"Ich hatte von diesem Gespräch vor allem deshalb einen starken und guten Eindruck, weil ich da eine seltene Begabung auf genau dem richtigen, ihr gemäßen Arbeitsfeld tätig sah, während die große Mehrzahl von Fehl-Existenzen, mit denen meine Korrespondenz mich zusammenbrachte, darauf beruhte, dass Beruf und Person sich miteinander nicht vertrugen." (Hermann Hesse, Brief an Dr. E. G., Februar 1952)
Forscher wechseln in die Industrie. Mediziner, Naturwissenschaftler mieten sich in Technologie- und Gründerzentren ein. Kaufleute jobhoppen geradezu aufreizend vergnügt von Firm zu Firma, von Branche zu Branche, von Land zu Land. Geisteswissenschaftler, eben haben sie noch im Seminar den Verlust an gesellschaftlicher und kultureller Arbeit betrauert, konstatieren: Die stillschweigende Abmachung funktioniert nicht mehr, nach der immer irgendwie ein Unterkommen in Social, Education, Academic, Futile Projects gewährleistet war. Nun also doch blind wie ein Reisender in einer Winternacht auf in die Wirtschaft. Eine Karriere in der Industrie definieren diplomierte Hinterfrager in erster Linie als Zumutung. Nicht umsonst stellen sie ja den vollen Gehalt des Seins weit über das tolle Gehalt der Führungskaste. Jobsuche außerhalb des Stellenteils der ZEIT erscheint dem Bachelor wie eine schreckliche Kapitulation. Nicht nur das; er ahnt, dass sich seine mit Bedeutung aufgeladene Rede an der mit klarer Rede geladenen Bedeutung des Rekrutierers bricht wie die flüchtige Welle an der hohen Mauer. Den Geist mit der Wissenschaft aufgeben, allen inneren Widerstand fahren lassen, in falscher Begeisterung mitmachen und dann nicht genommen werden: Scheißspiel.
Dem Absolventen-Herzen immer nah liegt die Lösung, sich dort zu positionieren, wo ein Informationsgefälle besteht. Vom Mehrwissen als Nachhilfelehrer, Trainer, Berater lässt sich in Deutschlands Klein- und Großstädten nur kümmerlich zehren. Auf begrenzte Märkte (Deutsch 2. Sprache) drängen zu viele Experten und so manches akademische Auskennertum findet kaum zahlende Abnehmer (Studienschwerpunkt britische Gegenwartskultur). Mehr unternehmerisch eingestellte Uni-Abgänger mit unklarem Berufsbild versilbern oft ihr Hobby, etwa als Fahrradhändler, Kneipier, Kleinkulturveranstalter – natürlich bevorzugt in herrschafts- und kapitalfreien Zonen. So unattraktiv, dass man kaum Mitbewerber zu fürchten hat, zugleich mit Leerzeiten und Leselampe ausgestattet ist der Job des Taxifahrers. Das machen anderswo Einwanderer. Unsere Wissensgesellschaft gönnt sich mobile Kompetenz-Center für ihre Psychologen, Soziologen und Historiker.
Leistungsangebote junger Geistes- und Gesellschaftsarbeiter sind aus der Sicht des Markts entweder zu speziell oder zu nichtssagend. Sie treffen kaum auf einen nachhaltigen Bedarf. (Nicht zitierfähig ist die Bemerkung: Bei Online-Profilen von Romanisten schaut man auf die Fotos, bei denen von Germanisten schaut man, dass man weiter kommt.) Selbst Geistesriesen haben zu viele Mitbewerber im Nacken. Was der Jobmarkt offeriert, sind mit dem Makel des sozialen Sub-Prestige und dem Nachteil des Kummerlohns verbundene, jeden Gedanken an eine weitere Karriere erstickende Arbeitsplätze. In der Ferne funkeln zwar die hoch vergüteten Jobs mit Glamour-Effekt: zum Beispiel in den Medien, in der Werbung, in der Kommunikation, in all den Zeitgeist-Branchen. Der Anreiz - Sozialprestige und Vergütung - ist so hoch, dass man für die Aussicht auf einen sicheren Platz unter den glücklichen Wenigen das Halb-Drinnen-Halb-Draußen von Hospitationen, Volontariaten und Praktika auf sich nimmt. Junge Hoffnungsträger finden, dass sie in Warteschleifen kreisen. Von der höheren Warte der Funktionsträger aus betrachtet, krebsen sie als Fußvolk herum.
Dort, wo man üblicherweise den Quereinstieg in die Industrie sucht, am Ende des Studiums, gibt es keinen. Nur mit Glück, Einsatz und Talent macht man sich mittels einer nachgeschobenen Ausbildung jobtauglich. Positivbeispiele: Der Historiker, der dank einer kaufmännischen Schnellausbildung den Wechsel geschafft und sich peu à peu bis zum Vertriebsleiter eines mittelständischen Unternehmens entwickelt hat. Wie man es richtig macht, zeigt eine junge Asiatin, die in Augsburg Didaktik des Deutschen studiert, zugleich eine zweijährige qualifizierende Maßnahme der IHK besucht und sowohl als kaufmännische Aushilfe in einem Betrieb wie in der Seminarorganisation für einen Bildungsträger Joberfahrung sammelt. Überspitzt formuliert: Abschlüsse bereiten einen auf alles Mögliche vor. Nur Joberfahrung bereitet einen auf das Arbeitsleben vor.
Geisteswissenschaftler streben nach Wissen, um die Welt zu verstehen, nach Wissen um die Welt zu verändern, doch zu wenig nach Wissen, um sich beruflich zu verbessern. Der Anstand gebietet Lehrern, ihren Schulabgängern diese Mahnung mit auf den Weg zugeben: Allein auf die Öffentliche Hand als den zukünftigen Arbeitgeber zu bauen ist so, wie mit Piraten auf Schatzsuche zu gehen. Mit Ihrem Examen in der Tasche werden Sie an diesen Satz denken, wenn Sie auf der Planke stehen.
Ohne einen Anflug an Stallgeruch kann Sie in der Wirtschaft keiner riechen. Imponieren Sie durch Leistung. Bemühen Sie sich während der gesamten Ausbildung um qualifizierte, längere Einsätze bei Firmen. Gründen Sie, wenn schon nicht ein eigenes Geschäft, dann doch Arbeitsbeziehungen mit cleveren jungen Geschäftsgründern. Machen Sie sich einen guten Namen - nutzen Sie dazu die Kommunikationstechnologien. Jobben Sie, studieren Sie nicht nur im Ausland. Stecken Sie die Nase aus dem Fachbereich. Subtrahiert man das Wissenschaftliche vom Geist, das tut ein Jobanbieter in der Industrie sowieso, so bleibt mit etwas Glück ein bisschen Kreativität, Sprachfertigkeit, Witz und Freude am Produzieren. Aus diesem Kapital lässt sich was machen.
26. April 2006; überarbeitet: Berlin, 25.02.2009.
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