Moderator: Willkommen beim offenen Chat mit dem Bewerbungshelfer Gerhard Winkler.
Gerhard Winkler: Im TV, so höre ich, gibt es jetzt Bewerber-Coaching. Ich stelle mir vor, das läuft als Koch-Show ab: Man kriegt nichts wirklich gebacken, aber das Rezept klingt vielversprechend. Ohne das jemals sehen zu wollen, wette ich, dass der TV-Coach das Gesicht in sorgenvolle Falten legt. Deutschland ist das Land, wo sich eine rum den anderen Sorgen macht. Coach kommt schließlich von Kümmern und kümmerlich ist der Rat von Fernsehhelfern allemal. Wie dem auch sei: Guten Abend! Schön, dass Sie gekommen sind, um Ihren Bewerbungshelfer zum Lächeln zu bringen - versuchen Sie es doch einmal mit der absurdesten Frage, die Sie im Jobinterview gehört haben!
AB: Hallo, Herr Winkler, zu der absurdesten Frage im Jobinterview fällt mir leider nichts ein. Ich würde schon bei der Frage nach der größten Schwäche im Jobinterview heiße Ohren bekommen. Soll ich da nun den chaotischen Schreibtisch oder die große Ungeduld zum Besten geben? Eigentlich wollte ich Sie gern fragen, wie Ihre Arbeitsblätter auf der Website gedacht sind. Als Einstieg? Wie könnte es dann weiter gehen? Sind Sie denn im Moment disponibel?
Gerhard Winkler: Ich würde vielleicht antworten: Ich bekomme bei sehr kniffligen Fragen leicht heiße Ohren. Die Arbeitsblätter sind zum Eigenstudium gedacht. Sofern ich Sie berate, werte ich sie natürlich aus.
Andreas: Absurde Fragen beim Jobinterview? Eigentlich nicht absurd, aber die kniffligsten sind sicherlich die nach den eigenen Schwächen (siehe mein Vorredner) oder die nach dem optimalen Vorgesetzten. Auch die Frage nach dem größten Misserfolg ist nicht gerade prickelnd.
Gerhard Winkler: Ein Beispiel von einer erschütterten Bewerberin: Frau N., haben Sie Piercings?
TvB: Absurde Fragen...hmm, in meinen Bewerbungen wird immer verlangt, dass man sein Wunschgehalt angeben soll, aber bisher wurde bei jedem Telefoninterview oder Vorstellungsgespräch danach nochmals gefragt. Irgendwie braucht man es dann ja nicht am Anfang angeben?!? Meine zweite Frage betrifft den von mir geplanten Besuch einer Jobmesse nächste Woche. Es wird mein erster Besuch einer Jobmesse - gibt es irgendwelche No-goes oder was sollte ich unbedingt beachten?
Gerhard Winkler: Ob man sein Gehalt im Voraus angibt, ist eine taktische Frage. Dass man es im Kopf hat, ist ein Gebot der Selbstvermarktung. Bevor Sie eine Jobmesse besuchen, lesen Sie doch Karrieremessen für Anfänger – der Text steht auf jova-nova.com!
Marcel: Hallo, Herr Winkler, in vielen (fast den meisten) Stellenausschreibungen liest man heute, dass man in der Bewerbung doch bitte Angaben zu der gewünschten Gehaltsvorstellung abgeben sollte. Ist es frech oder unhöflich, wenn man diese Angabe einfach in der Bewerbung weg lässt?
Gerhard Winkler: Verzichten Sie auf eine geforderte Gehaltsangabe nur, wenn Sie gutverdienender Spezialist oder Leiter sind und zuerst ausschließlich die Kompetenzkarte ausspielen wollen.
.SIR Puck: Absurde Fragen aus den letzten 3 Interviews: IT Firma in Gelsenkirchen: "Was machen Sie mit einer Rolle Klopapier und einem Bleistift auf dem Mond?" Meine Antwort: "Ich schreib einen langen Brief an meine Mom!" Logistik Dienstleister in Köln: "Wie viele Autos sind wohl in Moskau zugelassen?" Meine Antwort: "Auf jeden Fall mehr als auf Helgoland". IT Consulting Firma in Hamburg: "Sollten wir Deutschen den Griechen helfen?" Meine Antwort: "Ich würde keine Eulen nach Athen tragen!".
Gerhard Winkler: Schlagfertig geantwortet! Frage 2 und 3 sind in jedem Fall Aufforderungen an den in Wirtschaftsdingen beschlagenen Kopf, einmal nachzurechnen und eine Einschätzung vorzulegen!
taceli: Hallo Herr Winkler! Gehört bei E-Mailbewerbungen das eigentliche Anschreiben zusätzlich in den Anhang? Sozusagen als druckerfreundliche Version für den Empfänger?
Gerhard Winkler: Nichts spricht dagegen, das Anschreiben auch noch als DIN-gerecht gestaltetes PDF mit zu schicken!
Andreas: Hallo Herr Winkler! Erstmal Lob für Ihre tollen Seiten. Ich (50 Jahre) habe morgen einen Vorstellungstermin bei einer sehr großen, deutschlandweit arbeitenden Wohlfahrtsorganisation mit kirchlichem Hintergrund als IT-Projektmanager. Komme selbst aus der Industrie. Möchte aber "mehr mit Menschen und im sozialen Umfeld arbeiten". Ich engagiere mich auch privat in der katholischen Kirche. Wie drücke ich am besten meine Wechsellaune von der Industrie zur Wohlfahrt aus? Für mich selbst kann ich behaupten, dass ich es w i r k l i c h will. Aber wie mache ich es richtig glaubhaft?
Gerhard Winkler: Schildern Sie Ihr bisheriges ehrenamtliches Engagement. Sagen Sie, dass Sie 20 Jahre für die Industrie gearbeitet haben, jetzt wollen Sie, dass Ihr Arbeitsbüchlein ein paar Goldene Kreuze für besonderen Einsatz erhält.
Andreas: Und wenn ich es eher etwas "konservativer" ausdrücken möchte, das mit den "goldenen Kreuzen"?
Gerhard Winkler: Ich habe mich bei Ihnen beworben, weil die Aufgabe einerseits so anspruchsvoll ist wie in der Industrie - das ist mir schon wichtig - vor allem aber, weil ich mich mit Ihren Zielen aus ganzem Herzen identifizieren kann.
Stephan: Hallo Herr Winkler, Ihre Webseite und Ihren Service finde ich sehr hilfreich. Sie bieten auf Ihrer Seite einen kostenlosen Kurzcheck an (WKK), ich habe Ihnen gestern eine Mail hierzu gesandt. Können Sie mir sagen wie lange die Auswertung dauert oder wollen wir morgen einmal kurz telefonieren?
Gerhard Winkler: Hoppla. Der Kurzcheck ist nicht mehr kostenlos - Frau Laws und ich waren früher damit so sehr beschäftigt, dass wir nicht bemerkt haben, wie wir langsam verhungerten. Handgemachter Blitzcheck, garantiert nicht von einer 23-jährigen Praktikantin durchgeführt: 15 Euro. Damit will ich nicht sagen, dass Praktikanten nicht doch tolle Aufgaben in einem Bewerbungsberater-Büro finden.
Sara: Wie viel Zeit sollte ich einplanen, wenn ich Sie mit einer Optimierung 1 meiner Unterlagen beauftrage?
Gerhard Winkler: Ich kann zur Zeit keine verbindlichen Aussagen machen - bin mit einem Autorenprojekt beschäftigt und optimiere nur mit halber Kraft.
Biologin: Guten Abend Herr Winkler! Haben Sie Tipps zum Anschreiben an Professoren? Bin auf der Suche nach einer geeigneten Promotionsstelle.
Gerhard Winkler: Recherchieren, was diese Profs speziell machen; rausfinden, wer sie aus Ihrem Netzwerk kennt. Sich einführen lassen oder ein interessantes Exposé am Telefon oder in einer Sprechstunde vortragen. Den direkten Kontakt suchen! Die schriftliche Bewerbung geht nur dann nicht unter, wenn der Prof zufällig Zeit hat und sich in Ihre Argumentation einzulesen bereit ist.
Klaus: Ich möchte an eine Bauunternehmen-Firma über E-Mail eine Anfrage senden, ob sie noch für dieses Jahr Auszubildende annehmen. Wie kann ich anfangen?
Gerhard Winkler: Gehen Sie direkt in den Laden und stellen Sie sich vor. Als ich auf dem Bau gearbeitet habe, konnte dort keiner lesen - auch der Chef nicht (der schon gar nicht). Die wollen Sie wirklich sehen und die Muckis fühlen Gehen Sie doch auf eine Baustelle in der Mittagspause und halten Sie mit dem Polier oder Bauleiter ein Schwätzchen. Sagen Sie ihm, was Sie wollen. Fragen Sie ihn, worauf der Chef abfährt. Dann rufen Sie den Chef an und sagen Sie ihm, der Polier Meier hat empfohlen, dass Sie sich direkt an ihn wenden.
TvB: Guten Abend Herr Winkler, ich habe diese Woche leider (schon wieder) Absagen auf meine Bewerbungen erhalten. Diesmal habe ich aber nachgehakt, warum es zu der Absage gekommen ist, da dies aus der Absage selbst nicht ersichtlich war. Habe sogar eine Antwort auf meine Nachfrage erhalten, „zu wenig Erfahrung“. Dabei habe ich als Absolvent mich extra auf Stellen beworben, wo Absolventen oder Berufseinsteiger gesucht werden. Ist das normal oder hatte ich nur "Pech"? Klingt nach einem Teufelskreis - ich will Erfahrung sammeln, bekomme aber nur einen Job, wenn ich die Erfahrung schon habe.
Gerhard Winkler: Lieber TvB, das klingt verdächtig nach Ausrede. Man kriegt aber am Telefon nur den wahren Ablehnungsgrund heraus, wenn der Gesprächspartner zufällig eine Wahrheitsdroge geschluckt hat. Bei den attraktiven und hochinteressanten Stellen würde ich es ausprobieren und nach einiger Zeit eine argumentativ neu aufgebaute Bewerbung schicken: Ich wurde abgelehnt, aber Sie sollten wissen dass …
denjo: Hallo Herr Winkler, ich habe nächste Woche mein erstes Jobinterview als Studienabsolvent! Fange ich bei der Bewerberstory mit der aktuellen Tätigkeit (Abschlussprojekt) an? Wie begründe ich einen Studiengangwechsel (1 Semester) und eine nicht abgeschlossene Ausbildung (10 Monate) nach dem Abitur?
Gerhard Winkler: Hey, Denjo, wenn Sie bei der Schilderung Ihres Werdegangs mit dem Aktuellen beginnen, müssen Sie zeitlich zurücklaufen oder springen. Machen Sie das aktuelle Projekt zu einem Höhepunkt und führen Sie Ihre Geschichte darauf zu. Zum Abbruch bzw.. Wechsel: "Da gibt es nichts zu begründen. Ich war dabei mich zu suchen ... es hat eine Weile gedauert, bis ich klar gesehen habe."
JA: Guten Abend, Herr Winkler, nachdem ich heute wieder einmal laut lachend ob mancher pointierter Formulierung auf Ihren Seiten vor dem Computer saß, schaue ich nun auch mal im Chat vorbei. Auch eine Frage zum Anschreiben: Ich bin nun soweit, doch einmal ein Online-Formular eines großen Konzerns zu bedienen, der nichts anderes mehr zulässt, jedenfalls nach Aussage der zuvor telefonisch kontaktierten Personalerin. In dieser Datenbank darf ich ein Anschreiben als Dokument ablegen. Ich erstelle also ein normales Brief-Anschreiben (mache sonst Bewerbungen nur per E-Mail). Ist es dann ausreichend, eine zuvor eingescannte Unterschrift darunterzusetzen, oder muss ich ein echtes Anschreiben auf Papier erstellen und dann einscannen, gar mit solchen Albernheiten wie handgeschriebenem Datum?
Gerhard Winkler: Hallo, JA! Nein! Auf keinen Fall aufwendig! Wenn es ein Textfeld gibt, in das man sein Anschreiben kopieren kann: Rein damit. Wenn Sie Anschreiben plus Lebenslauf separat hochladen, dann das Anschreiben als PDF nach den Regeln der Geschäftskorrespondenz gestalten und maschinenschriftlich unterschreiben. Den Lebenslauf nicht signieren!
kathleen: Hallo Herr Winkler, ich habe langsam das Gefühl, mich stellt niemand ein, weil ich 32 Jahre bin und eine Frau. Wie kann ich in der Bewerbung deutlich machen, dass Familie für mich im Moment nicht in Frage kommt?
Gerhard Winkler: Mit 32 sind Sie für typische Einsteiger-Positionen zu alt. Es gibt keine typischen Männerberufe mehr - egal, was Sie beruflich machen wollen: Versuchen Sie es! Oder kommen alle Bewerbungen sofort zurück?
kathleen: Zu Ihrer Frage: Die Bewerbungen/Absagen kommen nicht SOFORT zurück. Die Sache ist die: Ich habe nach dem Abi eine Ausbildung gemacht, danach in meinem Beruf gearbeitet, dann zum Studium aber in einen völlig anderen Bereich gewechselt. Ich bewerbe mich aktuell auf Volontariate, weil meine Arbeitserfahrung Jahre zurück liegt und ich nach dem Studium in dem Berufsfeld, auf das ich mich bewerbe, ein "Berufsanfänger" bin.
Gerhard Winkler: Hi Kathleen, Sie sind ein bisschen älter und erfahrener als andere Einsteiger, aber das sollte doch eher ein Pluspunkt sein, auch wenn Sie sich im neuen Berufsfeld bewerben. Lassen Sie nicht Ihr Selbstvertrauen erschüttern! Sie haben sich in Jobs bewährt, Sie haben ein Studium gepackt. Seien Sie stolz auf Ihre Leistungen!
kathleen: Danke für die aufmunternden Worte. Ich sehe das genauso. Aber so ein verknöcherter Personaler, der seine Personalkosten niedrig halten will, hat in Deutschland vielleicht Angst vor Frauen in den 30ern. Wie signalisiere ich also, dass ich einen Job möchte, und nicht gleich nach einem halben Jahr schwanger sein werde?
Gerhard Winkler: Ehrliche Antwort: Sex Appeal runterfahren, sich neutraler kleiden und geben. Dem männlichen Blick keine Ansatzpunkte geben. Ich bin aber guter Dinge, dass Sie mit 32, als Frau, den qualifizierten Job kriegen, den Sie verdient haben!
Daniel: Guten Abend! Irgendwo habe ich bei Ihnen mal gelesen, dass nur relevante Fakten in das Anschreiben kommen. Nun habe ich ein Doppeldiplom BWL und VWL mit je 2 Spezialisierungen, die natürlich nicht alle für einzelne Bewerbungen relevant sind. Bei meinem kostenpflichtigen Kurzcheck rät mir Ihre Praktikantin trotzdem, beide Diplome mit allen vier Spezialisierungen zu erwähnen --> was nun?
Gerhard Winkler: Daniel, Sie ragen dank Ihrer Qualifizierungen aus der Masse der jungen Kaufleute und Volkswirte heraus. Das klarzustellen, kostet kaum Platz im Anschreiben und transportiert ihre Exzellenz!
Petra: Hallo Herr Winkler, Sie haben vor ein paar Monaten einen Kurzcheck meiner Bewerbung gemacht, vielen Dank! Es hat auch schon Früchte getragen, ich kann im August eine Umschulung zur Arzthelferin machen. Meine Frage jetzt, habe am Donnerstag einen Vorstellungsgespräch in einer Zeitarbeitsfirma für eine Stelle zur Bürokauffrau, ich weiß nicht so recht, was ich jetzt machen soll, auf der einen Seite möchte ich richtig Arbeiten und Geld verdienen und auf der anderen Seite doch lieber die Ausbildung machen. Was denken Sie, was besser ist?
Gerhard Winkler: Liebe Petra, richtig arbeiten werden Sie auch in der Ausbildung und nach einer qualifizierten Ausbildung werden Sie besser arbeiten, mehr verdienen und vermutlich auch zufriedener sein.
Petra: Mh, schwierig! Ich habe aber schon eine Ausbildung gemacht zur Informatikkauffrau! Bin aber durch Erziehungszeit schon 5 Jahre raus.
Gerhard Winkler: Manche machen in dieser Phase eine Weiterbildung, um wieder reinzukommen. Besser wäre, es findet sich ein Arbeitgeber, der Sie wieder ins Thema reinwachsen lässt.
ratlos: Hallo und guten Abend. Welche Möglichkeiten habe ich als Berufsanfänger außer Praktika (sind im ländlichen Raum nicht möglich)?
Gerhard Winkler: Lieber Ratlos, im ländlichen Raum ist der Jobmarkt überschaubar. Besuchen Sie die Akteure und stellen Sie sich vor. Ansonsten machen Sie das, was junge Heldinnen und Helden vom Lande machen: Gehen Sie in die Stadt!
ratlose2: Ich habe alle in Frage kommenden Firmen kontaktiert und nachgehakt. Es ist nichts möglich, bzw. es wird erst Recht niemand gesucht. Die nächste Großstadt ist über 30 km entfernt. Habe zwar dort auch Kontakt mit diversen Zeitarbeitsfirmen aufgenommen, höre von denen nichts, diese haben nichts für mich (ich bin regional gebunden!!) oder ich bekomme selbst von Zeitarbeitsfirmen nur Absagen.
Allgemein nur Absagen, Ausbildung abgeschlossen (bald 6 Jahre her), diverse Weiterbildungen - kaufmännischer Bereich. Ich habe nur seit Ausbildungsende keine Berufserfahrung sammeln können. Auf Nachfragen, warum Absage geschickt wurde, wird sich meist hinter dem AGG versteckt. Ein Problem dürfte unter Umständen auch sein, dass selbst bei den Zeitarbeitsfirmen zwei bis drei Jahre Berufserfahrung verlangt werden - diese ignoriere ich meist schon. Meine Erfahrung ist, dass es so gut wie keine Einsteigerpositionen mehr gibt?!?
Gerhard Winkler: Ich gebe Ihnen recht: Sie brauchen erste berufliche Erfahrung. Bieten Sie sich als Praktikantin, als freie Mitarbeiterin an. Schauen Sie zugleich, wo es in Ihrer Region überhaupt noch Arbeit gibt. Orientieren Sie sich beruflich um. Arbeiten Sie erst einmal irgend was, um überhaupt etwas zu tun.
Sara: Großunternehmen bieten häufig ähnliche Stellen an, die für mich als Studienabsolventin in Frage kommen. Sieht es sehr verzweifelt aus, wenn ich mich gleichzeitig auf unterschiedliche Positionen bewerbe? Insbesondere, wenn nicht immer verschiedene Ansprechpartner angegeben sind?
Gerhard Winkler: Ich finde es zielführender, sich für eine einzige Stelle so stark wie nur möglich aufzubauen und sich zu positionieren. Starken Bewerbern, die sich für A beworben haben, wird man B anbieten, wenn A anderweitig vergeben wird oder wenn man findet, dass der Kandidat besser zu B passt. Sie schwächen Ihre Argumentation, wenn Sie sich auf mehrere Positionen bewerben.
Christian: Hallo Herr Winkler, ich halte mich zum Thema "Engagement" relativ bedeckt, weil ich glaube, dass man das eher im direkten Gespräch, wenn man die Reaktion seines Gegenübers einschätzen kann, diskutieren kann, sofern es überhaupt gefragt ist. Nun weist ein Unternehmen extra darauf hin, dass man schon in der Bewerbung wissen möchte, mit wem man es zu tun habe. Daher die Frage: Ich bin ehrenamtlich tätig als Vorsitzender des Fördervereins eines großen, renommierten Kirchenchores, in dem ich natürlich auch mitsinge. Sie verwenden Chöre ja gelegentlich als ironisches bis abschreckendes Beispiel. Würden Sie den Fördervereins-Vorsitz dennoch unter Engagement angeben?
Gerhard Winkler: Lieber Christian, ich empfehle Ihnen 1. THE BOOK OF MADRIGALS des Leipziger Ensembles AMARCORD, 2. bei jeder Jobgelegenheit einfließen zu lassen, was Sie ehrenamtlich tun. Jobanbieter lieben Leute, die in Chören, Ensembles, Gruppen ihren Platz finden und zum Erfolg des Ganzen beitragen!
Christian: Wie sieht es nach Ihrer Meinung aus mit dem Engagement in einer Studentenverbindung (eine "anständige", pflichtschlagend, aber weder politisch noch konfessionell gebunden). Vor einigen Jahren war ich dort Mitglied des Präsidiums des Dachverbandes (immerhin rund 1500 Studenten und über 11000 "Alte Herren") und habe als Sprecher mehrere Verbandstagungen organisiert und geleitet, zum Teil auf Veranstaltungen mit mehreren Tausend Teilnehmern Reden gehalten und/oder diese geleitet. Ich würde schon sagen, dass das meiner Persönlichkeitsentwicklung nicht abträglich war. Dennoch verschweigen - zumindest im Lebenslauf - weil sofort abgelegt in Schublade "Verbindung = politisch rechts" etc., oder wird der moderne Personaler hier differenzierter bewerten?
Gerhard Winkler: Geben Sie es nur dann nicht an, wenn Sie definitiv wissen, dass der Rekrutierer politisch in einem Lagerdenken feststeckt, sein berufliches Handeln davon lenken lässt und wenn Sie sich dennoch bei ihm verdingen wollen.
Christian: Vielen Dank für den Rat. Nur wie bekomme ich im Vorfeld heraus, ob der Rekrutierer so tickt? Das ist ja gerade das Risiko. Oden soll ich dann ggf. eine Absage aus diesem Grund in Kauf nehmen, als Preis für die besseren Chancen anderswo?
Gerhard Winkler: Wenn Sie diese Angabe aus Gründen einer politischen Korrektheit aus dem Lebenslauf verbannen müssen, sehe ich für Deutschlands politische und wirtschaftliche Zukunft rabenschwarz.
VR: Hallo Herr Winkler, das mit dem Ehrenamt macht mich neugierig. Habe lange Zeit ehrenamtlich eine Schreibgruppe geleitet, bin zum zweiten Mal stellvertretender Vorsitzender eines schulischen Fördervereins. Wieso lieben Jobanbieter das? Apropos: Herr Winkler, was würden Sie denn auf die (schauerlichen) Fragen nach dem optimalen Vorgesetzten oder dem größten Misserfolg anbieten?
Gerhard Winkler: Na klar! Rein mit den Ehrenämtern in den Lebenslauf! Man kriegt doch als Jobanbieter einen Kandidaten, der sich auch noch nachweislich bemüht: Der sich gute Sachen zu eigen macht! Menschen, die sich engagieren, gibt es heute Abend hier im Chat, aber dort draußen eher seltener.
SIR Puck: Moin Moin Herr Winkler, ich scheine so eine Art "Abschlussschwäche" zu haben. Anschreiben und LL sind wohl okay - da ich öfters mal eingeladen werde. Trotzdem klappt es dann aus verschiedenen Gründen nicht. Da ich selber schon öfters Personal eingestellt habe, kenne ich beide Seiten – es hilft mir aber auch nicht weiter. War sogar beim Bewerbungstraining - leider war der Dozent so schlecht, dass ich Teile des Unterrichts gestalten musste, damit die anderen TN überhaupt was aus dem Kurs mitnehmen. Was soll ich nun machen?
Gerhard Winkler: Versuchen Sie, die Jobinterviews zu lenken? Antworten Sie nicht konkret genug? Sind Sie dank Ihrer Erfahrung so überlegen, dass Sie vergessen, Begeisterung zu zeigen?
.SIR Puck: Versuchen Sie, die Jobinterviews zu lenken? Antwort: Kommt auf meinem Gesprächspartner an - wenn er es zulässt, leite ich das Gespräch. Antworten Sie nicht konkret genug? Antwort: Bin vielleicht manchmal zu ehrlich - das scheint die Leute eher abzuschrecken. Sind Sie dank Ihrer Erfahrung so überlegen, dass Sie vergessen, Begeisterung zu zeigen? Antwort: Nein - wenn mir die Firma gefällt, sage ich das direkt!
Gerhard Winkler: Die hohe Kunst der Gesprächsführung besteht darin, zu jeder Zeit den Jobanbieter darin zu bestärken, dass er das Gespräch kontrolliert. Seien Sie gegenüber dem Jobanbieter nicht zu dominant. Und ersparen Sie ihm harte Wahrheiten.
zahlenrodeo: Meiner Erfahrung nach kann ich als Absolventin kein Praktikum mehr machen (Stichwort Generation Praktikum, Fair Company). Welche Möglichkeiten habe ich sonst an Berufserfahrung in meinem Bereich zu kommen?
Gerhard Winkler: Na ja, Praktikum ist der terminus technicus für befristetes Ausbeutungsverhältnis. Ich kann schlecht raten, dass Sie sich ausbeuten lassen, aber ich würde Praktikumsangebote schon genau prüfen.
Lena: Guten Abend Herr Winkler, ich habe eine interessante Stellenausschreibung entdeckt, auf die ich mich bewerben möchte. Der Arbeitgeber verlangt einen handgeschriebenen Lebenslauf. Nun habe ich zwei Fragen: 1.: Soll dieser Lebenslauf dann tabellarisch sein oder als ausformulierter Text (so wie man das früher gemacht hat) geschrieben sein? 2.: Wenn nicht explizit etwas von einem Lichtbild dabei steht, ist dann auch keines verlangt? Vielen Dank im Voraus!
Gerhard Winkler: Liebe Lena, handschriftlich würde ich immer ausformulieren. Den tabellarischen, maschinenschriftlichen Lebenslauf legen Sie stillschweigend dazu.
sb: Hallo Herr Winkler. Ich habe nach dem ersten Vorstellungsgespräch (welches ich als sehr positiv in angenehmer Atmosphäre empfunden habe) eine Einladung zu einem zweiten Gespräch erhalten. Neben den bisherigen Ansprechpartnern (Personalabteilung und zukünftige Chefin) ist zusätzlich nur der zukünftige Teamleiter dabei. Was mich irritiert ist, dass zwischen erstem und zweitem Termin 3 Wochen liegen. Laden (große) Unternehmen oft mehrere Bewerber zu mehreren Gesprächen ein oder kann ich mir größere Hoffnungen machen? Vielen Dank für Ihre Einschätzung.
Gerhard Winkler: Sie sind einer von Zweien oder Dreien. Gehen Sie rein und fighten Sie wie beim ersten Mal! Nicht nachlassen!
Stephan: Vielen Dank Herr Winkler für Ihre Zeit und Mühe im Chat. Super Sache! Ich bin sicher, wir lernen uns auch noch persönlich kennen.
zahlenrodeo: Ihre Website gibt viel Selbstvertrauen, das man im Laufe der Zeit schon mal verlieren kann.
zahlenrodeo: Vielen Dank, Herr Winkler und schönen Abend.
Gerhard Winkler: Liebe Leute, es hat Spaß gemacht, mit Ihnen zu chatten! Schönen Abend! Schauen Sie kein Bewerbungsberatungs-TV! Und falls doch, verschütten Sie nicht vor Lachen Ihren Abendtee. Schreiben Sie mir von Ihren Abenteuern auf dem Jobmarkt! Lieben Gruß! Gerhard Winkler
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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