Sie finden anonyme Bewerbungsverfahren gut?
Ich fürchte, dann fehlt Ihnen das Verständnis für die Personalbeschaffung vor allem von mittleren und kleinen Unternehmen.
Dann stellen Sie das Erkenntnisinteresse von Stellenanbietern unter den Generalverdacht der Unsittlichkeit.
Dann verkennen Sie, dass Ihre Zeitgenossen bereits aus freien Stücken ihre Lebensspuren im virtuellen Raum auslegen. Ihre Mitmenschen präsentieren und profilieren sich dort. Ganz selbstverständlich lassen sie sich auch orten und identifizieren. Das kann man beklagen. Wollen Sie aber gleich noch das Web anonymisieren?
Vor allem schlagen Sie den Jobkandidaten eine Reihe von erprobten und wirksamen Vermarktungsmitteln aus der Hand: ihren guten Namen, ihr offenes und freundliches Gesicht, ihre Jugendlichkeit oder ihre Erfahrung, ihre Herkunft, ihren bisherigen Weg, ihr spezielles Anderssein oder Ihre Assimilationsfähigkeit, ihre Geschichte. Mit einem Wort: ihre Identität.
Sie sagen, der Kampf um Gleichheit und Gerechtigkeit ist Ihnen eine Herzensangelegenheit. Schön, aber wo sind wir?
Sie wittern billige Polemik. Wir sind nicht in Alabama und wir marschieren auch nicht nach Washington. Sie halten aber die Verhältnisse hierzulande für schlimm genug. Schon den Anfängen gilt es zu wehren. Ihre zündenden Idee zur Konfliktentschärfung: Alle fachlich geeigneten Bewerber sollen blind ausgewählt werden, um sodann im persönlichen Treffen die vielleicht vorhandenen Vorurteile zu entkräften, die es möglicherweise verhindert hätten, eingeladen zu werden.
Einmal davon abgesehen, dass dieses Verfahren sämtlichen Beteiligten vermeidbare Mühe, Zeit und Geld kostet:
Sie denken inhuman, weil Sie einem Jobsuchenden das verwehren, was ihn als Person konstituiert. Sie selbst entkleiden ihn auf seine unmittelbar verwertbaren Attribute.
Sie säen Zwietracht, weil Sie verkennen, dass es den Bewerbern aufgetragen ist, aktiv um Vertrauen zu werben. Sie untergraben aber auch die Bereitschaft der Jobpartner, sich gegenseitig einen minimalen Vertrauensvorschuss zu schenken.
Jeder erfolgreiche Kandidat hat es vermocht, diese Botschaft anzubringent: Ich bin wie Du. Ich verstehe Dich. Du kannst mir vertrauen. Sie möchten dagegen, dass er als erstes kommuniziert: Ich bin ein No Name. Mal sehen, ob wir uns verstehen. Ich vertraue Dir nicht.
Ihre Ziele mögen löblich sein. Das entschuldigt nicht Ihr Handeln. Sollte in Deutschland Diskriminierung kein Einzelfall sein, dann wäre Ihre Lebenslaufkosmetik ein Hohn.
Die Trennlinie zwischen gerecht und selbstgerecht verläuft dort, wo die eigenen billigen Vorschläge nur die anderen etwas kosten. Ihre Vorbehalte sind billig. Sie degradieren selbstbewusste Jobsuchende zu Opfern und halten zugleich die Arbeitgeber in Deutschland für dümmer, als die Integrationspolizei erlaubt. Als Befürworter der anonymen Bewerbung sind Sie keinem einzigen Jobsuchenden, ob mit echtem oder vermeintlichem Handicap, ein Freund.
So erschweren Sie es Hasan und Nesrin, Kevin und Gabi und allen ihren Mitbewerben, sich positiv zu diskriminieren. Ohne Ansehen der Person geht es nicht. Hindern Sie bitte keinen Bewerber daran, sich ins rechte Licht zu stellen.
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