Moderator: Willkommen beim offenen Chat mit dem Bewerbungshelfer Gerhard Winkler.
Gerhard Winkler: Was liegt an? Womit wollen wir starten? Sind Sie gerade mitten in der Jobfindung? Oder schnuppern Sie heute Abend nur herein? Vielleicht wissen Sie eine gute Antwort auf die Frage: Wenn wir Ihren letzten Chef anrufen würden, was würde er sagen? Wie würden Sie spontan reagieren? Tun Sie das. Er ist telefonisch kaum erreichbar. Oder: Glauben Sie ihm kein Wort. Er lügt! Das wären keine geschickten Äußerungen …
Andrea3: Er würde sagen, dass er mich sofort wieder einstellen würde. Dass mein ehemaliger Chef mich sofort wieder einstellen würde, wenn er nicht schon in Pension ist.
Gerhard Winkler: Wenn wir Ihren letzten Chef anrufen würden, was würde er sagen? - Dass er mich sofort wieder einstellen würde. ... klingt gut, ist aber meist nicht von der Realität gedeckt. Man stellt kaum jemanden wieder ein, der gegangen ist.
Eine Antwortmöglichkeit: Ich weiß nicht, ob er sich noch an alle Details erinnert, aber ich bin sicher, er wird Ihnen das bestätigen, was im Lebenslauf und im Arbeitszeugnis steht. Er war ein guter und fairer Vorgesetzter.
Kerstin 2: Mein ehemaliger Chef würde sich freuen, zu hören, dass es mit meinen Bewerbungen so gut läuft und sich die Zeit nehmen, um Ihnen etwas über meine Arbeit und Leistungen zu erzählen
Gerhard Winkler: Das ist eine überzeugende Antwort! Wie würden Sie kontern, liebe Mitchatter?
Pauli: Jetzt mal meine Frage: Ich bin noch an der Uni... BWL im 3. Semester. Wann soll ich mich anfangen, mich für Bewerbermessen zu interessieren?
Gerhard Winkler: Gehen Sie zur nächsten, um sich einen Eindruck zu verschaffen, um Goodies abzustauben und vielleicht ein paar Gespräche zu führen.
herann: Hallo Herr Winkler, unter anderem dank Ihnen habe ich letzten Oktober meinen ersten Job nach dem Studium begonnen. Es handelt sich dabei um eine Stelle als Trainee mit Übernahmegarantie. Mittlerweile bin ich dort so unglücklich, dass ich mich schweren Herzens entschlossen habe, mich anderweitig zu bewerben. Würden Sie auf die Gründe eines Wechsels im Anschreiben eingehen oder sollte ich mich dort voll auf die ausgeschrieben Stelle konzentrieren und meine "Fähigkeiten" für sich sprechen lassen?
Gerhard Winkler: Sie benötigen einen akzeptablen Bewerbungsgrund, wenn Sie sich noch im Traineejahr bewerben. Die wahren Gründe mailen Sie mir am besten, dann finden wir die offizielle Version, um den Änderungswunsch zu begründen. Wir achten dabei darauf, dass Ihr Arbeitgeber nicht kritisiert wird.
herann: In Wirklichkeit liegt es daran, dass so ziemlich alle Versprechungen des Unternehmens wie z.B. Seminare, Projekte, Trainings nicht eingehalten werden. Ich sitze quasi den ganzen Tag dort und habe buchstäblich nichts zu tun. Das kann ich natürlich schlecht schreiben. Ist denn zum Beispiel Spezialisierung auf einen bestimmten Bereich bzw. Branche ein glaubhafter Grund für solch einen doch drastischen Abbruch?
Gerhard Winkler: Wieso will man Sie dann übernehmen? Wenn es keine Arbeit gibt? Was haben Sie unternommen, um Ihre Lage zu verbessern? Sind alle Ihre Gesprächs- und Änderungsversuche gescheitert?
herann: Ich habe mittlerweile wirklich alles probiert und weiß mir nicht mehr zu helfen. Es geht leider nicht nur mir so. Einem Trainee aus einem anderen Bereich ergeht es ebenso. Es hat den Eindruck, dass es mal wieder an der Zeit für Trainees war ohne zu bedenken, was deren genaue Aufgabe denn sein soll.
Gerhard Winkler: Ich würde eine Mail an den Vorgesetzten schreiben und wenn er nicht reagiert, würde ich ihn bitten, seinen Vorgesetzten dazuzuschalten.
herann: Davon abgesehen, habe ich aber wirklich gemerkt, dass mein besonderen Interesse auch in den Bereichen liegt, in denen ich durch Studium und Praktika ausgebildet wurde. Eine Vertiefung ist leider im jetzigen Betrieb nicht möglich.
Gerhard Winkler: Wenn gar nichts geht, gehen Sie zum Personalreferenten oder zum Betriebsrat. Sie dürfen und können wechseln, Sie sollten aber alles versuchen, um die Lage noch zu wenden.
herann: Das Unternehmen ist nicht so groß. Die Thematik wurde bereits beim Vorstand angebracht. Es sind eine Vielzahl von Gründen, wieso ich dort weg will, Fakt ist aber, ich will weg! Dass es nicht leicht wird, ist mir leider auch klar und kündigen, ohne etwas Neues zu haben werde ich auch nicht. Die Frage ist nun wie kann ich meine Situation so verpacken, dass sie nicht gleich abschreckend für neue AGs ist?
Gerhard Winkler: Nicht kündigen - das wäre fatal. Firmen recherchieren, anrufen und erklären, dass man nach X Monaten Trainee-Zeit den fliegenden Wechsel wagen möchte. In der Hoffnung, dass man sich im neuen Betrieb besser entwickeln kann. Wenn Sie telefonieren oder sogar jemanden persönlich sprechen, können Sie den Namen Ihres Arbeitgebers diskret außen vor lassen.
herann: Ich werde mich einmal per E-Mail an Sie wenden. Herzlichen Dank für Ihre bisherige Hilfe!
Gerhard Winkler: OK!
herann: Noch eine Sache, die mir gerade durch den Kopf schießt. Denken Sie, dass nach Beenden des Trainee-Programms, wenn ich den Titel Referent für XX trage, ein Wechsel leichter von statten gehen würde?
Gerhard Winkler: Ja klar, dann haben Sie nämlich einen verdammt plausiblen Grund: Sie haben was gelernt, jetzt möchten Sie sich weiter umschauen, weiter entwickeln und das am besten dort, wo man voll motivierte junge Leistungsbringer besonders schätzt und fördert.
Andrea3: Aber erst einmal Hallo Herr Winkler! Ich habe folgende Frage: Ich war sehr lange Zeit selbständig als Grafik- und Webdesignerin selbständig (10 Jahre). Während dieser Zeit habe ich berufsbegleitend ein Studium absolviert und mein Kind ein Jahr lang betreut. Nun suche ich eine Festanstellung. Was meinen Sie, ist es wichtig, zu begründen, warum man mit der Selbständigkeit aufhören möchte?
Gerhard Winkler: Aus Ihren Angaben kann ich einen ganzen Blumenstrauß an Gründen zaubern: Sie wollen das anwenden, was Sie im Studium gelernt haben. Das geht am besten in einer Organisation wie …. Sie möchten keine Zeit mehr mit Akquisition verschwenden. Sie können nur Aufträge bis zu einer bestimmten Größe übernehmen, nur KMU betreuen. Sie suchen die Einbindung in größere Projekte und in Teams.
Andrea3: Danke für Ihre ausführliche Antwort! Ich habe noch eine weitere Frage: Ich hatte mich in einem Unternehmen vor ca. 5 Wochen initiativ beworben, aber bis heute noch keine Rückmeldung erhalten. Nun ist eine interessante Stelle in diesem Unternehmen ausgeschrieben, auf die ich mich gerne bewerben möchte. Sollte ich im Anschreiben erwähnen, dass ich mich schon einmal initiativ beworben habe? Und damit mein ausgeprägtes Interesse an genau dieser Firma bekunden?
Gerhard Winkler: Anrufen. Verdeutlichen, wofür Sie sich beworben hatten. Auf neue Offerte verweisen. Kurz begründen, warum man sich auch dafür besonders eignet. Dann fragen, ob man erneut eine Bewerbung einschicken soll.
Kerstin 2: Ich hab ein ganz anderes Problem. Ich hab die Zusage für den Job, allerdings über eine Zeitarbeitsfirma und dementsprechend schlecht bezahlt. Ich bin allerdings guter Hoffnung, dass aus meinen anderen Bewerbungsgesprächen noch eine Zusage für einen festen Job rausspringt. Kann ich der Zeitarbeitsfirma jetzt absagen? Die wollen schon morgen eine Antwort.
Gerhard Winkler: Sagen Sie zu, und wenn Sie doch noch eine von Ihnen erhoffte Jobzusage vom Wunscharbeitgeber bekommen, sagen Sie wieder ab. Die werden sie hassen, aber nicht so sehr, denn Personalvermittler erleben das öfter.
Hellok: Bei Eigenkündigung gibt es dreimonatige Sperre für den Bezug von ALG. Lässt sich dies umgehen?
Gerhard Winkler: Überzeugen Sie den Arbeitgeber, dass er Ihnen betriebsbedingt kündigt. Warum wollen Sie so schnell raus?
Hellok: Der Liebe wegen, verbunden mit Stadtwechsel. Vorab danke für Ihre Antwort!
Gerhard Winkler: Wenn die Liebe so groß wie die Stadt attraktiv ist und wenn Ihr Können und Ihre Leistung auf dem Jobmarkt gefragt sind: Machen Sie das Unerhörte und leben Sie drei Monate von Liebe, Luft und Pellkartoffeln.
Hellok: Ich bin fast ohne Geld, die Liebe ist frisch und Abhängigkeit ist schlecht, der Chef sehr schwierig und die Sehnsucht nach Rückkehr in die Heimatstadt und zu Freunden drängend für mich.
Gerhard Winkler: Binden Sie alle Ihre Freunde ein. Setzen Sie sie als Scouts und Jobspäher ein. Telefonieren Sie die Unternehmen ab. Mailen Sie Initiativbewerbungen. Zeigen Sie Ihrer Liebe, wie sehr Sie sich um den Jobwechsel kümmern. Sich in jemanden ernsthaft zu verlieben ist immer ein Sprung, in der Hoffnung, dass man aufgefangen wird. Vielleicht ist es ganz gut, den Wechsel jetzt bedächtig vorzubereiten. Die klugen Leute sagen: Hören Sie auf Ihr Herz. Dem kann man schlecht noch etwas dazu fügen.
Gerhard Winkler: Meine Frage an alle 15 Teilnehmer: Wie ist Ihr Eindruck vom Jobmarkt? Sind Unternehmen an Bewerbern interessiert? Kommen Sie zur Zeit mit Arbeitgebern leicht ins Gespräch?
Andrea3: Kommt vermutlich auf den Bereich an. Mir fällt auf, dass momentan sehr viele Ingenieure gesucht werden. Ich habe zwar bisher erst drei Bewerbungen verschickt, aber unter anderem auch im Austausch mit Freunden den Eindruck gewonnen, dass eh die meisten ausgeschrieben Stellen - zumindest in großen Firmen - schon intern vergeben sind.
Gerhard Winkler: Es ist gut, wenn man draußen Freunde hat, die einen von internen Ausschreibungen berichten.
Kerstin 2: Ich hatte in den letzten zwei Wochen sehr viele Bewerbungsgespräche. Die meisten in der Finanzbranche. Also da scheint es momentan ganz gut zu laufen.
Gerhard Winkler: Morgen erscheint das redigierte Protokoll wieder auf jova-nova.com. Vielen Dank, dass Sie an diesem lauen Sommerabend mitgechattet haben. Zwischen den Chats stehe ich für alle Ihre Fragen zur Verfügung. Vielen Dank fürs Mitmachen! Schönen Abend!
18 unterschiedliche IPs im Chat (Ohne Moderator und Experte).
Namen: Hellok, chrise, MR, emil, nocheiner, dibu, Gerhard Winkler, norbert, Stephan, zahlenrodeo, ww_bs, anete, utah, Andrea, bewerber1, Kerstin, nurso, Paule, bigou, Jeanette