Moderator: Willkommen beim offenen Chat mit dem Bewerbungshelfer Gerhard Winkler.
Gerhard Winkler: Hallo! Schön, dass Sie vorbeischauen! Haben Sie Fragen auf dem Herzen? Stellen Sie sie jetzt, dann profitieren Sie vom Frühfrager-Vorteil! Aber stellen Sie mir bitte keine Frage nach der Relevanz von Frauenfußball, nach dem Sinn von Stresstests oder nach den Vorteilen der Zeitarbeit.
Meine heutige Frage an alle Chatter: Können Arbeitgeber in das Arbeitszeugnis heimlich negative Bewerbungen platzieren? Dazu passt eine Frage aus der heutigen Tagespost, nämlich "inwiefern Arbeitgeber auch untereinander kommunizieren und subtile "Warnsignale" untereinander an Geschäftspartner bzw. andere Firmen geben, um vor einen potentiellen Arbeitnehmer zu warnen."
jörch: Gegenfrage: Welchen Nutzen hat ein ehemaliger Arbeitgeber durch eine - wenn auch heimliche - negative Bewertung? Und will ich wirklich einen solchen Menschen als Referenz haben?
Gerhard Winkler: Nicht jeder, der ein Arbeitszeugnis ausstellt, fungiert auch als Referenz. Eine Referenz ist ein guter Name (plus Jobtitel plus Telefon). Diesen Namen nennen Sie dann, wenn die Person sich für Ihre Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit verbürgt. Dazu muss die Referenzperson qua ihrer Position bzw. ihres guten Rufs selbst höchst vertrauenswürdig sein.
Fabian: Zu Ihrer Frage: könnten Arbeitgeber das nicht, dann wären die Gerichte um einige Fälle entlastet. Das wäre meines Erachtens übrigens nicht das einzige Argument, das gegen Arbeitszeugnisse spricht. Aber ich bezweifle, dass man die im deutschen Bewerbungsprozess so schnell los wird, genauso wie das Foto im Lebenslauf.
Gerhard Winkler: Ich finde Arbeitszeugnisse immer gut, wenn sie von mir getextet sind (schäbiges Bewerbungsberatergrinsen). Gut daran ist, dass ich die Jobbeschreibung präzise und umfassend leiste. Das Arbeitszeugnis wird damit ein Beleg der Leistungen und Verdienste und es ist durch den Arbeitgeber abgesegnet. Ich vermeide die üblichen Floskeln. Damit erhöhe ich den Wahrheits- und Echtheitsgehalt.
Else: In einem meiner Zeugnisse steht keine Danksagung, ansonsten ist es ein sehr gutes Zeugnis. Auch die guten Wünsche für die Zukunft und das Bedauern über das Ausscheiden fehlen nicht.
Gerhard Winkler: Keine Danksagung ist schon ein Grund, um Nachbesserung zu bitten. Sie haben es vermutlich erst gemerkt, als es schon zu spät zum Reklamieren war?
Else: Ja, ich habe es zu spät bemerkt - eine Nachbesserung war und ist leider nicht mehr möglich. Ein gutes Gefühl habe ich nicht dabei.
Gerhard Winkler: Wenn Ihr Arbeitszeugnis von einem Personaler aus vorgestanzten Satzbauteilen montiert wurde und die Danksagung fehlt, dann würde ich da noch mal anrufen und nachfragen. Arbeitszeugnisse sind Readymade, aber leider keine Kunststücke. Wenn man sie in China produzieren könnte, dann enthielten sie auch noch Spuren von Weichmachern. Aber die Danksagung am Ende eines Zeugnisses gehört dazu, genau wie der Glitzerschweif zum rosa Plastikpony.
Else: Ich habe noch nicht erlebt, dass Arbeitgeber untereinander vor einem potentiellen Arbeitnehmer warnen. Allerdings war ich mal dabei, als bei einem früheren Arbeitgeber Informationen über den Bewerber eingeholt wurden. Der Bewerber war gut, aber man war sich wegen der Softskills nicht sicher. Das war der Grund für den Anruf.
Gerhard Winkler: Ich gebe in Anschreiben meist Namen und Durchwahl von Referenzen an - das ist eine explizite Aufforderung an den Jobanbieter, anzurufen und Auskünfte einzuholen! Ja, ich habe Vorgesetzte von mir überzeugt! Ja, es treten Geschäftsführer, Manager, Meister für mich ein! Los, prüf es nach!
Else: Ja, das mache ich jetzt auch in meinen Anschreiben - Namen und Durchwahl von Referenzen angeben. Dann kann der zukünftige Arbeitgeber, wenn ihm die fehlende Danksagung im Zeugnis auffällt, auch gleich seine Zweifel beseitigen.
Gerhard Winkler: Gut. Wenn Sie jemanden aus dem Unternehmen angeben, belegt das die positiven Statements und Beurteilungen des Zeugnisses.
Eva: Hallo Herr Winkler. Ich bewerbe mich zur Zeit nach langer Selbstständigkeit. Ich habe daher keine verwertbaren Zeugnisse. Bin dazu übergegangen, im Anschreiben auf Empfehlungen zu verweisen. Sollte nun eine konkrete Abfrage der Empfehlungsgeber erfolgen, möchte ich dies gern steuern. Die Frage ist wie?
Gerhard Winkler: Es hilft nichts. Referenzgeber, die ihren Mentorenjob nicht souverän und erfahren ausfüllen, muss man instruieren. Sonst verhaspeln sie sich bei der Hauptbotschaft und schlampern bei den Details. Bereiten Sie ein kurzes Memo, was Sie für den Fürsprecher alles unternommen, gemacht, erreicht, bewirkt haben. Erniedrigen Sie sich nicht so weit, dass Sie Ihrem Förderer eine Liste Ihrer Soft Skills und persönlichen Qualitäten vorlegen. Das wollen im Übrigen die Jobanbieter auch gar nicht im Einzelnen hören. Denen reicht das Statement: "eine gute Frau".
Simon: Ich habe neun Vertragsangebote, haben Sie zwei Tipps: 1. Wie sage ich stilvoll ab? 2. Generell: Welche Entscheidungsparameter wären für Sie entscheidend?
Gerhard Winkler: Hallo, Simon, neun Jobangebote sind nur schwer zu toppen! Wie oft haben Sie sich beworben? Neunmal? Eine Vorlage für die elegante Absage per Mail können alle Chatteilnehmer dieses Abends nach dem Chat bei mir anfordern: Schreiben sie eine Mail mit dem Betreff Chatteilnehmer an gwinkler@jova-nova.com
Ein US-amerikanischer Ratgeber schrieb einmal, dass man immer das Angebot nehmen soll, bei dem man am meisten verdient. Das ist kalt, schnöde und meistens richtig.
Simon: Nein, 15 Mal habe ich mich beworben, aber bei 6 Angeboten bin ich noch im Prozess.
Gerhard Winkler: Wenn Sie so gut im Rennen sind, prüfen Sie genau, an wen Sie sich binden. Vielleicht sind Sie Berufseinsteiger – die erste Station sollte Sie schon zwei Jahre lang fesseln und fachlich voranbringen.
Simon: Hm, sehr amerikanische Einstellung - es gibt auch Schmerzenkompensation. Merci!
Gerhard Winkler: Ihre Vergütung ist ein ziemlich guter Indikator für Ihren Status. Entscheiden Sie sich jetzt für den Job mit der hohen Vergütung, wird sich das auch beim nächsten Karriereschritt positiv auswirken. Klar, dass Sie alle anderen Faktoren auch mitbedenken.
Fabian: Hallo Herr Winkler, wie (das heißt in welcher Kategorie) dokumentiere ich im Lebenslauf am besten Mitarbeit in Open Source Projekten - es ist keine bezahlte Arbeit, das einzige Zeugnis sind die Commits im Repository, aber als angehender Informatiker sehe ich das eigentlich mehr als eine professionelle Tätigkeit denn als ein ehrenamtliches" Engagement.
Gerhard Winkler: Kann man auf die Commits im Repository irgendwie verweisen? Dann haben Sie doch schon einen Beleg für Ihr Engagement. Was Sie da genau beitragen, würde ich im Lebenslauf en detail (aber nicht ausufernd) dokumentieren.
andy: Hallo Herr Winkler, was mache ich, wenn ich erst nachträglich merke, das heißt nach einem dreiviertel Jahr, dass ich gerne den Arbeitgeber wechseln möchte, da mir die Aufgaben nicht anspruchsvoll genug erscheinen und ich das beste Angebot angenommen habe?
Gerhard Winkler: Hi Andy, falls das Jobglück in der neuen Stelle ausbleibt: 1. Seine Erfahrungen, Sorgen, Nöte erst einmal schriftlich niederlegen, überdenken und sortieren. 2. Warten, bis man die günstige Gelegenheit für ein Gespräch mit dem Vorgesetzten findet. 3. Die Überlegungen vortragen - das muss man vielleicht vorher ein bisschen üben. 4. Dem Vorgesetzten die Chance geben, dass etwas positiv geändert wird.
Gast: Wie gehe ich am besten mit einer größeren Lücke (1Jahr seit Studienabschluss) im Lebenslauf aufgrund eines nichterfüllten Vorhabens und anschließender Umorientierung um?
Gerhard Winkler: Ein nicht erfülltes Vorhaben (Reise, Geschäftsgründung, Buchprojekt oder dergleichen) haben Sie eine Zeit lang intensiv betrieben. Das, was man gemacht, verfolgt, unternommen hat, kann man doch einmal versuchshalber in den Lebenslauf aufnehmen. Sieht es komisch aus? Albern? Unpassend? Wenn nicht, kann es doch bleiben und den fraglichen Zeitraum belegen.
Pa510: Hallo. Ich habe meinen Bachelor-Abschluss in Griechenland gemacht und möchte mich jetzt in Deutschland für ein Masterstudium bewerben. Ich habe mir nach dem Bachelorstudiengang ein Jahr nichtproduktive Pause gegönnt. Ist es in Ordnung, wenn ich es auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Griechenland zurückführe (habe halt keinen Arbeitsplatz gefunden). Kommt so eine Information in das Motivationsschreiben?
Gerhard Winkler: Ich würde im Anschreiben nie notieren, was ich nicht gemacht habe und ich würde auch keinesfalls erklären, warum ich etwas nicht gemacht habe. Das Anschreiben handelt von Ihrer besonderen Jobeignung und ist keine Lebensbeichte. Erklären Sie nichts. Präsentieren Sie Ihre bisherigen Lern- und Jobleistungen, Ihr Wissen und Können und Ihren Bewerbungsgrund.
Else: Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich meinen früheren Beruf und meine erste Ausbildung im Anschreiben erwähnen soll, wo doch diese Stationen rein gar nichts mit den Stellen zu tun haben, auf die ich mich heute bewerbe. Ich habe es erst mal getan, ein Feedback habe ich aber noch nicht auf die Bewerbungen. Was meinen Sie, Herr Winkler?
Gerhard Winkler: Das kommt wirklich nur darauf an, wie und womit Sie den Platz im Anschreiben füllen. Ich verweise oft zumindest pauschal auf frühere Positionen und Arbeitgeber und ich lege auch oft eine erste betriebliche Ausbildung bei. Arrangieren Sie Ihre Argumente wie einen Blumenstrauß. Das Gesamtbild muss stimmig sein. Die erste betriebliche Ausbildung ist da manchmal des Kontrastes wegen notwendig - wie ein grüner Zweig in einem Bouquet von Rosen.
Gerhard Winkler: Liebe Jobfinder: Unterfüttern Sie Ihre Bewerbungen stets mit Ihren Arbeitszeugnissen und Nachweisen? Oder bewerben Sie sich auch ohne? Kommt man nur mit Anschreiben und Lebenslauf überhaupt an?
Florian: Mit den wichtigsten Zeugnissen. Plus Angabe einer Referenz im Anschreiben.
Gerhard Winkler: Das ist mutig und zugleich clever. Nicht Vollständigkeit ist das Ziel, sondern Glaubwürdigkeit und Abbau des Misstrauens seitens des Jobanbieters.
jörch: Ich sende immer das "volle Brett". Muss man meines Erachtens aber nicht. Meinen ersten Job habe ich in der Taxe auf Nachtschicht "geschossen".
Gerhard Winkler: Schreibende Taxifahrer waren mir schon immer etwas unheimlich ...
Johannes: Ich lege meinen Bewerbungen 5 - 10 Zeugnisse bei. Dabei will ich weder meine Leistung verbergen, noch möchte ich zu pedantisch sein und jede noch so kleine Referenz mitschicken (Personalentscheider soll sich nicht erschlagen fühlen). Tendieren Sie dazu eher mehr oder eher weniger Dokumente beizulegen? - Diesen Beitrag beantworten
Gerhard Winkler: Die qualifizierenden Abschlüsse, die Arbeitszeugnisse der letzten 5 bis 10 Jahre, die letzten Weiterbildungsnachweise würde ich einbeziehen. Die Nachweise belegen nicht alles, was Sie je gemacht haben, sondern alles, was aus der Sicht des Jobanbieters verifiziert werden muss.
Florian: Bei mir hat es übrigens nach 120 Bewerbungen nun doch endlich funktioniert. Unter anderem habe ich auch Ihre Beratung in Anspruch genommen.
Gerhard Winkler: Glückwunsch! Puh! Sie hatten einen langen Atem! Wie lange haben Sie gesucht?
Florian: Genau 1 Jahr. Hamburg scheint ein schwieriges Pflaster zu sein - da hatte ich es als Rheinländer ziemlich schwer. Aber nun bin ich glücklich und freue mich auf die neue Herausforderung!
Gerhard Winkler: Tragen Sie eine Barbourjacke über Ihrem englischen Sakko. Wellen Sie Ihre Haare, damit sie liegen wie von einer steifen Brise geföhnt. Schauen Sie kühl aus wasserblauen Augen. Wundern Sie sich nicht laut, dass es in HH ständig regnet. Dann sind Sie assimiliert!
Florian: Übrigens eine gelungene Serie beim Spiegel "Erste Hilfe Karriere" - lese ich immer wieder gern!
Gerhard Winkler: Es ist schön, aber nicht unbedingt verdienstvoll, dort Ernsthelfer zu sein.
twinkypinky: Guten Abend in die Runde, nach einiger Zeit der Abstinenz bin ich beruflich wieder mitten im Auge des Taifuns und mitten im Getümmel der schlechten Bewerbungen, der faulen Ausreden und der suboptimalen Werdegänge gelandet. Ein paar Perlen sind aber dabei, die dankbar den Tipp der Optimierung ihrer Unterlagen annehmen. Aber viele glauben leider mit ein paar belanglosen und beliebigen Zeilen sei es getan. Das ist die Chance für diejenigen, die sich ein wenig die Mühe machen. Was mir an Ihren Seiten (und den Büchern) ein wenig fehlt, ist die Vorlage für den einfachen Facharbeiter oder dem gestandenen Malocher, dessen Betrieb von der Kooperation mit chinesischen Produktion erfasst wurde. Quasi Anschreiben ein klein wenig weniger anspruchsvoll - vom beruflichen Niveau gemeint. Ich versuche das schon ein wenig runterzubrechen, aber das ist naturgemäß sehr mühsam. Wenn man bestenfalls was gehört hat, dann ist es der Käse von Hesse&Schrott. Ne Frage hab ich eigentlich nicht, naja, oder doch! Gibt es Sie bzw. Ihre Tipps irgendwie auf zwei Seiten eingedampft, kompakt - praktisch - gut? So als erste Handreiche für die Ratsuchenden? Denn Ihre Homepage kann ja den einfachen Mann und Frau doch leicht erschlagen.
Gerhard Winkler: Hi, twinkypinky, meine Anschreiben sind doch was für Leute, die wie Sie klar denken und Klartext reden. Mein Kurz-Tipp: 1. Sprich entschieden aus, was KONKRET für Dich spricht. 2. Zähl dabei alle Deine jobrelevanten Verdienste auf; das Wichtigste zuerst. 3. Schwätz nicht von Deinen persönlichen Stärken. Der Jobanbieter liest sie sowieso aus Deinem Lebenslauf. 4. Gib einen oder zwei Fürsprecher an, die das bestätigen, was Du über Dich aussagst. 5. Falls Du einen guten Grund hast, warum Du Dich ausgerechnet bei diesem Arbeitgeber bewirbst, nenn ihn am Ende Deiner Mail. 6. Übernimm keine Sätze von Anschreiben-Vorlagen. 7. Schwätz nicht so gebildet. Sag, was Sache ist und fertig.
Heidi: Hi, ich arbeite jetzt schon 6 Jahre nach Promotion und habe gerade meinen dritten Job angefangen. Bin schon zufrieden, da mehr Geld und mehr Verantwortung, aber es ist noch nicht ganz mein Traumjob, den ich bis jetzt noch nicht angeboten bekommen habe. Meine Frage: sofort weiter bewerben, die Zeit läuft, oder sich finden lassen und eher passiv vermarkten?
Gerhard Winkler: Passiv vermarktet haben sich die Eingeborenen, bis sie von Kolumbus entdeckt wurden. Passiv vermarkten bedeutet, die Stelle zu orten und sie auch zu besetzen, wo Entdecker vorbeispazieren. Sind Sie so unschuldig, clever und dreist?
Gerhard Winkler: Liebe Chatter, Ihre letzten Fragen sind für Sie noch unsichtbar. Ich beantworte sie offline und stelle den Chatmitschnitt wieder morgen auf jova-nova.com ein. Vielen Dank für das gute Gespräch!
Gerhard Winkler: Schönen Abend! Bis zum nächsten Chat!
26 unterschiedliche IPs im Chat (ohne Moderator und Experte): Fabian, Stehauffrau, Heidi, wiesel, Johannes, Bewerber, emil, Carmen, Arnd, knitzer, fribbeldipp, Pa510, Eva, Florian, RobertB, Else, luise, Wüstenfuchs, Ich, twinkypinky, Sascha, chico, crs, Gast, Gerhard Winkler, Thorsten Allgaier, hope, jörch