„Ich habe wegen einer Familienphase über zehn Jahre in meinem Beruf pausiert. Inhaltlich bin ich fit, aber wenn es um die aktuelle EDV geht, dann wird es eng. Wie ehrlich sollte ich dies im Vorstellungsgespräch andeuten?“
Stecken wir zuerst die Lage ab. Sie sind berufsrückkehrwillig. Noch stehen Sie draußen vor der Tür. Doch Sie sind da nicht von allen guten Hilfsgeistern verlassen. Deutschland kümmert sich vorbildlich um seine Berufsrückkehrerinnen. So hat unser Aufzählungsministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein Lotsenportal eingerichtet. Es weist allen den Weg, die sich auf’s Neue beruflich engagieren wollen: perspektive-wiedereinstieg.de
Frau wird dort nach den Regeln der beruflichen Bewusstseinsbildung umfassend informiert, motiviert und bestärkt. Das Portal verweist auf Aktionsprogramme, auf Beratungsstellen in Ihrer Nähe und es verzweigt auf Netzwerke für Frauen. Ein Wiedereinstiegscheck ermöglicht die erste Standortbestimmung. Mit dem Ergebnis erhalten Sie passende Tipps, weiterführende Links und weitere Arbeitsmittel zur Selbstanalyse.
Die Agentur für Arbeit bietet auf ihrer Homepage gleich mehrere, im warmen Corporate-Rot gehaltene Broschüren zum beruflichen Wiedereinstieg (zu finden unter Chancengleichheit – Wiedereinstieg in den Beruf). Über eine persönlich passende Maßnahme zur Wiedereingliederung informiert beim nächsten Termin die freundliche Beratungsperson im örtlichen Amt.
Bei so viel geballter Beratungskompetenz und dem durchs Web noch medial verstärkten Aktionismus der vielen Reintegrations-Begleiter bleibt mir nur noch übrig, an Ihren gesunden Menschen- und Mutterverstand zu appellieren:
Ziele bestimmen. Bestimmen Sie möglichst lange vor dem Wiedereinstieg Ihre persönlichen Ziele. Möchten Sie Ihre Karriere weiter verfolgen oder zur Existenzsicherung der Familie beitragen? Berufserfolg braucht einen Plan. Um Ihren Plan zu schmieden, brauchen Sie Zeit.
Zeitbudget festmachen. Klären Sie ab, wie viele Wochenstunden Sie arbeiten können. Unternehmer möchten nun mal mit so wenig Personal wie möglich auskommen und tendieren darum eher dazu, Vollzeit-Mitarbeiterinnen einzustellen. Ihre Strategie bei der Selbstvermarktung hängt sehr davon ab, wie viel Mitarbeitszeit Sie bereitstellen können.
Familienbetrieb sichern. Finden Sie eine tragfähige Lösung für die künftige Betreuung Ihrer Kinder und finden Sie die den besten sprachlichen Weg, um diese Rahmenbedingung einem Jobanbieter zu kommunizieren.
Fachkompetenz reaktivieren. Definieren Sie aufrichtig und mit einem unverstellten Blick auf die aktuellen Vorgaben der Arbeitgeber Ihre weiteren Einschränkungen und Begrenzungen. Tun Sie alles, um Ihre Kompetenz zu reaktivieren (stundenweise Vertretungen, Praktika, Hospitationen, Engagement, Auffrischungskurse …). Man lässt Sie verlorengegangenes fachliche Wissen und Können nicht erst im Job wieder auffrischen.
Kenntnisse der Datenverarbeitung updaten. Auch Ihre PC-Kenntnisse werden Sie schon am ersten Tag einzusetzen haben. Sie und sonst niemand sind dafür verantwortlich, dass Sie just in time drauf haben, was im Job verlangt wird. Für alle Anwendungen wie Korrespondenz, Kalkulation, Kommunikation, Präsentation, Buchführung und Kundenmanagement werden Gratis- und Bezahltrainings angeboten. Online und an Ihrem Wohnort. Manche der Zertifikate, die Sie erwerben können, sind echte Job-Voraussetzungen. Andere hübschen eher den Lebenslauf auf. Üben Sie allein mit einem Buch oder in der Gruppe mit einer Lehrkraft. Auch als Einwohnerin in Balderschwang oder Deisenfang stehen Sie mit Ihren MS Excel-Fragen nicht mutterseelenallein auf der Alm. Es gibt Online-Foren und Lernportale.
Werdegang bilanzieren. Aktualisieren Sie Ihre Leistungsbilanz. Dazu tragen Sie auch zusammen, was Sie zuletzt konkret geleistet und erreicht haben. Ihnen helfen die vielen verfügbaren Online-Checklisten, darunter meine Arbeitsblätter auf jova-nova.com. Falls Ihr Soft-Skill-Korb gefüllt ist, das sofort einsetzbare berufliche Wissen und Können aber derzeit nur in einen Eierbecher passt, werden Sie nachlernen und sich zum Jobziel peu à peu hin arbeiten.
Berufliche Identität festigen. Die Bausteine Ihres beruflichen Selbstbewusstseins sind eben das, was Sie zur Hand haben. Konstituieren Sie sich getrost als Managerin der Einflusszone, die vom häuslichen Herd bis hin zu Schule, Schwimmbad und Einkaufszentrum reicht. Vergegenwärtigen Sie sich vor allem Ihre früheren beruflichen Erfolge. Sie waren vielleicht die Mutter eines Projekts oder die gute Seele eines Teams. Jede Bewerbung ist ein aus guten Gründen gegebenes Leistungsversprechen. Der erste Schritt, um glaubwürdig aufzutreten: an sich selber und an die eigene Leistungsfähigkeit glauben.
Kurzum: das, was Sie nicht leisten können oder wollen, klären Sie ab, bevor Sie sich als Leistungsanbieterin auf dem Jobmarkt versuchen. Beim Bewerben geht es darum, abgesicherte, positive Vorschläge zu machen. Sie können nie ausschließen, dass es jemanden gesprächsweise einfällt, nach Kunststücken zu fragen, die Sie nicht im Repertoire haben. Die Frage nach aufgabenbezogenen Anwenderkenntnissen und der Geläufigkeit im Bedienen eines PC darf auch von Wiedereinsteigerinnen nicht das Eingeständnis provozieren, dass es an Maus und Tastatur klemmt.
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