Moderator: Willkommen beim offenen Chat mit dem Bewerbungshelfer Gerhard Winkler.
Gerhard Winkler: Hallo, liebe Job-Chatter. Hier ist wieder Ihr Bewerbungshelfer. "It's not a job - I am on a mission" - um ein beliebtes Zitat abzuwandeln. Ich habe Ihnen heute Vormittag eine ganze Serie an Fragen gemailt. Möchten Sie auf eine davon eingehen?
Gerhard Winkler: Sie können aber auch jedes Problem ansprechen, das Sie beschäftigt. Wir sind wieder unter uns und können, da von keinem Tugendwächter kontrolliert, frei reden!
Sascha: Stoßen Ihre Bewerbungsbemühungen ins Leere? Reagiert keiner? Ja, das scheint recht häufig vorzukommen. Auf eine Bewerbung kam bis heute nix. Auf eine andere nur auf Nachfragen und dann noch mit falschen Informationen. Wie verhält man sich in solchen Fällen?
Gerhard Winkler: Hallo Sascha, wenn Ihre Bewerbungsbemühungen im luftleeren Raum verpuffen, dann fühlt sich ach keiner von Ihrer Bewerbung angesprochen. Rufen Sie an und verkünden Sie, dass es Sie sehr verwundert, nichts zu hören. Die Rekrutierer hasten selbst durch die Unterlagen. Es fällt ihnen nicht immer auf, was man anbietet - selbst bei winklerguten Unterlagen werden die essentiellen Aussagen manchmal übersehen. Darum ist es legitim, anzupochen und die Highlights des Profils laut und deutlich zu verkünden. Eine Bewerbung darf nicht daran scheitern, dass sie ungehört, ungelesen, unbemerkt verhallt.
Sascha: Die Bewerbung, auf die gar kein Feedback kam, ist vom 02.08. Die Bewerbung, bei der es nur auf Nachfrage Feedback gab, war eine Bewerbung als "Referent Information Technology". Nach dem Bewerbungsgespräch an einem Mittwoch sagte man mir, dass man sich bis Ende der Woche meldet. Eine Woche später habe ich dann nachgehakt und bekam als Antwort: Leider können wir uns bei der Besetzung der Position Sales Support Manager nicht für Sie entscheiden. Hätte man da "pampig" reagieren sollen? Oder freundlich auf den Fehler hinweisen? Pampig nur deshalb, weil der gesamte Bewerbungsablauf von nicht sonderlich viel Interesse für den Bewerber gekennzeichnet war.
Gerhard Winkler: Niemals pampig werden, aber immer dran bleiben, notfalls korrigieren, den Vorgesetzten oder Geschäftsführer anrufen ... eine schriftliche Bewerbung kostete Sie Zeit und Mühe ... da können Sie noch ein paar Telefonminuten mehr investieren.
Sascha: Vielleicht bin ich ja völlig ungeeignet für die Stelle, auf die ich keinerlei Feedback bekommen habe. Aber gehört es nicht zum guten Ton, mir das mitzuteilen? Oder denkt man dort: "Was für ein Spinner" -> Papierkorb?
Gerhard Winkler: Die innere Instanz, die Ihnen gesagt hat: bewirb Dich da, ist genau die Entscheidungsinstanz, die Ihre guten Argumente dafür sorgfältig abgewogen hat. Vertrauen Sie sich selber? Schätzen Sie Ihr Beurteilungsvermögen als realistisch ein? Eine Absage wirkt manchmal als Korrektur, aber dazu soll man sie auch nachvollziehen können.
Sascha: Folgenden Brief habe ich erhalten: „... Wir bedauern sehr, dass wir Ihnen keinen positiven Bescheid geben können. Ihr Einverständnis voraussetzend werden wir Ihre Daten für einen Zeitraum von 12 Monaten aufbewahren, damit wir ggf. bei Besetzung ähnlicher Stellen darauf zurückgreifen können. Soll ich hier innerhalb der 12 Monate nochmals "anklopfen"?
Gerhard Winkler: Ja, nach drei Monaten noch einmal nachfragen, wenn man an der Mitarbeit an einer Organisation besonders interessiert ist.
Sascha: Die drei Monate wären Ende der Woche um. Soll ich dann ins Blaue hinein fragen oder mich nochmals konkret auf eine (andere) Stelle beziehen?
Gerhard Winkler: „… ich hatte mich vor drei Monaten auf eine Stelle als... beworben. Als Handkäshersteller mit Erfahrung im Schmelzkäsebereich reizt es mich auch heute noch ganz besonders, für Sie zu arbeiten. Deshalb meine Frage: Sehen Sie für mich eine Jobmöglichkeit bei Ihnen?“
mw: Hallo, ich freue mich dabei zu sein und möchte gleich mit einer Frage starten. Heute bekam ich eine Woche nach dem Absenden meiner Bewerbung folgende Antwort: "...wir nehmen Bezug auf Ihre Bewerbung, mit der wir uns in der Zwischenzeit ausführlich beschäftigt haben. Leider müssen wir Ihnen heute mitteilen, dass Ihre Kenntnisse und Erfahrungen den Anforderungen der zu besetzenden Stelle nur zum Teil entsprechen. Die uns freundlicherweise überlassenen Bewerbungsunterlagen werden automatisch aus dem System gelöscht." Wie kann ich nachhaken in Bezug auf andere Stellen?
Gerhard Winkler: Sie können die Telefonnummer und Mailadresse des Schreibens verwenden. Können Sie die Beurteilung der Absage nachvollziehen?
mw: Im Prinzip schon, es wäre in kleiner Quereinstieg. Dennoch bin ich der Meinung, die Bewerbung "punktgenau" auf die Anforderungen platziert zu haben.
Gerhard Winkler: Auch in diesem Fall würde ich nachhaken. Nicht um zu diskutieren, sondern um für mich selbst herauszufinden, ob ich mich mit meiner Selbsteinschätzung so vertan habe.
mw: Durch diese doch direkte Absage bin ich zudem nicht ganz sicher, ob meine Unterlagen "für eine maximal mögliche Wirkung" erstellt sind. Um für weitere Bewerbungen gerüstet zu sein: Bieten Sie nach wie vor Ihren angebotenen Service bzgl. der Bewerbungsunterlagen an?
Gerhard Winkler: Sie kriegen heutzutage nichts mehr von den Personalern heraus - über denen kreist das Damoklesschwert AGG. Insofern ist es schwer, dennoch zu empfehlen, dass Sie anrufen und erklären: "Ich halte mich eigentlich für so was von geeignet und bekomme von Ihnen nach drei Tagen eine Absage - muss ich mein Selbstbild revidieren?" – Meine handgeschmiedeten Optimierungen biete ich seit 1997 im Web und auch heute noch an.
th_omas: Hallo Herr Winkler, ich habe mir folgenden Einleitungssatz für eine Stelle als Personaldisponent überlegt: "Ich möchte mich beruflich weiterentwickeln und habe Ihre Stellenanzeige in der Jobbörse der Arbeitsagentur gelesen. Die Vorstellung, Ihr Unternehmen im Vertrieb zu unterstützen, hat meinen Wunsch an einer Mitarbeit in Ihrem Team ausgelöst." -----> Bitte um ein Feedback! Danke.
Gerhard Winkler: Sie starten mit einem frommen Wunsch, dann folgt ein Verweis auf die Stelle, ein Tagtraum und wieder ein Wunsch. „Mein Name ist th_omas, ich bin zur Zeit Personalreferent bei ... und habe dort ... gemacht/geleistet/erreicht.“ Starten Sie doch ohne lustloses Vorspiel mit den 1 - 2 - 3 Hauptinfos, die Ihren Leistungsanspruch untermauern!
th_omas: Oh, also einfach diesen "Einleitungssatz" komplett weglassen und direkt starten?
Gerhard Winkler: Time is money. Sparen Sie Zeit und benennen Sie sogleich Ihre geldwerten Vorteile.
Michael: Hallo Herr Winkler, ist es in jedem Fall ratsam und nutzbringend, im Vorfeld mit dem in der Ausschreibung angegeben Ansprechpartner zu telefonieren, um sich aus der Masse der Bewerber abzuheben, einen persönlichen Erstkontakt herzustellen? Oder nur bei bei "Dingen, die man missverstehen könnte" wie Sie in Ihrer Liste schreiben?
Gerhard Winkler: Mit dem Wissen, das ich heute habe, hätte ich es in meiner Jugend nie versäumt, vorab anzurufen, bevor ich ein Anschreiben texte. Jobs sind tagesausfüllende Aktivitäten, die man in einem definierten Rahmen mit anderen Menschen ausübt. "Andere Menschen" bedeutet ständige Kommunikation und Kooperation. Im Job hängt man die ganze Zeit mit anderen zusammen. Wie hört sich der Boss dieser Leute an? Kann man mit dem reden? Wird man mit dem warm? Je eher man sich darauf einlässt, desto besser. Der direkte Kontakt ist vermarktungstechnisch um so vieles effizienter.
BN: Hallo Herr Winkler, nach Studienabschluss habe ich nun ca. 20 Bewerbungen verschickt. Relativ schnell kamen drei oder vier Absagen, mit denen ich auch gerechnet hatte. Der Rest lässt aber seit drei Wochen auf sich warten, ohne irgendeine Nachricht. Was ist eine angemessene Frist, um mal nachzuhaken?
Gerhard Winkler: Haken Sie nach, wenn es Ihnen aufstößt, dass keine Antwort kommt. Ihr Nachbohren kommt immer ungelegen, also könnten Sie auch jetzt schon anrufen. Aber drei Wochen sind von der Jobanbieterseite her absolut im Rahmen.
Michail: Ich sehe eigentlich persönlich die größte Schwierigkeit eben diese erste Hürde zu nehmen. Die Unternehmen misstrauen dem Bachelorabschluss, obwohl er wie zum Beispiel in meinem Fall die gleichen Inhalte hat wie ein althergebrachter Dipl.-Ing. (FH) Abschluss.
Gerhard Winkler: Anrufen und verkünden: "Guten Tag, ich heiße Michail X, ich möchte Sie von den vielen guten Aspekten eines Bachelorabschlusses in XY überzeugen".
TinaStuttgart: Hallo an alle. Meine Frage bezieht sich auf mehrjährige Berufserfahrung: Wo soll frau (35, 2er Uni-Abschluss, aktuell ALGII Bezieherin, befristete Stellen... aktuell mehr dem C2H5OH zu getan als Arbeitgebern) die hernehmen, wenn frau nirgendwo anfangen kann. Die Antwort: bei sich selbst anfangen, hilft nicht!
Gerhard Winkler: C2H5OH ist ein perfider Trick, um Leuten den klaren Kopf zu vernebeln. Sie haben im Leben nichts als Ihr Köpfchen. Gehen Sie schonend damit um. Die fehlende Berufserfahrung zum Prüfstein machen: „Hallo, ich heiße ... ich habe ... ich kann ... ich bin …. Was meinen Sie: Brauche ich dazu auch noch 2 Jahre einschlägige Berufspraxis, nur damit Sie meine Bewerbung überhaupt ansehen?“
TinaStuttgart: Das im telefonischen Erstkontakt? Im Anschreiben? Im Gespräch auf Messen?
Gerhard Winkler: Ziehen Sie sich schick an, bleiben Sie trocken, überraschen Sie mit Ihrem trockenen Witz, reden sie mit den Leuten.
Klaus: Hallo Herr Winkler, ich bin zur Zeit auch an meinen Bewerbungen dran. Habe aber bisher nie vorab den Kontakt gesucht. Ich suche normalerweise immer online oder in Zeitungen nach Stellenanzeigen und versende dann meine Bewerbung. In wieweit macht es Sinn, sich telefonisch zu erkundigen, ich muss dann danach eh meine Bewerbung online versenden, also wieso nicht gleich ohne Anrufen versenden? Die Erfolgschancen sind doch die gleichen oder?
Gerhard Winkler: Kommt darauf an. Wenn Sie die richtige Person am Apparat haben und sie von sich überzeugen, sind Sie einen großen Schritt weitergekommen. Dann bestätigen und unterstreichen die schriftlichen Unterlagen den ersten positiven Eindruck.
zahlenrodeo: Ich scheue mich davor, in einem Vorabgespräch überflüssige Fragen zu stellen. Und anzukündigen, dass ich meine Bewerbung schicke, ist doch eigentlich auch Zeitverschwendung. Ich sehe aber, dass dieses Vorab wichtig ist. Wie findet man dabei immer den richtigen Einstieg?
Gerhard Winkler: Ohne Einstieg kurz vortragen, wer man in beruflicher Hinsicht ist. Ein Kurzabriss des Leistungsprofils - und dann fragen, ob das interessant klingt.
mw: Sollte/könnte man direkt Rekruiter/Vermittler kontaktieren, um seine Chancen zu erhöhen?! Denn ich bin der Auffassung, dass eine direkte Bewerbung in einem besseren Licht steht, gegenüber der Überreichung durch Dritte. Zumindest würde ich als Personaler so denken.
Gerhard Winkler: Wenden Sie sich an jeden, der einen Job selbst oder als Vermittler anbietet oder einen Jobanbieter kennt oder der etwas von Jobgelegenheiten weiß. Zahlen Sie niemanden für Vermittlungsanstrengungen, das ist eine eiserne Regel!
Sascha: Ich habe gelesen, dass ca. 1/3 aller Jobs durch persönliche Empfehlungen zustande kommt. Nur ca. 5 % auf Grund von Stellenanzeigen in der Zeitung und ca. 2 % auf Grund von Online-Anzeigen. Macht es da überhaupt noch Sinn, Stellenanzeigen in der Zeitung oder Online zu durchforsten? Und wenn nicht, wie kommt man an einen Job per Empfehlung?
Gerhard Winkler: 1/3 aller Liebesbeziehungen in Heidelberg starten auf der Alten Brücke. Nur 5 % in der Mensa und 2 % im Alten Ochsen. – Lassen Sie sich nicht von den Zahlenschleuderern verwirren, Recherchieren Sie online und in Zeitungen nach Jobs (heute eher online). Machen Sie sich keine Gedanken über die versteckten Jobs. Irgendwann werden Sie den Mut aufbringen, auch von sich aus interessante Organisationen aufspüren und sich initiativ bewerben. Und hoffentlich verbringen Sie Ihr Leben damit, Kontakte zu knüpfen, Seilschaften aufzubauen, Fürsprecher und Vorbilder zu finden. Sie werden anfangen, sich selbst für andere einzusetzen. Und merken, dass Karriere zwar ein Wettbewerbe, aber zugleich auch ein wechselseitiger Unterstützungsprozess ist. Die letzten Wege geht man allein, aber bis zum Gipfel kommt man nicht allein.
Herbst: Hallo Herr Winkler, noch einmal zum Thema Nachhaken. Es erging mir nun schon häufiger wie BN und Sascha. Zum Großteil habe ich nie Antworten erhalten. Speziell bei Online-Bewerbungen. Ich weiß nicht, in welcher Form man noch einmal auf sich aufmerksam machen sollte. Und wie würden Sie nachhaken, wenn keine Telefonnummer und keine E-Mail-Adresse verfügbar sind (Personalabteilung, die lediglich über eine Anschrift verfügt)?
Gerhard Winkler: Hallo Herbst, Nachhaken ist immer eine Abwägung: Ist es ein vertretbarer Aufwand, eine Telefonnummer zu recherchieren? Komme ich an einen echten Entscheider oder nur an die Urlaubsvertretung des Dauerpraktikanten?
Achim: Hallo! Ich bin das erste Mal in diesem Chat unterwegs, aber ich versuche es einfach mal: Ich bin Mediengestalter, erstelle und entwerfe also Flyer, Plakate und andere Drucksachen. Ich habe zwar einen Job, aber ich möchte mich verändern. Mein Hauptproblem ist dabei: Entwerfe ich eine Bewerbung lieber kreativ und etwas ausgefallen, um aus der Menge abzustechen, oder sollten Bewerbungen generell eher schlicht und sachlich sein, um die Personalchefs nicht zu überfordern?
Gerhard Winkler: Aha! Ich warte seit Jahren auf diese Chat-Frage, weil ich die Antwort darauf so oft schon gegeben habe, ohne dass man mich gefragt hätte. Eine Arbeitsprobensammlung, eine eigene Homepage, Starprofile auf Facebook etc. sind Ihre kreativen Marketingmittel.
Ein Anschreiben ist eine Kurzeinweisung in eine besondere Jobtauglichkeit. Der Lebenslauf ist eine Faktensammlung (die Daten-Menge ist größer als beim Anschreiben), die als Vorlage zur Analyse dient. Einmal sagen Sie es selbst, was faktisch für Sie spricht. Das andere Mal lassen Sie nur die nackten Zahlen und Daten sprechen. Wenn man das kreativ gestaltet, wird die Bewerbung überdeterminiert.
Achim: Im Kern reduziere ich also eine Bewerbung auf schlichte, personalbürotaugliche Fakten und verweise auf Online-Medien, um da den kreativen Teil zu bewerben? Ich persönlich bin eher ein Fan von Papier und möchte lieber die Bewerbung selbst für sich sprechen lassen. Ich stehe den klassischen Onlineplattformen eher distanziert gegenüber. Zwar findet man mein Profil auf Werkenntwen und auf Xing, aber WKW nutze ich nur für private Kontakte und Xing mangels Interesse gar nicht. Ein Fehler?
Gerhard Winkler: Ich würde simpel, faktisch und konkret argumentieren und auf Arbeitsproben verweisen. Sie halten sich online dort auf, wo Sie sich wohl fühlen, wo Leute aus Ihrer Profession herumkrebsen und posten, wo die interessanten Themen von netten Leuten besprochen werden. Falls darunter auch Jobanbieter sind, weshalb sollten Sie dann die Plattform wechseln?
Achim: Zwischendurch noch eine schnelle Frage: Ich bin ein haptischer Mensch, ich habe gerne Papier in den Fingern. Aber die Zeit bleibt nicht stehen und Online-Bewerbungen sind mittlerweile Standard. Welche Art Bewerbung empfehlen SIE? Online, oder doch die klassische gedruckte Variante?
Gerhard Winkler: Die klassische, gedruckte Variante würde ich wählen, wenn ich sehr viel Zeit hätte. Falls man eine Mail-Adresse des Jobanbieters hat: Mailen!
zahlenrodeo: Guten Abend Herr Winkler. Ich bekomme immer wieder Absagen aufgrund fehlender Berufserfahrung trotz meiner nachweislichen "schnellen Auffassungsgabe" und meiner Bekundungen mich schnell selbstständig einzuarbeiten. Die Nachfrage nach Praktikumsplätzen ergab auch keine positiven Antworten. Kursangebote in meinem Bereich sind rar und teuer. Haben Sie noch irgendwelche Tipps für mich?
Gerhard Winkler: "Ok, ich habe keine Berufserfahrung. Dafür gehe ich mit dem Preis runter." Vielleicht bekommen Sie einen Einarbeitungszuschuss von der AfA - das wäre ein zusätzliches Argument.
zahlenrodeo: Das klingt meiner Meinung nach ziemlich frech und anmaßend. - Diesen Beitrag beantworten
Gerhard Winkler: Sie bekommen immer wieder Absagen. Argumentieren Sie zu zaghaft? Kommt Ihre Eignung nicht rüber? Oder macht irgendetwas Sie für Jobanbieter unattraktiv?
zahlenrodeo: Mit dem AfA-Argument möchte ich nur nicht direkt ins Haus fallen, zumal die Förderung nicht gesichert ist, da ich ja teilweise arbeite. Im öffentlichen Dienst ist der Gehaltsspielraum auch nicht unbedingt ein schlagkräftiges Argument.
Gerhard Winkler: Selbständig schnell einarbeiten. Das klingt wie „Die Wohnung ist noch nicht fertig renoviert, aber Sie können dennoch morgen einziehen. Wir arbeiten an der Fertigstellung, ohne, dass Sie es merken.“
Helmut: Hallo Herr Winkler, Sie schreiben immer, dass es wichtig ist, konkret zu werden. Aber, Zahlen z. B zum Umsatz oder Budget sollten doch eigentlich tabu sein. Außerdem weiß man es von früheren Stationen doch nicht mehr genau, und nachprüfbar ist auch nichts?
Gerhard Winkler: Notieren Sie zunächst (oder sprechen Sie) über die alltäglichen Aufgaben und Pflichten. Was genau gemacht, geleistet, angeschoben, fertig gestellt, eingeführt, repariert etc. Überlegen Sie dann, was echte, bemerkenswerte, außergewöhnliche, zusätzliche Leistungen waren. Sie können ja sagen: signifikante Verkürzung der Bearbeitungszeit durch Prozessoptimierung oder ähnliches, dazu brauchen Sie keine Geschäftsgeheimnisse ausplaudern!
Helmut: Welche "Zeit" empfehlen Sie? Präsens ist aktiv, geht aber nicht und ist vor allem dann nicht zielführend, wenn man an frühere Tätigkeiten anknüpfen möchte. Dann muss man Perfekt oder Imperfekt wählen. Letzteres ist auch wieder dynamischer, passt aber nicht immer. Meine "Korrektur-Leser" haben sich immer an der Häufung von "Ich habe dies, ich habe das gemacht" gestört. Wie sehen Sie das?
Gerhard Winkler: Ehrlich gesagt – ich mache mich jetzt unbeliebt – wenn ich denke, dass der Bildungsgrad des Bewerbers und der des Personalers ausreichen, um nicht über Präteritumformen zu stolpern, wähle ich diese Zeitform, die es einfacher macht, Faktenperlen aufzufädeln. Meist optiere ich, wenn Präsens nicht geht, für Perfekt, weil dies dem gesprochenen Deutsch entspricht. (Zumindest in meiner Bildungsschicht …)
Ivonne: Guten Abend Herr Winkler, ich habe morgen mein erstes Telefoninterview (ca. 30 min), sollte ich in einem so kurzen Gespräch schon mit "Fangfragen" rechnen? Die letzten 9 Monate war ich im Ausland selbstständig, davor bei einem großen Unternehmen angestellt (im gleichen Land). Meinen damaligen Vertrag habe ich auf Grund der Selbstständigkeit nicht verlängert. Leider ist es schief gelaufen und ich bin reumütig nach Deutschland zurück gekehrt. Wie verkaufe ich dies positiv?
Gerhard Winkler: Ist doch eine tolle Story. Sie haben es versucht, fast ein Jahr durchgehalten, das Kapital hat nicht gereicht, um weiter zu machen. Jetzt gehen Sie die nächste Jobchance an. Warum sich da irgendwas Vorgeschobenes ausdenken? Berichten Sie ohne Btterkeit, weshalb Sie gescheitert sind. Machen Sie sich dabei nicht selbst nieder. Erheben Sie keine Anklagen. Mit Geschäftsideen ist es wie mit Männern. Manche kosten einfach nur alle Kraft, Zeit und das gute Geld und floppen dann doch.
Ivonne: Wie viel Zeit räumen Sie der Bewerberstory ein? 10-15 Minuten oder ist das schon zu lang?
Gerhard Winkler: Viel zu lang, außer Sie heißen Odysseus und erzählen von Ihren vielen Fahrten. Verdichten Sie, kürzen sie, sparen Sie sich Erklärungen.
BN: Ich hatte auf eine Bewerbung relativ schnell ein Gespräch oder Interview. Die Anreise war weit und ich war eigentlich gut vorbereitet. Dann zu meiner Überraschung, keine einzige fachliche Frage, obwohl Absolvent. Nur alles sehr ausführlich zu meinem Lebenslauf, was mich sehr genervt hat. Es kamen nur immer mal Fragen à la "Wie fit sind Sie in den Thema?" Ich hab mich nie richtig getraut zu sagen: "Da macht mir keiner was vor", weil ich Angst hatte, dann kommt die Frage, die ich nicht beantworten kann. Insgesamt dachte ich dann auf der Nachhausefahrt, ich würde mich nicht einstellen nach dem Gespräch. Wie kann man solche Gespräche verbessern oder üben?
Gerhard Winkler: Oh, ich hätte Sie auf keinen Fall eingestellt. Sie haben Ihren Lebenslauf nicht im Kopf. Sie waren nicht vorbereitet. Sie haben unterspielt. Sie haben Ihren Jobclaim nicht ausgesprochen und auch nicht belegt. Hoffentlich war Ihnen das hinterher wenigstens peinlich! Stehen Sie zu sich selber. Trauen Sie sich selber. Sprechen Sie kenntnisreich und nur gut über sich!
Sascha: Wer unterstützt Sie bei der Suche? Auf welche Weise? Wer könnte das zum Beispiel sein und wie sollte die Unterstützung aussehen?
Gerhard Winkler: Der Partner durch Aufbauarbeit, Trost und durch einen unerschütterlichen Glauben an Sie. Vielleicht leisten das auch gute Freunde, Familienangehörige. Alle anderen durch Tipps, durch Empfehlungen. Gut, wenn andere ihre Verbindungen aktivieren und für sie nutzen.
Nordlicht: Hallo Herr Winkler, lassen Sie uns über Geld reden! Denn ich habe in den nächsten Tagen ein Vorstellungsgespräch, in dem es wohl (auch) um das Gehalt gehen wird. Ich bin derzeit an der Universität angestellt und frisch promoviert - wenn ich dort weitermachte, bekäme ich ca. 50000 Euro pro Jahr. Der Job, auf den ich mich bewerbe (Vorstandsreferent) gibt aber vermutlich mehr her - vielleicht 65000 Euro pro Jahr? Ich halte es für klug, wenn ich so eine Zahl begründen und herleiten kann und nicht einfach in den Raum stelle. Haben Sie einen Rat, wie ich diesen Gehaltssprung von 30 Prozent verargumentieren könnte (denn so ungefähr wird die Personalerin schon wissen, was ich an der Uni verdiene)?
Gerhard Winkler: „Der Markt hat für meine Leistungsstärke eine Antwort: 65T Euro. Die Uni gibt mir darauf eine Antwort, die mir nicht reicht. Deshalb bewerbe ich mich bei Ihnen.“
momba: Hallo Herr Winkler. Zu "der Frage „Ziehen Sie sich, wenn es darauf ankommt, für Ihren Erfolg an?" stelle ich mir gerade die Frage, ob ich in einen Vorstellungsgespräch als Systemadministrator mit Anzug und Krawatte nicht ein wenig overdressed bin. Ist da nicht Sakko, Hemd und eine dunkle Jeans authentischer?
Gerhard Winkler: Sie fürchten, dass Sie zu abgehoben aussehen, nicht mehr wie ein typischer IT-ler wirken? Aber die Gesprächspartner wissen es doch immer zu schätzen, wenn man sich ihretwegen gut anzieht. Es ist ja nicht mehr selbstverständlich, dass man Anzug und Krawatte zu tragen versteht. Ich glaube schon, dass die Funktionseliten sich bewusst durch Kleidung abheben. Sie können über die Höflichkeitsgeste und Geste des Respekts hinaus auch einen Anspruch signalisieren.
cindy: Hallo, morgen habe ich ein Vorstellungsgespräch für ein Praktikum: sollte ich auch in diesem Falle im Business-Look dort hingehen oder reicht eine ordentliche Jeans? Danke schon mal im Voraus.
Gerhard Winkler: Cindy, wenn ein Business-Outfit in Ihrem Schrank hängt und Sie in einem Büro arbeiten werden: Ziehen Sie sich gut an.
Gery: Hallo Herr Winkler, ich habe einen "bewegten " Lebenslauf, habe meinen Job wegen Mobbing selbst gekündigt und seitdem nur noch kurze befristete Anstellungen gehabt. Woran ich auch selbst schuld bin, denn mein Selbstwertgefühl hat sehr darunter gelitten. Jetzt bin ich auch noch in die Hartz IV Falle gestolpert. Seitdem bekomme ich natürlich, wenn überhaupt, nur noch Absagen. Haben Sie Erfahrungen mit Hartz-IV-Bewerbern und wie reagieren Personaler darauf? Glauben wirklich alle, man kann und will gar nicht mehr, so wie es in den Medien gezeigt wird. Ein bewegtes Leben zeigt doch auch, dass man sich nicht unter kriegen lässt und immer wieder bereit ist, auch Neues zu lernen. Wenn ich persönlich meine Bewerbung abgebe, ist man sehr freundlich und interessiert, doch wenn man meine Unterlagen sieht, kommt wohl der Schock. Was tun? Sich nach vielen Probearbeitstagen als Jobtester selbständig machen oder ein Buch über 1001 Bewerbung schreiben. Oder gibt es auch noch andere Optionen? Danke für Ihre Antwort.
Gerhard Winkler: Ein Buch über Ihre Bewerbererfahrung zu schreiben ist eine sehr gute Idee. Sichern Sie Ihre eigenen Erfahrungen durch Recherchen ab. – Ich sehe nicht, was Sie falsch machen. Klar kann man Unterlagen noch verschönern; es lebe die Camouflage! – „Sie suchen einen Fischräucherer. Lassen Sie mich von Montag bis Freitag an den Räucherofen. Ich arbeite für Sie unentgeltlich. Und danach schauen Sie in meinen Lebenslauf und prüfen, ob Sie mich einstellen wollen.“
Gerhard Winkler: Danke für die vielen guten Fragen! 25 Chatter waren wir heute - ich freue mich, dass wir ins Gespräch gekommen sind. Ihnen einen schönen Abend! Und nicht vergessen: fassen Sie bei mir nach, wenn Sie von mir nichts hören!
Ich schreibe für den verständigen Leser. Halten Sie bitte auch mich auf dem Laufenden: über den Jobmarkt, über Ihre Bewerbungswege, Erfahrungen, Abenteuer und Erfolge. Was vermissen Sie auf jova.nova.com? Was sehen Sie anders? Ich freue mich über Ihr Feedback!
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