Was haben ein kroatisches Spezialitätenrestaurant, ein Ball der einsamen Herzen und ein bekanntes Online-Portal für Geschäftsleute gemeinsam? Wer dort aufkreuzt, hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was er will. Nicht immer ist man mit dem Ausgang zufrieden. Die Hackfleischröllchen machen nicht jeden an. Ein Single-Ball macht nicht unbedingt glücklich. Und ein XING-Pofil macht nicht immer etwas her.
Beim Blättern durch XING-Nutzerseiten stößt man rasch auf die ewig Jobhungrigen:
Ich suche
Eine neue Job Herausforderung im Bereich Marketing, Alliance Management oder Consulting // Kooperationspartner
Oder man stolpert über die hoffnungslos Romantischen:
Ich suche
Neue Kontakte für Gedanken- und Erfahrungsaustausch, interessante Tätigkeit, realistische Geschäftsideen.
Unspezifität ist der Fluch der erfolglos Suchenden. Nur die klare Ansage macht Gelegenheitssucher zu Anbietern, mit denen es sich ins Geschäft kommen lässt:
Ich suche
Personen, die professionelles Feedback für ihre Präsentationen wünschen und ihren Auftritt dauerhaft verbessern möchten, Unternehmen, die an gezielter Weiterbildung für ihre Auszubildenden und jungen Mitarbeiter interessiert sind.
Für die berufliche Selbstvermarktung gilt: Business-Gemeinschaften sind nur insoweit Jobbörsen, als Golfplätze auch Handelsplätze sind. Das heißt, sie sind es nur dann, wenn alle so tun, als ob sie es nicht wären. Damit ein Jobanbieter Sie in einer Business-Lounge findet, brauchen Sie nicht ostentativ zu zeigen, dass Sie hinter einer Beschäftigung her sind. Es reicht zu signalisieren, wer Sie sind und zu vermitteln, was Sie machen. Auf einem Platz wie XING suchen doch alle. Den meisten Erfolg haben in diesem virtuellen Talentschuppen, der seine Mitgliederkartei öffentlich im Web führt, diejenigen, die etwas geben.
Zeigen Sie sich in der breiten XING-Öffentlichkeit nicht als Jobsuchender. Erweisen Sie sich für alle als Jobprofi. Bevor man Ihnen in einem Club einen Job anbietet, möchte man Sie erst einmal kennen. Zwischen Jobsuche, Akquisition von Kunden und Kontaktpflege liegen Abgründe. Selbst wenn Sie sehr dringend irgendwo unterkommen wollen: Betreiben Sie außerhalb der als Jobmarkt deklarierten Örtlichkeiten stets nur Kontaktpflege, Imagearbeit sowie sach- und themenzentrierte Kommunikation.
Verbannen Sie in Ihrer geschäftlichen Präsentation und in allen Ihren Beiträgen auf Business-Portalen die Wörter „Kontakt“, „Gedanken- und Erfahrungsaustausch“, „interessant“ und „Geschäftsidee“. Sie schreiben schließlich weder für den Tagesspiegel noch sind Sie Vorsitzender des Ostracher Gewerbevereins. Generell gilt: Je ungefährer Ihre Rede, je wolkiger ihre Ansprüche und je vernebelter Ihre Erwartungen, desto mehr wird man den Kontakt mit Ihnen aktiv meiden, jeglichem Ideenaustausch mit ihnen abhold sein und nützliche Informationen vorenthalten.
Wir alle wurden schon in der Krabbelstube dazu angehalten, uns hübsche Hobbys und Interessen zuzulegen, was zu mancher frühen Entscheidungskrise (lieber Lesen oder Petra?) führte. Später im Leben werden dann arglose, an das gute Hobby im Menschen glaubende Jobsuchende dazu motiviert, dass sie ihre Lebensläufe massiv aufpimpen. Wen finden Sie sympathich:
Person A: Schottisches Tanzen, Schach
oder
Person B: Pfadfinder, Auslandsreisen, Lesen, Hund
oder
PersonC: Cineastik, Domchor München
Haben Sie die drei Kandidaten vor Augen? Ich kann Ihnen versichern, so sehen sie nicht aus.
Wo immer Sie Ihr Profil einstellen, für Ihre vielen Hobbys und Interessen ist immer Platz. Gewiss verweist das, was wir gern tun, auf das, wobei wir gern gesehen werden möchten. Unsere höchst persönliche Interessenslage ist zugleich typisch für Geschlecht, Alter, Bildung, soziale Stellung. Ein selbstgestricktes Profil konturiert uns leider meist so, dass wir immer mehr im Klischee bleiben, je extravaganter wir uns geben.
Ein Beispiel: Sie haben an zwei XING-Nutzer eine Men’s Health und eine BALANCE zu verschenken. Wer kriegt was?
XING-Nutzer A: "IT Trends, Mobile Solutions, Mobile Internet Devices, Süd Afrika, Weine, alte Freunde treffen, Suzuki Bandit, Fitness, Golf und Scuba-Diving"
XING-Nutzer B: "Reisen, Fitness, Kino, Joggen, Bauchtanz, Fotografie"
Große Online-Communities splitten sich in Interessensgruppen. Signalisieren Sie, wozu Sie gehören. Formulieren Sie doch statt der üblichen Wortliste ein (sehr kurzes) Bekenntnis, ein Geständnis oder eine Liebeserklärung an das, was Sie von Herzen gern unternehmen!
Design ist Lösung. Das individuelle Profil auf XING gibt Ihnen die passende Aufgabe. Sie scheitern an der Gestaltung Ihrer persönlichen Informationen, wenn Sie ganze Rubriken kommentarlos übergehen:
Über mich
(Noch keine Seite eingerichtet.)
Wir leben schließlich im Jahrhundert der Ich-Aussagen. Die wahre Diskretion besteht im XING-Leben darin, auch in einer Themenspalte wie Über mich ausreichend Herz zu zeigen, ohne gar zu offenherzig zu sein. Was eignet sich besser für ein starkes Mission Statement, eine klare Abgrenzung, eine aufregende Versprechung als diese Seite?
Sobald Sie Ihr (Geschäfts-) Leben auf XING verlagern, werden Sie Ihr Profil sicher tagesaktuell halten. Die meisten Tageslosungen, die einem spontan einfallen, hat man aber spontan irgendwo entnommen:
„Michael Mulzer sagt: Das Gewissen ist der einzige Spiegel, der weder belügt noch schmeichelt.“
Gerhard Winkler antwortet: Das Gewissen ist ein blinder Spiegel. Sonst fehlte nicht in so vielen Profilen jenes gewisse Etwas an Selbsterkenntnis und Ehrlichkeit.
Deshalb sage ich Ihnen auch ehrlich und offen, dass es nicht so gut ist, sich bei der Selbstprofilierung ganz von der Eingebung des Augenblicks leiten zu lassen. Halten Sie vor allem Ihren inneren Schamanen im Zaum, wenn Sie westeuropäische Fremdschämer ansprechen:
„Mein Motto: ... den Moment genießen ...
Seitdem ich meiner Intuition folge, hat sich mein Leben verändert. Mit der schamanischen Ausbildung fing es an und dann kam ein Erlebnis nach dem anderen. Nach einer Eingebung schloss ich mein Café nach fast 12 Jahren. Viele verstanden nicht, dass ich das tat, ohne schon einen neuen Job im Auge zu haben. … Dann erhielt ich die Chance, für drei Monate in einem Indianerreservat zu leben und einem Medizinmann über die Schulter schauen zu dürfen. Diese Zeit hat mich geprägt und mich für meinen neuen beruflichen Weg vorbereitet. Es ist schön, auf dem Weg zu sein...“
Sie merken: Alles, was sich sagen lässt, kann man auch sagen. Alles, was sich nicht sagen lässt, kann man wenigstens versuchen zu formulieren. Noch nie hat aber persönliche PR so funktioniert, dass man als Drei-Monats-Nscho-tschi treuherzige Geständnisse unbefangen und ungefiltert an einem öffentlichen Platz lanciert. Eine Business-Lounge ist einfach nicht der beste Ort, um die innere Wildnis zu hegen.
Manche Angaben auf XING können Sie nur zusammenklicken, bei diesen hier haben Sie textliche oder gestalterische Freiräume:
XING - Bildchen können sich Geschäftsleute und neugierige Bildersammler global und ohne Aufwand ansehen: Googeln Sie doch einfach mal XING Eva oder XING Adam.
Business- und andere Typen, die auf XING oft fröhlich an der Aufgabe scheitern, über sich so ein paar Worte zu verlieren, dass sie sich zu einem Selbstbild fügen, sind noch weit unbefangener, wenn es um die zeichenhafte Aufladung ihres Selbstporträts geht. Sie finden deshalb im Web wie im Leben auch Landpomeranzen, Betriebsnudeln, vom Geschäftsleben in den Outdoor-Bereich Gefallene, Doppelgänger ihrer selbst, Großstadterotiker, Freunde der neckischen Tierhaltung und Anhänger der experimentellen Retusche. Wenn Sie Allerweltssachen betreiben ist kein Stil im Web der beste Stil.
Einige Regeln:
Berlin, 08.09.2009