"Gestern mache ich die von Ihnen erhaltenen Vorlagen fertig, überarbeite und unterschreibe Anschreiben und Lebenslauf. Danach frisch und frei ans Werk und die Unterlagen per Email verschickt. Heute die folgende Antwort:
Guten Tag,
sehr geehrte Frau Dr. XX,
herzlichen Dank für Ihr grundsätzliches Interesse an der ausgeschriebenen Vertriebsleiterposition.
Wir bitten Sie jedoch unsere Angaben im Inserat zu lesen und beachten sowie uns Ihre Bewerbung per Post (Bewerbungsmappe) zuzustellen.
Ihre nicht angeforderte Onlinebewerbung haben wir sofort gelöscht. Besten Dank.
Mit freundlichen Grüßen
XX
Können Sie sich vorstellen, wie bescheuert ich mich fühle? Da ich der Meinung bin, dass in diesem Fall der Angriff die beste Verteidigung ist, habe ich ehrlich geantwortet, dass ich es übersehen habe, die Unterlagen per Post nachreichen werde, und mich entschuldigt. Jetzt kann ich ja mal gespannt sein, ob man mir überhaupt noch eine Chance gibt.
– Sie haben eine Offerte studiert, darauf so schnell es ging reagiert und dabei in der länger gestrickten Ausschreibung den kurzen Passus "Unterlagen per Post" übersehen. Dafür haben Sie flink geantwortet und eine ausgefeilte, nach den Regeln der Bewerbungskunst gestaltete Präsentation gemailt. Die harsche Reaktion seitens der Molkerei überrascht jetzt doch. Bieten Sie etwa saure Milch an? Von einem Betrieb, der sich einen Vertriebsleiter sucht, kann man eigentlich erwarten, dass ihm die technischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um das Profil einer Führungskraft auszudrucken. Höflichkeit ist zwar dem Landei eben so wenig wie dem Berliner angeboren. Doch wenn der Geschäftsbetrieb sich nicht im Mäusemelken erschöpft, wenn man Manager und andere wertvolle Mitarbeiter für sich gewinnen und auf die grüne Wiese locken möchte, dann agiert man eben flexibel, höflich und nicht dermaßen kleinkariert. Man hätte Sie doch auch anrufen können, Freude über Ihre Bewerbung bekunden und Sie freundlich darauf hinweisen, dass die Damen und Herren von der Genossenschaft gern akkurat bedrucktes Papier zwischen ihren schwieligen, da von der Viehhaltung gezeichneten Fingern halten. Eine gelungene Papierbewerbung ist fürwahr kein alter Käse, sondern ein kleines Kunstwerk zum Anschauen und Anfassen. Man möchte jedem geneigten Bewerber darum die Chance geben, seine Online-Bewerbung zurückzuziehen und dafür seine Mappe einzureichen. Auf diese Weise angesprochen, hätten Sie sich wohl geschätzt und aufmerksam behandelt gefühlt. Dagegen wurden Sie ausgesprochen salopp begrüßt und sogleich gebeten, lesen zu lernen. Egal, wie Sie sich fühlen, Sie sollen dastehen wie der analphabetische Ochs vorm Berg.
Das Schreiben an Sie stammt gewiss von einer Verwaltungsschnepfe (gibt es dafür auch ein männliches Pendant?), die eine Bewerbung an sich bereits als Störung des geordneten Milch- und Arbeitsflusses empfindet. Der Verstand, so sagt man auf dem Land, sitzt nicht im Euter. Was immer dieser Spruch bedeutet: Wenn Sie dereinst vielleicht eine Molkerei oder ein anderes Geschäft führen, kontrollieren Sie Ihre Mitarbeiter ständig auf die Außenwirkung ihres Handelns. Die Milch der frommen Denkungsart allein führt bei subalternen Quälgeistern nicht schon zu einem adäquaten Verhalten.
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