Moderator: Willkommen beim offenen Chat mit dem Bewerbungshelfer Gerhard Winkler.
Gerhard Winkler: Liebe Jobfinder! Aktuell 4.7 Grad in Neuenhagen bei Berlin. Uns wird es warm um's Herz, wenn wir an den Frühling denken (kommt bald) oder an den Frauentag (kommt am 8. März) oder an die nächste Einladung zum Jobinterview (unverhofft kommt oft.). Was haben Sie auf dem Herzen? Ich freue mich auf viele Fragen!
Victoria: Hallo, Herr Winkler, wir sind zurück gekommen nach einem 5-jährigen Auslandsaufenthalt. Mein Mann sucht einen Job als kaufmännischer Leiter schon seit 4 Monaten. Bis jetzt sind alle von seinen Unterlagen begeistert und das Gehalt passt auch, jedoch kommt er bei den regulären Ausschreibungen trotzdem nicht zu einer Stelle. Wissen Sie, wie man Stellen als kaufmännischer Leiter suchen kann? Viele reden von einem grauen Markt? Grüße, Victoria.
Gerhard Winkler: Liebe Victoria, willkommen zurück im Land, wo die Sonne immer scheint. Offenbar hat Ihr Mann öfter schon die erste Hürde überwunden. Unterlagen stimmen, Gehaltswunsch passt – warum einigt man sich dann nicht auf ihn? Es sieht so aus, als ob alles in Ordnung wäre, aber ein bestimmter Umstand verhindert, dass Ihr Mann ernsthaft in Frage kommt. Der geheimnisvolle graue Jobmarkt ist nichts anderes als die schon immer praktizierte Methode, erst einmal im Unternehmensumfeld zu schauen, ob sich für eine Position ein Kandidat findet. Ihr Mann könnte sich über Online-Profile sichtbar machen, Headhunter kontakten, alte Bekannte einspannen, direkt in Firmen anrufen, soziale Treffpunkte und Events nutzen, um sich diskret nach einer Vakanz zu erkundigen.
ww75: Guten Tag, Herr Winkler. Vielen Dank für Ihr Chat-Angebot heute. Ich habe im Januar einen neuen Job bei einem Dienstleister begonnen. Habe mich etwas unter Wert verkauft. Erst nach den Gehaltsverhandlungen kam dann raus, dass ich ein Projekt bei einem Kunden in der Schweiz machen soll. Es läuft irgendwie auf Arbeitnehmerüberlassung raus. Der neue Job dort bringt mir neue wichtige berufliche Qualifikationen. Bin aber mit der allgemeinen Situation unzufrieden. Kann ich Nachverhandlungen ansetzen? Meine Karten sind nicht ganz schlecht. Traue dem Chef aber auch zu, mich auf die Straße zu setzen. Eventuell plane ich auch, im Herbst einen Master zu beginnen. Habe jetzt den Spagat zwischen Qualifikationen und Unzufriedenheit. Welche Punkte würden Sie bei einer Entscheidungsfindung ansetzen? Könnte mir auch vorstellen, mich vom Kunden übernehmen zu lassen. Die haben aber Einstellungsstopp. In meinem Job habe ich schon über 5 Jahre gearbeitet. Der neue Bereich ist ähnlich, aber doch anders. Habe das Grundwissen auch im Studium abgedeckt. Wie schwierig ist es, mit eher weniger Berufserfahrungen in das neue Berufsfeld zu wechseln?
Gerhard Winkler: Spontan und in aller Kürze: Erst einmal daran arbeiten, dass man die Probezeit übersteht. Nicht abspringen, schon gar nicht ohne neuen Arbeitsvertrag! Der Master im Herbst ist eine Taube auf dem Dach. Bleiben Sie schön unten! Innerhalb der ersten Tage oder Wochen nachzuverhandeln, macht Sie schnell zum unbeliebtesten Newcomer einer Organisation.
cklaus: Hallo Herr Winkler, ich habe erst ein Praktikum nach meinem Studium gemacht (5 Monate), dann 2,5 Monate gesucht, dann 6 Monate gearbeitet, allerdings sind die Aufträge ausgefallen und nun bin ich wieder auf der Suche, das heißt, seit November. Ist es schlimm, wenn ich sage, dass ich die ganze Zeit gesucht habe, und es deshalb so lange gedauert hat, weil ich die Unternehmen nacheinander angeschrieben habe und nicht gleichzeitig eine Massenbewerbung versendet habe?
Gerhard Winkler: Ich weiß, es ist für den, der wie Sie mitten im Dunkel einer Durststrecke steckt, nicht nachvollziehbar. Doch es ist wirklich nicht schlimm, wenn die Jobsuche eine Weile, auch Monate, dauert. Vor allem, wenn Sie damit im Dezember gestartet sind! Eine positive Leistungsbilanz im Lebenslauf wird auch nicht durch Phasen der Inaktivität geschmälert.
NS: Hallo Herr Winkler, ich bin in Elternzeit und bemühe mich um eine neue Stelle so schnell wie möglich. Meine Fragen sind: Soll ich meine letzte Tätigkeit in Gegenwart beschreiben oder in Vergangenheitsform? Kommt beim Lebenslauf, das Aktuelle nach oben? Oben würde Elternzeit stehen, das kommt doch nicht gut an!?! Leider habe ich mir auch kein Zwischenzeugnis vor der Elternzeit erstellen lassen und heute ist keiner mehr in der Firma, der mich kennen würde. Kommt es gut an, wenn ich auf die Kontaktdaten meines Vorgesetzten von damals verweise?
Gerhard Winkler: Hallo, NS! Die Elternzeit ist im aktuellen Jobeintrag (in der rechten Spalte) eingerückt am Ende platziert:
seit 05.2006 Assistentin, Laws & Laws AG, Berlin
dies & das; Büromanagement; etc.
seit 09.2010 Elternzeit
Ganz oben darf sie nicht stehen!
Ihre Aufgaben und Zuständigkeiten beschreiben Sie am besten in der Vergangenheitsform Sie können nicht so tun, als ob Sie Ihren Job auch in diesen Tagen machen. „Nach einer zweijährigen Elternzeit möchte ich mich jetzt wieder voll auf meinen Beruf konzentrieren.“ – Den Ex-Vorgesetzten würde ich als Referenz angeben!
NS: Eine weitere wichtige Frage wäre auch, ob ich in einem Anschreiben erwähnen soll, dass meine Kinder bereits einen Betreuungsplatz haben, so könnte ich meine sofortige Flexibilität zeigen.
Gerhard Winkler: Na ja, im Anschreiben würde ich meine besondere Eignung und Befähigung für eine Position abhandeln. Zu Rahmenbedingungen erst ganz am Ende des Texts eingehen! Leser der Chat-Mitschnitte und alle erfahrenen Jobfinder wissen: Am einfachsten ist es, vor dem Versand von Unterlagen beim Jobanbieter anrufen und über alle Vorzüge und Einschränkungen vorab im ersten Kontaktgespräch informieren.
NS: Und wie sieht es mit einem XING-Eintrag aus? Dort habe ich meine Tätigkeit vor Elternzeit noch stehen. Wenn ich diese auf Elternpause umändere, werde ich doch kein Angebot mehr bekommen?
Gerhard Winkler: Liebe NS, Elternzeit ist doch kein Stigma! Erster Grundsatz für den fröhlichen beruflichen Selbstvermarkter: Es ist mein Leben und ich stehe zu allem, was ich gemacht habe! Sie notieren einfach in Klammern (Elternzeit von ... bis)
NS: Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass ein Wiedereinstieg nach Elternzeit sehr schwer sein kann.
Gerhard Winkler: Ich denke, es gibt einen frühen Text dazu auf jova-nova.com. Den Wiedereinstieg in den Job kann man planen und vorbereiten. Ein guter Weg ist immer, in die Organisation zurückzukehren, sich dort wieder einzuarbeiten und zugleich einen Wechsel zu planen, vorzubereiten und umzusetzen.
NS: Eine andere Frage: Bei vielen Firmen ist es möglich, sich über deren Homepage zu bewerben. Kommt es schlechter an, wenn man alle Unterlagen einfach per E-Mail zukommen lässt?
Gerhard Winkler: Haben Sie die Mailadresse eines entscheidungsberechtigten Jobclaim-Verstehers? Das ist jemand, der Ihr Leistungsangebot würdigen und Sie tatsächlich einstellen oder die Einstellung veranlassen kann. Dann bewerben Sie sich ungeniert per Mail, außer es gibt eine generelle Richtlinie, die nur Formular-Bewerbungen zulässt.
vertriebsgirl: Lieber Herr Winkler, meine Bemühungen, aus einer Handelsvertreterin eine festangestellte Vertreterin zu zimmern, sind leider gescheitert. Meine Gehaltsforderungen im Gespräch wurden überhaupt nicht beachtet, obwohl die Bewerbungen super zur Kenntnis genommen worden sind. Einige Personaler haben so getan, als ob dort eine Summe von 50.000 pro Jahr nicht stehen würde. 42 schriftliche Bewerbungen, daraus 15 x erste Termine und wenig später 2 weitere für die zweite Runde, davon wurde einer noch abgesagt. Die Zahlen kamen nicht und man wollte mich mit 25.000 abblocken, so mein Eindruck. Was raten Sie ? Etwas abwarten und im Herbst neu starten? Oder auf Handelsvertreterbasis eine Kooperation suchen? Liebe Grüße aus Hessen!
Gerhard Winkler: Liebes Vertriebsgirl, rufen Sie doch noch einmal die Leute an und fragen Sie nach, wie ein Kompromiss in Sachen Gehalt aussehen könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich im Herbst auf einmal der Markt für eine 50T-Euro-Frau öffnet. Weiterbewerben und beendete Gespräche wieder aufnehmen. Nachfassen gehört zu Ihrem Job!
AM: Guten Tag Herr Winkler. ich stecke gerade in der Bewerbungsphase und mein Lebenslauf ist ein wenig "ungerade". Ich habe vier Studiengänge angefangen, aber keinen Abschluss und habe keine Ahnung, wie ich das Verpacken soll, so dass es positiv klingt.
Gerhard Winkler: Hi, AM. Die vier losen Enden von vier hingepfefferten Studiengängen werden für manchen Betrachter nie ein schönes Bild ergeben. Nichts umdeuten oder beschönigen! Am besten alle vier Studien-Versuche in einen Eintrag zusammenbündeln, möglichst noch mit Schwerpunkten, Projekten, Leistungen, Auslandsstudien etc. aufwerten. Die Rubrik BERUFLICHE PRAXIS oder KENNTNISSE & FÄHIGKEITEN noch vor AUSBILDUNG im Lebenslauf stellen!
AM: Ich habe während meines Studiums immer Teilzeit gearbeitet und habe dann in dem Bereich auch die IHK-Prüfung (Note2) abgelegt und mache inzwischen eine Weiterbildung zum Handelfachwirt. Muss ich dann im Anschreiben überhaupt meine Studienversuche angeben oder reicht das im Lebenslauf?
Gerhard Winkler: Im Lebenslauf würde ich das abgebrochene Studium verzeichnen - außer, die parallelen Jobs decken den gesamten Zeitraum ab und sind an sich schon attraktiv genug, um das wohlwollende Interesse eines Jobanbieters zu gewinnen. Kurzum, wenn Sie die akademischen Exkursionen streichen und der Lebenslauf bekommt keine Lücken, dann weg damit! Im Anschreiben notieren Sie wirklich ausschließlich nur PRO ARGUMENTE. Vielleicht haben Sie im Studium etwas für den Beruf Wesentliches gelernt. Dann bringen Sie es an!
peter: Hallo Herr Winkler, zur Zeit mache ich ein Praktikum und bin gerade auf der Sucher nach einer Diplomarbeit in einem Unternehmen. Meine Frage lautet, wie bringe ich im Anschreiben unter, dass man mit mir im Praktikum sehr zufrieden war bzw. kann ich den Teamleiter als Fürsprecher nennen? Oder sollte man das höchstens bei einer internen Bewerbung tun?
Gerhard Winkler: Hi Peter. Sprechen Sie mit Ihrem Teamleiter ab, dass Sie ihn bei Bewerbungen als Referenz angeben: "mein Vorgesetzter, Herr Rudolf Renntier (030 1234567), Teamleiter Talmi-Produktion bei den Lametta-Werke AG, bestätigt Ihnen gern mein ..."
peter: Als Nachtrag: Ich befürchte, dass sich meine Bewerbung sonst so liest, als hätte man keine Lust gehabt ,mich für eine Diplomarbeit weiter zu beschäftigen.
Gerhard Winkler: Nö, wenn sich im aktuellen Unternehmen nichts für eine Diplomarbeit ergibt, sucht man sich eben ein anderes. Dass Sie als Praktikant nicht in einem Betrieb hängenbleiben, spricht keineswegs gegen Sie!
peter: Wenn er damit einverstanden ist, sind Sie aber grundsätzlich dafür, dass man so einen Satz in der Bewerbung haben sollte?
Gerhard Winkler: Ich bin nicht nur dafür, ich jage sogar den Referenzen meiner Klienten hinterher! Nur der ahnungslose Stenz bewirbt sich ohne Referenz.
ashna: Hallo Herr Winkler, finde ich klasse, dass Sie den Chat anbieten. Nach Studium Ihrer Seite hatte ich ja meine Bewerbung komplett verändert. Was soll ich sagen, die Anzahl der Vorstellungstermine nahm zu. Jobs sprangen dabei zwar heraus, jedoch handelt es sich dabei nur um Minijobs. Aus meinem Beruf bin ich zu lange raus, müsste ich komplett etwas Neues lernen. Allein das nötige Kleingeld dazu fehlt, wenn man vom Staat abhängig ist. Eigentlich habe ich keine spezielle Frage. Ich wollte Ihnen mal Rückmeldung geben, dass mir Ihre Seite doch sehr geholfen hat. Und vielleicht, wenn der Kleine nicht mehr ganz so klein ist, kommt doch ganz unverhofft der Job, mit dem ich alt werden möchte. Ich wünsche Ihnen alles Gute und weiterhin viel Erfolg.
Gerhard Winkler: Liebe Ashna, Ihre Erfahrung hängt weniger mit Ihrem Profil oder Ihrer Mutterschaft als mit dem Unwillen von Unternehmen zusammen, stabile Stellen zu schaffen. Sie sind gut. Ihr Leistungsangebot kommt gut an. Firmen wollen an Ihnen sparen. Vielleicht steigen Sie ein und festigen peu à peu Ihre Position beim Arbeitgeber
klaus: Kann ich im Anschreiben sagen, dass ich mich akademisch (berufsbegleitend) weiterbilden will und hierfür einen Partner suche, der mich gleichermaßen fordert und fördert?
Gerhard Winkler: Gefährlich. Nur, wenn man Sie kennt und schätzt und Sie fördern will, wird man es unterstützen oder zumindest schlucken, dass Sie sich weiterqualifizieren. Als Jobsuchender signalisieren Sie: Ich bin nicht voll da. Ich will was Besseres werden. Und wenn ich es geworden bin, gehe ich vermutlich schnell weg.
klaus: OK, vielleicht habe ich das zu unkonkret formuliert. Das wäre als Zusatzstudium wirklich fachbezogen und speziell, das kann ein AG sich doch nur wünschen, oder?
Gerhard Winkler: Erinnern Sie sich an die gute alte Zeit als Teenie, damals, als man noch vor 22 Uhr zu Hause sein musste? Da haben Sie unbefangen Girlies angesprochen und Ihnen vorgeschlagen, sich gemeinsam weiterzubilden, ohne Angst davor, sich eine Abfuhr zu holen.
Sprechen Sie ebenso unbefangen Jobanbieter an und schlagen Sie einen Deal vor: Ich qualifiziere mich nebenbei fachspezifisch weiter und Ihre Firma profitiert in Echtzeit. Ob Sie damit ankommen? Ausprobieren! Meine Erfahrung sagt: es gibt immer jemanden, der ziemlich genau oder zumindest in etwa das sucht, was man anzubieten hat.
AM: Ich mache meine Weiterbildung, um mich als Führungsnachwuchskraft zu bewerben. Ist es nun sinnvoll, dann die Weiterbildung anzugeben oder nicht? Möchte mich jetzt bewerben, Prüfung ist aber erst im Herbst.
Gerhard Winkler: Aktuelle Weiterbildungen verzeichne ich immer in den Lebenslauf. (Na ja, außer natürlich Bewerbungstrainings. Wobei ich mittlerweile finde, dass eine Teilnahme an meinem Workshop Anders bewerben auf eine pragmatische Einstellung und auf eine prinzipielle Aufgeschlossenheit gegenüber Vermarktungsfragen verweist …) Künftige, geplante, projektierte Maßnahmen kommen in den Lebenslauf nicht hinein. Der Lebenslauf ist eine Bilanz und kein Forecast.
PeterLustig: Wäre ja noch schöner, dann könnte ich ja meine ganzen Pläne auflisten und die Bewerbung hätte 100 Seiten.
Gerhard Winkler: Das wäre dann schon ein Bewerbungsroman: "Ein Mann mit den besten Absichten. Wie ich mich bis zum Jahr 2112 entwickeln möchte."
Fritz: Guten Abend, Herr Winkler, leider bin ich schon etwas länger auf der Jobsuche. Meine Familie lebt in der Stadt X, wobei ich bei einem OEM 200 km weit weg in einer Festanstellung beschäftigt bin (Wochenendpendler). Heute habe ich ein Stellenangebot bei einem Personaldienstleister abgelehnt, da ich befürchte, dass sich das nicht wirklich gut im Lebenslauf macht. Was ist Ihre Erfahrung?
Gerhard Winkler: Die Probleme, die ich als Bewerbungsberater wahrnehme: Personaldienstleister zahlen nicht so gut. Man kommt selbst als fachliche Kapazität oder eigentlich gefragter Spezialist nur sehr schlecht in eine Dauerstellung bei den Firmen, in die man abgeordnet wurde. Die (hier ist mir das passende Schimpfwort entfallen) wollen auch Leute nicht übernehmen, die sich seit Jahren in ein Team einfügen. (Wie heißt denn der schwäbische Diminutiv von Säcke?)
jöarch: Der Diminuitiv ist Säckele (plural) im Badischen, vielleicht. passt's auch im Ländle. Guten Abend zusammen.
Gerhard Winkler: Alla, geh fort, Jöarch! Danke für die sprachliche Auffrischung. Ich bin schon zu lange weg aus Mannheim. (Kurpfälzer, bleibt an Rhein und Neckar! Anderswo ist bloß Brandenburg!) Vielleicht belassen wir es aber in Sachen Einstellungspolitik von Unternehmen beim etwas gröberen Ausdruck. Als Bewerbungsberater sieht man schon einiges an Corporate-Schofeligkeit.
klaus: Darf man an den Interviewer kritische Fragen stellen (wieso er zum Beispiel bei seinem letzten Arbeitgeber weggegangen ist oder sollte man lieber auf lieb machen?
Gerhard Winkler: Jesses Klaus, drehen Sie nicht die Rollen um. Der Interviewer führt das Gespräch. Sie können aber alle Fragen stellen, die ein kritischer Abnehmer eines Jobangebots stellen würde: Firma gesund? Team in Ordnung? Arbeitsplatz mit Cairo- und nicht mit Ikea-Möbeln eingerichtet? Bonus vertraglich geregelt? Etc.
Johannes: Guten Abend, Herr Winkler. Mich interessiert die Frage aus Ihrer E-Mail: Wie stelle ich ein Jahr Bewerbungen im Gespräch dar? Ich bin seit einem Jahr auf der Suche - meine derzeitigen Gespräche wurden im Oktober begonnen. Es zieht sich also – und der Gesprächspartner weiß auch – dass es deshalb teilweise an ihm liegt.
Gerhard Winkler: Hi Johannes, egal, wie lange Sie suchen, egal wie lange sich eine Jobintegration hinzieht: 1. Die Zeit läuft nicht weg. 2. Sie verzweifeln nicht. 3. Sie gehen bei der Jobfindung regelgeleitet vor. 4. Sie gehen mit Ihrem Preis nicht panisch runter. 5. Sie gestalten Ihre Lebensführung so, dass es Ihr Profil aufwertet. 6. Sie verschließen nicht die Augen vor Veränderungen, die Sie selber durchzuführen haben.
Johannes: Thema Weiterbildung: Ich beginne im Herbst ein Studium, zu dem ich jedoch erst zugelassen werde, wenn ich eine Vorprüfung bestanden habe. Bisher bin ich der Meinung, dass ich den zukünftigen Arbeitgeber erst darüber informiere, wenn ich zugelassen bin und das Studium beginne?
Gerhard Winkler: Was steht im Arbeitsvertrag? Weiterqualifizierungen könnten ein Streitthema sein, wenn Sie Ihre Pflichten nur eingeschränkt wahrnehmen können. Ansonsten erst informieren, wenn Sie den Studienplatz in der Tasche haben!
Johannes: Einen Arbeitsvertrag habe ich (noch) nicht. Wie müsste die Weiterbildungszusage aussehen? Ich benötige dann Freistellung an ca. 5 Freitagen pro Halbjahr - durch Urlaub ja durchaus machbar.
Gerhard Winkler: Verhandeln Sie den Job. Erst, wenn der Arbeitgeber sein Interesse am Abschluss eines Vertrags mit Ihnen signalisiert, bringen Sie das Thema selbstfinanziertes berufsbegleitendes Studium an. Nachdem Sie das Gehalt und die sonstigen Dinge durchgesprochen haben.
Johannes: Ich führe seit Oktober Gespräche mit 2 Firmen. Mit A direkt – mit B über Headhunter (vom Arbeitgeber beauftragt). B ist größer und meine erste Wahl. A hat es inzwischen eilig und ist dabei einen Arbeitsvertrag auszuarbeiten. Wie halte ich A warm? Wie weise ich B höflich darauf hin, dass sie jetzt langsam Gas geben müssen? Unabhängig davon, dass B der bessere Job und bessere Arbeitgeber ist, bedeutet eine Absage ja auch eine Absage an die Headhunter, bei denen ich gerne weiter gelistet werde?
Gerhard Winkler: Das ist eine Frage Ihrer Nerven, Ihrer Chuzpe, Ihres Kalküls, Ihrer Kaltblütigkeit. Irgendwann werden Sie irgendjemandem absagen. Möglichst ohne den Verhandlungspartner oder einen Vermittler zu düpieren. Geben Sie keinesfalls den Druck, den Sie verspüren, an einen Jobanbieter weiter. Seine Timeline ist nicht die Ihre. Sie dürfen aber jemanden darüber informieren, dass Sie ein Angebot zu einem bestimmten Termin annehmen werden, sofern kein anderes eingegangen ist.
klaus: Ich bewerbe mich bei einer Unternehmensberatung (Corporate Finance) und bin Ende 20. Würden Sie es erwähnen, dass ich mit Mitte 20 ein Mehrfamilienhaus gekauft habe, während ich arbeitslos war? Klingt das zu protzig oder kann ich das als meinen "größten Erfolg" angeben?
Gerhard Winkler: Glückwunsch! Vielleicht bieten Sie mal ein Seminar an, um zu zeigen, wie man als Twentysomething zum wärmegedämmten Dach über den Kopf kommt. Den Hauserwerb kann man im Interview zu einem großen Thema machen. Im Lebenslauf ist es allenfalls ein Mini-Eintrag zur Aufwertung der Phase Ihrer Stellensuche.
justMe: Hallo, Herr Winkler. Ich bin dabei, meinen Lebenslauf nach einem durchlaufenen Traineeprogramm neu zu strukturieren. Nun kann ich ja mit der Rubrik Berufliche Praxis anfangen, danach die Auflistung Studium/Abitur, Praktika. Wie bringe ich dort am besten mein Freiwilliges Soziales Jahr nach der Schulzeit unter? Unter der Hauptüberschrift "Schule und Studium" passt es ja nicht so richtig. Am Ende unter "Engagement" lässt es auf der ersten Seite eine Lücke von einem Jahr entstehen.
Gerhard Winkler: Ich rubriziere Freiwilliges Soziales Jahr, Wehrdienst, Zivildienst und Au-pair immer unter AUSBILDUNG. Sagen Sie jetzt nicht , man lernt doch als Zivi oder Soldat nichts Rechtes.
tois: Guten Abend, Herr Winkler! Ich habe mich eben erst eingeloggt und habe sicher schon einiges verpasst. Deshalb eine Frage: Haben Sie sich heute schon zum Thema längere Zeit ohne Erfolg beworben geäußert? Und wie geht man mit der Lücke im Lebenslauf um? Ich kann ja nicht den erstbesten Job annehmen und wenn es keinen Job gibt, dann ist das eine für mich reale Tatsache.
Gerhard Winkler: Guten Abend, Tois, hallo alle 51 Chatter: auf jova-nova.com finden Sie Tipps für länger Suchende zur Bewerbungsstrategie. Die Kurzfassung: Machen Sie weiter. Prüfen Sie zugleich den Informationsgehalt, die Informationsanordnung Ihrer Unterlagen. Holen Sie zur Angemessenheit und Wirksamkeit Ihrer Bewerbung nur die Meinung ein von Leuten, die Sie einstellen könnten oder die sich mit der beruflichen Selbstvermarktung beruflich befassen. Es bringt nichts, Gott und die Welt im Web zu fragen, was an den Unterlagen falsch ist. Justieren Sie die Zielrichtung, die Streuung, die Kommunikationswege ... alles. Aber so wie ein Techniker, der prozedural vorgeht und nicht blindlings die Parameter ändert. Bei Lücken im Lebenslauf gibt es nur einen Aspekt, der zu beachten ist: Ab welcher Größe und in welchem Kontext macht sie den Jobanbieter misstrauich. Er will nicht ihr Lückenbüßer werden!
peter: Vielleicht noch eine Frage: ich habe mich vor 10 Tagen initiativ nach vorheriger telefonischer Rücksprache innerhalb des Unternehmens beworben. Bisher kam noch keine Antwort. Wie gehe ich am besten vor? Sollte ich noch einmal telefonisch nachfragen oder persönlich vorbeigehen, oder ist das zu aufdringlich( großes Unternehmen)?
Gerhard Winkler: Anrufen und nachfragen hält den Betrieb auf. Rufen Sie dennoch an! Es macht einen zum nervösen Wrack, die Däumchen zu drehen und jede Minute nicht anzurufen!
fs: Guten Tag! Ich habe mit einer ganzen Menge Berufserfahrung derzeit meine Augen auf eine ausgeschriebene Stelle in der Forschung eines großen Unternehmens. Ich sehe einen möglichen Zielkonflikt: schnelle, dennoch robuste Lösungen bisher vs. breite, ergebnisoffene Recherche dort Wie könnte ich diesen wohlwollend auflösen?
Gerhard Winkler: Hi, FS, wenn Sie sich dort nicht ausgebremst fühlen, wenn Sie sich an das Tempo und an die Forschungskultur dort gewöhnen können, wenn Sie das Forschungsgeschäft beherrschen, wenn man von Ihrer wissenschaftlichen Kreativität und Findigkeit profitiert ... kommunizieren Sie das! Ein forschendes Unternehmen kalkuliert die Flop-Rate ein und rechnet mit Ergebnissen. Wie tragen Sie zum Output an verwertbaren Ergebnissen bei? Das ist Ihre Aufgabe!
justMe: Nachdem das hier nun so gut mit dem Antwortenbekommen funktioniert (vielen Dank dafür!) gleich noch eine Frage. Ich verhandle gerade mit meinem zukünftigen (?) Chef mein Gehalt. Leider fand das heute am Telefon statt, während bei mir im Raum 3 Externe saßen. Also hat er gesagt, was er zahlen will und ich hab gleich mal einen ca. 13 % höheren Preis gesagt. Er wollte nun sich beim Geschäftsführer erkundigen. Ich hätte gedacht, er nennt einen Betrag dazwischen und ich hätte eingewilligt. Was mach ich nun?
Gerhard Winkler: Abwarten. Er ist am Zug.
Fritz: Sollte man am Besten die Motivation, sich von einer Projektleiterposition wieder auf eine Sachbearbeiterstelle zu bewerben, im Anschreiben bzw. Gespräch offen und ehrlich begründen? - Diesen Beitrag beantworten
Gerhard Winkler: Beantworten Sie die Frage, was Sie zum guten Sachbearbeiter macht. Erst danach begründen Sie die angestrebte Veränderung.
Gerhard Winkler: Vielen Dank für die vielen guten Fragen. Falls Sie ein spezielles Anliegen haben, mailen Sie mir: gwinkler@jova-nova.com. Nächster Chat am Dienstag, 3. April! Bis zum nächsten Mal! Ihnen allen auf dem Weg zum besseren Job viel Glück und den besten Erfolg!
51 unterschiedliche IPs im Chat (Ohne Moderator und Experte).
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