Wo’s im Süddeutschen besonders hell leuchtet, steht eine Alma Mater und die befindet: Globalisierung und das Zusammenwachsen Europas erfordern mehr denn je, Internationalisierung in der Ausbildung zu verankern.
Kurzum, whatever global, study local. Die Wirtschafts- wissenschaftliche Fakultät der Uni Tübingen führt daher ihre Strategie der internationalen Ausrichtung ihrer Studiengänge konsequent fort.
Der neu eingerichtete Diplomstudiengang heißt konsequenterweise Internationale BWL und wen es hinter die Alb zieht, um das neue Fach zu studieren, der schickt erst mal das rosa Formular des Studentensekretariats, einen Lebenslauf, Zeugniskopien sowie Nachweise über Fremdsprachenkenntnisse, Auslandsaufenthalte und Praktika ein. Das rosa Formular ist ganz sicher harmlos, aber man tut vielleicht gut daran, vor der Internationalen BWL noch ein Hochschulstudium in Paris oder London einzuschieben, um die anderen Unterlagen überhaupt zusammenzukriegen.
Und außerdem (Tübingen, Du setzt hohe Hürden) erwartet die Fakultät als weitere Beilage zudem ein Motivationsschreiben mit Begründung für das Interesse an diesem Studiengang (maximal 1 Seite).
Spontaner Einfall für ein KMS (Kurzmotivationsschreiben): BWL ist international oder sie ist gar nicht. Deshalb möchte ich lieber nicht in Tübingen studieren, unter KommilitonInnen, die zu feig sind, ins feindliche Ausland nach Stuttgart oder Ravensburg* zu ziehen ...
Oh, das kommt nicht gut an. Alles noch mal von vorn. Am besten mit einer mir zugespielten Version der Abiturientin H. aus N.:
Warum Internationale BWL?
Mein Interesse für wirtschaftliche Themen erwachte in der Mittelstufe und wurde im Elternhaus, aber auch von meinen ausgezeichneten Lehrern gefördert. Nachdem mir klar wurde, dass ökonomische Fragestellungen und Herausforderungen meinen beruflichen Werdegang prägen würden, zog ich daraus die Konsequenzen und wechselte im ersten Halbjahr der 11. Klasse vom naturwissenschaftlichen auf das wirtschaftswissenschaftliche Gymnasium.
Ich erlernte die Grundzüge des Rechnungswesen und wählte als Leistungskurse Wirtschafts- und Rechtslehre sowie Französisch.
Neben Fächerwissen kann ich nach erfolgreichem Abitur praktische Fertigkeiten vorweisen, erworben u.a. als aktives Mitglied der Umwelt AG. In der 3.-Welt-Gruppe schulte ich meinen politischen Verstand und nahm an lokalen Aktionen zum „Fairen Handel“ teil. Meine ausgeprägten organisatorischen Fähigkeiten konnte ich als Leiterin der Schultheatertage 1999 und 2000 erproben.
Warum strebe ich das Studium der Internationalen BWL an? In meiner Grundmotivation unterscheide ich mich sicher nicht von meiner Generation: Es ist zunächst das Interesse am Neuen und Fremden, am Kennenlernen von Menschen anderer Kulturen. Im Ausland zu wohnen und zu arbeiten, erweitert den Horizont, aber auch die praktische Handlungskompetenzen. Ich jedenfalls möchte mich im Studium nicht auf den deutschen Wirtschaftsraum beschränken, sondern mich auf einen internationalen Tätigkeitsbereich vorbereiten.
Natürlich stellt die Tatsache, an einem Studiengang beteiligt zu sein, der nur 30 Studenten umfasst, einen hohen Anreiz für mich dar. Team Spirit und Leistungsbereitschaft wachsen mit den Herausforderungen. Ich habe vieles zu lernen, kann aber durchaus auch der Gruppe etwas geben: Solidarität, gute Laune und sicher auch so manchen Beitrag zum Lösen von Aufgaben und Problemen.
Nicht nur die aktuellen Statements des EU-Binnenmarktkommissar Frits Bolkestein zum Thema grenzüberschreitende Firmenübernahmen in Europa zeigen an, dass trotz aller Hindernisse die Integration des europäischen Wirtschaftsraums voranschreitet.
In diesem Sinn möchte ich jenem Teil angehören, der aktiv an der Zukunft mitbaut. Das Studium der Internationalen Betriebswirtschaftslehre an ihrer Universität soll mir das nötige Rüstzeug verschaffen, um Wirtschaftsprozesse nicht nur zu verstehen, sondern auch, um sie mitgestalten zu können.
Ein Motivationsschreiben beantwortet persönliche Fragen, die man sich in Orientierungsphasen vernünftigerweise sowieso stellt: Woher komme ich? Was bringe ich mit? Wo möchte ich hin? Was will ich dort tun? - Da ist es doch nett, dass sich überhaupt jemand für die Antworten interessiert:
Begründende Schreiben bestehen aus Argumentationsketten. Was den persönlichen Part angeht, so stellt man sich selbst am besten vor als die Kleine Lok, die unter Strom steht:
1. Schlüsselerlebnisse, Erfahrungen:
Wer oder was hat Sie auf die Spur gesetzt?
2. Grundsatzentscheidungen, Wendepunkte:
Wann und wo wurden die Weichen gestellt?
3. Bewährungsproben, Erfolge:
Welche (Zwischen-) Stationen haben Sie schon erreicht?
4. Ausstattung, Eigenschaften:
Läuft Ihre Maschine langsam oder schnell? Hält sie lange Strecken durch? Ist sie stark, kann sie andere mitziehen?
5. Zielsetzungen, Langzeitstrategien:
Können Sie Ihre nächsten Meilensteine bestimmen?
Und vergessen Sie am Ende nicht die wichtige Frage, die sich Kleine Loks mit 200 bpm allemal stellen sollten: Was kann die Großen Meister von Technik, Logistik, Transport & Verkehr dazu bewegen, sich um Wachsen und Fortkommen gerade von Ihnen zu kümmern?
Es ist eben nicht elitär, sondern einfach vernünftig, dass Ausbildungsinstitutionen prüfen, ob bei ihren Kandidaten alle Voraussetzungen stimmen.
Die ernsthaft interessierte Jugend sollte deshalb begründen können, welchen Ausbildungsweg sie nehmen möchte, wo sie ihre fachlichen Neigungen und Talente, ihre Begabung und ihre eigene berufliche Zukunft sieht.
Doch warum sollte sie das nicht in einem ausführlichen Bewerbungsschreiben tun? Wofür ist denn ein Anschreiben sonst da? Um zu erläutern, dass man sich hiermit bewirbt und dass man in der Anlage ein Motivationsschreiben beilegt? Glückliche Fakultät, die Zeit hat zum Blättern und Schmökern!
Ein guter Ausbilder gibt ausgewählten Kandidaten vor allem im persönlichen Gespräch ausreichend Zeit, um sich darzustellen und gute Gründe vorzubringen.
Und auf dem Arbeitsmarkt? Sind Motivationsschreiben dort wenigstens Türöffner?
Gerade jüngere Personalbeschaffer wenden die Prinzipien der Markenbindung auf Beschäftigungsverhältnisse an und verlangen von Berufsanfängern, ausgetüftelte Elogen einzureichen.
Recruiter, die in den üblichen Unterlagen bloß die üblichen Bewerber finden und den Ausnahmekandidaten nur über’s Motivationsschreiben entdecken, haben aber entweder den Beruf verfehlt oder sie lügen der Welt die Hucke voll. In Wirklichkeit wollen sie nämlich ihre Kandidaten tanzen sehen.
Man muss die Firma, an die man seine Unterlagen schickt, keineswegs vorab preisen und rühmen. Wenn man sie ganz doof fände, würde man sich schließlich dort nicht bewerben. Schwer begeistert zu tun, noch bevor man vor Ort ist, heißt so zu handeln, als sei die Firma Isjatoll ein zweites Venedig. Ein Personaler, dem man zwecks Gesprächseinladung begründen soll, warum sein Unternehmen eine Lagune des Glücks ist, wird allerdings nie verstehen, dass der Laden allein wegen dieses Ansinnens schon stinkt.
Habe ich Sie mit diesen Zeilen komplett demotiviert? Das wäre schade. Machen Sie als Bewerber durchaus Ihre Motive transparent - jedenfalls alle die, die für Sie sprechen. Verschweigen Sie es nicht, wenn Sie denken, zum Wohl eines Unternehmens beitragen zu können. Machen Sie deutlich, dass Sie sich intensiv mit einem Unternehmen beschäftigt haben. Zeigen Sie Ihren Enthusiasmus - aber erst am Ende eines Interviews, wenn Ihr Gesprächspartner es tatsächlich geschafft hat, Sie zu begeistern. Denn das ist die Aufgabe eines guten Personalbeschaffers.
Motivationsschreiben verleiten Berufsstarter wie Jobwechsler zum Lügen. Deshalb halte ich es für unethisch, sie Bewerbern abzuverlangen. - Wie denken Sie darüber? Von guten Argumenten lasse ich mich gern überzeugen. Mailen Sie Ihren Kommentar (oder Ihre ungelogen aufrichtigen Motivationsschreiben an den Bewerbungshelfer gwinkler@jova-nova.com.
Aber klar kann man in Ravensburg studieren. Lokale BWL zum Beispiel.
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12. Juli 2001; zuletzt aktualisiert: Berlin, 15.2.2009
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