Moderator: Willkommen beim offenen Chat mit dem Bewerbungshelfer Gerhard Winkler.
Gerhard Winkler: Schön, dass Sie heute Abend alle dem Chat-Link gefolgt sind!
bärbeli: Guten Abend! Folgende Frage: Was muss man besonders beachten bei einer Bewerbung als Architekt bzw. Innenarchitekt? Einige Kollegen von mir haben zum Beispiel ihren Lebenslauf dem Layout ihres Portfolios angepasst und verschicken immer gleich alles zusammen. Nachdem ich vergeblich und krampfhaft versucht habe, meinen Lebenslauf anzupassen, aber zu keinem ansprechenden Ergebnis komme, versende ich nun doch wieder nur Anschreiben und Lebenslauf. Die Arbeitsproben dagegen nur auf ausdrücklichen Wunsch. Oder soll ich bei einer Mail-Bewerbung die Arbeitsproben auch unaufgefordert mitschicken?
Gerhard Winkler: Liebe(r) Bärbeli, als Architekt – Innenarchitekt würde ich alle Arbeitsproben erst einmal auf einer eigenen Homepage sammeln und meine Bewerbung um einen Link ergänzen. Dann kann jeder Interessierte sich ein Bild von Ihnen machen, wann immer er es möchte. Menschen, die etwas Sichtbares, Lesbares, Greifbares produzieren, deren Wirken auch Spuren hinterlässt, können Ihre Leistungsnachweise stets auch sammeln, bündeln, ausstellen und präsentieren. Jeder drückt seinen (Markt-( Wert ja auf mannigfaltige Weise aus. Selbst der teure Saab ist ein Erfolgs-Statement des Architekten!
Zu einem anderen Aspekt Ihrer Frage: Leute, die ihren Lebenslauf oder die ganze Bewerbung an das Layout ihres Portfolios anpassen oder sonst irgendwelche stylischen Ideen umsetzen, drücken sich vielleicht mit der Designarbeit vor der Vermarktungsanstrengung. Und sie fürchten sich womöglich davor, inhaltlich zu argumentieren. Bewerben heißt auch für Architekten nicht vorzuführen, dass man A4-Seiten ansehnlich gestalten kann.
bärbeli: Da die Arbeitsproben vor allem aber aus Projekten meines aktuellen Arbeitgebers bestehen, würde ich das ungern auf einer Homepage veröffentlichen.
Gerhard Winkler: OK, dann vermerken Sie doch im Anschreiben, dass Sie aktuelle Arbeitsproben gern persönlich vorlegen. (Falls Ihnen das nicht vertraglich verwehrt ist.)
bärbeli: Nochmals zum Thema Architektenbewerbung: meine Arbeitsproben bestehen hauptsächlich aus Projekten des aktuellen Arbeitgebers, die will ich nicht ins Netz stellen. Gibt es irgendwelche nützlichen Tips? Es ist irgendwie schwierig, es gibt zu viele Bewerber auf zu wenig Stellen.
Gerhard Winkler: Als Architekt eine dauerhafte, halbwegs honorierte Stellung zu bekommen, ist nicht viel leichter, als den Durchbruch im Show-Business zu schaffen. Wenn ich Baumeister werden wollte, würde ich vielleicht doch in ein Boomland gehen. Die Job-Misere von jungen, talentierten, arbeitswütigen Architekten verfolgt mich, seit ich Bewerbungen optimiere - das ist schon lange & es ist gleichbleibend deprimierend. Sorry, aber ich denke, wenn man in dieser Branche reüssieren will, muss man zuerst an sich selber denken - also vielleicht doch die aktuellen Projekte herausstellen.
bärbeli: Das heißt also Arbeitsproben unaufgefordert mitschicken? Als PDF-Anhang?
Gerhard Winkler: Eben das und – oder auf die Homepage verweisen.
bärbeli: Noch eine andere Frage: Ich habe nach dem Studium und vor meinem inzwischen mehrere Jahre andauernden Job in einer völlig anderen Branche (Animation) für fast ein Jahr gearbeitet. Soll ich das im Anschreiben erwähnen? Ich bin nicht sicher, ob das eher für oder gegen mich spricht, da es mit meiner jetzigen Arbeit und dem Studium nichts zu tun hat.
Gerhard Winkler: Liebe Bärbel, erstens war das Animieren (von Bildern? Gästen? Oder gleich Wiederbeleben?) doch eine ehrenwerte Tätigkeit und zweitens wollen Sie doch nicht ein ganzes Arbeitsjahr Ihres Lebens unter den Tisch fallen lassen.
bärbeli: Ich bin schon in ein Boomland gegangen, ich würde gerne wieder zurück in die schöne Heimat!
Gerhard Winkler: Ich kann es ja verstehen. Dann bauen Sie eben unsere unwirtlichen Städte wieder auf! Deutschland braucht ja durchaus gute Architekten! Und Berlin braucht zudem Straßenfeger …
die nervensäge: Guten Abend Herr Winkler, was kann man tun, wenn Zeitarbeitsfirmen sagen, sie melden sich, aber nichts tun für einen! Nicht mal Absage oder Unterlagen bekommt man zurück.
Gerhard Winkler: Sie heißen doch Nervensäge. Dann machen Sie bitte Ihrem Namen alle Ehre und nerven Sie die Leute von der Personalvermittlung und vom Personalservice! Schauen Sie dort vorbei! Bringen Sie eine Tüte süßer Teilchen mit. Fragen Sie öfter nach. Dezent sein und diskret sein nutzt Ihnen in der heutigen miesen Zeit nicht viel, wenn Sie schnell einen Job brauchen.
die nervensäge: Ich habe die genervt, bin einfach nochmals vorbei, Bewerbungsmappe mitgenommen und gefragt, warum sie sich noch nicht gemeldet haben. Dann sagte ich, aus meinen Unterlagen sehen Sie, dass ich das und das schon geleistet habe und Sie entlasten kann, bis heute kam keine Antwort!
Gerhard Winkler: Sie haben sich doch bei verschiedenen Zeitarbeitsfirmen vorgestellt. Falls dort nichts zu holen ist, trotz periodisch wiederholter Ansprache, dann würde ich versuchen herauszufinden, ob das an der schlechten Auftragslage oder doch an meinem Profil liegt.
die nervensäge: Zudem hat man mich schon abgeschrieben, weil ich keine Chance als Behinderter habe, selbst das Integrationsamt kann mir nicht helfen, Integrationsbetriebe gibt es hier auch keine, was tun?
Gerhard Winkler: Sie wollen Arbeiten. Man hat keine Arbeit für Sie. Sie haben keine eigene Geschäftsidee. Sie sind behindert. Ziehen Sie dort hin, wo ein Integrationsbetrieb existiert und Sie einstellt. Bleiben Sie, wo Sie sind und gründen Sie eine ABA – Arbeitsgemeinschaft Behinderter Arbeitswilliger in Ihrem Landkreis.
die nervensäge: Ich bekomme nach 6 Jahren Arbeitslosigkeit gesagt, dass ich als Bürokaufmann überqualifiziert sei und zu teuer, die Unternehmen zahlen das nicht. Meine Argumentation war, dann machen wir eben Teilzeit daraus, selbst da ist man nicht bereit dazu, man will mich einfach nicht - basta! Ganzes Jahr nur Urlaub machen, geht auch nicht, da wird Herr Westerwelle böse und Bildungen bekomme ich keine, da mir die finanziellen Mittel fehlen! Was tun? Niemals aufgeben!
Gerhard Winkler: Nach sechs Jahren vergeblicher Integrationsbemühungen ist das Berufsbild Bürokaufmann für Sie tot. Es ist nicht leicht, aber ich denke, Sie müssen das akzeptieren. Wenn keiner bereit ist, Sie für das, was Sie tun wollen zu zahlen, dann fragen sie die Leute, wofür sie zu zahlen bereit sind.
Maximilian: Ich persönlich finde die nervensäge sollte nicht aufgeben. Ab und zu doch noch Bewerbungen schreiben kann nicht schaden!!!
Gerhard Winkler: Klar, aber wenn man zu lange draußen vor der Tür steht, ist es besser, man sucht sich einen anderen Eingang.
Patrick: Hallo Herr Winkler, meine Frage: welche Anlagen/Zeugnisse sollte man mitschicken? Zu meiner Person: Berufserfahrung 4 Jahre, davor Studium. Ca. 12 Jahre zurückliegend eine Ausbildung. Sollen speziell hier noch Zeugnisse etc. mitgeschickt werden? Ich frage, da mein Prüfungszeugnis nur mit ausreichend benotet wurde, mein Ausbildungszeugnis aber gut ausgefallen ist.
Gerhard Winkler: Arbeitszeugnisse, akademisches Zeugnis, Ausbildungszeugnis, letzte allgemeinbildende Schule, aktuelle Weiterbildungen: alles kommt rein, auch wenn die Noten nicht zum Angeben taugen!
bärbeli: Zu der Frage von Patrick: wenn ich als letztes Zeugnis mein Diplomzeugnis angebe, muss ich dann etwa auch noch mein 12 Jahre altes Abiturzeugnis beilegen??
Gerhard Winkler: Einsteiger tun das. Alle Jobanbieter, die von Jobprofis vollständige Unterlagen erbitten, wollen auch das letzte Schulzeugnis sehen. Wenn Ihre Leistungsdaten stimmen, können es sich Personaler aber nicht leisten, Ihre Bewerbung nicht zu berücksichtigen, nur weil Sie ein uraltes Schulzeugnis nicht beigelegt haben. Doch gerade die Einsteiger sind in einer schwachen Position – sie geraten mit ihrer Bewerbung unweigerlich zuerst an Personaler. Deshalb die Vorgaben erfüllen!
Patrick: Danke, ist das letzte allgemeine Schulzeugnis zwingend, bislang immer versendet: Arbeitszeugnisse & Empfehlungsschreiben, Diplomzeugnis und das Ausbildungszeugnis (nicht das Prüfungszeugnis)
Gerhard Winkler: Ich würde mir das Schulzeugnis sparen – außer, es unterstützt mit seiner Tiefendimension Ihren Jobclaim. Beispiel: Sie haben in Sport und Mathe damals schon beste Leistungen gebracht und jetzt bewerben Sie sich bei DADIWAS.
Patrick: Eine weitere Frage, wenn ich meinen Lebenslauf in den Jobbörsen online stelle, was gebe ich bei angestrebter Tätigkeit an, wenn ich mehrere Positionen angeben möchte oder lasse ich diesen Punkt weg?
Gerhard Winkler: Geben Sie immer nur eine einzige Position an. Warum sollte man Sie für einen bestimmten Job einstellen, wo Sie doch nur alles Mögliche tun wollen?
zahlenrodeo: Guten Abend Herr Winkler. Wie stehen Sie und die Chatteilnehmer dazu, im Lebenslauf das Alter (aber nicht das Foto) wegzulassen?
Gerhard Winkler: Ich denke, das ist absolut legitim - aber dann sollten Sie auch nur spärliche Datumsangaben machen, analog zum Lebenslauf US-amerikanischer Machart.
bubu: @zahlenrodeo: Ich habe auch schon überlegt, das Geburtsdatum wegzulassen (bin knapp 50+) aber wenn man Zeugnisse mitschickt, wird das nichts ...
zahlenrodeo: Hallo Bubu, das ist natürlich richtig. Also werde ich so nicht herausfinden, ob meine Absagen eventuell am Alter liegen.
Gerhard Winkler: Ich würde das Geburtsdatum angeben, alles monatsgenau notieren und ein (warum nicht etwas retuschiertes) PR-Porträt mit Strahle-Lächeln mitgeben. Wer einen billigen und willigen Einsteiger haben will, wird Sie auch ohne Angabe des Geburtsdatums dann nicht berücksichtigen, wenn Sie offensichtlich einige Joberfahrung haben.
bubu: Ich muss nichts retuschieren lassen und klinge am Telefon mal locker 10 Jahre jünger - DAS ist NICHT das Problem, sondern der nach wie vor vorherrschende Jugend- und Cost-Cutting-Wahnsinn - oder?
Gerhard Winkler: Jugend- und Einsparungswahn: Das war wie eine Grippe. Der Patient Jobmarkt hat überlebt, wenn auch nur geschwächt. Kümmern Sie sich nicht drum. Schauen Sie im Leben immer auf die Mitbewerber. Doch im Prozess der Kontaktaufnahme, der Selbstpräsentation und der Verhandlungsführung existieren Konkurrenten nicht für Sie. Es ist wie beim Golfen: Egal, wer noch im Flight ist. Sie spielen Ihr Spiel.
KM: Ich möchte mich nach einer längeren Familienpause in den Beruf zurückkehren. In welcher Rubrik bringe ich meine Familien/Elternzeit unter.
Gerhard Winkler: Berufliche Praxis ... Berufliche Erfahrung
die nervensäge: Sehr geehrter Herr Winkler, was halten Sie von Gewerkschaften?
Gerhard Winkler: Einige meiner guten Freunde sind in Gewerkschaften. Wie es in einem Land aussieht, in dem sie im Wesentlichen kaum eine Rolle spielen, sieht man in den USA. Dort, wo sie eine allzu große Macht ausgeübt haben (Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Thatcher-Ära) war es für die Wirtschaft und Gesellschaft ein Desaster.
Miri: Guten Abend, ich habe eine Frage zum Bewerbungsfoto: Ich bewerbe mich als Journalistin, wo es von der Kleidung her ja oft eher etwas legerer zugeht. Darf ich mich auf dem Foto dann auch dementsprechend kleiden oder gilt trotzdem Bluse und Hosenanzug?
Gerhard Winkler: Shirt oder Bluse plus Blazer. Ihre Kleidung ist eine Höflichkeitsgeste, eine Reverenz gegenüber dem Anlass und auch für Journalisten (oft auch) eine Funktionskleidung, die man im Job trägt. Sie haben aber recht, Journalisten haben wie Lehrer oft die Tendenz, in Form und Farbe mit einem gräulichen Hintergrund zu verschmelzen.
catkaja: Guten Abend, ich arbeite in der Krankenversicherung und habe mich letztes Jahr bei einem neuen Arbeitgeber beworben. Ich wurde auch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Zur gleichen Zeit wurde ich schwanger und habe dies auch vorab telefonisch mitgeteilt, sollte aber trotzdem zum Vorstellungsgespräch kommen. Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich mich nach der Geburt des Kindes wieder melden soll, damit wir wieder ins Gespräch bezüglich eines Arbeitsvertrages kommen. Dies habe ich letzte Woche telefonisch getan und ich wurde gebeten, nun schriftlich mitzuteilen, wann ich dort anfangen möchte und in welchem Umfang (wöchentliche Stundenzahl) ich dort arbeiten möchte. Meine Bewerbungsunterlagen wurden damals dort belassen und mein Problem ist jetzt, dass ich nicht weiß, wie ich mich da genau ausdrücken soll. Denn ich möchte da keinen Formfehler begehen. Vorab schon mal vielen Dank.
Gerhard Winkler: Erneuern Sie am besten im Anschreiben Ihren Job-Claim. Das heißt: notieren Sie, was für Sie spricht und schließen Sie mit Ihren Konditionen (ab wann für wie viel) plus einer freundlichen Handlungsaufforderung!
catkaja: In welcher Form soll ich das Schreiben dann an die Firma senden? In einer Bewerbungsmappe oder genügt es, dieses als normalen Brief zu versenden? Die ausführlichen Bewerbungsunterlagen liegen ja wie geschrieben schon der Firma vor.
Gerhard Winkler: Sie sind ein Jahr älter. Legen Sie einen aktualisierten Lebenslauf bei.
msaugsburg: Hallo Herr Winkler, nachdem Sie mir in der Vergangenheit schon des Öfteren sehr gut weiterhelfen konnten, hoffe ich, dass Sie auch dieses Mal einen guten Tipp für mich haben. Ich würde gern nebenberuflich ein Masterstudium absolvieren. Die Universität möchte jetzt gern ein Motivationsschreiben von mir haben. Zwar habe ich Ihren Beitrag zu diesem Thema gelesen, aber irgendwie hilft mir dieser noch nicht richtig weiter. Deshalb wollte ich Sie fragen, ob Sie vielleicht ein, zwei Muster-Motivationsschreiben haben, die ich als Orientierung und Grundlage für den inhaltlichen und optischen Aufbau nutzen kann.
Gerhard Winkler: Mailen Sie mich an - ich schaue in meinem Archiv.
Miel: Guten Abend Herr Winkler! Ich habe ein Schreiben einer Firma, in dem sie meine Arbeit als Urlaubsvertretung vergangenes Jahr loben und mich dieses Jahr wieder haben möchten. Kann man so etwas bei einer Bewerbung mitschicken?
Gerhard Winkler: Wenn es Ihren Leistungsanspruch stützt und wenn es insgesamt nicht zu viele belege werden: klar doch!
Lisa: Guten Abend, Herr Winkler, als Absolventin der Gesundheitswissenschaften habe ich nächste Woche ein Vorstellungsgespräch zur wissenschaftlichen Volontärin. Meine Gehaltsvorstellung ist nicht "volontär-typisch". Was antworte ich am besten, wenn ich gefragt werde, warum ich es so hoch ansetze? Zum Lebenslauf: Ich habe Ihre Beispiellebensläufe angeschaut. Soll ich wirklich meine Kassierer- und Kellnertätigkeit angeben? Wenn ja, warum?
Gerhard Winkler: Oh, Sie werden vermutlich nicht gefragt, warum Sie es so hoch ansetzen - man erklärt Ihnen stattdessen, dass man leider nicht mehr zahlen kann als X. (X = bescheidene Summe. mit der man Freiwillige abspeist.) Sie haben doch gewiss recherchiert, was die Branche (vielleicht das Verlagswesen?) hergibt.
Thema 2: Als Absolventin ist es immer gut, einen Überblick über die gesamte Job- und Praxiserfahrung zu geben. Wo wollen Sie hin? In die Praxis? Wen nimmt man bevorzugt? Praktiker! Sie beweisen alle möglichen Mitarbeitertugenden und Qualitäten, auch wenn Sie – bzw. gerade weil Sie - studienbegleitend am Low-End der Arbeitswelt tätig waren.
Julia: Guten Abend, ich fange demnächst an mich zu bewerben und frage mich nun, ob ich meine bisherigen neun Praktika alle im Lebenslauf aufführen soll. Ich finde keins davon überflüssig, da sie zudem zeigen, dass ich mich engagiert habe anstatt in den Semesterferien faul herumzusitzen - habe aber Angst, mich dadurch zu disqualifizieren.
Gerhard Winkler: Wow! Alle Neune! Das ist selten! Neun Praktika sind viel an Daten. Deshalb würde ich die älteren, unwesentlicheren nur mit einer einzigen Zeile notieren, die attraktiveren etwas genau erläutern und mit Aufgaben, Pflichten, Leistungen aufwerten.
bubu: Was für ein Typ Mensch sitzt eigentlich in den Schlüsselfunktionen in den Personal-Abteilungen?
Gerhard Winkler: Diplom-Psychologen oder Diplom-Betriebswirte – in der Regel anständige und sehr bemühte Menschen mit einer humanen Vision über die Rolle von Human Resources, die von ihrem Geschäftsführer so nicht geteilt wird.
Max: Hallo Hr. Winkler, ich möchte mich blind bewerben. Jedoch nicht als Controller, wenn das Unternehmen zu klein ist oder als Junior-Controller, wenn das Unternehmen solch eine Stelle gar nicht hat. Leider kennt man nicht immer die internen Strukturen. Ich würde es gern allgemeiner halten und „kaufmännischer Mitarbeiter“nennen. Haben Sie dafür Tipps?
Gerhard Winkler: Nein, rufen Sie an, stellen Sie sich als Controller vor und klären Sie ab, ob das Unternehmen von den Aufgaben und der Größe Ihren Jobanspruch abdeckt. Von Anfang an die Karten offen ausspielen!
Maximilian: Guten Abend an alle Jobsuchenden und natürlich auch an Herrn Winkler! Ich habe eine kurze Frage: Ich unterschreibe den Lebenslauf nicht, ich notiere unterhalb des Lebenslaufs nicht einmal Ort und Datum Herr Winkler, ist das so richtig?
Gerhard Winkler: Hi, Maximilian. Ich pflege das so zu halten, wie Sie es notiert haben. Außer aus vereinzelten, verpupsten Behörden kam noch nie ein Signal, dass OrDaUn eine unumgängliche Notwendigkeit wäre. Wir sind im 21. Jahrhundert, wir wollen fix mailen oder Online-Formulare ausfüllen und nicht feierlich die Richtigkeit unserer Leistungsbilanz mit unserem Vinzenz beglaubigen. Wir liefern prozessierbare Daten und wir sichern sie durch Nachweise ab. Deshalb braucht es keine OrDaUn mehr am Lebenslaufende.
Wenn der Himmel eine staatliche Leistung wäre, müssten wir am Ausgang des Lebens ja alle unseren Lebenslauf final unterschreiben. Der Schluss-CV hätte dann aber auch einen Passus: Hiermit bestätige ich, dass ich keine weiteren Ansprüche an mein Leben stelle.
bubu: Das Bildungsniveau hat mittlerweile inflationäre Ausmaße angenommen. Wie mache ich in meinem Job-Claim deutlich, dass ich mit einem klassischen Abitur 1978 und kontinuierlicher Weiterbildung und Weiterentwicklung (zweisprachig, internationale Erfahrung) locker mit einem im Profil "geforderten" akademischen Abschluss mithalten kann?
Gerhard Winkler: Sie haben 25 Jahre Joberfahrung: Positionen, Firmen, Leistungen, Zuständigkeiten, Erfolge. Aufzählen, vorbringen, in den Vordergrund stellen und keinesfalls das "Fehlen" der akademischen Ausbildung rechtfertigen!
Ashura: Herr Winkler, sollte man im Anschreiben erwähnen, dass man bereit ist, für die neue Stelle umzuziehen? In Stellenanzeigen lese ich oft: "Nur Bewerber aus dem Umkreis von 20 km" Ich wohne in einer ländlichen Gegend.
Gerhard Winkler: Ich würde anrufen, bevor ich mich bewerbe und klar machen, dass ich auch 45 Km Anfahrt in Kauf nehme.
Lisa: Warum ist in manchen Stellenausschreibungen eine der Voraussetzung, dass sich Bewerber aus max. x km Entfernung bewerben sollen - und wenn ich kein Problem habe, weite Strecken zu fahren?
Gerhard Winkler: Jobanbieter schreiben das, wenn es mehr als genug Jobkandidaten im näheren Umkreis gibt und vermutlich auch, wenn der Job nicht besonders hohe Anforderungen an die Qualifikation stellt. Je mehr man als Jobanbieter zu zahlen bereit ist, desto eher holt man die Spezialisten aus der Ferne.
Max: Hallo, wie ist es wenn es die Traumstelle per se nicht im anvisierten Unternehmen gibt, weil man zu viele verschiedene Tätigkeiten kann und das Unternehmen Multitalente gewiss braucht, aber für sich nicht im klaren ist, was sie eigentlich brauchen. Der Wert und die Aufgaben entstehen erst durch die begonnene Tätigkeit, zum Beispiel wenn der Entscheider ein Praktiker ist und nur seine Tätigkeitsfelder und Probleme kennt.
Gerhard Winkler: Wollen Sie damit sagen, dass nur Sie den Wert Ihrer Arbeit einschätzen können? Tragen Sie vor, was Sie leisten und bauen Sie darauf, dass man die Relevanz erkennt.
Matthias: Ich mache seit 7 Monaten ein Praktikum, das ich mir mit qualifiziertem Zeugnis als Festanstellung ausgeben lassen kann. Ich bin für ein SAP-Projekt verantwortlich, aber noch nicht ganz fertig. Ich habe eine Anstellung als SAP-Einführungshelfer in einem anderen Unternehmen angeboten bekommen. Der Vertrag ist OK, Ort der Anstellung aber leider sehr ungünstig (Freundin, Kosten etc.). Wenn ich diese Stelle annähme, dann in dem Wissen, dass ich nach maximal einem Jahr versuchen würde zu wechseln. Die Alternative wäre, das Praktikum weiter zu machen, das Projekt zu beenden, ein vernünftiges Zeugnis auf dem Festanstellung (befristet) steht zu bekommen und mich damit weiter zu bewerben. Haben Sie einen Ratschlag? Was sieht besser aus: Juli 2008 fertig gewesen, Urlaub, halbes Jahr gesucht, Juli 2009 die stelle für ein Jahr bekommen, das Projekt abgeschlossen und was Neues gesucht, oder Juli 2009 Praktikum gemacht bis jetzt und dann für ein dreiviertel Jahr woanders SAP gemacht?
Gerhard Winkler: Entweder die feste, aber von den Rahmenbedingungen her ungünstige Anstellung oder die Gefahr, dass Sie nach Ablauf des laufenden Praktikums wieder eine Weile jobsuchend sein werden. Sie haben schon ein halbes Jahr gesucht: Erinnern Sie sich an diese Zeit? Da würde ich vielleicht doch den festen Job wählen, 12 – 24 Monate überstehen und dann mich aus einem laufenden Job heraus verändern!
Gerhard Winkler: Danke für die vielen guten Fragen! Ihnen allen einen schönen Abend und viel Glück & Erfolg bei der Jobfindung!
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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