä-Moleskin-Ära übertragen.
Man sieht, noch vor kurzem war vieles schon antiquiert, aber das Ganze insgesamt überschaubar. Information war ein kostbares Gut. Zeit war grenzenlos. Auf dem Bewerbungsfoto blickte man ernst, schon weil der Anlass entsprechend war. Man fragte sich nicht, was einem beruflich offen stand. Man fragte sich, welches Postamt um die späte Stunde noch offen hatte.
Die gelbe Post hat wohl ihre Ämter, doch nicht Würde und Anspruch verloren. Unter Inanspruchnahme der weltweit führenden Logistik-Gruppe zum spurlosen Versenken von Postgut versenden ihre Mappen heute noch die Trotzigen und die Schlauen unter den Bewerbern sowie all diejenigen, die es sich nicht anders vorstellen können. Gerade die Cleveren erhoffen sich einen Distinktionsgewinn. Denn sieben von zehn Neueinstellungen werden 2011 schon über das Internet arrangiert. Nur noch dreißig Prozent der Bewerber studieren etwas öfter als nie die Jobofferten in den Printmedien. Auch reine Analphabeten wissen, dass die Tageszeitungen heute händeringend Leser suchen. Die meisten der verbliebenen Leser (ausgenommen die der Frankfurter Allgemeinen) brauchen nicht wirklich einen Print-Stellenmarkt. Und die FAZ-Abonnenten durchmustern die Wochenendofferten wohl deshalb, um zu kontrollieren, ob Deutschlands Top-Jobs immer noch für die klugen Köpfe dahinter vorgehalten werden.
Drei Viertel der Jobsuchenden, sogar diejenigen, die fußläufig neben einem Verkaufspunkt oder gar einer Filiale der Deutschen Post wohnen, präferieren heute den elektronischen Bewerbungsweg. Kein Wunder, im Verkaufspunkt sind die Services so mau wie die Kunden betulich und das Warenangebot aus Papier, Pappe und Plastik reizt eher zu trockenem Husten. Außerdem fängt man sich beim distanzlosen Schlangenstehen sogar Flöhe ein! (OK, bisher nur einmal und nur einen.)
Da bleibt man gern zu Hause und verfasst eine Mail-Bewerbung. Die ist bei Jobfindern mit Abstand am beliebtesten. Doch die tausend größten Unternehmen Deutschlands sehen dies noch lange nicht als ausreichenden Grund, gleich die Mailadressen ihrer HR-Leute öffentlich zu machen. Deutschlands Firmen verweisen einen auf die praktische Formularbewerbung. Zweckdienlich ist das Online-Bewerbermanagement aus Firmensicht immer: Die Qualität der Daten erhöht sich, die Durchlaufzeiten werden kürzer, die Kosten sinken und die Jobsuchenden sind schwer beschäftigt.
Dass die hinlänglich, nämlich bis zu zwei Stunden, beanspruchten Formular-Bewerber nicht laut quengeln, weil sie ihre Daten immer wieder auf ein Neues stückeln und verschieben, den Sinn seltsamer Eingabefelder erschließen und zum xxxxxx-ten Mal ein passwortgeschütztes Nutzerkonto anlegen, beweist, wie sehr Geduld, Disziplin und Kooperationsbereitschaft unsere Workforce in Deutschland auszeichnet. Nur zwanzig Prozent der Online-Bewerbungssysteme deutscher Firmen sind von Design, Informationsgehalt, Usability, Navigation und Interaktivität her rundum empfehlenswert. Dreißig weitere Prozent machen eher schlechte Laune. Bei der Hälfte der Bewerbungsmanagementsysteme von Firmen möchte man die HR-Mannschaft mitsamt dem IT-Dienstleister hinter eine blickdichte Firewall sperren und dann ins verlängerte Wochenende gehen.
Ob mühsam oder inspiriert, das Texten einer Mail geht auch zu zweit. Mit vor dem Flachschirm zu sitzen und zu verfolgen, wie jemand seitenweise Eingabefelder bearbeitet, ist dagegen eine Strafe. Und von allen einsamen Beschäftigungen zählt das Ausfüllen von Formularen mit zu den am wenigsten befriedigenden.
Personaler halten ihrerseits das Rekrutieren über ein persönliches Netzwerk für noch zielführender als die Bewerberauswahl über die Firmen-Webseite oder über eine Jobbörse. Es hilft also schon, wenn Sie reihenweise Internet-Stellenbörsen kennen, aber weit besser ist es, Sie kennen Leute, die einen Entscheider in der Zielorganisation kennen.
Jobbörsen sind heute das Info-Medium für zwei Drittel aller Jobfinder. Die webbasierten Stellenbörsen sind für alle da: für Architekten ebenso wie für Fachkräfte in der Aus- und Weiterbildung, im Einkauf und in der Materialwirtschaft, im Finanz- und Rechnungswesen, in Forschung und Entwicklung und logischerweise auch in IT und EDV. Es gibt Börsen für die Vertreter von kaufmännischen, technischen oder naturwissenschaftlichen Berufen und auch für die starken Frauen und Männer in Organisation und Verwaltung, Vertrieb, Rechtswesen und Unternehmensführung. Was machen aber die Hebammen, Heimarbeiter, landwirtschaftlichen Helfer, sozialen Dienstleister und Nachhilfelehrer? Für sie alle gibt es Nischenbörsen, selbst für die Psychologen, dem einzigen Berufsstand, der privat nicht im Griff hat, was er beruflich nicht begreift. (Fragen Sie nicht, was das ist. Ich bin kein Psychologe.)
Die Angebote nehmen trotz aller damit verbundenen Mühen drei Viertel der Bewerber gern wahr und hinterlegen ihr Profil in der Datenbank einer Stellenbörse. Vierzig Prozent füllen damit Unternehmensdatenbanken und ebenfalls knapp vierzig Prozent speisen ihren Lebenslauf in die Jobbörse unserer Bundesagentur für Arbeit ein. (Vielleicht sollten hierzulande einfach alle Arbeitsfähigen ihre Daten permanent bei der Agentur veröffentlichen. Am besten mit aktuellen Status-Meldungen wie: Hey Job! Bin heiß a. Dich u. für jeden Vorschlag offen.) Wer sich online profiliert, baut jedenfalls auf die Macht des Matching und vertraut seiner eigenen Leistungsstärke im Ranking.
Auch die Eingabemasken in den Profilseiten von Karrierenetzwerken und sozialen Netzwerkplattformen werden zunehmend eifrig gefüllt. Wo sich Bewerber massenhaft anbieten, da kommen schließlich auch Jobanbieter zur Sichtung vorbei. Ihr berufliches Profil auf XING oder einer anderen Business Community möchten deshalb sechs von zehn Nutzern auch als Stellengesuch verstanden wissen.
Karrierenetzwerke wie XING werden von dreißig Prozent der Jobsuchenden häufig und von hundert Prozent der Veranstalter von Bootcamps für Salsa-Einsteiger sogar mehrfach täglich genutzt. Dreizehn Prozent der Firmen schalten auf XING Stellenangebote. Achtzehn Prozent suchen dort Bewerber. Falls Sie auf Ihrer eigenen Profilwiese keinen Personaler sehen, dann bewegt er sich vielleicht unter einer Tarnkappe. Auf XING lassen sich bevorzugt Jobsuchende aus Bankwesen, Consulting, Beratung, Marketing und Personalwesen nieder. Menschen also, die das große Versprechen zu ihrem Beruf gemacht haben und die selbst große Erwartungen in ihre berufliche Laufbahn setzen.
Auf Facebook und anderen offenen Netzwerkplattformen präsentieren sich schon zwölf Prozent der Firmen. Rund sieben Prozent der Jobsuchenden halten Social Media für ein cooles Ding zur beruflichen Selbstvermarktung. Das ist nicht viel? Social Media ist der Hype, wie die Leute behaupten, die Employer Branding als eine Grundbedingung des erfolgreichen Personalmarketings verstehen. Das Motto lautet: Geh dorthin, wo sich Deine möglichen Kunden treffen und tu so, als wolltest Du dort nicht verkaufen, sondern nur sein. Die Präsenz bestimmt das Bewusstsein, zumindest in den Social Media. Virtuelle Personalmessen und Twitter werden heute noch wenig zur aktiven Suche genutzt, vielleicht, weil das eine noch zu abgehoben ist und das andere zwar zwitschert, aber nicht richtig zieht.
Jobsuchende stellen Profile online, weil sie am liebsten angesprochen werden wollen. Zur aktiven Suche bieten sich an: Jobbörsen, Firmen-Homepages, Karrierenetzwerke, Facebook und Unternehmensbewertungsplattformen. Anfragen kann man seine Bekannte bzw. einfach alle in seinem Adressbuch sowie Personalberater, Zeitarbeitsanbieter und die freundlichen Berater der Bundesagentur. Mit Glück hat eine Organisation ein Mitarbeiterempfehlungsprogramm. Mit noch mehr Glück haben Sie jemanden, der Sie da empfiehlt. Achten Sie in den Print- und sonstigen Medien auf Hinweise zu Praktikanten-, Studenten- und Kandidatenbindungsprogrammen und bewerben Sie sich dort!
Sie sind ein trendbewusster Leistungsanbieter und möchten mit einem Jobanbieter eine stabile und für beide Seiten erfreuliche Arbeitsbeziehung eingehen? Dann recherchieren Sie Stellenanzeigen über Google sowie in Internet-Jobbörsen und auf Unternehmens-Webseiten. Übersehen Sie dabei nicht die Spezial- und Nischenstellenbörsen. Schauen Sie als Fach- und Führungskraft immer noch in die überregionalen Tageszeitungen und treten Sie Alumni- oder Karrierenetzwerken bei. Optimieren, pflegen, aktualisieren Sie alle Ihre Profile, auch die in den Firmenformularen eingespeisten.
Machen Sie Ihr Profil, egal, wo Sie es einstellen, zum Faktenblatt, das die Gründe für Ihre gute berufliche Reputation auflistet. Bewerben ist eine durchgängig vertrauensbildende Maßnahme. Dabei lassen Ihr eigener guter Name und der von Ihren Fürsprechern das stets sehr hinderliche und oft begründete Misstrauen der Jobanbieter noch am schnellsten abschmelzen. Ihr guter Ruf wird offline begründet und online verstärkt. Achten Sie darauf, dass Ihr Online-Netzwerk ihre nützlichen Kontakte in der Wirklichkeit abbildet und pflegen Sie Ihre guten Verbindungen nicht nur virtuell.
Recherchieren Sie geduldig nach Personalberatern, die sich um Spezialisten Ihres Niveaus kümmern und seien Sie als Jobprofi oder Manager diskret bei der Ansprache. Bedenken Sie, dass Plattformen, die versprechen, Sie echten Headhuntern vorzuführen, in der Regel von Kandidaten finanziert werden, die nicht so häufig in den Fokus von Großwildjägern geraten.
Googeln Sie sich in allen Phasen der Jobfindung schnelle Auskunft, guten Rat und erprobte Tipps. Sie sind online nie allein. Kommen Sie ins Gespräch und tauschen Sie sich aus!
(Verwendete Studien: Prof. Dr. Tim Wetzel et al.: Bewerbungspraxis 2011 und Recruitingtrends 2011, Centre of Human Resources Information Systems (CHRIS), Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Goethe-Universität Frankfurt am Main. Prof. Dr. Wolfgang Jäger, Christian Meser (Hrsg.): Human Resources im Internet 2010, Hochschule RheinMain Wiesbaden - Rüsselsheim – Geisenheim)
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Neuenhagen bei Berlin, 7.11.2011
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