Bewerbungsgurus verkaufen Ihnen Umständlichkeiten aus dem vorigen Jahrhundert als die heißesten Tipps in Sachen Selbstvermarktung. Hüter der Handelskorrespondenz verteidigen das comme il faut der Briefstellerei gegenüber den Laissez-faire-Typen aus der Netbook-Fraktion. Von HR-Leuten unzureichend gebriefte Designer entwerfen für Sie Online-Bewerbungsformulare, in die weder die Personalexperten noch die Entwickler selber je Daten eintippen wollen. Sie sind als ausgebuffter Jobkandidat durchaus auch zum Hard-Selling bereit. Schon recht. Die Bereitschaft, sich optimal zu verkaufen, war noch nie größer als heute.
Doch wie bewirbt man sich richtig? Selbst von Personalern hören Sie keine wirklich befriedigende Antwort. Leute im Job denken im Alltag kaum über ihren Erfahrungshorizont hinaus. Rekrutierung heute bedeutet froh sein, wenn überhaupt Mindeststandards eingehalten werden.
Richtig bewerben heißt demnach, die Erwartungen der Adressaten auf das Angenehmste zu enttäuschen. Was Sie bitte nicht kommunizieren: dass Sie eine Offerte interessiert. Dass Sie eine Firma geradezu lieben. Welche grandiosen Soft Skills sich aus welchen pauschal beschriebenen Leistungen herauslesen lassen. Wer irgendwo anheuern möchte, der konzentriert sich am besten ganz auf vertrauensbildende Maßnahmen.
Was Sie einem Jobanbieter jedoch tunlichst vermitteln:
Diese Botschaft ist so prickelnd wie ein Glas Wasser. Doch Wasser ist nun mal die Grundbedingung für Leben und Vertrauen ist die Grundlage jeder Kooperation. Warum soll man Sie einstellen, wenn an Ihrer Tüchtigkeit, ihrer Verlässlichkeit, Ihrem guten Willen und Ihrem Durchhaltevermögen noch Zweifel bestehen? Es ist für den Jobanbieter einfach wichtig zu wissen, dass Sie seine Werte und sein Denken teilen und seine besonderen Anliegen, Gründe und Ziele verstehen. Jobanbieter ticken nicht anders als Sie, zumindest wenn Sie schon einmal Führungsaufgaben übernommen haben oder ihre Leistung tatsächlich gegenüber Dritten zu verantworten hatten.
Rekrutierer haben zu viel Arbeit auf dem Schreibtisch und in der Mailbox. Sie filtern unter Mühe ein paar nützliche Informationen und verwertbare Fakten aus dem täglichen Bewerber-Spam, der sich mit obstinatem Pling! und sonorem Gebimmel auch noch im Minutentakt ankündigt. Sie hören täglich mehr als die zumutbare Tagesdosis an eilfertigen Versprechungen und bußfertigen Beteuerungen. Das cleverste Personalmarketing, die teuren Maßnahmen der Personalbeschaffung enden regelmäßig in einer Nietenparade. HR-Menschen sind schon genervt, bevor Sie Ihre Bewerbung sehen. Möchten Sie den leidgeprüften Personaler weiter langweilen oder ihn entlasten? Ihm Zeit stehlen oder ihm zuarbeiten? Ihm Honig ums Maul schmieren oder ihn mit verwertbaren Fakten füttern?
Heulen Sie nicht mit den Bewerberschäfchen. Stapfen Sie nicht mit der Herde. Bewerben Sie sich signifikant anders.
Bewerbung braucht keinen Kontext. Mit der simplen Angabe der angestrebten Position im Betreff, mit der Fokussierung auf Ihre Jobeignung gleich nach der Anrede und mit einem Anhang namens nachname_vorname_lebenslauf ist der Adressat schon voll informiert: Wenn es von außen aussieht wie eine Bewerbung, muss man nicht auch noch sagen, dass man sich bewirbt.
Bewerbung braucht keinen Aufhänger. Der Gimmick, die kreative Idee, die ungewöhnliche Verpackung signalisieren nur: Thema verfehlt. Ihnen war aufgetragen, Ihre besondere Jobeignung (plus Ihren Bewerbungsgrund und Ihre Konditionen) vorzutragen und faktisch zu belegen. Dass Ihnen Witz und Kreativität aus den Ohren wachsen, dass Sie die tolle Hechtin oder der Übererfüller sind, das belegen Ihre Referenzen und Arbeitsproben.
Bewerbung braucht eigene Worte. Die Bewerbersprache, gerade die der Musterbewerbungen, macht Sie unsichtbar. Um sich unverwechselbar zu konturieren und sprachlich zu profilieren verwenden Sie nur starke Verben, Konkreta und den Mut zu Aufzählungen. Sie differenzieren aus, was Sie machen und leisten. Sie nennen Namen und Orte. Sie hüten sich vor Ego-Statements. Sie reduzieren Adjektive auf ein Minimum. Stick to the facts ist die Regel, die Sie beim Bewerben gewiss zum Erfolg führt.
Ihre Bewerbung fungiert nicht als Anfrage, sondern als Angebot. Ihr Anschreiben ist, man kann es nicht oft genug wiederholen, kein Brief (oder gar Begleitschreiben), sondern ein Briefing. Als Kurzvortrag bündeln Sie darin die Hauptargumente aus dem Lebenslauf, der selbst schon ein argumentativ gewichtetes, auf das Wesentliche eingedampftes Faktenblatt darstellt. Beim Bewerben treffen Sie gewiss auf mehr Mitbewerber als in der Liebe. Wie in der Liebe bleiben Sie länger glücklos, wenn Sie sich nicht selbstbewusst, eindeutig und zielgerichtet positionieren, ein unverwechselbares Profil zeichnen und es in Ihren eigenen Worten sagen.
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Text zuletzt überarbeitet: Berlin, 12.03.2009.
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