Moderator: Willkommen beim offenen Chat mit dem Bewerbungshelfer Gerhard Winkler.
Gerhard Winkler: Hallo, liebe Chatter, Ruhe und Disziplin ist die erste Bürgerpflicht in Krisenzeiten. Folgen wir Frau Merkels gutem Rat und gehen wir ruhig, diszipliniert und prinzipienfest die Themen Jobfindung und Selbstvermarktung an!
Gerhard Winkler: Wie strukturiert verlaufen Ihre Jobinterviews? Werden Sie von den Jobanbietern gut durch das Interview geführt? Oder empfinden Sie die Gesprächsverläufe eher als ungesteuert bis chaotisch?
Zoe: Nein, leider ist das die Ausnahme. Meine Jobinterviews/Vorstellungsgespräche verlaufen oft sehr seltsam - also chaotisch.
Gerhard Winkler: Liegt das daran, dass Ihre Gesprächspartner unvorbereitet sind - sich wenig professionell verhalten - keine Struktur ins Gespräch bringen?
Zoe: Ja, meines Erachtens ist es so. Ich gebe dann innerlich den Gedanken auf, dort noch arbeiten zu wollen. Aber ich bin bis jetzt immer bis zum Ende geblieben, aus Höflichkeit sozusagen. Wenn es einen Tipp gibt, wie man das Gespräch als Bewerber in bessere Bahnen bringen kann, wäre ich einen Schritt weiter. Obendrein frage ich mich, wie man es mit Gehaltsvorstellungen halten sollte, wenn in der Anzeige danach gefragt wird. Einerseits habe ich natürlich ein Mindestgehalt, dass ich ehrlich nicht unterschreiten möchte: ca. 60.000 €. Andererseits werde ich ja spätestens am Ende des Vorstellungsgesprächs gefragt, wenn ich es nicht im Anschreiben erwähne. Also weiß ich nicht, wie man das am Geschicktesten handhabt.
Gerhard Winkler: Wann tritt dieser Moment der Enttäuschung ein? Wenn Sie erfahren, dass die Jobbeschreibung und die Zuständigkeiten sich nicht mit Ihren Wünschen decken?
Zum Thema Gehalt: Geben Sie im Anschreiben Ihre derzeitige Jahresvergütung an. Warten Sie im Interview darauf, dass der Jobanbieter das Thema anschneidet. Tragen Sie dann Ihren realistisch-optimistischen Gehaltswunsch offen vor. Realistisch, weil Sie abschätzen sollten, was der Markt hergibt. Optimistisch, weil Sie an den guten Willen des Jobanbieters glauben. Zeigen Sie dann in der Phase des Aushandelns, dass Sie tough sind.
Wenn alles im Gespräch gut läuft und man Ihnen nur nicht Ihr Wunschgehalt zahlen kann/will, dann ruinieren Sie noch lange nicht Ihre Jobchance. Am Ende bitten Sie um Bedenkzeit, damit Sie die Gehaltsfrage noch einmal überdenken. Mit anderen Worten: Sie verscherzen es sich nicht, wenn Sie Ihren Anspruch dezidiert und energisch vertreten.
Zoe: Jobinterview: Nein. So sachlich wird es in meinen Jobinterviews gar nicht erst. Man fragt mich nach vollkommen irrelevanten Dingen und das am laufenden Band. Über den Job erfahre ich praktisch gar nichts. Ich merke nach spätestens 10 bis 15 Minuten, wo der Hase lang läuft. - Ich langweile mich meistens dann und denke 'ok, es hat wieder mal keinen Zweck'. - Gehalt: Dankeschön, werde ich machen.
Gerhard Winkler: Jetzt müssen Sie aber verraten, wofür Sie sich bewerben. Und bei welcher Sorte Jobanbieter.
Zoe: Bin Juristin und international aktiv - bewerbe mich öfter bei Kanzleien oder Verbänden (die sind echt schlimm). Hatte aber auch schon mit dem öffentlichen Dienst zu tun. Bei Firmen kann ich bislang nur wenig Interesse wecken und hab nur wenige Vorstellungsgespräche dort gehabt, die mir aber überwiegend auch nicht gepasst haben.
Gerhard Winkler: OK, Zoe, wenn Sie mit Nicht-Personalern sprechen, können Sie (sehr behutsam) das Gespräch steuern. "Ich suche ..." und dann genau aufzählen, was Sie machen wollen. "Lassen Sie mich das für Sie tun?"
Jobanbieter reagieren im Gespräch hoch irritiert, wenn Sie einen Kontrollverlust befürchten, aber Ihr Vorstoß kann funktionieren, wenn Sie direkt in die Jobdiskussion einsteigen.
Zoe: Ja, es sind in der Regel keine Personaler. Ich werde das beim nächsten Mal versuchen. Ist aber, glaube ich, nicht ganz einfach, das hinzubekommen. Die Damen und Herren sind oft ziemlich eigene Persönlichkeiten, zum Beispiel solche, die einem auch mal gerne ins Wort fallen oder zweimal oder dreimal etc. Ich befürchte, dass die dann wirklich irritiert sind und sich meine Gesprächsleitungsübernahme nicht gefallen lassen. Versuch macht klug.:)
Gerhard Winkler: Sie suchen einen wirklich anspruchsvollen Job. Sie sind es gewohnt, sich durchzusetzen. Treten Sie bestimmter auf und erreichen Sie, dass Sie Ihre Agenda durchbringen. Oder wollen Sie Ihre Stärke auf immer verbergen? Das Agenda-Setting überlässt man in der Regel dem Gesprächspartner. Doch Sie treten an, um Ihre eigene Agenda mit durch zu bringen. Bringen Sie das Gespräch immer wieder auf den Job. Sanft, geduldig, höflich, unerbittlich und unbeirrt!
Elsa: Guten Abend an alle, ich bin mitten in der Bewerbungsphase, aber so richtig optimal läuft es noch nicht. Nachdem ich meine Bewerbungsunterlagen umgestellt habe, gibt es mehr positive Reaktionen. Dennoch muss ich optimieren, weiß nur nicht an welcher Stelle.
Gerhard Winkler: Was haben Sie umgestellt?
Elsa: Ich habe den Kurzcheck bei Ihnen machen lassen, meinen Lebenslauf danach ausgerichtet und mein Anschreiben entsprechend gestaltet. Das ist gut, doch ich glaube mein Profil ist nicht klar genug. Ist auch schwierig bei meinem beruflichen Werdegang.
Gerhard Winkler: Haben Sie eine bewegte Vergangenheit? Mailen Sie mir doch schnell Ihren Lebenslauf, ich schaue gleich rein, und wir schauen, ob wir ihr Profil klären können.
Elsa: Vielen Dank Herr Winkler, mache ich.
Gerhard Winkler: Ich schaue gleich rein und melde mich wieder.
Elsa, Sie dürfen NICHT im Anschreiben texten: "bewerbe ich mich als Quereinsteigerin in Ihrem Unternehmen" - kein Mensch liest da weiter!
Machen Sie sich keinen Gedanken über quere Einstiege in ein Unternehmen ... Es ist egal, wie schief Ihr Weg dorthin ist. Beschränken Sie sich darauf aufzuzählen, was Sie mitbringen!
Elsa: Da habe ich mal eine "Ausnahme" gemacht.
Gerhard Winkler: Elsa, ich bin von Ihrem Lebenslauf wirklich schwer beeindruckt. Ich maile Ihnen morgen ein paar Worte dazu!
marina: Ich muss ein Motivationsschreiben schreiben, kenne dies aber nicht! Wie fange ich an, welche Struktur benutze ich?
Gerhard Winkler: Motivationsschreiben: Geht es um eine Ausbildung? Um den beruflichen Einstieg? Man will von Ihnen wissen: Warum gerade wir? Warum gerade bei uns? Was bringen Sie mit? Was liefern Sie? Mehr dazu auf meiner Web Site. Geben Sie Motivationsschreiben als Suchwort ein!
marina: Hätten Sie einen Tipp, wo ich ein gutes Muster finden könnte ? Arbeite zur Zeit in einer Klinik , möchte von einer Viszeralchirurgiestation auf IMC wechseln! Ich habe schon das Vorstellungsgespräch hinter mir, muss nur das Motivationsschreiben nachreichen!! Kenne dies aber nicht.
Gerhard Winkler: Texten Sie ein Anschreiben, in dem Sie zunächst Ihren aktuellen Job, Ihre Pflichten, Arbeitsleistungen und Joberfolge beschreiben. Gehen Sie dann auf Ihre Ausbildung sowie auf Ihre jobbezogenen Kenntnisse ein. Begründen Sie dann erst, weshalb Sie wohin wechseln wollen und was man dort von Ihnen erwarten kann.
Zoe: Hab da noch etwas: ich habe zuletzt an der Europäischen Kommission gearbeitet und hatte anschließend Vorstellungsgespräche, bei denen man mich regelrecht ausfragte, wie man denn da reinkommt und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dort eine feste/weitere Stelle zu bekommen. Ich will aber in Vorstellungsgesprächen nicht als Coach für meinen Interviewer herhalten, damit der weiß, wie er an eine Stelle bei der Kommission kommt. Ich will ja schließlich die Stelle, um die ich mich beworben habe und nicht anderen zu einer Stelle verhelfen. - Abgesehen davon, gibt es alle Infos im Internet. Ich wurde auch schon rundheraus gefragt, ob ich an Concours/Auswahlverfahren für die EU teilgenommen habe - was aber ja auch egal ist, weil ich ja JETZT im Vorstellungsgespräch für einen anderen Arbeitgeber sitze. Wie macht man denen diplomatisch begreiflich, dass das sie nichts angeht, was ich früher mal mit anderen Arbeitgebern so gemacht hab?
Gerhard Winkler: Entweder möchte man von Ihnen genauer erfahren, wie (erfolgreich) Sie sich beruflich vermarkten und wie insbesondere Ihre Eroberungsstrategien gegenüber opaken, intransparenten, unzugänglichen und doch irgendwie übermächtigen Großorganisationen aussehen. Das ist legitim, denn man sucht vermutlich eine findige, clevere, akquisitionsstarke, interkulturell gesalbte Mitarbeiterin. Oder man möchte als Arbeitgeber selbst dort hin. Letzteres ist eher unwahrscheinlich. Seien Sie bereit, über Ihre Handlungen und Ihre Erfahrungen zu berichten. Die Europäische Kommission ist ein weitaus interessanterer Arbeitgeber als zum Beispiel die Rechtsabteilung der Schwach & Mat AG. Freuen Sie sich über das Interesse und berichten Sie von Ihrem Job!
Gerhard Winkler: Hallo, Emil, Elsa, Zoe, marina, Handwerksmeister, vielen Dank, dass Sie heute Abend mitgehaftet haben.
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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