Gibt es etwas Kälteres auf Erden, als vom bebrillten Blick einer ZEIT-Leserin erwischt zu werden? Nur weil einem der Gedanke Fachblatt für Leute, die ein zu gutes Examen haben, um sich über temporäre Orgasmusschwierigkeiten zu grämen so spontan wie unbedacht durch den Kopf geschossen ist? Hier vereist der ertappte Chauvinist zu recht. Alle konsternierten Abonnentinnen und Abonennten bestätigen: die ZEIT an sich ist schon der wöchentliche Höhepunkt! Und außerdem das Zentralorgan für ambitionierte Verhaltensunauffällige. Mehr Mut zur ZEIT im Zug für den, der endlich mitrascheln will.
Wir lieben die ZEIT! Und jetzt zur Sache. Unter einer echten Koryphäe kommt im Hamburger Wochenblatt keiner zu Wort. Dort konstatiert mein Kollege Herr Hesse: "Das Bewerbungs-Anschreiben liest so gut wie keiner. Das ist zu einem langweiligen Blatt voller Floskeln verkommen."
Würde ich von meinen Anschreiben nicht sagen. Doch was unter Hesse verkommt, wurde von ihm zu keiner Zeit gepflegt. Das deutsche Anschreiben: zu Tode geklont von Kollege Hesse, von all seinen Franchise-Bewerbungsconsultants und von wahren Heerschradern an unterbezahlten, subkompetenten Geistschreibern. Es war nie lebendig. Es roch schon tot, als ich meinen ersten (und letzten) Hesse las. OK. Die ZEIT will uns sagen: Langweiler texten langweilige Anschreiben. Wollen wir dann dran arbeiten? Den schlechten Werbebrief zum klaren Briefing entwickeln? Nö. Kollege Hesse hat schließlich schon Anno 1990 mit der Persönlichen Seite 3 seine persönliche Berater-Cash-Kuh erfunden: "Wenn Sie es schaffen, mit der Seite Drei zu punkten, dann schaut sich der Personaler mit Sicherheit auch die Vita und vielleicht sogar das Anschreiben noch einmal genauer an."
Schönes Expertentum. Zuerst vermasselt man den Lebenslauf. Dann versagt man beim Anschreiben. Die PS3 soll's dann richten. Kollege Hesse: "Nach dem Schema "Was Sie noch über mich wissen sollten" können Jobsuchende darauf beschreiben, was sie als Menschen auszeichnet." Klingt wie ein Witz, ist auch ein Witz. Unfähig, aus seiner beruflichen Leistungsbilanz einen Job-Claim abzuleiten, soll der Kandidat dafür extraseitig menscheln. Das Hobby soll's richten, das frivole Geständnis der Sprach- und Wesenlosigkeit eine klare Kante verschaffen. Sind das die viel zitierten Hamburger Verhältnisse? Vor lauter klug Schreiben dumm Schwätzen? So viel vertane ZEIT mit Kollege Hesse. Den Verweis verdanke ich Leser Max. Er schreibt: "Ich hoffe, dass eben die Leute, die diesen Ratschlag beherzigen, meine Konkurrenten um eine Stelle werden."
Ja, macht das, Ihr von der Deutschen Bahn durchgerüttelten, von den Zumutungen der beruflichen Selbstvermarktung gedemütigten, von den halbhohen Priestern Eures Meinungstempels genasführten und vom ZEIT-Präzeptor zur Zigarette stattdessen verführten Leserinnen und Leser. Hebt Euch alle hessegeleitet von Euch selber ab. Erweckt mit sprachlicher Wucht und einfallsreichen Dritten Seiten die berühmte Aufmerksamkeit des zerstreuten, aber auf Euren Human Tatsch abfahrenden Personalers. Wir bedienen derweil die Jobanbieter.
In der Freien und Hansestadt Hamburg sind überhaupt vielseitige Talente hesshaft. Die ZEIT zitiert einen freien Personalberater und Bewerbungstrainer. Der ist so frei zu empfehlen: "Man kann doch ruhig mal schreiben, dass man ein bisschen mürrisch wird, wenn der HSV verliert." – Ja, freilich.
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