"Ich hatte in meinen Bewerbungen immer das Problem, darzustellen und klarzumachen, dass ich zwei für die meisten Menschen konträre Seiten habe und vereinbaren muss, den Hang zum Kreativen und Wissenschaftlichen sowie den Realitätssinn bzw. das Interesse an BWL. Daher habe ich mich weder ausschließlich an Ausbildungs- und Kulturstätten noch zwischen den Kaufleuten und Consultants wohl gefühlt, die Platon für ein Suppengewürz halten, die Werte höchstens mit dem Thema Börse in Zusammenhang bringen und deren Lebensinhalt es zu sein scheint, möglich viele Ferraris vor der Haustür zu haben. Diese Leute geben mir stets zu verstehen, den wahren Sinn des Lebens noch nicht erkannt zu haben.
Kurz: Für die Kreativen/Wissenschaftler erscheine ich zu realistisch, für die Wirtschaft zu theoretisch und idealistisch.
Welche meiner beiden Seiten gegenüber Jobanbietern hervorgehoben wird, da vertraue ich Ihnen. Sie können das mit Ihrer Erfahrung und aus der Distanz mit Sicherheit besser beurteilen als ich." (S.H.)
– Sie sind vielleicht eine Überläuferin aus rein ökonomischen Gründen. Mag sein, dass Sie den Wechsel in das Consulting allein des Gelderwerbs wegen vorgenommen haben. Ein Punkt ist, wie Sie sich dabei selbst fühlen. Ein anderer, was liebe Mitmenschen davon halten.
Klar ist: gegenüber Dritten haben Sie nichts zu erklären, nichts zu rechtfertigen. Auch nicht, wenn ein Rekrutierer Sie direkt darauf anspricht. Bei aller Nachsicht mit zudringlichen Mitfühlern und scheinbar besorgten Empathiebolzen: Es ist müßig, Motivsuche zu betreiben, wenn doch ein Handeln ganz für sich spricht. – "Ich habe bewusst und überlegt Türen gewählt. Habe sie geöffnet, bin durch sie gegangen und jetzt sind sie hinter mir zu. Finden Sie das in irgendeiner Hinsicht problematisch? Ich nicht."
Etwas anderes ist es, seinen geistigen Platz in einer auf Effizienz getrimmten Welt zu finden. Ich habe selbst eine nationale Variante der Philologie studiert, weil mir Zahlen leider null sagen und weil ich, wenn ich nicht gerade golfe oder jogge, bevorzugt sprachlich handle. Wie Sie und viele andere habe ich mich durch Abteilungen unseres Kosmos bewegt, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist befruchtend, wenn sich bei der Arbeit distinkte Erfahrungshorizonte verschmelzen, aber es ist eben auch sehr deprimierend, wenn herzlose Stoffel nichts sehen, nichts wissen, nichts vermissen und keinerlei glückliche Bildungserfahrungen teilen. Egal, ob Ihr Team mehr erkenntnis- oder eher gewinnstrebend handelt: Glücklich werden Sie auf lange Sicht nur dort, wo man Ihr Ethos achtet, Ihre Idiosynkrasien teilt und wo man die Argonauten nicht für eine Gruppe von Ostberliner Clubbesuchern hält.
Glücklicherweise haben Sie es verstanden, bei allem Jobengagement zugleich in Kunst und Kultur verwurzelt zu bleiben und sogar aktiv daran teilzuhaben. Leute wie Sie haben den Blick in die Tiefe. Das tun die synchronisch Handlungsfreudigen im praktischen Jobleben schnell als irrelevant ab. Bleiben Sie dennoch so, wie Sie sind. Wer tiefer denkt und dabei entschieden agiert, der kommt im Beruf weiter als die Jäger der nicht vergrabenen Schätze.
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