Moderator: Willkommen beim offenen Chat mit dem Bewerbungshelfer Gerhard Winkler.
Gerhard Winkler: Liebe Chatter, mit Ihnen zu sprechen, sehe ich als Herausforderung, der ich mich stellen und die ich bewältigen möchte und zugleich empfinde ich das als tolle Chance, meine persönlichen und beruflichen Ziele zu erreichen. Die Zusammenarbeit mit einem hoch professionellen, internationalen Chatter-Team, verbunden mit hervorragenden Entwicklungschancen in dieser weltweit führenden Chat-Box hat mein besonderes Interesse an diesem Event geweckt. Ich bewerbe mich als Moderator für diesen Chat, da ich die Vielseitigkeit der hier geleisteten Arbeit im Bereich der Vermittlung deutscher Sprache und Kultur sowie der internationalen Kooperation gerne genauer kennen lernen und meine Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen in diese Arbeit einbringen möchte. - Soweit über meine besondere Motivation. Die Sätze stehen weitgehend so ähnlich in den Dezember-2010-Anschreiben meines Münchner Absolventen-Workshops. Was für ein Zufall! Ich möchte aber nicht von Plagiat sprechen, eher von einfühlsamer Adaption.
Wie beim Fußball ist die rechte Motivation ein Reiz- und Dauerthema. „In dem Newsletter von stepstone, den ich gerade erhalten habe, werden Ausführungen zur Motivation der Bewerbung gerade für Initiativbewerbungen als unabdingbar beschrieben“, kommentiert A.M. Und D.M. aus Berlin fragt: „Was aber, wenn anscheinend die Hälfte der Personaler doch besonders an der Motivation des Kandidaten interessiert ist?“
Ich mache ja aus meiner Methode kein Geheimnis. Ein von mir getextetes Anschreiben beantwortet in den ersten beiden Dritteln die immanente Frage: Warum gerade diese Position (dieser Job)? Als Antwort weise ich die vorzügliche Befähigung des Bewerbers anhand seiner Lern-, Job- und sonstigen Leistungen nach.
Im letzten Drittel des Anschreibens gehe ich unter anderem auf die Frage ein: Warum gerade zu uns? Allerdings nur dann, wenn ich für einen Berufseinsteiger texte oder wenn es einen wirklich triftigen (gern auch hoch egoistischen) Grund gibt, oder wenn ich den Platz nicht für faktische Argumente brauche.
Für Human Resources ist es überlebenswichtig, die befähigten, leistungsfreudigen, loyalen, zuverlässigen und vertrauenswürdigen unter den möglichen Mitarbeitern zu identifizieren. Man wird da (möglichst) keinen einstellen, dem Job und Arbeitgeber egal sind. Zweifellos wird jeder Personaler den Kandidaten unter den Favoriten bevorzugen, der sich mit der Organisation besonders identifiziert. Nur sind Loyalität und Sichgleichsetzen mit den Zielen einer Organisation zwei Verhaltensweisen, die sich kaum durch schriftliche Ich-bin-Statements und Beteuerungen beweisen lassen. Das gelingt weit besser dadurch, dass man die Fakten sprechen lässt und Zeugen benennt.
Die Motivation eines Bewerbers drückt eine Haltung, eine Stellungnahme gegenüber einer Organisation aus. Nur Leute, die selber nicht viel lesen oder schreiben, glauben an die Befindlichkeitsfloskeln und Beteuerungsformeln, die sie zu Appeasement-Zwecken irgendwo abkupfern und in ihre Bewerbung einsetzen. Es sind geborgte Worte. Von Beratern, die selbst nicht schreiben können, abkopierte Versatzstücke aus der Rumpelkammer der Geschäftskorrespondenz.
Auch, wenn es so üblich ist: Schwadronieren Sie nicht in der schriftlichen Bewerbung. Geben Sie exakt das, was man braucht, um festzustellen, dass Sie die Anforderungen an Hände, Hirn und Herz erfüllen. Und vergessen Sie dabei nicht, dass jeder tüchtige Personaler die Soft Skills und die essentiellen Werte wie Loyalität, Ehrlichkeit oder Verlässlichkeit in der Tat aus dem Faktenbestand selbst und ohne fremde Hilfe ableitet.
Doch jetzt zu Ihren Fragen!
Gerhard Winkler: ... Falls Sie das Thema "Motivation" im Bewerbungsschreiben kommentieren möchten ... ich freue mich!
Attirb: Was ist Ihrer Meinung nach der Top-Motivationsgrund einer Bewerbung, die Top Ten der Selbstvermarktung?
Gerhard Winkler: Angaben, die Wirkung erzielen: Ein triftiger persönlicher Grund, der Sie an das Unternehmen oder an den Ort bindet. Eine Empfehlung von jemandem, der schon dort tätig ist. Eine Empfehlung von jemandem, der das Unternehmen gut kennt. Wissenschaftliche Forschungstätigkeit, die sich mit der R & D einer Organisation deckt. Superspezielles Spezialistentum, das genau von dieser Organisation gefragt wird. Die Chance, sich beruflich weiter zu entwickeln … und noch einige mehr.
mani: Meine liebe Freunde, glauben Sie mir, dass es absolut egal ist, ob Sie ein Deckblatt haben oder keins. Das ist eine Lotterie! Das war auch vor 20 Jahren nicht anders. Übrigens, auch in Baden-Württemberg schreibt man " am niedrigsten" ( das "n" wird klein geschrieben). Herr Winkler macht einen guten Job. Gut, dass es ihn gibt.
Gerhard Winkler: Lieber Mani, wäre damals mein Anders bewerben nur in Schwaben erschienen, dann hätte auf dem Umschlag gestanden: Anderst bewerben. (Ich habe es komplett in eigenen Worten verfasst. Es ist schon ein Qualitätsmerkmal, von wem man sich weigert abzuschreiben.)
Attirb: Guten Abend Herr Winkler, meine Bewerbungen führten bislang zu keinem Erfolg. Oft habe ich die Antwort bekommen, dass ich überqualifiziert bin oder man meinen aufgezeigten Kenntnissen keinen Glauben schenkt. Sicherlich, ich decke mehrere Bereiche ab. Wie kann man am Besten vermitteln, dass hinter dem Potenzial nicht nur heiße Luft ist, sondern wirkliche Fachkompetenz?
Gerhard Winkler: Wenn Sie hören, dass Sie überqualifiziert sind, dann brauchen Sie einen guten Grund, warum Sie trotz des offensichtlichen Qualifikationsüberhangs die angestrebte Stelle gut und gern und über längere Zeit hinweg machen.
Zur Glaubwürdigkeit Ihrer Kenntnisse: Sie leisten in Ihrer Bewerbung offensichtlich nicht das Elementare, nämlich Ihre Jobeignung glaubwürdig zu vermitteln und zu erreichen, dass man Ihnen zu vertrauen beginnt. Da ist etwas grundlegend falsch in Ihrer Bewerber-Darstellung.
Haben Sie Zeugen, Referenzen, glaubwürdige Dritte? Zeugnisse und Bestätigungen? Es reicht nicht aus, Erfahrung und Kompetenz nur zu behaupten.
Attirb: Danke erst einmal. Jedoch liegen qualifizierte Zeugnisse vor. Auch ein aktuelles Zwischenzeugnis, was mit sagen wir mal durchschnittlich 1 benotet ist. Es ist ein kleines Unternehmen, wo halt wenige Leute viel abdecken müssen. Sollte ich mehr Motivation rein bringen? Wenn ja, wie stelle ich es am besten an? Danke
Gerhard Winkler: Ihr Können und Wissen haben Sie ebenso wie Ihre Leistungen und Erfolge klar benannt. Ihre Angaben sind belegt. Ihre aktuelle Stellung nachgewiesen. Sie sind nachweisbar gut und tüchtig. Falls das alles zutrifft und Sie haben keinen Erfolg, dann bewerben Sie sich zu unspezifisch oder auf falsche Stellen oder es gibt Konkurrenten, die alle bessere Credentials mitbringen (was merkwürdig wäre) oder Sie treffen nicht den Ton oder Sie liefern zu viel oder Ihr Profil ist viel zu speziell oder der Jobmarkt ist tot.
Attirb: Vielen Dank erst einmal. Ja, Sie haben recht, es erschreckt und erdrückt ein potenziellen Berufskollegen zu meiner Fachkompetenz, jedoch lasse ich etwas weg, so ist es spätestens im aktuellen Zwischenzeugnis belegt. Wie vereinbart sich das? Ist das dann nicht unglaubwürdig?
Gerhard Winkler: Lieber Attirb, warum degradieren Sie sich selbst, indem Sie sich für Jobs bewerben, die (bildlich gesprochen) für Ihren kleinen Bruder oder für die jüngere Schwester gedacht sind? Ich wette mit Ihnen, dass Sie dort gut aufgenommen werden, wo Spezialisten und Könner ihresgleichen suchen.
Stefan: Sehr geehrter Herr Winkler, ich habe bitte eine Frage in Richtung Berufsberatung. Ich bin Industriekaufmann und sitze 40 Stunden in der Woche vor dem PC. Ich kann das auf die Dauer nicht mehr machen. Gibt es denn keinen Job für Kaufleute, in denen man zur Hälfte vor dem PC sitzt und die andere Hälfte mal etwas anderes machen darf? Ich lese seit Wochen die Stellenanzeigen, aber ich finde in der Richtung nichts, außer Fachlagerist. Könnten Sie mir weiterhelfen? (Vielleicht darf ich Sie auch mal so per E-Mail anschreiben?)
Gerhard Winkler: Als Sachbearbeiter, kaufmännischer Mitarbeiter mit Rückenschmerzen würde ich a) wirklich Gymnastik, Yoga, Leibesübungen machen! b) Damit schon heute nach dem Chat anfangen! c) Mich dann, wenn sich die Situation in eins, zwei Monaten bessert, bei einem kleinen Ein-bis-zehn-Mann-Unternehmen bewerben, wo man Allrounder sucht. Das Wichtigste für Sie zum jetzigen Zeitpunkt: In der Arbeit kleinere Dehn- und Entspannungsübungen, nach der Arbeit systematisch Fitnessaufbau. Sorgen Sie unbedingt auch für einen ergonomischen Arbeitsplatz und für die Möglichkeit, Mini-Pausen einzulegen (in denen Sie eben das Fenster öffnen und ein paar Übungen machen.) Sprechen Sie darüber mit Ihrem Vorgesetzten.
Stefan: OK, Stimmt schon. Vielen Dank. Gibt’s auch Jobs (Jobnamen), die so in die 50/50-Richtung gehen?
Gerhard Winkler: Bei der Agentur für Arbeit in den Berufsbildern schmökern – da finden Sie alle Jobbeschreibungen. Doch wenn Sie nicht mehr am PC arbeiten, verschlechtern Sie womöglich Ihre Jobsituation. Bleiben Sie bei der kaufmännischen Sachbearbeitung als ersten Einsatzort. Wenn Sie weitere, zusätzliche Einsatzmöglichkeiten nicht direkt mit Jobanbietern verhandeln, sehe ich auf Anhieb wenig Möglichkeiten.
Tamara: Guten Abend Herr Winkler. Ich habe meine Probezeit nicht bestanden. Jetzt suche ich einen neuen Job. Wie kann ich mit diesem Thema bei der Bewerbung am besten umgehen? Vielen Dank im Voraus!
Gerhard Winkler: Vielleicht kann man die Kündigung offen benennen. Dafür müssten Sie die Kündigungsgründe mit jemandem durchsprechen, der etwas von der Jobanbieter-Psyche versteht. Ansonsten braucht man einen Grund, der einem das Gesicht wahren lässt. Was fallen Ihnen für reputationskompatible Gründe ein?
Tim: Hallo Herr Winkler, seit über einem Jahr versuche ich mich im IT Bereich neu zu bewerben, bisher leider bis auf wenige Vorstellungsgespräche erfolglos. Daher wollte ich mich meine Bewerbungsunterlagen von Ihnen überarbeiten lassen. Können Sie mir sagen, wie ich Sie am besten zur Optimierung meiner Unterlagen beauftragen kann? Ihrer Seite entnehme ich sehr gute Ideen, die ich gerne auch in meiner Bewerbung verwirklichen würde.
Gerhard Winkler: Beauftragen Sie mich per Mail. Falls ich nicht reagiere, bitte immer an Sigrun Laws <sigrun.laws@jova-nova.com> mailen. Sie bringt mich dann auf Trab. Also: falls Sie mich beauftragen und nichts von mir hören: Über Sigrun nachfassen!
Toni: Hallo Herr Winkler, ich habe von einen Kollegen gehört, man sollte das Anschreiben in drei Teile fassen: 1. Teil Erster Satz: erster Eindruck zählt. 2. Teil Beschreibung: roter Faden. 3. Teil Letzter Eindruck zählt. Was halten Sie davon? Ciao, Toni.
Gerhard Winkler: Das Schema klappt noch nicht einmal, um Damen zu beeindrucken.
1. Alles ist Eindruck.
2. Der erste Satz führt umstandslos in die Jobeignung ein.
3. Das Anschreiben braucht keinen roten Faden. Die Conceptual Continuity Ihres inneren und äußeren Werdegangs schaffen Sie in der Bewerberstory.
4. Fächern Sie Ihre Argumente auf, schleppen Sie Zeugen an, nennen Sie Ihren Bewerbungsgrund sowie Ihre Konditionen. Schließen Sie mit einer Handlungsaufforderung.
Doc von und zu Schlechtenthal: Hallo Herr Winkler, aus gegebenem Anlass ein Statement zu aufgeblasenen Lebensläufen. Wo liegen da Ihrer Meinung nach die Grenzen? Selbstverständlich war ich nie arbeitslos, habe Kurzzeitarrangements (Kündigung in Probezeit) dezent ausgelassen und in freiberufliche Tätigkeiten verpackt, die wie Sie sagen, mal mehr, mal weniger ertragreich sein können. Ob der Scheck vom Amt zusätzlich kam, das heißt ich in meinem Falle ehrlich aufstockte, ist ja eher eine betriebswirtschaftliche und überlebenstechnische Frage. Kurzum, wie weit darf man seinen CV verguttenbergern?
Gerhard Winkler: Jedes Unternehmen darf sich in seiner Selbstdarstellung, in der Werbung, im Personalmarketing, in der ganzen Unternehmenskommunikation sprachlich aufhübschen. Es ist legal, legitim und oft auch wünschenswert, Sachverhalte positiv darzustellen. Kein Unternehmen darf aber seine Bilanz fälschen, Produkte kopieren, Rechte anderer verletzen oder gar das (geistige) Eigentum anderer für sich vereinnahmen.
Das gilt auch für die großen und kleinen Guttenbergs. Ja, man hat einen Spielraum, um Beschäftigungsverhältnisse glanzvoller und etwas relevanter zu machen. Begrenzt wird das aber durch die Angaben im Arbeits- oder Praktikumszeugnis und durch die Aussagen von Referenzen.
Man kann Dinge des Lebens auch durchweg negativ sehen und darstellen. (Bewerber tun das oft.) Sie sehen Sie positiv, und das ist gut. Was Sie nicht tun: sich Auszeichnungen, Titel, Abschlüsse, Verdienste, Leistungen dreist erschleichen. Parteibuch-Promotionen, Clubhaus-Klüngeleien und Gefälligkeitsbewertungen höhlen den schönen Glauben an eine Leistungselite weit mehr aus als das Versagen einzelner schwacher Charaktere.
Doc von und zu Schlechtenthal: Nee nee, immer schön auf dem Teppich bleiben - auch nix fälschen. Sieht man ja wohin das führt.
Gerhard Winkler: Es führt dazu, dass man Einblick in die Spezerlwirtschaft innerhalb der Fremdleistungselite bekommt.
Fuchs: Guten Abend Herr Winkler, in welchem E-Book sind die 60 Seiten-PDF Übungen und Aufgaben zu Bewerberstory?
Gerhard Winkler: Hallo, schlauer Fuchs! Sie und die anderen Chatteilnehmer schicken mir, wenn Sie wollen, eine leere Mail mit dem Betreff CHATTEILNEHMER/IN. Dann schicke ich Ihnen das Arbeitsblatt zur Bewerberstory. Integriert ist das in meinem SELBST GESCHRIEBENEN Werk IN 2 STUNDEN: JOBINTERVIEW.
Es gibt kaum einen Bereich in unserer Kultur, wo so viel gefälscht, kopiert und plagiiert wird wie bei der beruflichen Selbstvermarktung.
eli: Was schickt man/frau aus Ihrer Sicht bei der Mail-Bewerbung mit: die kompletten Zeugnisse (auch Abitur), wenn man bald 50 wird? Besteht nicht die Gefahr, dass die Mail dann an der Eingangssperre hängen bleibt? Wenn man nur ausgewählte Zeugnisse beifügt, wird die Bewerbung dann vielleicht als unvollständig abgelehnt. Sollte man die Mail schon als Motivationsschreiben formulieren oder noch ein Extra-Anschreiben (Unterschrift?) einscannen?
Gerhard Winkler: Hallo, Eli. Wagen Sie es, die Bewerbung nur mit angehängtem Lebenslauf zu verschicken. Dafür muss der Lebenslauf aber von Fakten nur so strotzen. Oder aber Sie wählen behutsam aus und lassen das Schulzeugnis und Arbeitszeugnisse aus den 80ern bis 90ern weg. Die Mail ist das Bewerbungsschreiben. Konzentrieren Sie sich nicht auf die Darlegung ihrer Motivation, sondern auf den Nachweis Ihrer Jobtauglichkeit,
brelmania: Lieber Herr Winkler, ich möchte aus dem Hochschulmanagement in die freie Wirtschaft wechseln. In Stellenanzeigen werden meist Aufgaben und "Ihr Profil" beschrieben - nun das Dilemma: die Aufgaben kann ich erfüllen, Leistungsnachweise dafür aber eben nur fachfremd anführen, weil ich das geforderte Profil (die formalen Qualifikationen, Berufserfahrung im entsprechenden Bereich) nicht erfülle. Wie kann ich hier meine Leistungsübersicht entsprechend präsentieren? Manchmal denke ich, es ist schier unmöglich, einen Quereinstieg zu machen.
Gerhard Winkler: Falls bestimmte Abschlüsse und Qualifikationen vorausgesetzt werden, brauchen Sie irgendetwas Gleichwertiges. Ansonsten referieren Sie Ihre Jobpflichten, besonderen Leistungen und Ihr fachliches Wissen und Können. Ob das ausreicht, zeigt sich innerhalb von 30 Tagen nach Eingang Ihrer Bewerbung. Nur Mut! Berichten Sie von ihren Leistungen und fürchten Sie nicht, dass es zu wenig oder das Falsche ist!
PM: Guten Abend Herr Winkler, ich wohne aktuell in Baden-Württemberg, möchte nach NRW umziehen und bin aus diesem Grund auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Ich habe den Eindruck, dass meine Bewerbungsunterlagen nach Sichtung meiner Anschrift bzw. Entfernung aussortiert und nicht bis zum Schluss gelesen werden. Ich packe an das Ende meines Anschreibens, dass ich nach NRW umziehen möchte und daher auf der Suche nach einer neuen Herausforderung bin. Wie würden Sie das ganze im Anschreiben vermarkten? Vielen Dank für Ihre Antwort.
Gerhard Winkler: Hallo, PM. Warum ziehen Sie nicht zuerst um und bewerben sich dann?
PM: Hallo Herr Winkler, ich kann beziehungsweise möchte noch nicht nach NRW umziehen, da ich mich in einer ungekündigten Festanstellung in Baden-Württemberg befinde und sonst der Weg zum täglichen Pendeln erheblich zu weit wäre. Ist einen Zweitwohnsitz sinnvoll, um nicht wieder durchs Raster zu fallen?
Gerhard Winkler: Gibt es niemanden, dessen Adresse Sie angeben können? Oder aber Sie rufen vorab an, stellen sich vor und gehen das Thema Relokation offensiv an: Wenn ich meine Fahrtkosten selbst übernehme, vergrößere ich dann meine Chance auf ein Vorstellungsgespräch?
PM: Ich könnte die Anschrift einer Bekannten angeben. Ich habe meine Bewerbungsunterlagen bereits an Sie per Mail mit der Bitte zur Optimierung 1 versendet.
Attirb: Leider ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit, wenn man so weit weg ist. Wie PM habe ich das gleiche Thema, nur in die entgegengesetzte Richtung. Die Unternehmen haben Angst, entsprechende Umzugskosten tragen zum müssen und ggf. auch Kosten für Bewerbungsgespräche. Als was nun, sprach Zeus?
Gerhard Winkler: Anrufen, sich vorstellen, fachlich und menschlich in 3 Minuten überzeugen, dann einen Lösungsvorschlag zum Thema Fahrtkosten/Umzug machen und vereinbaren, dass man die Unterlagen ohne Berücksichtigung des aktuellen Lebensmittelpunkts prüft.
Fuchs: Guten Abend Herr Winkler, muss ein Anschreiben immer nur ein Blatt sein, oder kann auch ein zweites zu einem Drittel oder zur Hälfte beschrieben werden? Insgesamt 2560 Anschläge mit Schriftgröße 11?
Gerhard Winkler: Hallo Fuchs, kein Mensch liest mehr. Lange Texte schon gar nicht. Anschreiben gelten als die langweiligste Textsorte überhaupt. (Allerdings nicht meine.) Die Adressaten haben noch weniger Zeit als ein Doktorand mit Familie und Parteibuch. Disziplinieren Sie sich. Packen Sie alles auf eine Seite – notfalls mit 10,5 Punkt.
Stefan: Sollte man eigentlich Bewerbungen schriftlich oder mündlich nachfassen? Und wie viel Zeit sollte vergehen, bis man nachfasst?
Gerhard Winkler: Vom Standpunkt der Human-Resources-Abteilung aus sollte man nie nachfassen. Vom Standpunkt des Selbstvermarkters aus sollte man immer nachfassen. Jeder Verkäufer sagt Ihnen, dass die direkte Ansprache am besten ist. Falls Sie nachfragen, dann rufen Sie an!
Stefan: Anrufen, OK. Mir ist das immer ein bisschen peinlich. Gibt’s einen Leitfaden, was sollte man denn so sagen, wenn man telefonisch nachfasst?
Gerhard Winkler: Fragen Sie direkt, wie weit man bei der Personalauswahl gekommen ist. Zeigen Sie Ihr besonderes Interesse an der Organisation und am Job. Zeigen Sie Ihre Neugierde.
Julia1986: Hallo , Herr Winkler. Ich muss zur Zeit Bewerbungen für mein Praktikum schreiben. Worauf muss ich da achten? Welche Unterschiede muss ich zu einer normalen Bewerbung beachten?
Gerhard Winkler: Die Hürden sind nicht ganz so hoch wie bei der Absolventenbewerbung. Ich würde dennoch eine echte Leistungsübersicht vorlegen, dann begründen, was ich wann und warum gerade bei dieser Organisation lernen und leisten möchte. Es ist nicht unangemessen, sich auch als Praktikantin so stark wie möglich aufzubauen.
kitty: Guten Abend Herr Winkler, am Freitag habe ich ein Vorstellungsgespräch bei einer Bank. Bei Fragen wie Warum sind Sie der Richtige oder Warum haben Sie sich bei uns beworben oder Warum glauben Sie, sollen wir uns für Sie entscheiden?, was kann man antworten, um nicht wie andere 100 zu klingen (weil das meinen Berufszielen entspricht, ich kann die Voraussetzungen erfüllen). Vielen Dank!
Gerhard Winkler: Mit ein bisschen Übung kriegen Sie es fertig, ganz konkret zu antworten. Werden Sie spezifisch und gehen Sie in die Einzelheiten! Warum sind Sie die Richtige? – Weil Finanzen und Controlling meine Studienschwerpunkte waren, weil ich als Praktikantin bei der Deutschen Bank in London schon mit Merger und Aquisitions zu tun hatte.
kitty: Noch eine Frage; was antwortet man am besten auf die Frage Was sind Ihre Schwächen, um nicht "blöd" zu klingen. Vielen Dank.
Gerhard Winkler: Leiten Sie eine Schwäche aus dem Lebenslauf ab. Wie Sie aus meinem Werdegang sehen, bin ich niemand, der ohne täglichen Kontakt mit Menschen glücklich wäre.
Hans: Sie bieten auch einen Zeugnisdienst an, Ich habe gekündigt und erwarte nun natürlich auch ein qualifiziertes Zeugnis. Wie überzeuge ich am besten meinen Arbeitgeber, ein Zeugnis mit meinem (Ihrem, Herr Winkler) Text zu schreiben?
Gerhard Winkler: Bieten Sie an, eine Textvorlage selbst zu erstellen, um den Arbeitgeber zu entlasten.
Thomas W.: Hallo Herr Winkler, was tun, wenn man die Angabe im CV über seine Englischkenntnisse lieber weglassen würde? Weil man es einfach nicht braucht, und auch der letzte Englischkurs schon ziemlich lange her ist, würde es wahrscheinlich nicht mal mehr für einen Smalltalk reichen, geschweige denn für eine Bewerbung. Aber wie sagt man das am besten?
Gerhard Winkler: Hallo, Thomas W.! Entweder, es wird Englisch im Job nicht gebraucht - dann notieren Sie: ausbaufähige Grundkenntnisse. Oder Englisch könnte von Nutzen sein. Dann buchen Sie morgen einen Kleingruppenkurs oder Einzeltraining.
Tim: Um aus meinen Fehlern bei einer Bewerbung lernen zu können, frage ich nach konkreten Ablehnungsgründen, die mir allerdings bisher nie beantwortet wurden. Stattdessen erhalte ich Standard-Ablehnungsschreiben. Eventuell formuliere ich mein Anliegen falsch. Können Sie mir sagen, wie ich mehr als nur "Standard" erhalten kann?
Gerhard Winkler: Hi, Tim. Sie können nicht erwarten, dass Ihnen ein Jobanbieter 1. wahrheitsgemäß 2. detailliert und 3. überhaupt Auskunft über eine Nichteinstellung gibt. Jobanbieter geben Ihnen nichts in die Hand, woraus Sie mit Hilfe des AGG einen Strick drehen könnten.
Paulchen: Guten Abend. Habe grade eine Ausschreibung gefunden, die mich anspricht. Allerdings fehlen mir die schwerpunktmäßig erwarteten detaillierten Osteuropakenntnisse (was bei vielen Bewerben sicherlich die Herkunft und ein Studienschwerpunkt ist). Ist das ein Skill, den ich mir noch aneignen kann, oder sollte ich mich eher nicht bewerben?
Gerhard Winkler: Osteuropakenntnisse ... lieber Paule, Sie konkurrieren mit so vielen hoch qualifizierten Bewerbern, die perfekt dreisprachig sind, zwischen den Welten wandern und zudem auch in Kiew geboren wurden.
SvenHH: Hallo Herr Winkler, ich bewerbe mich nun schon seit einiger Zeit aus einer festen Position heraus, mit der ich nicht glücklich bin. Meine Unterlagen scheinen soweit in Ordnung zu sein, dass ich auch des Öfteren zu Gesprächen eingeladen werde. Ab diesem Punkt komme ich dann nicht mehr weiter, selbst bei ziemlich guten Chancen (nur 2 Mitbewerber oder persönliche Referenz) bekomme ich keine Zusage. Offensichtlich konnte ich mit meiner Performance im Gespräch nicht punkten, kann aber von meiner Seite aus keine wirklichen Schwachpunkte ausmachen. Auch Rückfragen beim Gesprächspartner nach der Absage blieben bislang erfolglos. Meinen Sie, ein Coaching könnte hierbei helfen oder gibt es eventuell andere Möglichkeiten, wie ich beim Personaler punkten kann?
Gerhard Winkler: Es liegt an Ihrer Gesprächs- und Verhandlungsführung oder aber an einem Umstand in Ihrer Vita, der erst im Gespräch bekannt wurde. Lassen Sie sich coachen - das kann auch ein Freund machen, der Erfahrung in der Personalauswahl hat oder der Mitarbeiter führt oder der etwas an Fachwissen über Gesprächsführung und Verhaltenspsychologie hat.
Thomas W.: Gibt es neben der Möglichkeit eines Anders-bewerben-Coachings eigentlich auch noch die eines Anders-Antworten-Coachings?
Gerhard Winkler: Im Workshop Anders bewerben üben Sie auch ein, eine in sich konsistente und überzeugende Bewerberstory zu liefern und schlagfertig (und regelgeleitet) zu antworten.
Gerhard Winkler: Heute Abend haben Sie alle mitgemacht: Namen: Toni, LiskaB, SvenHH, Stefan, PM, emil, AHP, xxx, Thomas W., Fuchs, Tamara, Attirb, zahlenrodeo, Paulchen, Lami, Frederik, kitty, br, Hans, eli, Zim, Julia1986, marija, Doc von und zu Schlechtenthal, Lucky, brelmania, Saskia, hwk, MartinB, Andreas. Herzlichen Dank für Ihre vielen guten Fragen! Machen Sie’s gut!
Attirb: DANKE!
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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